Kapitel 1: granthaprastāvanā
Einleitung des Werkes
Rahmenerzählung: Sūta berichtet den Sehern im Naimiṣa-Wald, wie das Purāṇa über Vyāsa und Vasiṣṭha von Agni selbst stammt. Unterscheidung von höherem und niederem Wissen (parā/aparā vidyā) mit Aufzählung der niederen Wissenschaften. Das Kolophon nennt das Kapitel „praśna“ (Frage). Vers 18 hat drei Halbverse.
Im Naimiṣa[-Wald] hießen die Seher, Śaunaka und die übrigen, die [dort] Hari durch Opfer verehrten, den Sūta willkommen, der anlässlich einer Pilgerfahrt zu den heiligen Badeplätzen [gekommen war].
Die Seher sprachen: „Sūta, du bist von uns geehrt worden; nenne uns das Wesentlichste vom Wesentlichen, durch dessen bloße Erkenntnis Allwissenheit entsteht.“
Sūta sprach: „Das Wesentlichste vom Wesentlichen ist ja der erhabene Viṣṇu, der Urheber von Schöpfung usw., der Allgegenwärtige. Hat man ihn erkannt [mit dem Gedanken] ‚Ich bin das Brahman‘, so entsteht Allwissenheit.
dve brahmaṇī veditavye śabdabrahma paraṃ ca yat / dve vidye veditavye hi iti cātharvaṇī śrutiḥ //
Zwei Brahman sind zu erkennen: das Wort-Brahman und das, was das höchste ist. ‚Zwei Wissen sind zu erkennen‘ – so lautet auch die atharvavedische Offenbarung.
Wort für Wort
dve brahmaṇī
zwei Brahman (Dual)
veditavye
sind zu erkennen
śabda-brahma
Wort-Brahman (Veda)
dve vidye
zwei Wissen
ātharvaṇī śrutiḥ
atharvavedische Offenbarung
Anspielung auf die Lehre von parā und aparā vidyā (Muṇḍaka-Upaniṣad, Atharvaveda-Tradition).
vyāsa uvāca | śukādyaiḥ śṛṇu sūta tvaṃ vaśiṣṭho māṃ yathābravīt / brahmasāraṃ hi pṛcchantaṃ munibhiś ca parātparam //
Vyāsa sprach: „Höre, Sūta, du mit Śuka und den übrigen, wie Vasiṣṭha zu mir sprach, als ich zusammen mit den Weisen nach dem Wesen des Brahman fragte, dem Höchsten über dem Höchsten.
Wort für Wort
śuka-ādyaiḥ
mit Śuka und den übrigen
vaśiṣṭhaḥ mām yathā abravīt
wie Vasiṣṭha zu mir sprach
brahma-sāram
das Wesen des Brahman
pṛcchantam
(mich) fragend
parāt param
höher als das Höchste
śukādyaiḥ (Instr.) hier als „zusammen mit Śuka usw.“ aufgefasst.
Vasiṣṭha sprach: „Das zweifache Brahman, das alles umfasst [?], werde ich darlegen – höre, Vyāsa –, so wie Agni es mir einst zusammen mit den Weisen und den Göttern verkündet hat.
Das höchste ist das Āgneya-Purāṇa, die höchste, unvergängliche Brahman-Wissenschaft; der Ṛgveda usw. ist das niedere Brahman, das allen Göttern Wohlergehen bringt.
Das von Agni verkündete Purāṇa, das Āgneya, das dem Veda gleichwertig ist, ist göttlich und gewährt den Menschen, die es lesen und hören, Weltgenuss und Erlösung.
Viṣṇu, der die Gestalt des Weltenbrand-Feuers (Kālāgni) hat, das Licht-Brahman, das Höchste über dem Höchsten, den durch Wissen und Werke verehrten Gott, befragte [ich] zusammen mit den Weisen.
Vasiṣṭha sprach: „Nenne [mir] das Brahman, den Herrn, das Boot zum Übersetzen über den Ozean des Daseinskreislaufs, das Wesentliche des Wissens, durch dessen Kenntnis der Mensch allwissend wird.“
Wort für Wort
saṃsāra-sāgara-uttāra-nāvam
Boot zum Übersetzen über den Saṃsāra-Ozean
brahma-īśvaram
Brahman als Herrn
vada
sprich, nenne
vidyā-sāram
Essenz des Wissens
sarvajñaḥ jāyate
wird allwissend
brahmeśvaram: „Brahman, den Herrn“ oder „den Herrn Brahmā“ [?].
Agni sprach: „Ich bin Viṣṇu, der Kālāgni-Rudra; ich verkünde dir das Wesentliche des Wissens. Das Wesentliche des Wissens ist das Purāṇa, das alles ist, die Ursache von allem.
sargasya pratisargasya vaṃśamanvantarasya ca / vaṃśānucaritādeś ca, matsyakūrmādirūpadhṛk //
[Es handelt] von Schöpfung, Neuschöpfung, Geschlechterfolge, Manu-Perioden und den Taten der Geschlechter usw.; [Viṣṇu] trägt [darin] die Gestalt des Fisches, der Schildkröte usw.
dve vidye bhagavān viṣṇuḥ parā caivāparā ca ha / ṛgyajuḥsāmātharvākhyā vedāṅgāni ca ṣaḍ dvija //
Zwei Wissen sind der erhabene Viṣṇu: das höhere und das niedere. Die [Veden] namens Ṛg, Yajus, Sāman und Atharvan sowie die sechs Glieder des Veda, o Zweimalgeborener:
Logik, Medizin, Musik, Bogenkunde [Kriegskunst] und Staatskunst – dies ist das niedere [Wissen]. Das höhere Wissen ist das, durch welches das Brahman erreicht wird,
das, was unsichtbar, ungreifbar, ohne Geschlecht (gotra) und Schulzweig (caraṇa), beständig ist. Wie Viṣṇu es mir und wie Brahmā es einst den Göttern verkündet hat, so werde ich dir den Urgrund erzählen, der die Gestalt des Fisches usw. annimmt.