Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 1: granthaprastāvanā Einleitung des Werkes

Rahmenerzählung: Sūta berichtet den Sehern im Naimiṣa-Wald, wie das Purāṇa über Vyāsa und Vasiṣṭha von Agni selbst stammt. Unterscheidung von höherem und niederem Wissen (parā/aparā vidyā) mit Aufzählung der niederen Wissenschaften. Das Kolophon nennt das Kapitel „praśna“ (Frage). Vers 18 hat drei Halbverse.

śriyaṃ sarasvatīṃ gaurīṃ gaṇeśaṃ skandamīśvaram / brahmāṇaṃ vahnimindrādīn vāsudevaṃ namāmyaham //

Śrī, Sarasvatī, Gaurī, Gaṇeśa, Skanda, Īśvara [Śiva], Brahmā, Vahni [Agni], Indra und die übrigen [Götter] sowie Vāsudeva verehre ich.

Wort für Wort
śriyam
Śrī (Lakṣmī)
sarasvatīm
Sarasvatī
skandam īśvaram
Skanda, den Herrn/Śiva
vahnim indra-ādīn
Agni, Indra und die übrigen
namāmi aham
ich verneige mich

naimiṣe harimījānā ṛṣayaḥ śaunakādayaḥ / tīrthayātrāprasaṅgena svāgataṃ sūtamabruvan //

Im Naimiṣa[-Wald] hießen die Seher, Śaunaka und die übrigen, die [dort] Hari durch Opfer verehrten, den Sūta willkommen, der anlässlich einer Pilgerfahrt zu den heiligen Badeplätzen [gekommen war].

Wort für Wort
naimiṣe
im Naimiṣa-Wald
harim ījānāḥ
Hari durch Opfer verehrend
śaunaka-ādayaḥ
Śaunaka und die übrigen
tīrtha-yātrā-prasaṅgena
anlässlich einer Pilgerfahrt
svāgatam abruvan
sprachen den Willkommensgruß

ṛṣaya ūcuḥ | sūta tvaṃ pūjito 'smābhiḥ sārātsāraṃ vadasva naḥ / yena vijñānamātreṇa sarvajñatvaṃ prajāyate //

Die Seher sprachen: „Sūta, du bist von uns geehrt worden; nenne uns das Wesentlichste vom Wesentlichen, durch dessen bloße Erkenntnis Allwissenheit entsteht.“

Wort für Wort
ṛṣayaḥ ūcuḥ
die Seher sprachen
pūjitaḥ asmābhiḥ
von uns geehrt
sārāt sāram
das Wesentliche vom Wesentlichen
vijñāna-mātreṇa
durch bloßes Erkennen
sarvajñatvam prajāyate
Allwissenheit entsteht

sūta uvāca | sārātsāro hi bhagavān viṣṇuḥ sargādikṛdvibhuḥ / brahmāhamasmi taṃ jñātvā sarvajñatvaṃ prajāyate //

Sūta sprach: „Das Wesentlichste vom Wesentlichen ist ja der erhabene Viṣṇu, der Urheber von Schöpfung usw., der Allgegenwärtige. Hat man ihn erkannt [mit dem Gedanken] ‚Ich bin das Brahman‘, so entsteht Allwissenheit.

Wort für Wort
sūtaḥ uvāca
Sūta sprach
sarga-ādi-kṛt
Bewirker von Schöpfung usw.
vibhuḥ
allgegenwärtig, mächtig
brahma aham asmi
ich bin das Brahman
tam jñātvā
ihn erkannt habend

dve brahmaṇī veditavye śabdabrahma paraṃ ca yat / dve vidye veditavye hi iti cātharvaṇī śrutiḥ //

Zwei Brahman sind zu erkennen: das Wort-Brahman und das, was das höchste ist. ‚Zwei Wissen sind zu erkennen‘ – so lautet auch die atharvavedische Offenbarung.

Wort für Wort
dve brahmaṇī
zwei Brahman (Dual)
veditavye
sind zu erkennen
śabda-brahma
Wort-Brahman (Veda)
dve vidye
zwei Wissen
ātharvaṇī śrutiḥ
atharvavedische Offenbarung

Anspielung auf die Lehre von parā und aparā vidyā (Muṇḍaka-Upaniṣad, Atharvaveda-Tradition).

ahaṃ śukaś ca pailādyā gatvā vadarikāśramam / vyāsaṃ natvā pṛṣṭavantaḥ so 'smān sāramathābravīt //

Ich, Śuka, Paila und die übrigen gingen zur Einsiedelei Badarikā, verneigten uns vor Vyāsa und fragten [ihn]; da sprach er zu uns das Wesentliche.

Wort für Wort
śukaḥ ca paila-ādyāḥ
Śuka und Paila usw.
vadarikā-āśramam
zur Einsiedelei Badarikā
vyāsam natvā
vor Vyāsa verneigt
pṛṣṭavantaḥ
fragten
sāram abravīt
sprach das Wesentliche

vadarikā- = badarikā- (Wechsel b/v).

vyāsa uvāca | śukādyaiḥ śṛṇu sūta tvaṃ vaśiṣṭho māṃ yathābravīt / brahmasāraṃ hi pṛcchantaṃ munibhiś ca parātparam //

Vyāsa sprach: „Höre, Sūta, du mit Śuka und den übrigen, wie Vasiṣṭha zu mir sprach, als ich zusammen mit den Weisen nach dem Wesen des Brahman fragte, dem Höchsten über dem Höchsten.

Wort für Wort
śuka-ādyaiḥ
mit Śuka und den übrigen
vaśiṣṭhaḥ mām yathā abravīt
wie Vasiṣṭha zu mir sprach
brahma-sāram
das Wesen des Brahman
pṛcchantam
(mich) fragend
parāt param
höher als das Höchste

śukādyaiḥ (Instr.) hier als „zusammen mit Śuka usw.“ aufgefasst.

vasiṣṭha uvāca | dvaividhyaṃ brahma vakṣyāmi śṛṇu vyāsākhilānugam / yathāgnirmāṃ purā prāha munibhirdaivataiḥ saha //

Vasiṣṭha sprach: „Das zweifache Brahman, das alles umfasst [?], werde ich darlegen – höre, Vyāsa –, so wie Agni es mir einst zusammen mit den Weisen und den Göttern verkündet hat.

Wort für Wort
dvaividhyam brahma
das zweifache Brahman
vakṣyāmi
ich werde darlegen
akhila-anugam
alles durchdringend/umfassend
agniḥ mām purā prāha
Agni sprach einst zu mir
munibhiḥ daivataiḥ saha
mit Weisen und Göttern

purāṇaṃ paramāgneyaṃ brahmavidyākṣaraṃ param / ṛgvedādyaparaṃ brahma sarvadevasukhāvaham //

Das höchste ist das Āgneya-Purāṇa, die höchste, unvergängliche Brahman-Wissenschaft; der Ṛgveda usw. ist das niedere Brahman, das allen Göttern Wohlergehen bringt.

Wort für Wort
purāṇam param āgneyam
das höchste Āgneya-Purāṇa
brahma-vidyā akṣaram
die Brahman-Lehre, unvergänglich
ṛgveda-ādi
der Ṛgveda usw.
aparam brahma
das niedere Brahman
sarva-deva-sukha-āvaham
allen Göttern Wohl bringend

agninoktaṃ purāṇam yad āgneyaṃ brahmasammitam / bhuktimuktipradaṃ divyaṃ paṭhatāṃ śṛṇvatāṃ nṛṇām //

Das von Agni verkündete Purāṇa, das Āgneya, das dem Veda gleichwertig ist, ist göttlich und gewährt den Menschen, die es lesen und hören, Weltgenuss und Erlösung.

Wort für Wort
agninā uktam
von Agni verkündet
brahma-sammitam
dem Veda gleichwertig
bhukti-mukti-pradam
Genuss und Erlösung gewährend
paṭhatām śṛṇvatām
der Lesenden und Hörenden
nṛṇām
der Menschen

kālāgnirūpiṇam viṣṇuṃ jyotirbrahma parātparam / munibhiḥ pṛṣṭavān devaṃ pūjitaṃ jñānakarmabhiḥ //

Viṣṇu, der die Gestalt des Weltenbrand-Feuers (Kālāgni) hat, das Licht-Brahman, das Höchste über dem Höchsten, den durch Wissen und Werke verehrten Gott, befragte [ich] zusammen mit den Weisen.

Wort für Wort
kāla-agni-rūpiṇam
in Gestalt des Zeit-/Weltenbrand-Feuers
jyotiḥ-brahma
Licht-Brahman
pṛṣṭavān
befragte
pūjitam
verehrt
jñāna-karmabhiḥ
durch Wissen und Werke

Subjekt von pṛṣṭavān ist der Sprecher Vasiṣṭha.

vasiṣṭha uvāca | saṃsārasāgarottāra- nāvaṃ brahmeśvaraṃ vada / vidyāsāraṃ yadviditvā sarvajño jāyate naraḥ //

Vasiṣṭha sprach: „Nenne [mir] das Brahman, den Herrn, das Boot zum Übersetzen über den Ozean des Daseinskreislaufs, das Wesentliche des Wissens, durch dessen Kenntnis der Mensch allwissend wird.“

Wort für Wort
saṃsāra-sāgara-uttāra-nāvam
Boot zum Übersetzen über den Saṃsāra-Ozean
brahma-īśvaram
Brahman als Herrn
vada
sprich, nenne
vidyā-sāram
Essenz des Wissens
sarvajñaḥ jāyate
wird allwissend

brahmeśvaram: „Brahman, den Herrn“ oder „den Herrn Brahmā“ [?].

agnir uvāca | viṣṇuḥ kālāgnirudro 'haṃ vidyāsāraṃ vadāmi te / vidyāsāraṃ purāṇaṃ yat sarvaṃ sarvasya kāraṇaṃ //

Agni sprach: „Ich bin Viṣṇu, der Kālāgni-Rudra; ich verkünde dir das Wesentliche des Wissens. Das Wesentliche des Wissens ist das Purāṇa, das alles ist, die Ursache von allem.

Wort für Wort
agniḥ uvāca
Agni sprach
kāla-agni-rudraḥ
Rudra als Weltenbrand-Feuer
vidyā-sāram vadāmi te
ich nenne dir die Essenz des Wissens
sarvam
alles
sarvasya kāraṇam
Ursache von allem

sargasya pratisargasya vaṃśamanvantarasya ca / vaṃśānucaritādeś ca, matsyakūrmādirūpadhṛk //

[Es handelt] von Schöpfung, Neuschöpfung, Geschlechterfolge, Manu-Perioden und den Taten der Geschlechter usw.; [Viṣṇu] trägt [darin] die Gestalt des Fisches, der Schildkröte usw.

Wort für Wort
sargasya
der Schöpfung
pratisargasya
der Neu-/Wiederschöpfung
vaṃśa-manvantarasya
von Geschlechterfolge und Manu-Periode
vaṃśa-anucarita
Geschichte der Dynastien
matsya-kūrma-ādi-rūpa-dhṛk
Gestalt von Fisch, Schildkröte usw. tragend

Die fünf Kennzeichen (pañcalakṣaṇa) eines Purāṇa.

dve vidye bhagavān viṣṇuḥ parā caivāparā ca ha / ṛgyajuḥsāmātharvākhyā vedāṅgāni ca ṣaḍ dvija //

Zwei Wissen sind der erhabene Viṣṇu: das höhere und das niedere. Die [Veden] namens Ṛg, Yajus, Sāman und Atharvan sowie die sechs Glieder des Veda, o Zweimalgeborener:

Wort für Wort
dve vidye
zwei Wissen
parā ca aparā ca
das höhere und das niedere
ṛg-yajuḥ-sāma-atharva-ākhyāḥ
die Ṛg, Yajus, Sāman, Atharvan genannten
veda-aṅgāni ṣaṭ
die sechs Vedaglieder
dvija
o Zweimalgeborener

śikṣā kalpo vyākaraṇaṃ niruktaṃ jyotiṣāṅgatiḥ / chando 'bhidhānaṃ mīmāṃsā dharmaśāstraṃ purāṇakam //

Phonetik, Ritualkunde, Grammatik, Etymologie, die Lehre vom Lauf der Gestirne, Metrik, Lexikographie, Mīmāṃsā, Rechtslehre, die Purāṇa-Literatur,

Wort für Wort
śikṣā
Phonetik
kalpaḥ
Ritualkunde
vyākaraṇam niruktam
Grammatik, Etymologie
jyotiṣām gatiḥ
Lauf der Gestirne (Astronomie)
chandaḥ abhidhānam
Metrik, Lexikographie
mīmāṃsā dharmaśāstram
Mīmāṃsā, Rechtslehre

jyotiṣāṅgatiḥ: wohl jyotiṣāṃ gatiḥ „Lauf der Gestirne“ (= Astronomie/Astrologie).

nyāyavaidyakagāndharvaṃ dhanurvedo 'rthaśāstrakam / apareyaṃ parā vidyā yayā brahmābhigamyate //

Logik, Medizin, Musik, Bogenkunde [Kriegskunst] und Staatskunst – dies ist das niedere [Wissen]. Das höhere Wissen ist das, durch welches das Brahman erreicht wird,

Wort für Wort
nyāya-vaidyaka-gāndharvam
Logik, Medizin, Musik
dhanurvedaḥ
Bogenkunde, Kriegswissenschaft
arthaśāstrakam
Staatskunst
aparā iyam
dies ist das niedere
yayā brahma abhigamyate
durch das das Brahman erlangt wird

yattadadṛśyamagrāhyam agotracaraṇam dhruvam / viṣṇunoktaṃ yathā mahyaṃ devebhyo brahmaṇā purā / tathā te kathayiṣyāmi hetuṃ matsyādirūpiṇam //

das, was unsichtbar, ungreifbar, ohne Geschlecht (gotra) und Schulzweig (caraṇa), beständig ist. Wie Viṣṇu es mir und wie Brahmā es einst den Göttern verkündet hat, so werde ich dir den Urgrund erzählen, der die Gestalt des Fisches usw. annimmt.

Wort für Wort
adṛśyam agrāhyam
unsichtbar, ungreifbar
agotra-caraṇam
ohne Geschlecht und Schulzweig
dhruvam
fest, beständig
viṣṇunā uktam
von Viṣṇu gesagt
hetum matsya-ādi-rūpiṇam
den Urgrund in Gestalt des Fisches usw.

Vers mit drei Halbversen.

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