Kapitel 58: rājadharmasāra-upadeśaḥ
Bhīṣmas Lehre vom Wesen der Königspflicht: Schutz, Tatkraft und List; Ende des Tages
Bhīṣma fasst die Königspflichten zusammen (Schutz der Untertanen, Späher, Tatkraft, Mischung aus Milde und Härte). Yudhiṣṭhira verschiebt seine weiteren Fragen auf den nächsten Tag, und die Versammlung kehrt nach Hastināpura zurück.
Der ehrwürdige Vaiśaṃpāyana [sprach]: Nachdem er so weit gesprochen hatte, sprach Bhīṣma, der Großvater der Kurus, der Weise, noch einmal ein Wort, das von allen Seiten das Wesentliche zusammenfasst.
Wort für Wort
śrīvaiśaṃpāyanaḥ
der ehrwürdige Vaiśaṃpāyana [sprach] (Nom.Sg.)
etāvad uktvā bhūyo 'pi
nachdem er so viel gesagt hatte, noch einmal (Abs./Adv.)
bhīṣmaḥ kurupitāmahaḥ
Bhīṣma, der Großvater der Kurus (Nom.Sg.)
uvāca vacanaṃ dhīmān
sprach ein Wort, der Weise (3.Sg.Perf./Akk./Nom.)
sarvataḥ sārasaṃgraham
von allen Seiten das Wesentliche zusammenfassend (Adv./Akk.Sg.n.)
Zusatzpassage der kritischen Ausgabe (nur in einem Teil der Handschriften überliefert).
das Sammeln der Guten, Tapferkeit, Tüchtigkeit, Wahrhaftigkeit, das Wohl der Untertanen, und die Spaltung der Feindpartei durch Unaufrichtigkeit und durch Aufrichtigkeit,
Wort für Wort
satāṃ saṃgrahaṇaṃ
Sammeln der Guten (Gen.Pl./Nom.n.)
śauryaṃ dākṣyaṃ satyaṃ
Tapferkeit, Tüchtigkeit, Wahrhaftigkeit (Nom.n.)
prajāhitam
Wohl der Untertanen (Nom.n.)
anārjavair ārjavaiś ca
durch Unaufrichtigkeiten und Aufrichtigkeiten (Instr.Pl.)
utthānenāmṛtaṃ labdham utthānenāsurā hatāḥ; utthānena mahendreṇa śraiṣṭhyaṃ prāptaṃ divīha ca
Durch Tatkraft wurde der Unsterblichkeitstrank gewonnen, durch Tatkraft wurden die Asuras erschlagen, durch Tatkraft erlangte der große Indra den Vorrang im Himmel und hier.
Wort für Wort
utthānenāmṛtaṃ labdham
durch Tatkraft Unsterblichkeitstrank gewonnen (Instr./Nom.n.Part.)
utthānenāsurā hatāḥ
durch Tatkraft die Asuras erschlagen (Nom.Pl.Part.)
utthānena mahendreṇa
durch Tatkraft vom großen Indra (Instr.)
śraiṣṭhyaṃ prāptaṃ divīha ca
Vorrang erlangt im Himmel und hier (Nom.n.Part./Lok.)
na ca śatrur avajñeyo durbalo 'pi balīyasā; alpo 'pi hi dahaty agnir viṣam alpaṃ hinasti ca
Und ein Feind darf nicht missachtet werden, auch nicht, wenn er schwach ist, vom Stärkeren; auch ein kleines Feuer verbrennt, und auch ein wenig Gift tötet.
Wort für Wort
na ca śatrur avajñeyo
und ein Feind ist nicht zu missachten (Nom.Gerundiv)
durbalo 'pi balīyasā
auch der Schwache vom Stärkeren (Nom./Instr.Komp.)
alpo 'pi hi dahaty agnir
denn auch klein verbrennt das Feuer (Nom./3.Sg.Präs.)
Ein Feind, der sich auch nur mit einem Pferd erhoben hat und in einer Festung Zuflucht nahm, versengt Gegend um Gegend selbst eines wohlhabenden Königs.
Wort für Wort
ekāśvenāpi saṃbhūtaḥ
selbst mit einem einzigen Pferd erstarkt (Instr./Nom.Part.)
śatrur durgasamāśritaḥ
der Feind, in einer Festung Zuflucht nehmend (Nom.Sg.)
taṃ taṃ tāpayate deśam
jede einzelne Gegend versengt er (Akk./3.Sg.Kaus.)
rājño rahasyaṃ yad vākyaṃ jayārthaṃ lokasaṃgrahaḥ; hṛdi yac cāsya jihmaṃ syāt kāraṇārthaṃ ca yad bhavet
Was für den König das geheime Wort ist, das dem Sieg dient, dem Gewinnen der Welt, und was ihm im Herzen krumm sein mag und was um eines Zweckes willen sein mag,
Wort für Wort
rājño rahasyaṃ yad vākyaṃ
was dem König als geheimes Wort (Gen.Sg./Nom.n.)
jayārthaṃ lokasaṃgrahaḥ
zum Sieg [dienend], Gewinnung der Welt (Nom.n./Nom.m.)
hṛdi yac cāsya jihmaṃ syāt
und was in seinem Herzen krumm sein mag (Lok./Nom.n./3.Sg.Opt.)
kāraṇārthaṃ ca yad bhavet
und was um eines Zweckes willen sein mag (Nom.n./3.Sg.Opt.)
Satzbau der Verse 20-21 unklar; Konstruktion sinngemäß rekonstruiert.
und was seine Tat ist, die krumm ist – sie wird durch Aufrichtigkeit [scheinbar] gehalten; um die Welt zu täuschen, soll er ein höchst rechtschaffenes Handeln ausüben.
Wort für Wort
yac cāsya kāryaṃ vṛjinam
und was seine krumme Tat ist (Nom.n.)
ārjavenaiva dhāryate
wird nur durch Aufrichtigkeit gehalten [?] (Instr./3.Sg.Pass.)
dambhanārthāya lokasya
zur Täuschung der Welt (Dat./Gen.Sg.)
dharmiṣṭhām ācaret kriyām
ein höchst rechtschaffenes Handeln übe er aus (Akk.f./3.Sg.Opt.)
rājyaṃ hi sumahat tantraṃ durdhāryam akṛtātmabhiḥ; na śakyaṃ mṛdunā voḍhum āghātasthānam uttamam
Die Herrschaft ist ein sehr großes Regierungsgefüge, schwer zu tragen für die, die sich nicht gebildet haben; mit Mildem kann man sie nicht tragen: [sie ist] der höchste Ort des Zusammenpralls [?].
Wort für Wort
rājyaṃ hi sumahat tantraṃ
denn Herrschaft ist ein sehr großes Regierungsgefüge (Nom.n.)
durdhāryam akṛtātmabhiḥ
schwer zu tragen für Ungeschulte (Nom.n./Instr.Pl.)
na śakyaṃ mṛdunā voḍhum
nicht kann mit Mildem getragen werden (Nom.n./Instr./Inf.)
āghātasthānam uttamam
höchster Ort des Zusammenpralls/der Schlachtung [?] (Nom.n.)
Die Herrschaft, an der alles Begehrenswerte hängt, wird hier stets durch Aufrichtigkeit [allein] getragen [?]; darum muss man stets mit einer Mischung [aus beidem] verfahren, Yudhiṣṭhira.
Wort für Wort
rājyaṃ sarvāmiṣaṃ nityam
Herrschaft, alles Begehrenswerte umfassend, stets (Nom.n./Adv.)
ārjaveneha dhāryate
durch Aufrichtigkeit hier getragen (Instr./3.Sg.Pass.)
tasmān miśreṇa satataṃ
darum mit Gemischtem stets (Abl./Instr.)
vartitavyaṃ yudhiṣṭhira
ist zu verfahren, Yudhiṣṭhira (Gerundiv/Vok.)
ārjavena im Zusammenhang schwer zu vereinbaren mit tasmān miśreṇa; wörtlich wiedergegeben.
[sie alle,] „Gut, gut!“ [rufend], hocherfreut, mit aufblühenden Gesichtern, priesen den Tiger unter den Männern, Bhīṣma, den Besten der Pflichttragenden.
tato dvijātīn abhivādya keśavaḥ; kṛpaś ca te caiva yudhiṣṭhirādayaḥ; pradakṣiṇīkṛtya mahānadīsutaṃ; tato rathān āruruhur mudā yutāḥ
Darauf verabschiedeten sich Keśava und Kṛpa und jene [anderen] mit Yudhiṣṭhira an der Spitze von den Zweimalgeborenen, umschritten den Sohn der großen Flussgöttin [Gaṅgā] rechtsherum und bestiegen freudig ihre Wagen.
Wort für Wort
tato dvijātīn abhivādya keśavaḥ
darauf die Zweimalgeborenen grüßend, Keśava (Akk.Pl./Abs./Nom.)
kṛpaś ca te caiva yudhiṣṭhirādayaḥ
und Kṛpa und jene, Yudhiṣṭhira an der Spitze (Nom.Pl.)
pradakṣiṇīkṛtya mahānadīsutaṃ
rechtsherum umschritten habend den Sohn der großen Flussgöttin (Abs./Akk.)
tato rathān āruruhur mudā yutāḥ
darauf die Wagen bestiegen sie, freudig (Akk.Pl./3.Pl.Perf./Nom.Pl.)
Und sie, die Gelübdetreuen, badeten auch in der Dṛṣadvatī, verrichteten die Wasserspende, das Murmeln und die Heilriten, übten nach Vorschrift die Abenddämmerung aus, die Feindebezwinger, und betraten dann die Stadt Gajāhvaya [Hastināpura].
Wort für Wort
dṛṣadvatīṃ cāpy avagāhya suvratāḥ
und in der Dṛṣadvatī gebadet habend, die Gelübdetreuen (Akk./Abs./Nom.Pl.)
kṛtodakāryāḥ kṛtajapyamaṅgalāḥ
nach vollzogener Wasserspende, Murmeln und Segensriten (Nom.Pl.)
upāsya saṃdhyāṃ vidhivat
die Dämmerung nach Vorschrift verehrt habend (Abs./Akk./Adv.)