Quellen der Menschheit

Mahābhārata · Śāntiparva

Kapitel 152: lobhamūlakaṃ pāpam Die Habgier als Wurzel alles Bösen und die Merkmale der Guten

Yudhiṣṭhira fragt nach dem Ursprung des Bösen; Bhīṣma nennt die Habgier (lobha) als Quelle aller Laster, beschreibt die Heuchler und schließt mit dem Bild der Guten, bei denen man Rat suchen soll.

yudhiṣṭhira uvāca; pāpasya yad adhiṣṭhānaṃ yataḥ pāpaṃ pravartate; etad icchāmy ahaṃ jñātuṃ tattvena bharatarṣabha

Yudhiṣṭhira sprach: „Was der Sitz des Bösen ist und woher das Böse hervorgeht – das möchte ich der Wahrheit gemäß erfahren, o Stier der Bharatas.“

Wort für Wort
yudhiṣṭhira uvāca
Yudhiṣṭhira sprach (Perf.)
pāpasya yad adhiṣṭhānam
was der Sitz des Bösen ist (Gen./Nom.-Akk. n.)
yataḥ pāpaṃ pravartate
woher das Böse hervorgeht (Abl.-Adv.; 3.Sg.Präs. Med.)
etad icchāmy aham jñātum
dies wünsche ich zu wissen (1.Sg.Präs.; Inf.)
tattvena
der Wahrheit gemäß, wirklich (Instr.)
bharatarṣabha
o Stier der Bharatas (Vok.)

bhīṣma uvāca; pāpasya yad adhiṣṭhānaṃ tac chṛṇuṣva narādhipa; eko lobho mahāgrāho lobhāt pāpaṃ pravartate

Bhīṣma sprach: „Höre, was der Sitz des Bösen ist, o Herr der Menschen: Die Habgier allein ist das große Ungeheuer; aus der Habgier geht das Böse hervor.“

Wort für Wort
bhīṣma uvāca
Bhīṣma sprach
pāpasya yad adhiṣṭhānam
was der Sitz des Bösen ist
tac chṛṇuṣva narādhipa
das höre (Imp. Med. 2.Sg.), o Herr der Menschen (Vok.)
eko lobho mahāgrāhaḥ
die Habgier allein [ist] das große Ungeheuer (Nom. m.; Kompositum: Tat.)
lobhāt pāpaṃ pravartate
aus Habgier geht das Böse hervor (Abl.; 3.Sg.Präs. Med.)

ataḥ pāpam adharmaś ca tathā duḥkham anuttamam; nikṛtyā mūlam etad dhi yena pāpakṛto janāḥ

Daher [kommen] Böses, Unrecht und unübertreffliches Leid; sie ist die Wurzel von Falschheit, durch die die Menschen zu Übeltätern werden.

Wort für Wort
ataḥ pāpam adharmaś ca
daher Böses und Unrecht (Adv.; Nom. n./m.)
tathā duḥkham anuttamam
ebenso Leid ohne Gleichen (Nom. n.; Bahuvrīhi)
nikṛtyā mūlam etad hi
dies ist nämlich die Wurzel der Falschheit/Niedertracht (Gen. f.; Nom. n.)
yena pāpakṛto janāḥ
wodurch die Menschen Übeltäter [werden] (Instr.; Nom. Pl.)

Zweite Vershälfte elliptisch; „dies“ (etad) bezieht sich auf lobha; „werden“ ergänzt.

lobhāt krodhaḥ prabhavati lobhāt kāmaḥ pravartate; lobhān mohaś ca māyā ca mānastambhaḥ parāsutā

Aus der Habgier entsteht Zorn, aus der Habgier geht Begierde hervor; aus der Habgier [kommen] Verblendung, Trug, Hochmut und Starrsinn sowie die Sucht, von anderen zu leben.

Wort für Wort
lobhāt krodhaḥ prabhavati
aus Habgier entsteht Zorn (Abl.; 3.Sg.Präs.)
lobhāt kāmaḥ pravartate
aus Habgier geht Begierde hervor
lobhān mohaś ca māyā ca
aus Habgier Verblendung und Trug
mānastambhaḥ
Hochmut und Starrsinn (Nom. m.; Tat.)
parāsutā
das Leben auf Kosten anderer / Abhängigkeit von Fremdem [?] (Nom. f.)

parāsutā: Lesart unsicher; hier als „Leben von anderen, Parasitentum“ gefasst.

akṣamā hrīparityāgaḥ śrīnāśo dharmasaṃkṣayaḥ; abhidhyāprajñatā caiva sarvaṃ lobhāt pravartate

Ungeduld, Verlust der Scham, Untergang des Glücks, Schwund des Rechts, Gier nach fremdem Gut und Unverstand – alles geht aus der Habgier hervor.

Wort für Wort
akṣamā hrīparityāgaḥ
Unduldsamkeit, Preisgabe der Scham (Nom. f./m.)
śrīnāśo dharmasaṃkṣayaḥ
Untergang des Glücks, Schwund des Rechts (Tat.)
abhidhyāprajñatā ca eva
und Sinnen auf fremdes Gut und Unverstand [?] (Nom. f.)
sarvaṃ lobhāt pravartate
alles geht aus Habgier hervor

abhidhyāprajñatā: Kompositum unsicher; evtl. „abhidhyā“ (Begehren) und „ajñatā“.

anyāyaś cāvitarkaś ca vikarmasu ca yāḥ kriyāḥ; kūṭavidyādayaś caiva rūpaiśvaryamadas tathā

Ungerechtigkeit, Unbedachtheit und Handlungen bei verbotenen Taten, Trugkünste und dergleichen sowie Rausch von Schönheit und Herrschermacht.

Wort für Wort
anyāyaś ca avitarkaś ca
Unrecht und Gedankenlosigkeit (Nom. m.)
vikarmasu ca yāḥ kriyāḥ
und die Handlungen bei Untaten (Lok. Pl.; Nom. Pl. f.)
kūṭavidyādayaḥ ca eva
und Betrugskünste und dergleichen (Nom. Pl.)
rūpaiśvaryamadaḥ tathā
ebenso der Rausch von Schönheit und Macht (Nom. m.; Tat.)

sarvabhūteṣv aviśvāsaḥ sarvabhūteṣv anārjavam; sarvabhūteṣv abhidrohaḥ sarvabhūteṣv ayuktatā; haraṇaṃ paravittānāṃ paradārābhimarśanam

Misstrauen gegen alle Wesen, Unaufrichtigkeit gegen alle Wesen, Feindseligkeit gegen alle Wesen, Ungebührlichkeit gegen alle Wesen; das Wegnehmen fremden Besitzes und das Berühren fremder Frauen.

Wort für Wort
sarvabhūteṣu aviśvāsaḥ
Misstrauen unter/gegen alle Wesen (Lok. Pl.)
sarvabhūteṣu anārjavam
Unaufrichtigkeit gegen alle Wesen
sarvabhūteṣu abhidrohaḥ
Feindseligkeit gegen alle Wesen
sarvabhūteṣu ayuktatā
Ungebührlichkeit gegen alle Wesen (Nom. f.)
haraṇaṃ paravittānām
das Wegnehmen fremden Besitzes (Nom. n.; Gen. Pl.)
paradārābhimarśanam
das Antasten fremder Frauen (Nom. n.)

vāgvego mānaso vego nindāvegas tathaiva ca; upasthodarayor vego mṛtyuvegaś ca dāruṇaḥ

Der Drang der Rede, der Drang des Geistes und ebenso der Drang zur Schmähung; der Drang von Geschlecht und Bauch und der furchtbare Drang des Todes.

Wort für Wort
vāgvego mānaso vegaḥ
Drang der Rede, Drang des Geistes (Nom. m.)
nindāvegaḥ tathā eva ca
und ebenso der Drang zur Schmähung
upasthodarayor vegaḥ
der Drang von Geschlecht und Bauch (Gen. Du.)
mṛtyuvegaḥ ca dāruṇaḥ
und der furchtbare Todesdrang (Nom. m.)

mṛtyuvega: eher „Todesdrang“ im Sinne von Verlangen, das zum Tod führt; wörtlich wiedergegeben.

īrṣyāvegaś ca balavān mithyāvegaś ca dustyajaḥ; rasavegaś ca durvāraḥ śrotravegaś ca duḥsahaḥ

Der mächtige Drang des Neides und der schwer aufzugebende Drang der Lüge; der kaum abzuwehrende Drang des Geschmacks und der schwer erträgliche Drang des Gehörs.

Wort für Wort
īrṣyāvegaḥ ca balavān
und der starke Drang des Neides (Nom. m.)
mithyāvegaḥ ca dustyajaḥ
und der schwer aufzugebende Drang der Lüge
rasavegaḥ ca durvāraḥ
und der schwer abzuwehrende Drang des Geschmacks
śrotravegaḥ ca duḥsahaḥ
und der schwer erträgliche Drang des Gehörs

kutsā vikatthā mātsaryaṃ pāpaṃ duṣkarakāritā; sāhasānāṃ ca sarveṣām akāryāṇāṃ kriyās tathā

Schmähung, Prahlerei, Missgunst, Böses, das Vollbringen von Schwerem [Verwerflichem?] sowie das Ausführen aller Gewalttaten und unzulässigen Handlungen.

Wort für Wort
kutsā vikatthā mātsaryam
Tadel, Prahlerei, Missgunst (Nom. f./n.)
pāpaṃ duṣkarakāritā
Böses, das Tun schwer zu Tuender [?] (Nom. n.; Nom. f.)
sāhasānāṃ ca sarveṣām
und aller Gewalttaten (Gen. Pl.)
akāryāṇāṃ kriyāḥ tathā
ebenso das Verüben von Unzulässigem (Gen. Pl.; Nom. Pl.)

duṣkarakāritā: Sinn („das Tun von Schwerem“ im negativen Sinn) unsicher.

jātau bālye 'tha kaumāre yauvane cāpi mānavaḥ; na saṃtyajaty ātmakarma yan na jīryati jīryataḥ

Bei Geburt, in der Kindheit, im Knabenalter und auch in der Jugend lässt der Mensch sein eigenes Tun nicht, [nämlich dies:] was nicht altert, während der Träger altert.

Wort für Wort
jātau bālye
bei der Geburt, in der Kindheit (Lok.)
atha kaumāre yauvane ca api
dann im Knabenalter und auch in der Jugend
mānavaḥ na saṃtyajati
der Mensch gibt nicht auf (3.Sg.Präs.)
ātmakarma
das eigene Tun (Akk.)
yad na jīryati jīryataḥ
was nicht altert, [wenn] der Alternde altert (3.Sg.Präs. Pass.; Part.Gen.)

Der Vers ist vermutlich Rest einer Aussage über die Gier (lobha), die nicht altert; [Anm.: Bezug des Relativsatzes zu ātmakarma/lobha nicht sicher].

yo na pūrayituṃ śakyo lobhaḥ prāptyā kurūdvaha; nityaṃ gambhīratoyābhir āpagābhir ivodadhiḥ; na prahṛṣyati lābhair yo yaś ca kāmair na tṛpyati

Die Habgier, o Spross der Kurus, die sich durch Erlangen nicht füllen lässt, wie das Meer nicht von den stets tiefes Wasser führenden Flüssen; wer sich über Gewinne nicht freut und mit Begierden nicht satt wird.

Wort für Wort
yo na pūrayitum śakyaḥ lobhaḥ
die Habgier, die nicht gefüllt werden kann (Nom.; Inf.)
prāptyā kurūdvaha
durch Erlangen, o Kuru-Spross (Instr.; Vok.)
nityaṃ gambhīratoyābhiḥ
stets von den tiefes Wasser führenden (Instr. f. Pl.)
āpagābhiḥ iva udadhiḥ
von Flüssen wie das Meer (Instr. Pl.; Nom.)
na prahṛṣyati lābhaiḥ
freut sich nicht über Gewinne (3.Sg.Präs.; Instr.)
yaḥ ca kāmaiḥ na tṛpyati
und wer von Begierden nicht satt wird

Der Satz ist syntaktisch nicht abgeschlossen; das Bezugswort der letzten Relativsätze ist lobha bzw. der Gierige.

yo na devair na gandharvair nāsurair na mahoragaiḥ; jñāyate nṛpa tattvena sarvair bhūtagaṇais tathā; sa lobhaḥ saha mohena vijetavyo jitātmanā

Der weder von den Göttern noch von den Gandharven noch von den Asuras noch von den großen Schlangen, o König, in seinem Wesen erkannt wird, ebenso nicht von allen Wesensscharen – diese Habgier muss samt der Verblendung vom Selbstbezwinger besiegt werden.

Wort für Wort
yaḥ na devair na gandharvaiḥ
der nicht von Göttern, nicht von Gandharven (Instr. Pl.)
na asuraiḥ na mahoragaiḥ
nicht von Asuras, nicht von den großen Schlangen
jñāyate nṛpa tattvena
erkannt wird, o König, wirklich (3.Sg.Pass.; Vok.; Instr.)
sarvaiḥ bhūtagaṇaiḥ tathā
ebenso von allen Wesensscharen (Instr. Pl.)
sa lobhaḥ saha mohena
diese Habgier samt Verblendung (Nom.; Instr.)
vijetavyo jitātmanā
ist zu besiegen vom Selbstbezwinger (Gerundiv; Instr.; Bahuvrīhi)

dambho drohaś ca nindā ca paiśunyaṃ matsaras tathā; bhavanty etāni kauravya lubdhānām akṛtātmanām

Heuchelei, Verrat, Schmähung, Verleumdung und ebenso Neid entstehen, o Kuru-Nachkomme, bei den Habgierigen mit ungeläutertem Selbst.

Wort für Wort
dambho drohaḥ ca nindā ca
Heuchelei, Verrat und Schmähung (Nom.)
paiśunyaṃ matsaraḥ tathā
Verleumdung und ebenso Neid
bhavanti etāni
es entstehen diese (3.Pl.Präs.; Nom. Pl. n.)
kauravya lubdhānām
o Kuru-Nachkomme, bei den Habgierigen (Vok.; Gen. Pl.)
akṛtātmanām
mit ungebildetem/ungeläutertem Selbst (Gen. Pl.; Bahuvrīhi)

sumahānty api śāstrāṇi dhārayanti bahuśrutāḥ; chettāraḥ saṃśayānāṃ ca kliśyantīhālpabuddhayaḥ

Auch sehr umfangreiche Lehrschriften tragen Vielgelehrte im Kopf, und [sogar] Zerschneider von Zweifeln; dennoch leiden hier die Geringsinnigen.

Wort für Wort
sumahānti api śāstrāṇi
auch sehr große Lehrwerke (Akk. Pl. n.)
dhārayanti bahuśrutāḥ
tragen/behalten die Vielgelehrten (3.Pl.Präs.; Nom. Pl.)
chettāraḥ saṃśayānām ca
und Zerschneider der Zweifel (Nom. Pl.; Gen. Pl.)
kliśyanti iha alpabuddhayaḥ
leiden hier die Geringsinnigen (3.Pl.Präs.; Nom. Pl.)

Zweite Vershälfte im Bezug unklar; die Zuordnung von ca und der Subjekte ist unsicher [?].

dveṣakrodhaprasaktāś ca śiṣṭācārabahiṣkṛtāḥ; antaḥkṣurā vāṅmadhurāḥ kūpāś channās tṛṇair iva; dharmavaitaṃsikāḥ kṣudrā muṣṇanti dhvajino jagat

Ergeben dem Hass und Zorn, aus dem Verhalten der Guten ausgeschlossen, mit Rasiermessern im Innern und süß in der Rede, wie Brunnen von Gras verdeckt: Heuchler des Rechts, gemein, plündern sie, Banner tragend, die Welt.

Wort für Wort
dveṣakrodhaprasaktāḥ ca
und dem Hass und Zorn ergeben (Nom. Pl.)
śiṣṭācārabahiṣkṛtāḥ
aus dem Verhalten der Guten ausgestoßen (Nom. Pl.; Tat.)
antaḥkṣurāḥ vāṅmadhurāḥ
innen Messer, in der Rede süß (Bahuvrīhi)
kūpāḥ channāḥ tṛṇaiḥ iva
wie mit Gras bedeckte Brunnen (Nom. Pl.; Instr. Pl.)
dharmavaitaṃsikāḥ kṣudrāḥ
Rechts-Köderer (Heuchler), gemein (Nom. Pl.)
muṣṇanti dhvajinaḥ jagat
plündern, Bannerträger, die Welt (3.Pl.Präs.; Nom. Pl.; Akk.)

dharmavaitaṃsika: wörtl. „Rechts-Vogelfänger“ (mit dem Recht als Köder); dhvajin = Träger äußerer Zeichen der Frömmigkeit.

kurvate ca bahūn mārgāṃs tāṃs tān hetubalāśritāḥ; sarvaṃ mārgaṃ vilumpanti lobhājñāneṣu niṣṭhitāḥ

Sie bahnen viele Wege, jeden auf die Kraft von Scheingründen gestützt; den ganzen [rechten] Weg zerstören sie, der Habgier und Unwissenheit verfallen.

Wort für Wort
kurvate ca bahūn mārgān
und sie machen viele Wege (3.Pl.Präs. Med.; Akk. Pl.)
tān tān hetubalāśritāḥ
jeweils diese, auf die Kraft von Gründen gestützt (Nom. Pl.)
sarvaṃ mārgaṃ vilumpanti
den ganzen Weg zerstören sie (3.Pl.Präs.)
lobhājñāneṣu niṣṭhitāḥ
in Habgier und Unwissen verharrend (Lok. Pl.; Nom. Pl.)

dharmasyāhriyamāṇasya lobhagrastair durātmabhiḥ; yā yā vikriyate saṃsthā tataḥ sābhiprapadyate

Wenn das Recht von den Habgier-Besessenen, den Schlechtgesinnten, [ihnen] entzogen wird, so wird jede Ordnung, die dadurch verändert wird, von ihnen [in der Folge] übernommen.

Wort für Wort
dharmasya āhriyamāṇasya
des Rechts, das weggenommen wird (Gen.; Part.Pass.)
lobhagrastaiḥ durātmabhiḥ
von den habgierbesessenen Bösgesinnten (Instr. Pl.)
yā yā vikriyate saṃsthā
welche Ordnung auch immer verändert wird (3.Sg.Pass.; Nom. f.)
tataḥ sā abhiprapadyate
von da an wird sie eingeschlagen/angenommen (3.Sg.Präs. Pass./Med.)

Sinn des Verses unsicher [?]; Wiedergabe der zweiten Hälfte vorläufig.

darpaḥ krodho madaḥ svapno harṣaḥ śoko 'timānitā; tata eva hi kauravya dṛśyante lubdhabuddhiṣu; etān aśiṣṭān budhyasva nityaṃ lobhasamanvitān

Stolz, Zorn, Rausch, Schlaf, Freude, Kummer und Überheblichkeit sind, o Kuru-Nachkomme, gerade bei denen zu sehen, deren Denken habgierig ist; erkenne diese als schlecht, stets mit Habgier verbunden.

Wort für Wort
darpaḥ krodhaḥ madaḥ svapnaḥ
Stolz, Zorn, Rausch, Schlaf (Nom.)
harṣaḥ śokaḥ atimānitā
Freude, Kummer, Überheblichkeit
tata eva hi kauravya
gerade daher, o Kuru-Nachkomme
dṛśyante lubdhabuddhiṣu
sind zu sehen bei Habgierig-Gesinnten (3.Pl.Pass.; Lok. Pl.)
etān aśiṣṭān budhyasva
erkenne diese als Unbelehrte/Schlechte (Imp. Med.)
nityaṃ lobhasamanvitān
stets habgierbehaftet (Akk. Pl.)

śiṣṭāṃs tu paripṛcchethā yān vakṣyāmi śucivratān; yeṣu vṛttibhayaṃ nāsti paralokabhayaṃ na ca

Die Guten aber sollst du befragen, die ich [dir] nennen werde, die reinen Gelübdes sind, bei denen keine Furcht um den Lebensunterhalt besteht und keine Furcht vor der jenseitigen Welt.

Wort für Wort
śiṣṭān tu paripṛcchethāḥ
die Guten aber sollst du befragen (Opt. Med. 2.Sg.)
yān vakṣyāmi
die ich nennen werde (1.Sg.Fut.)
śucivratān
die reinen Gelübdes sind (Akk. Pl.; Bahuvrīhi)
yeṣu vṛttibhayaṃ na asti
bei denen keine Furcht um den Lebensunterhalt ist
paralokabhayaṃ na ca
und keine Furcht vor der jenseitigen Welt

nāmiṣeṣu prasaṅgo 'sti na priyeṣv apriyeṣu ca; śiṣṭācāraḥ priyo yeṣu damo yeṣu pratiṣṭhitaḥ

Bei Fleischspeisen [oder Gütern?] haben sie keine Anhänglichkeit, weder am Angenehmen noch am Unangenehmen; bei ihnen ist das Verhalten der Guten lieb, bei ihnen ist Selbstzügelung fest gegründet.

Wort für Wort
na āmiṣeṣu prasaṅgaḥ asti
an Fleisch/Beute keine Anhänglichkeit (Lok. Pl.)
na priyeṣu apriyeṣu ca
weder an Angenehmem noch an Unangenehmem
śiṣṭācāraḥ priyo yeṣu
bei denen das Verhalten der Guten lieb ist
damo yeṣu pratiṣṭhitaḥ
bei denen Selbstzügelung fest gegründet ist

āmiṣa: „Fleisch, Köder, Beute, sinnlicher Genuss“; hier als „Fleischspeisen/Genussgüter“ gefasst [?].

sukhaṃ duḥkhaṃ paraṃ yeṣāṃ satyaṃ yeṣāṃ parāyaṇam; dātāro na gṛhītāro dayāvantas tathaiva ca

Bei denen das Höchste in Glück und Leid ihr [inneres] Wahrsein ist, deren Zuflucht die Wahrheit ist; sie sind Geber, keine Nehmer, und ebenso mitleidig.

Wort für Wort
sukhaṃ duḥkhaṃ param yeṣām
Glück und Leid als Höchstes für sie [?]
satyaṃ yeṣāṃ parāyaṇam
deren Zuflucht die Wahrheit ist
dātāraḥ na gṛhītāraḥ
Geber, nicht Nehmer (Nom. Pl.)
dayāvantaḥ tathā eva ca
und ebenso mitleidig

Erste Vershälfte unklar: „sukhaṃ duḥkhaṃ paraṃ yeṣām“ ist möglicherweise verderbt [Anm.: Deutung unsicher].

pitṛdevātitheyāś ca nityodyuktās tathaiva ca; sarvopakāriṇo dhīrāḥ sarvadharmānupālakāḥ

Sie ehren Ahnen, Götter und Gäste, sind stets eifrig bemüht, allen wohltätig, standhaft und alle Pflichten bewahrend.

Wort für Wort
pitṛdevātitheyāḥ ca
und den Ahnen, Göttern und Gästen zugewandt [?] (Nom. Pl.)
nityodyuktāḥ tathā eva ca
und ebenso stets tatkräftig (Nom. Pl.)
sarvopakāriṇaḥ dhīrāḥ
allen Gutes tuend, standhaft
sarvadharmānupālakāḥ
alle Pflichten bewahrend (Nom. Pl.)

pitṛdevātitheyāḥ: Kompositum mit atitheya „Gastfreundschaft“; wörtl. eher „zur Verehrung von Ahnen, Göttern, Gästen [bereit]“.

sarvabhūtahitāś caiva sarvadeyāś ca bhārata; na te cālayituṃ śakyā dharmavyāpārapāragāḥ

Und allen Wesen zum Wohl, o Bhārata, [und] zu allem Gaben bereit; sie sind nicht zum Wanken zu bringen, weil sie am Ende [des Weges] der Rechtsausübung stehen.

Wort für Wort
sarvabhūtahitāḥ ca eva
und den Wesen allesamt zuträglich (Nom. Pl.)
sarvadeyāḥ ca bhārata
und alles gebend [?], o Bhārata
na te cālayitum śakyāḥ
sie sind nicht in Bewegung zu bringen (Inf.)
dharmavyāpārapāragāḥ
die am Ende des Rechtswirkens angelangt sind (Nom. Pl.; Tat.)

sarvadeyāḥ: unsicher; „bei denen alles zu geben ist“ oder „zu allem Gaben bereit“.

na teṣāṃ bhidyate vṛttaṃ yat purā sādhubhiḥ kṛtam; na trāsino na capalā na raudrāḥ satpathe sthitāḥ

Ihr Verhalten wird nicht zerbrochen, das die Guten früher geübt haben; sie sind nicht ängstlich, nicht unstet, nicht grimmig, sondern auf dem Pfad der Guten stehend.

Wort für Wort
na teṣāṃ bhidyate vṛttam
ihr Verhalten zerbricht nicht (3.Sg.Pass.; Nom. n.)
yat purā sādhubhiḥ kṛtam
das früher von Guten getan wurde (Instr. Pl.; Part.)
na trāsinaḥ na capalāḥ
nicht furchtsam, nicht unstet (Nom. Pl.)
na raudrāḥ
nicht grimmig
satpathe sthitāḥ
auf dem Pfad der Guten stehend (Lok.)

te sevyāḥ sādhubhir nityaṃ yeṣv ahiṃsā pratiṣṭhitā; kāmakrodhavyapetā ye nirmamā nirahaṃkṛtāḥ; suvratāḥ sthiramaryādās tān upāssva ca pṛccha ca

Ihnen sollen die Guten stets dienen, bei denen Gewaltlosigkeit fest gegründet ist, die frei von Begierde und Zorn, ohne Mein und ohne Ich-Sinn sind, von guten Gelübden und festen Grenzen: zu diesen setze dich, und sie befrage.

Wort für Wort
te sevyāḥ sādhubhiḥ nityam
sie sind von den Guten stets zu ehren (Gerundiv; Instr. Pl.)
yeṣu ahiṃsā pratiṣṭhitā
bei denen Gewaltlosigkeit gegründet ist
kāmakrodhavyapetāḥ ye
die von Begierde und Zorn frei sind (Nom. Pl.)
nirmamāḥ nirahaṃkṛtāḥ
ohne „Mein“, ohne Ich-Bildung
suvratāḥ sthiramaryādāḥ
guter Gelübde, fester Grenzen (Bahuvrīhi)
tān upāssva ca pṛccha ca
diese verehre/sitze bei und befrage (Imp. Med.)

na gavārthaṃ yaśorthaṃ vā dharmas teṣāṃ yudhiṣṭhira; avaśyakārya ity eva śarīrasya kriyās tathā

Ihr Recht, Yudhiṣṭhira, hat weder Kühe zum Zweck noch Ruhm; „es muss unbedingt getan werden“, so allein [tun sie es]; ebenso [verhalten sie sich] in den Verrichtungen des Körpers.

Wort für Wort
na gavārtham yaśorthaṃ vā
weder um der Kühe noch um des Ruhmes willen
dharmaḥ teṣām yudhiṣṭhira
ihr Recht, o Yudhiṣṭhira
avaśyakārya iti eva
„unbedingt zu tun“, nur so (Gerundiv)
śarīrasya kriyāḥ tathā
ebenso die Verrichtungen des Körpers (Gen.; Nom. Pl.)

gavārtham: „Kühe“ evtl. als Sinnbild für Besitz/Lohn; Deutung unsicher [?].

na bhayaṃ krodhacāpalyaṃ na śokas teṣu vidyate; na dharmadhvajinaś caiva na guhyaṃ kiṃ cid āsthitāḥ

Furcht, Zorn und Unstetigkeit gibt es bei ihnen nicht, auch keinen Kummer; sie sind keine Rechts-Bannerträger [Heuchler] und halten nichts Geheimes fest.

Wort für Wort
na bhayaṃ krodhacāpalyam
nicht Furcht, Zorn, Unstetigkeit
na śokaḥ teṣu vidyate
kein Kummer findet sich bei ihnen (3.Sg.Pass.)
na dharmadhvajinaḥ ca eva
auch nicht Rechts-Bannerträger (Nom. Pl.)
na guhyam kim cid āsthitāḥ
nichts Geheimes gewahrt/angenommen habend (Part.)

āsthitāḥ: „festhalten, pflegen“; Sinn („keine geheimen Absichten“) erschlossen.

yeṣv alobhas tathāmoho ye ca satyārjave ratāḥ; teṣu kaunteya rajyethā yeṣv atandrīkṛtaṃ manaḥ

Bei denen keine Habgier und keine Verblendung ist, die an Wahrheit und Aufrichtigkeit Freude haben – an diesen, Sohn Kuntīs, mögest du dich erfreuen, deren Geist frei von Trägheit gemacht ist.

Wort für Wort
yeṣu alobhaḥ tathā amohaḥ
bei denen Freisein von Habgier und Verblendung ist
ye ca satyārjave ratāḥ
und die an Wahrheit und Geradheit Freude haben (Lok.; Nom. Pl.)
teṣu kaunteya rajyethāḥ
an diesen, Kuntī-Sohn, mögest du Gefallen finden (Opt. Med. 2.Sg.)
yeṣu atandrīkṛtam manaḥ
bei denen der Geist ohne Trägheit gemacht ist (Nom. n.)

ye na hṛṣyanti lābheṣu nālābheṣu vyathanti ca; nirmamā nirahaṃkārāḥ sattvasthāḥ samadarśinaḥ

Die sich bei Gewinn nicht freuen und bei Verlust nicht bedrückt sind, ohne „Mein“, ohne Ichbezug, in der Reinheit [Wesenheit] gegründet, allem gleichen Blicks.

Wort für Wort
ye na hṛṣyanti lābheṣu
die sich bei Gewinnen nicht freuen (3.Pl.Präs.)
na alābheṣu vyathanti ca
und bei Nichtgewinn nicht wanken (3.Pl.Präs.)
nirmamāḥ nirahaṃkārāḥ
ohne Mein, ohne Ich-Bewusstsein
sattvasthāḥ samadarśinaḥ
im Sattva stehend, gleichsehend (Nom. Pl.)

lābhālābhau sukhaduḥkhe ca tāta; priyāpriye maraṇaṃ jīvitaṃ ca; samāni yeṣāṃ sthiravikramāṇāṃ; buddhātmanāṃ sattvam avasthitānām

Gewinn und Verlust, Glück und Leid, lieber Freund, Liebes und Unliebes, Tod und Leben sind gleich für die, die von festem Mut sind, deren Selbst erwacht ist und die im Sattva stehen.

Wort für Wort
lābhālābhau sukhaduḥkhe ca
Gewinn und Verlust, Glück und Leid (Nom. Du.)
tāta
lieber Freund (Vok.)
priyāpriye maraṇaṃ jīvitaṃ ca
Liebes und Unliebes, Tod und Leben
samāni yeṣām
gleich sind für die (Nom. Pl. n.; Gen. Pl.)
sthiravikramāṇām
die festen Schrittes/Mutes sind (Gen. Pl.)
buddhātmanāṃ sattvam avasthitānām
erwachten Selbstes, im Sattva verweilend (Gen. Pl.)

sukhapriyais tān sumahāpratāpān; yatto 'pramattaś ca samarthayethāḥ; daivāt sarve guṇavanto bhavanti; śubhāśubhā vākpralāpā yathaiva

Denjenigen, die dem Glück lieb sind [?], sehr große Kraft besitzend – diese sollst du achtsam und unermüdlich [in Ehren] halten; „durch Fügung werden alle tugendhaft, wie auch gutes und schlechtes Geschwätz [?]“.

Wort für Wort
sukhapriyaiḥ tān
mit Glück-Liebenden [?], diese (Instr. Pl.; Akk.)
sumahāpratāpān
sehr mächtige/glanzvolle (Akk. Pl.)
yatto apramattaḥ ca
bemüht und unachtsam nicht (Nom.)
samarthayethāḥ
sollst du gutheißen/verfolgen (Opt. Med. 2.Sg.)
daivāt sarve guṇavantaḥ bhavanti
durch Fügung werden alle tugendhaft (Abl.; 3.Pl.)
śubhāśubhāḥ vākpralāpāḥ yathā eva
gutes und schlechtes Geschwätz, wie [?] (Nom. Pl.)

Verderbter oder stark elliptischer Vers; Wiedergabe unsicher. [Anm.: Bezug der Instrumentale und der Vergleich in der letzten Zeile unklar].

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