Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 89: rāṣṭrasaṃdohanam Wie der bedrängte König sein Reich sanft melkt und Schatz und Ordnung sichert

Bhīṣma belehrt Yudhiṣṭhira über das rechte Erheben von Abgaben im Notfall des leeren Schatzes, die Zügelung schädlicher Gewerbe und die Ehrung der Wohlhabenden.

yudhiṣṭhira uvāca; yadā rājā samartho 'pi kośārthī syān mahāmate; kathaṃ pravarteta tadā tan me brūhi pitāmaha

Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn ein König, obwohl mächtig, nach Schatz [und Reichtum] verlangt, o Hochsinniger, wie soll er dann verfahren? Das sage mir, Großvater.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
yadā rājā samartho 'pi
wenn ein König, auch wenn er fähig ist (Nom.Sg.)
kośārthī syāt
nach Schatz verlangend sein sollte (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
mahāmate
o Hochgesinnter (Vok.Sg.)
kathaṃ pravarteta tadā
wie soll er dann verfahren (Opt.Med.3.Sg.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp.2.Sg./Dat.-Gen.Sg./Vok.Sg.)

bhīṣma uvāca; yathādeśaṃ yathākālam api caiva yathābalam; anuśiṣyāt prajā rājā dharmārthī taddhite rataḥ

Bhīṣma sprach: „Nach Ort, nach Zeit und nach Kraft [der Untertanen] soll der König die Untertanen anleiten, [selbst] dem Dharma und dem Nutzen zugewandt und auf ihr Wohl bedacht.

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
yathādeśaṃ yathākālam
nach dem Ort, nach der Zeit (Adv.)
api caiva yathābalam
und auch nach der Kraft (Adv.)
anuśiṣyāt prajā rājā
soll anleiten die Untertanen, der König (Opt.3.Sg.; Akk.Pl.; Nom.Sg.)
dharmārthī
dem Dharma zugewandt (Nom.Sg.)
taddhite rataḥ
an deren Wohl erfreut (Lok.Sg./Nom.Sg.)

yathā tāsāṃ ca manyeta śreya ātmana eva ca; tathā dharmyāṇi sarvāṇi rājā rāṣṭre pravartayet

Wie er es für sie und auch für sich selbst als heilsam ansieht, so soll der König alles Dharma-Gemäße im Reich in Gang setzen.“

Wort für Wort
yathā tāsāṃ ca manyeta
wie er für sie meint (Opt.Med.3.Sg.; Gen.Pl.f.)
śreya ātmana eva ca
das Heilsame auch für sich selbst (Akk.Sg.; Gen.Sg.)
tathā dharmyāṇi sarvāṇi
so alles Dharma-Gemäße (Akk.Pl.n.)
rājā rāṣṭre
der König im Reich (Nom.Sg./Lok.Sg.)
pravartayet
soll in Gang setzen (Kaus.Opt.3.Sg.)

madhudohaṃ duhed rāṣṭraṃ bhramarān na vipātayet; vatsāpekṣī duhec caiva stanāṃś ca na vikuṭṭayet

„Wie [Honig] soll er das Reich melken, doch die Bienen nicht zu Fall bringen; wie einer, der auf das Kalb Rücksicht nimmt, soll er melken und die Zitzen nicht zerquetschen.

Wort für Wort
madhudohaṃ duhet
einen Honigmelk-Vorgang soll er melken (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)
rāṣṭram
das Reich (Akk.Sg.)
bhramarān na vipātayet
die Bienen nicht zu Fall bringen (Akk.Pl.; Kaus.Opt.3.Sg.)
vatsāpekṣī duhet ca
auf das Kalb Rücksicht nehmend soll er melken (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
stanāṃś ca na vikuṭṭayet
und die Zitzen nicht zerquetschen (Akk.Pl.; Kaus.Opt.3.Sg.)

jalaukāvat pibed rāṣṭraṃ mṛdunaiva narādhipa; vyāghrīva ca haret putram adaṣṭvā mā pated iti

Wie ein Blutegel soll er das Reich trinken, ganz sanft, o Herr der Menschen; wie eine Tigerin trage er das Junge fort, ohne es zu beißen, damit es nicht falle.“

Wort für Wort
jalaukāvat pibet rāṣṭram
wie ein Blutegel soll er trinken das Reich (Adv.; Opt.3.Sg.; Akk.Sg.)
mṛdunaiva narādhipa
gerade mit Sanftheit, Herr der Menschen (Instr.Sg.; Vok.Sg.)
vyāghrīva ca haret putram
und wie eine Tigerin trage er das Junge fort (Nom.Sg.f.; Opt.3.Sg.; Akk.Sg.)
adaṣṭvā
ohne zu beißen (Abs.)
mā pated iti
damit es nicht falle, [so] (Aor.-Injunktiv/Opt.3.Sg.; Partikel)

Der Vers endet mit iti; Versschluss von pated iti als Schlusspartikel wiedergegeben.

yathā śalyakavān ākhuḥ padaṃ dhūnayate sadā; atīkṣṇenābhyupāyena tathā rāṣṭraṃ samāpibet

„Wie die Ratte, die Stacheln hat, [ihren Weg] stets aufwühlt: mit einem nicht scharfen Mittel soll er ebenso das Reich austrinken.

Wort für Wort
yathā śalyakavān ākhuḥ
wie die stachelige Ratte (Nom.Sg.m.) [?]
padaṃ dhūnayate sadā
den Weg/Fußspur aufwühlt stets (Akk.Sg.; Kaus.Präs.Med.3.Sg.)
atīkṣṇena abhyupāyena
mit nicht scharfem Mittel (Instr.Sg.)
tathā rāṣṭraṃ samāpibet
so das Reich austrinken (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). śalyakavān ākhuḥ: Bedeutung unsicher (evtl. Stachelschwein/Igel-artiges Tier oder Ratte mit Stachel); Zusatzpassage der Handschriften.

alpenālpena deyena vardhamānaṃ pradāpayet; tato bhūyas tato bhūyaḥ kāmaṃ vṛddhiṃ samācaret

Mit immer nur wenigem und wenigem, das zu geben ist, soll er [die Abgaben] steigern lassen, wenn es wächst; danach mehr und noch mehr, [so] soll er nach Belieben die Zunahme bewirken.

Wort für Wort
alpenālpena deyena
mit wenig und wenig zu Gebendem (Instr.Sg.)
vardhamānaṃ pradāpayet
das Wachsende soll er abgeben lassen (Akk.Sg.; Kaus.Opt.3.Sg.)
tato bhūyas tato bhūyaḥ
danach mehr, danach mehr (Adv.)
kāmaṃ vṛddhiṃ samācaret
nach Wunsch die Steigerung ausführen (Adv.; Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)

damayann iva damyānāṃ śaśvad bhāraṃ pravardhayet; mṛdupūrvaṃ prayatnena pāśān abhyavahārayet

Wie einer, der Zähmbare zähmt, soll er die Last stetig erhöhen; zuerst sanft, mit Mühe, soll er sie die Fesseln [Schlingen] annehmen lassen.

Wort für Wort
damayann iva damyānām
wie einer, der Zähmbare zähmt (Part.Kaus.Nom.; Gen.Pl.)
śaśvad bhāraṃ pravardhayet
stets die Last vermehren (Adv.; Akk.Sg.; Kaus.Opt.3.Sg.)
mṛdupūrvaṃ prayatnena
zuerst sanft, mit Anstrengung (Adv.; Instr.Sg.)
pāśān abhyavahārayet
Schlingen/Fesseln annehmen lassen (Akk.Pl.; Kaus.Opt.3.Sg.)

pāśān abhyavahārayet: Bild unsicher (Fesseln/Zügel anlegen bzw. Schlingen fressen lassen).

sakṛt pāśāvakīrṇās te na bhaviṣyanti durdamāḥ; ucitenaiva bhoktavyās te bhaviṣyanti yatnataḥ

Einmal mit Schlingen überzogen, werden sie nicht mehr schwer zu bändigen sein; in gehöriger Weise sollen sie mit Mühe genutzt werden.

Wort für Wort
sakṛt pāśāvakīrṇāḥ te
einmal mit Schlingen bedeckt, sie (Part.Nom.Pl.)
na bhaviṣyanti durdamāḥ
werden nicht schwer zu bändigen sein (Fut.3.Pl.; Nom.Pl.)
ucitenaiva bhoktavyāḥ te
nur auf angemessene Weise sind sie zu nutzen (Instr.Sg.; Gerundiv Nom.Pl.)
bhaviṣyanti yatnataḥ
werden sein, mit Bemühen (Fut.3.Pl.; Adv.)

tasmāt sarvasamārambho durlabhaḥ puruṣavrajaḥ; yathāmukhyān sāntvayitvā bhoktavya itaro janaḥ

Deshalb ist die Schar der Menschen, bei der alles auf einmal begonnen wird, schwer zu gewinnen; nachdem man die Vornehmsten nach Rang besänftigt hat, ist das übrige Volk zu nutzen.

Wort für Wort
tasmāt sarvasamārambhaḥ
deshalb der Beginn von allem auf einmal (Abl.; Nom.Sg.)
durlabhaḥ puruṣavrajaḥ
schwer erreichbar die Menschenschar (Nom.Sg.)
yathāmukhyān sāntvayitvā
die Ersten nach Rang besänftigt habend (Akk.Pl.; Abs.)
bhoktavya itaro janaḥ
zu nutzen [ist] das andere Volk (Gerundiv Nom.Sg.; Nom.Sg.)

tatas tān bhedayitvātha parasparavivakṣitān; bhuñjīta sāntvayitvaiva yathāsukham ayatnataḥ

Dann, nachdem er sie gegeneinander aufgespaltet hat, [sodass] sie einander Anklagen vortragen, soll er, ganz durch Besänftigung, nach Belieben und ohne Mühe [sie] genießen.

Wort für Wort
tatas tān bhedayitvā atha
dann jene spalten gemacht habend (Adv.; Akk.Pl.; Abs.)
parasparavivakṣitān
gegenseitig zu Beschuldigende/Sprechende gemachte (Akk.Pl.)
bhuñjīta sāntvayitvā eva
er soll genießen, nur nachdem er besänftigt hat (Opt.Med.3.Sg.; Abs.)
yathāsukham ayatnataḥ
nach Behagen, ohne Mühe (Adv.; Adv.)

parasparavivakṣitān: Sinn unsicher.

na cāsthāne na cākāle karān ebhyo 'nupātayet; ānupūrvyeṇa sāntvena yathākālaṃ yathāvidhi

Und nicht am unpassenden Ort und nicht zur unpassenden Zeit soll er ihnen Abgaben auferlegen; der Reihe nach, mit Besänftigung, zur rechten Zeit, gemäß der Vorschrift.

Wort für Wort
na cāsthāne na cākāle
weder am unpassenden Ort noch zur unpassenden Zeit (Lok.Sg.)
karān ebhyaḥ anupātayet
Abgaben diesen auferlegen (Akk.Pl.; Dat.Pl.; Kaus.Opt.3.Sg.)
ānupūrvyeṇa sāntvena
der Reihe nach, durch Besänftigung (Instr.Sg.)
yathākālaṃ yathāvidhi
zur rechten Zeit, vorschriftsgemäß (Adv.)

upāyān prabravīmy etān na me māyā vivakṣitā; anupāyena damayan prakopayati vājinaḥ

Diese Mittel nenne ich [dir]; keine Täuschung will ich damit sagen. Wer ohne [rechtes] Mittel zähmt, bringt die Rosse zum Toben.

Wort für Wort
upāyān prabravīmi etān
Mittel nenne ich diese (Akk.Pl.; Präs.1.Sg.)
na me māyā vivakṣitā
nicht ist von mir Täuschung beabsichtigt (Nom.Sg.f.; Part.Pass.)
anupāyena damayan
ohne Mittel zähmend (Instr.Sg.; Part.Kaus.Nom.)
prakopayati vājinaḥ
bringt in Wut die Rosse (Kaus.Präs.3.Sg.; Akk.Pl.)

pānāgārāṇi veśāś ca veśaprāpaṇikās tathā; kuśīlavāḥ sakitavā ye cānye ke cid īdṛśāḥ

Schenken, Dirnen und Bordelle, ebenso Marktbuden der Dirnen, Schauspieler und Spieler und was sonst dergleichen ist,

Wort für Wort
pānāgārāṇi
Trinkhäuser (Nom.Pl.n.)
veśāś ca
und Bordelle (Nom.Pl.)
veśaprāpaṇikāḥ tathā
Dirnen-Verkaufsstände, ebenso (Nom.Pl.)
kuśīlavāḥ sakitavāḥ
Schauspieler, Spieler (Nom.Pl.)
ye cānye ke cid īdṛśāḥ
und was auch immer andere derartige (Nom.Pl.)

niyamyāḥ sarva evaite ye rāṣṭrasyopaghātakāḥ; ete rāṣṭre hi tiṣṭhanto bādhante bhadrikāḥ prajāḥ

alle diese sind zu zügeln, die dem Reich Schaden zufügen; denn diese, im Reich verweilend, bedrängen die guten Untertanen.

Wort für Wort
niyamyāḥ sarva eva ete
zu zügeln sind alle diese (Gerundiv Nom.Pl.)
ye rāṣṭrasya upaghātakāḥ
die des Reiches Zerstörer [sind] (Gen.Sg.; Nom.Pl.)
ete rāṣṭre hi tiṣṭhantaḥ
diese, im Reich bleibend, denn (Lok.Sg.; Part.Nom.Pl.)
bādhante bhadrikāḥ prajāḥ
bedrängen die guten Untertanen (Präs.Med.3.Pl.; Akk.Pl.)

na kena cid yācitavyaḥ kaś cit kiṃ cid anāpadi; iti vyavasthā bhūtānāṃ purastān manunā kṛtā

„Von niemandem darf jemand etwas erbitten, außer in Not“: diese Ordnung der Wesen hat vormals Manu gemacht.

Wort für Wort
na kena cid yācitavyaḥ kaś cit
von niemandem ist jemand zu bitten (Instr.Sg.; Gerundiv Nom.Sg.)
kiṃ cid anāpadi
etwas, nicht in der Not (Akk.Sg.; Lok.Sg.)
iti vyavasthā bhūtānām
so die Ordnung der Wesen (Nom.Sg.f.; Gen.Pl.)
purastān manunā kṛtā
vormals von Manu gemacht (Adv.; Instr.Sg.; Part.Pass.)

sarve tathā na jīveyur na kuryuḥ karma ced iha; sarva eva trayo lokā na bhaveyur asaṃśayam

Wenn alle so nicht lebten [und] hier keine Arbeit verrichteten, würden zweifellos alle drei Welten nicht bestehen.

Wort für Wort
sarve tathā na jīveyuḥ
alle so nicht leben würden (Nom.Pl.; Opt.3.Pl.)
na kuryuḥ karma ced iha
nicht tun würden Werk, wenn hier (Opt.3.Pl.; Akk.Sg.)
sarva eva trayo lokāḥ
gerade alle drei Welten (Nom.Pl.)
na bhaveyur asaṃśayam
würden nicht sein, zweifellos (Opt.3.Pl.; Adv.)

Vers mit ced-Konstruktion leicht umgestellt.

prabhur niyamane rājā ya etān na niyacchati; bhuṅkte sa tasya pāpasya caturbhāgam iti śrutiḥ

Der König, der zur Zügelung fähig ist und diese nicht zügelt, genießt von dessen Übel ein Viertel: so lautet die Überlieferung [Śruti]:

Wort für Wort
prabhur niyamane rājā
fähig zum Zügeln, der König (Nom.Sg.; Lok.Sg.)
ya etān na niyacchati
der diese nicht zügelt (Präs.3.Sg.; Akk.Pl.)
bhuṅkte sa tasya pāpasya
genießt er von dessen Übel (Präs.Med.3.Sg.; Gen.Sg.)
caturbhāgam iti śrutiḥ
ein Viertel, so die Überlieferung (Akk.Sg.; Nom.Sg.)

bhoktā tasya tu pāpasya sukṛtasya yathā tathā

Er ist Genießer sowohl von dessen Übel als auch von [dessen] Gutem, wie es eben ist.

Wort für Wort
bhoktā tasya tu pāpasya
Genießer aber von dessen Übel (Nom.Sg.; Gen.Sg.)
sukṛtasya yathā tathā
von gutem Tun, wie so (Gen.Sg.; Adv.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Halbvers der Zusatzpassage; Bezug schwierig.

niyantavyā sadā rājñā pāpā ye syur narādhipa; kṛtapāpas tv asau rājā ya etān na niyacchati

Vom König sind stets die Übeltäter zu zügeln, o Herr der Menschen; wer diese nicht zügelt, dieser König hat selbst Übles getan.

Wort für Wort
niyantavyā sadā rājñā
zu zügeln sind stets vom König (Gerundiv Nom.Pl.; Instr.Sg.)
pāpā ye syur narādhipa
die Übeltäter, die es geben mag, Herr der Menschen (Nom.Pl.; Opt.3.Pl.; Vok.Sg.)
kṛtapāpaḥ tv asau rājā
Übeltat begangen habend aber jener König (Nom.Sg.)
ya etān na niyacchati
der diese nicht zügelt (Präs.3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).

tathā kṛtasya dharmasya caturbhāgam upāśnute

ebenso erlangt er ein Viertel des getanen Dharma.

Wort für Wort
tathā kṛtasya dharmasya
ebenso vom getanen Dharma (Gen.Sg.)
caturbhāgam upāśnute
ein Viertel erlangt (Akk.Sg.; Präs.Med.3.Sg.)

Fortsetzung von Unit 18; Einschub der Zusatzverse in der Reihenfolge der Ausgabe.

sthānāny etāni saṃgamya prasaṅge bhūtināśanaḥ; kāmaprasaktaḥ puruṣaḥ kim akāryaṃ vivarjayet

Diese Stätten [der Laster] aufsuchend, ist ein Mensch bei Hingabe, Vernichter des Wohlstands; wer von Begierde erfasst ist, was für ein Unrecht würde der meiden?

Wort für Wort
sthānāni etāni saṃgamya
diese Stätten aufgesucht habend (Akk.Pl.; Abs.)
prasaṅge bhūtināśanaḥ
bei Hingabe Vernichter des Gedeihens (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
kāmaprasaktaḥ puruṣaḥ
von Begierde ergriffen, der Mensch (Nom.Sg.)
kim akāryaṃ vivarjayet
welches Nichtzutuende würde er meiden (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)

prasaṅge bhūtināśanaḥ: syntaktisch unsicher.

madyamāṃsaparasvāni tathā dārā dhanāni ca; āhared rāgavaśagas tathā śāstraṃ pradarśayet

Wein, Fleisch, fremdes Gut, so auch Frauen und Reichtümer würde er, der Leidenschaft verfallen, an sich nehmen und dazu noch die Lehrschrift vorführen.

Wort für Wort
madyamāṃsaparasvāni
Wein, Fleisch, Fremdbesitz (Akk.Pl.n.)
tathā dārā dhanāni ca
so Frauen und Reichtümer (Akk.Pl.)
āhared rāgavaśagaḥ
würde nehmen, der Leidenschaft Unterworfene (Opt.3.Sg.; Nom.Sg.)
tathā śāstraṃ pradarśayet
und die Lehre vorführen (Akk.Sg.; Kaus.Opt.3.Sg.)

Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; letzter Halbvers sinngemäß unsicher.

āpady eva tu yāceran yeṣāṃ nāsti parigrahaḥ; dātavyaṃ dharmatas tebhyas tv anukrośād dayārthinā

Nur in Not sollen jene bitten, die keinen Besitz haben; ihnen ist von Rechts wegen zu geben, aus Mitleid, von dem, der auf Gnade bedacht ist.

Wort für Wort
āpadi eva tu yāceran
nur in der Not sollen bitten (Lok.Sg.; Opt.3.Pl.)
yeṣāṃ nāsti parigrahaḥ
deren kein Besitz ist (Gen.Pl.; Nom.Sg.)
dātavyaṃ dharmataḥ tebhyaḥ
zu geben ist rechtmäßig diesen (Gerundiv; Adv.; Dat.Pl.)
anukrośāt dayārthinā
aus Mitleid, von dem Mitgefühl Suchenden (Abl.Sg.; Instr.Sg.)

mā te rāṣṭre yācanakā mā te bhūyuś ca dasyavaḥ; iṣṭādātāra evaite naite bhūtasya bhāvakāḥ

In deinem Reich soll es keine Bettler geben und keine Räuber; diese sind nur Nehmer des Gewünschten, sie sind keine Mehrer des Bestehenden.

Wort für Wort
mā te rāṣṭre yācanakāḥ
nicht in deinem Reich Bettler (Lok.Sg.; Nom.Pl.)
mā te bhūyuḥ ca dasyavaḥ
nicht sollen sie deine sein, und Räuber (Aor.Inj.3.Pl.; Nom.Pl.)
iṣṭādātāraḥ eva ete
nur Nehmer des Erwünschten diese (Nom.Pl.)
na ete bhūtasya bhāvakāḥ
nicht diese Mehrer des Gewordenen (Gen.Sg.; Nom.Pl.)

iṣṭādātāraḥ: Analyse unsicher.

ye bhūtāny anugṛhṇanti vardhayanti ca ye prajāḥ; te te rāṣṭre pravartantāṃ mā bhūtānām abhāvakāḥ

Die den Wesen Gutes tun und die Untertanen mehren, jene sollen in deinem Reich wirken, nicht die, die den Wesen Schaden bringen.

Wort für Wort
ye bhūtāni anugṛhṇanti
die die Wesen fördern (Akk.Pl.; Präs.3.Pl.)
vardhayanti ca ye prajāḥ
und die die Untertanen mehren (Kaus.Präs.3.Pl.; Akk.Pl.)
te te rāṣṭre pravartantām
diese sollen im Reich wirken (Nom.Pl.; Imp.Med.3.Pl.)
mā bhūtānām abhāvakāḥ
nicht Vernichter der Wesen (Gen.Pl.; Nom.Pl.)

daṇḍyās te ca mahārāja dhanādānaprayojanāḥ; prayogaṃ kārayeyus tān yathā balikarāṃs tathā

Und jene sind zu bestrafen, großer König, die auf Gelderwerb aus sind; er soll sie [ihre] Tätigkeit ausüben lassen, ebenso wie Abgabenpflichtige.

Wort für Wort
daṇḍyāḥ te ca mahārāja
zu bestrafen sind diese, großer König (Gerundiv Nom.Pl.; Vok.Sg.)
dhanādānaprayojanāḥ
auf Gelderwerb bedacht (Nom.Pl.)
prayogaṃ kārayeyuḥ tān
Anwendung sollen sie vornehmen lassen, jene (Akk.Sg.; Kaus.Opt.3.Pl.; Akk.Pl.)
yathā balikarān tathā
wie Abgabenzahler (Adv.; Akk.Pl.)

Text teils unsicher; kārayeyuḥ als Plural (Subjekt unklar).

kṛṣigorakṣyavāṇijyaṃ yac cānyat kiṃ cid īdṛśam; puruṣaiḥ kārayet karma bahubhiḥ saha karmibhiḥ

Ackerbau, Viehzucht und Handel und was sonst dergleichen ist: die Arbeit soll er durch Männer verrichten lassen, zusammen mit vielen Arbeitern.

Wort für Wort
kṛṣigorakṣyavāṇijyam
Ackerbau, Viehhut, Handel (Akk.Sg.n.)
yac cānyat kiṃ cid īdṛśam
und was sonst etwas Derartiges (Akk.Sg.n.)
puruṣaiḥ kārayet karma
durch Männer soll er verrichten lassen das Werk (Instr.Pl.; Kaus.Opt.3.Sg.; Akk.Sg.)
bahubhiḥ saha karmibhiḥ
zusammen mit vielen Arbeitenden (Instr.Pl.)

naraś cet kṛṣigorakṣyaṃ vāṇijyaṃ cāpy anuṣṭhitaḥ; saṃśayaṃ labhate kiṃ cit tena rājā vigarhyate

Wenn ein Mann, der Ackerbau, Viehzucht und Handel betreibt, etwas Gefahr erfährt, dann wird der König getadelt.

Wort für Wort
naraḥ cet kṛṣigorakṣyam
wenn ein Mann Ackerbau und Viehzucht (Nom.Sg.; Akk.Sg.)
vāṇijyaṃ cāpi anuṣṭhitaḥ
und auch Handel ausübend (Akk.Sg.; Part.Pass.Nom.)
saṃśayaṃ labhate kiṃ cit
Gefahr erlangt er etwas (Akk.Sg.; Präs.Med.3.Sg.)
tena rājā vigarhyate
deshalb wird der König getadelt (Instr.Sg.; Nom.Sg.; Pass.3.Sg.)

dhaninaḥ pūjayen nityaṃ yānācchādanabhojanaiḥ; vaktavyāś cānugṛhṇīdhvaṃ pūjāḥ saha mayeti ha

Die Reichen soll er stets ehren mit Wagen, Kleidung und Speisen; und man soll ihnen sagen: „Fördert [mich]; ihr seid zu ehren, zusammen mit mir.“

Wort für Wort
dhaninaḥ pūjayet nityam
die Reichen soll er ehren stets (Akk.Pl.; Kaus.Opt.3.Sg.; Adv.)
yānācchādanabhojanaiḥ
mit Fahrzeug, Kleidung, Speise (Instr.Pl.)
vaktavyāḥ ca
und zu sagen [ist] (Gerundiv Nom.Pl.)
anugṛhṇīdhvam
fördert (Imp.Med.2.Pl.)
pūjāḥ saha mayā iti ha
seid zu ehren, mit mir, so fürwahr (Nom.Pl.; Instr.Sg.; Partikel)

Zweiter Halbvers sinngemäß unsicher.

aṅgam etan mahad rājñāṃ dhanino nāma bhārata; kakudaṃ sarvabhūtānāṃ dhanastho nātra saṃśayaḥ

Dies ist ein großes Glied der Könige, nämlich der Reiche, o Bhārata: der Höcker aller Wesen; der im Besitz Stehende – daran ist kein Zweifel.

Wort für Wort
aṅgam etat mahat rājñām
dieses große Glied der Könige (Nom.Sg.n.; Gen.Pl.)
dhanino nāma bhārata
die Reichen nämlich, o Bhārata (Nom.Pl.; Vok.Sg.)
kakudaṃ sarvabhūtānām
der Höcker aller Wesen (Nom./Akk.Sg.; Gen.Pl.)
dhanasthaḥ na atra saṃśayaḥ
der Vermögende; hier kein Zweifel (Nom.Sg.; Nom.Sg.)

prājñaḥ śūro dhanasthaś ca svām dhārmika eva ca; tapasvī satyavādī ca buddhimāṃś cābhirakṣati

Der Kluge, der Held, der Vermögende, der zu ihm Gehörende [?], der Dharma-Treue, der Asket, der Wahrhaftige und der Verständige schützt.

Wort für Wort
prājñaḥ śūraḥ
der Weise, der Held (Nom.Sg.)
dhanasthaḥ ca svām [?]
und der Vermögende, und [Lücke/verderbt]
dhārmika eva ca
und der Gerechte (Nom.Sg.)
tapasvī satyavādī ca
und der Asket, und der Wahrhaftige (Nom.Sg.)
buddhimān ca abhirakṣati
und der Verständige schützt (Nom.Sg.; Präs.3.Sg.)

Text verderbt (svām mit Doppelleerzeichen); Wiedergabe unsicher.

tasmād eteṣu sarveṣu prītimān bhava pārthiva; satyam ārjavam akrodham ānṛśaṃsyaṃ ca pālaya

Darum sei bei allen diesen wohlwollend, o Fürst; hüte Wahrheit, Redlichkeit, Zornlosigkeit und Schonung.

Wort für Wort
tasmāt eteṣu sarveṣu
deshalb bei diesen allen (Abl.; Lok.Pl.)
prītimān bhava pārthiva
wohlwollend sei, o Fürst (Nom.Sg.; Imp.2.Sg.; Vok.Sg.)
satyam ārjavam
Wahrheit, Redlichkeit (Akk.Sg.)
akrodham ānṛśaṃsyam ca pālaya
Zornlosigkeit und Schonung, und hüte (Akk.Sg.; Imp.2.Sg.)

evaṃ daṇḍaṃ ca kośaṃ ca mitraṃ bhūmiṃ ca lapsyase; satyārjavaparo rājan mitrakośasamanvitaḥ

So wirst du Heer, Schatz, Freund und Land gewinnen; als einer, der der Wahrheit und Redlichkeit ergeben ist, o König, mit Freunden und Schatz ausgestattet.

Wort für Wort
evaṃ daṇḍaṃ ca kośaṃ ca
so Heer und Schatz (Akk.Sg.)
mitraṃ bhūmiṃ ca lapsyase
Freund und Land wirst du erlangen (Akk.Sg.; Fut.Med.2.Sg.)
satyārjavaparaḥ rājan
der Wahrheit und Redlichkeit Ergebene, o König (Nom.Sg.; Vok.Sg.)
mitrakośasamanvitaḥ
mit Freunden und Schatz versehen (Nom.Sg.)

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