Kapitel 89: rāṣṭrasaṃdohanam
Wie der bedrängte König sein Reich sanft melkt und Schatz und Ordnung sichert
Bhīṣma belehrt Yudhiṣṭhira über das rechte Erheben von Abgaben im Notfall des leeren Schatzes, die Zügelung schädlicher Gewerbe und die Ehrung der Wohlhabenden.
yudhiṣṭhira uvāca; yadā rājā samartho 'pi kośārthī syān mahāmate; kathaṃ pravarteta tadā tan me brūhi pitāmaha
Yudhiṣṭhira sprach: „Wenn ein König, obwohl mächtig, nach Schatz [und Reichtum] verlangt, o Hochsinniger, wie soll er dann verfahren? Das sage mir, Großvater.“
Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.3.Sg.)
yadā rājā samartho 'pi
wenn ein König, auch wenn er fähig ist (Nom.Sg.)
kośārthī syāt
nach Schatz verlangend sein sollte (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
mahāmate
o Hochgesinnter (Vok.Sg.)
kathaṃ pravarteta tadā
wie soll er dann verfahren (Opt.Med.3.Sg.)
tan me brūhi pitāmaha
das sage mir, Großvater (Imp.2.Sg./Dat.-Gen.Sg./Vok.Sg.)
Bhīṣma sprach: „Nach Ort, nach Zeit und nach Kraft [der Untertanen] soll der König die Untertanen anleiten, [selbst] dem Dharma und dem Nutzen zugewandt und auf ihr Wohl bedacht.
Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach (Perf.3.Sg.)
yathādeśaṃ yathākālam
nach dem Ort, nach der Zeit (Adv.)
api caiva yathābalam
und auch nach der Kraft (Adv.)
anuśiṣyāt prajā rājā
soll anleiten die Untertanen, der König (Opt.3.Sg.; Akk.Pl.; Nom.Sg.)
madhudohaṃ duhed rāṣṭraṃ bhramarān na vipātayet; vatsāpekṣī duhec caiva stanāṃś ca na vikuṭṭayet
„Wie [Honig] soll er das Reich melken, doch die Bienen nicht zu Fall bringen; wie einer, der auf das Kalb Rücksicht nimmt, soll er melken und die Zitzen nicht zerquetschen.
Wort für Wort
madhudohaṃ duhet
einen Honigmelk-Vorgang soll er melken (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)
rāṣṭram
das Reich (Akk.Sg.)
bhramarān na vipātayet
die Bienen nicht zu Fall bringen (Akk.Pl.; Kaus.Opt.3.Sg.)
vatsāpekṣī duhet ca
auf das Kalb Rücksicht nehmend soll er melken (Nom.Sg.; Opt.3.Sg.)
stanāṃś ca na vikuṭṭayet
und die Zitzen nicht zerquetschen (Akk.Pl.; Kaus.Opt.3.Sg.)
Wie ein Blutegel soll er das Reich trinken, ganz sanft, o Herr der Menschen; wie eine Tigerin trage er das Junge fort, ohne es zu beißen, damit es nicht falle.“
Wort für Wort
jalaukāvat pibet rāṣṭram
wie ein Blutegel soll er trinken das Reich (Adv.; Opt.3.Sg.; Akk.Sg.)
mṛdunaiva narādhipa
gerade mit Sanftheit, Herr der Menschen (Instr.Sg.; Vok.Sg.)
vyāghrīva ca haret putram
und wie eine Tigerin trage er das Junge fort (Nom.Sg.f.; Opt.3.Sg.; Akk.Sg.)
adaṣṭvā
ohne zu beißen (Abs.)
mā pated iti
damit es nicht falle, [so] (Aor.-Injunktiv/Opt.3.Sg.; Partikel)
Der Vers endet mit iti; Versschluss von pated iti als Schlusspartikel wiedergegeben.
„Wie die Ratte, die Stacheln hat, [ihren Weg] stets aufwühlt: mit einem nicht scharfen Mittel soll er ebenso das Reich austrinken.
Wort für Wort
yathā śalyakavān ākhuḥ
wie die stachelige Ratte (Nom.Sg.m.) [?]
padaṃ dhūnayate sadā
den Weg/Fußspur aufwühlt stets (Akk.Sg.; Kaus.Präs.Med.3.Sg.)
atīkṣṇena abhyupāyena
mit nicht scharfem Mittel (Instr.Sg.)
tathā rāṣṭraṃ samāpibet
so das Reich austrinken (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). śalyakavān ākhuḥ: Bedeutung unsicher (evtl. Stachelschwein/Igel-artiges Tier oder Ratte mit Stachel); Zusatzpassage der Handschriften.
alpenālpena deyena vardhamānaṃ pradāpayet; tato bhūyas tato bhūyaḥ kāmaṃ vṛddhiṃ samācaret
Mit immer nur wenigem und wenigem, das zu geben ist, soll er [die Abgaben] steigern lassen, wenn es wächst; danach mehr und noch mehr, [so] soll er nach Belieben die Zunahme bewirken.
Wort für Wort
alpenālpena deyena
mit wenig und wenig zu Gebendem (Instr.Sg.)
vardhamānaṃ pradāpayet
das Wachsende soll er abgeben lassen (Akk.Sg.; Kaus.Opt.3.Sg.)
tato bhūyas tato bhūyaḥ
danach mehr, danach mehr (Adv.)
kāmaṃ vṛddhiṃ samācaret
nach Wunsch die Steigerung ausführen (Adv.; Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)
Deshalb ist die Schar der Menschen, bei der alles auf einmal begonnen wird, schwer zu gewinnen; nachdem man die Vornehmsten nach Rang besänftigt hat, ist das übrige Volk zu nutzen.
Wort für Wort
tasmāt sarvasamārambhaḥ
deshalb der Beginn von allem auf einmal (Abl.; Nom.Sg.)
durlabhaḥ puruṣavrajaḥ
schwer erreichbar die Menschenschar (Nom.Sg.)
yathāmukhyān sāntvayitvā
die Ersten nach Rang besänftigt habend (Akk.Pl.; Abs.)
bhoktavya itaro janaḥ
zu nutzen [ist] das andere Volk (Gerundiv Nom.Sg.; Nom.Sg.)
Dann, nachdem er sie gegeneinander aufgespaltet hat, [sodass] sie einander Anklagen vortragen, soll er, ganz durch Besänftigung, nach Belieben und ohne Mühe [sie] genießen.
Wort für Wort
tatas tān bhedayitvā atha
dann jene spalten gemacht habend (Adv.; Akk.Pl.; Abs.)
parasparavivakṣitān
gegenseitig zu Beschuldigende/Sprechende gemachte (Akk.Pl.)
bhuñjīta sāntvayitvā eva
er soll genießen, nur nachdem er besänftigt hat (Opt.Med.3.Sg.; Abs.)
na cāsthāne na cākāle karān ebhyo 'nupātayet; ānupūrvyeṇa sāntvena yathākālaṃ yathāvidhi
Und nicht am unpassenden Ort und nicht zur unpassenden Zeit soll er ihnen Abgaben auferlegen; der Reihe nach, mit Besänftigung, zur rechten Zeit, gemäß der Vorschrift.
Wort für Wort
na cāsthāne na cākāle
weder am unpassenden Ort noch zur unpassenden Zeit (Lok.Sg.)
karān ebhyaḥ anupātayet
Abgaben diesen auferlegen (Akk.Pl.; Dat.Pl.; Kaus.Opt.3.Sg.)
sthānāny etāni saṃgamya prasaṅge bhūtināśanaḥ; kāmaprasaktaḥ puruṣaḥ kim akāryaṃ vivarjayet
Diese Stätten [der Laster] aufsuchend, ist ein Mensch bei Hingabe, Vernichter des Wohlstands; wer von Begierde erfasst ist, was für ein Unrecht würde der meiden?
Wort für Wort
sthānāni etāni saṃgamya
diese Stätten aufgesucht habend (Akk.Pl.; Abs.)
prasaṅge bhūtināśanaḥ
bei Hingabe Vernichter des Gedeihens (Lok.Sg.; Nom.Sg.)
kāmaprasaktaḥ puruṣaḥ
von Begierde ergriffen, der Mensch (Nom.Sg.)
kim akāryaṃ vivarjayet
welches Nichtzutuende würde er meiden (Akk.Sg.; Opt.3.Sg.)
Wein, Fleisch, fremdes Gut, so auch Frauen und Reichtümer würde er, der Leidenschaft verfallen, an sich nehmen und dazu noch die Lehrschrift vorführen.
Wort für Wort
madyamāṃsaparasvāni
Wein, Fleisch, Fremdbesitz (Akk.Pl.n.)
tathā dārā dhanāni ca
so Frauen und Reichtümer (Akk.Pl.)
āhared rāgavaśagaḥ
würde nehmen, der Leidenschaft Unterworfene (Opt.3.Sg.; Nom.Sg.)
tathā śāstraṃ pradarśayet
und die Lehre vorführen (Akk.Sg.; Kaus.Opt.3.Sg.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert). Zusatzvers; letzter Halbvers sinngemäß unsicher.
evaṃ daṇḍaṃ ca kośaṃ ca mitraṃ bhūmiṃ ca lapsyase; satyārjavaparo rājan mitrakośasamanvitaḥ
So wirst du Heer, Schatz, Freund und Land gewinnen; als einer, der der Wahrheit und Redlichkeit ergeben ist, o König, mit Freunden und Schatz ausgestattet.
Wort für Wort
evaṃ daṇḍaṃ ca kośaṃ ca
so Heer und Schatz (Akk.Sg.)
mitraṃ bhūmiṃ ca lapsyase
Freund und Land wirst du erlangen (Akk.Sg.; Fut.Med.2.Sg.)
satyārjavaparaḥ rājan
der Wahrheit und Redlichkeit Ergebene, o König (Nom.Sg.; Vok.Sg.)