Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 155: ācāraḥ Der rechte Lebenswandel

Puṣkara belehrt Paraśurāma (Bhārgava) über die tägliche Lebensführung: Aufstehen, Ausscheidung, Zahnpflege, die sechs Arten des Bades mit den zu rezitierenden vedischen Texten sowie zahlreiche Gebote und Verbote des Alltagsverhaltens. Der Text ist an mehreren Stellen verderbt (v.a. 16, 19, 20, 26, 31); Vers 23a wiederholt 13a. Der Kapiteltitel lautet im Kopf „ācāraḥ“, im Kolophon „ācārādhyāya“.

puṣkara uvāca | brāhme muhūrte cotthāya viṣṇvādīn daivatān smaret / ubhe mūtrapurīṣe tu divā kuryādudaṅmukhaḥ //

Puṣkara sprach: Nachdem man in der Brāhma-Stunde [Anm.: dem Zeitabschnitt vor Sonnenaufgang] aufgestanden ist, soll man der Gottheiten, Viṣṇu an ihrer Spitze, gedenken. Beides, Harn und Kot, soll man bei Tage mit dem Gesicht nach Norden entleeren,

Wort für Wort
puṣkaraḥ uvāca
Puṣkara sprach
brāhme muhūrte
in der Brāhma-Stunde
utthāya
nachdem man aufgestanden ist
viṣṇu-ādīn daivatān smaret
soll der Gottheiten mit Viṣṇu an der Spitze gedenken
mūtra-purīṣe
Harn und Kot
udaṅmukhaḥ
nach Norden gewandt

rātau ca dakṣiṇe kuryādubhe sandhye yathā divā / na mārgādau jale vīpyāṃ satṛṇāyāṃ sadācaret //

bei Nacht aber nach Süden gewandt; in den beiden Dämmerungen wie bei Tage. Nicht auf dem Weg und dergleichen, nicht im Wasser, nicht in einem Wasserbecken und nicht auf grasbewachsenem Boden soll man es je tun.

Wort für Wort
rātrau
in der Nacht
dakṣiṇe
nach Süden
ubhe sandhye
in beiden Dämmerungen
mārga-ādau
auf dem Weg usw.
vāpyām
in einem Wasserbecken
sa-tṛṇāyām
auf grasbewachsenem [Boden]

vīpyām wohl für vāpyām (Wasserbecken, Teich).

śaucaṃ kṛtvā mṛdācamya bhakṣayeddantadhāvanaṃ / nityaṃ naimittikaṃ kāmyaṃ kriyāṅgaṃ malakarṣaṇaṃ //

Nachdem man die Reinigung mit Erde vollzogen und den Mund gespült hat, soll man das Zahnholz kauen. Das tägliche (nitya), das anlassbedingte (naimittika), das wunschbedingte (kāmya), das als Teil eines Ritus [vollzogene] (kriyāṅga), das schmutzentfernende (malakarṣaṇa)

Wort für Wort
śaucam kṛtvā
nach vollzogener Reinigung
mṛdā
mit Erde
ācamya
nach dem Mundspülen
bhakṣayet danta-dhāvanam
soll das Zahnholz kauen
nityam naimittikam kāmyam
täglich, anlassbedingt, wunschbedingt
mala-karṣaṇam
schmutzentfernend

kriyāsnānaṃ tathā ṣaṣṭhaṃ ṣoḍhāsnānaṃ prakīrtitaṃ / asnātasyāphalaṃ karma prātaḥsnānaṃ carettataḥ //

und als sechstes das Ritualbad (kriyāsnāna): so wird das sechsfache Bad gelehrt. Die [rituelle] Handlung eines Ungebadeten ist fruchtlos; daher soll man das Morgenbad vollziehen.

Wort für Wort
kriyā-snānam
Ritualbad
ṣaṣṭham
als sechstes
ṣoḍhā-snānam
sechsfaches Bad
asnātasya
eines Ungebadeten
aphalam karma
fruchtlose Handlung
prātaḥ-snānam
Morgenbad

bhūmiṣṭhamuddhṛtāt puṇyaṃ tataḥ prasravaṇodakaṃ / tato 'pi sārasaṃ puṇyaṃ tasmānnādeyamucyate //

Wasser, das im Boden steht, ist reiner als geschöpftes; reiner als dieses ist Quellwasser; reiner noch als dieses ist Teichwasser; reiner als dieses heißt Flusswasser.

Wort für Wort
bhūmi-stham
im Boden stehend
uddhṛtāt
als geschöpftes
puṇyam
reiner, heiliger
prasravaṇa-udakam
Quellwasser
sārasam
Teichwasser
nādeyam
Flusswasser

tīrthatoyaṃ tataḥ puṇyaṃ gāṅgaṃ puṇyantu sarvataḥ / saṃśodhitamalaḥ pūrvaṃ nimagnaś ca jalāśaye //

Reiner als dieses ist das Wasser eines Tīrtha (Wallfahrtsbadeplatzes); das Wasser der Gaṅgā aber ist das reinste von allen. Nachdem man zuvor den Schmutz entfernt hat und im Gewässer untergetaucht ist,

Wort für Wort
tīrtha-toyam
Wasser eines Tīrtha
gāṅgam
Gaṅgā-Wasser
sarvataḥ
vor allem, von allen
saṃśodhita-malaḥ
der den Schmutz entfernt hat
nimagnaḥ
untergetaucht
jalāśaye
im Gewässer

upaspṛśya tataḥ kuryādambhasaḥ parimārjanaṃ / hiraṇyavarṇāstisṛbhiḥ śanno devīti cāpyatha //

soll man, nachdem man Wasser berührt [und den Mund gespült] hat, die Besprengung mit Wasser vollziehen, mit den drei [Versen] „hiraṇyavarṇāḥ“ und dann mit „śaṃ no devīḥ“,

Wort für Wort
upaspṛśya
nach der Wasserberührung
ambhasaḥ parimārjanam
Besprengung mit Wasser
hiraṇyavarṇāḥ
„hiraṇyavarṇāḥ“ (Versanfang)
tisṛbhiḥ
mit drei [Versen]
śam naḥ devī iti
„śaṃ no devīḥ“

āpohiṣṭheti tisṛbhiridamāpastathaiva ca / tato jalāśaye magnaḥ kuryādantarjalaṃ japaṃ //

mit den drei [Versen] „āpo hi ṣṭhā“ und ebenso mit „idam āpaḥ“. Darauf soll man, im Gewässer untergetaucht, die Rezitation unter Wasser vollziehen.

Wort für Wort
āpaḥ hi ṣṭha iti
„āpo hi ṣṭhā“
idam āpaḥ
„idam āpaḥ“
magnaḥ
untergetaucht
antar-jalam japam
Rezitation unter Wasser

tatrāghamarṣaṇaṃ sūktaṃ drupadāṃ vā tathā japet / yuñjate mana ity evaṃ sūktaṃ sūktaṃ vāpyatha pauruṣaṃ //

Dort soll man den Aghamarṣaṇa-Hymnus oder ebenso die Drupadā[-Strophe] murmeln, oder den Hymnus „yuñjate manaḥ“ oder auch den Puruṣa-Hymnus.

Wort für Wort
tatra
dort
aghamarṣaṇam sūktam
Aghamarṣaṇa-Hymnus
drupadām
die Drupadā-Strophe
japet
soll murmeln
yuñjate manaḥ iti
„yuñjate manaḥ“
pauruṣam
den Puruṣa-Hymnus

gāyatrīṃ tu viśeṣeṇa aghamarṣaṇasūktake / devatā bhāvavṛttastu ṛṣiś caivāghamarṣaṇaḥ //

Besonders aber die Gāyatrī. Beim Aghamarṣaṇa-Hymnus ist die Gottheit Bhāvavṛtta und der Seher Aghamarṣaṇa;

Wort für Wort
gāyatrīm
die Gāyatrī
viśeṣeṇa
besonders
devatā
die Gottheit
bhāvavṛttaḥ
Bhāvavṛtta
ṛṣiḥ
der Seher

chandaścānuṣṭubhaṃ tasya bhāvavṛtto hariḥ smṛtaḥ / āpīḍamānaḥ śāṭīṃ tu devatāpitṛtarpaṇaṃ //

sein Versmaß ist die Anuṣṭubh; Bhāvavṛtta gilt als Hari. Während man das Gewand auswringt, [vollziehe man] die Tränkung (tarpaṇa) der Götter und Ahnen.

Wort für Wort
chandaḥ
Versmaß
ānuṣṭubham
Anuṣṭubh
hariḥ smṛtaḥ
gilt als Hari
āpīḍamānaḥ śāṭīm
das Gewand auswringend
deva-pitṛ-tarpaṇam
Tränkung der Götter und Ahnen

pauruṣeṇa tu sūktena dadeccaivodakāñjaliṃ / tato 'gnihavanaṃ kuryāddānaṃ datvā tu śaktitaḥ //

Mit dem Puruṣa-Hymnus soll man eine Handvoll Wasser darbringen. Danach soll man, nachdem man nach Vermögen Gaben gespendet hat, das Feueropfer vollziehen.

Wort für Wort
pauruṣeṇa sūktena
mit dem Puruṣa-Hymnus
dadyāt udaka-añjalim
soll eine Handvoll Wasser geben
agni-havanam
Feueropfer
dānam datvā
nach dem Spenden von Gaben
śaktitaḥ
nach Vermögen

tataḥ samabhigaccheta yogākṣemārthamīśvaraṃ / āsanaṃ śayanaṃ yānaṃ jāyāpatyaṅkamaṇḍaluḥ //

Dann soll man sich um Erwerb und Erhalt (yogakṣema) willen zu einem Herrn begeben. Sitz, Lager, Fahrzeug, Gattin, Kind, Wasserkrug —

Wort für Wort
samabhigaccheta
soll hingehen
yoga-kṣema-artham
um Erwerb und Erhalt willen
īśvaram
zu einem Herrn
āsanam śayanam yānam
Sitz, Lager, Fahrzeug
jāyā-apatya-kamaṇḍaluḥ
Gattin, Kind, Wasserkrug

ātmanaḥ śuciretāni pareṣāṃ na śucirbhavet / bhārākrāntasya gurviṇyāḥ panthā deyo guruṣvapi //

diese sind [nur] die eigenen rein, die anderer sind nicht rein. Einem mit einer Last Beladenen und einer Schwangeren ist der Weg freizugeben, [ebenso] Respektspersonen.

Wort für Wort
ātmanaḥ
die eigenen
śuciḥ
rein
pareṣām
die anderer
bhāra-ākrāntasya
einem Lastbeladenen
gurviṇyāḥ
einer Schwangeren
panthāḥ deyaḥ
der Weg ist freizugeben

na paśyeccārkamudyantannāstaṃ yāntaṃ na cāmbhasi / nekṣennagnāṃ striyaṃ kūpaṃ śūnāsthānamaghaughinaṃ //

Man soll die aufgehende Sonne nicht anblicken, auch nicht die untergehende und nicht [ihr Bild] im Wasser. Man soll nicht blicken auf eine nackte Frau, einen Brunnen [?], einen Schlachtplatz, einen mit Sünden Beladenen.

Wort für Wort
arkam udyantam
die aufgehende Sonne
astam yāntam
die untergehende
na īkṣet
soll nicht anblicken
nagnām striyam
eine nackte Frau
śūnā-sthānam
Schlachtplatz
agha-oghinam
einen Sündenbeladenen

kārpāsāthi tayā bhasma nākrāmed yacca kutsitaṃ / antaḥpuraṃ vittigṛhaṃ paradautyaṃ brajenna hi //

Auf Baumwollsamen, Knochen, Spreu [?], Asche und was sonst verächtlich ist, soll man nicht treten. Man soll nicht in den Frauenpalast, nicht in das Schatzhaus gehen und keinen Botendienst für andere übernehmen.

Wort für Wort
kārpāsa-asthi
Baumwollsamen, Knochen
bhasma
Asche
na ākrāmet
soll nicht betreten
antaḥpuram
Frauenpalast
vitta-gṛham
Schatzhaus
para-dautyam
Botendienst für andere

Verderbt: „kārpāsāthi tayā bhasma“; gelesen als kārpāsa-asthi-tuṣa-bhasma (Baumwollsamen, Knochen, Spreu, Asche). vittigṛha wohl für vittagṛha.

nārohedviṣamānnāvanna vṛkṣaṃ na ca parvataṃ / arthāyatanaśāstreṣu tathaiva syāt kutūhalī //

Man soll kein unsicheres Boot besteigen, keinen Baum und keinen Berg. In den Lehren über die Quellen des Wohlstands [?] soll man ebenso wissbegierig sein.

Wort für Wort
na ārohet
soll nicht besteigen
viṣamām nāvam
ein unsicheres Boot
vṛkṣam parvatam
Baum, Berg
artha-āyatana-śāstreṣu
in den Lehren über die Quellen des Wohlstands
kutūhalī
wissbegierig

arthāyatana unklar (‚Quelle/Stätte des Nutzens‘).

loṣṭamardo tṛṇacchedī nakhakhādī vinaśyati / mukhādivādanaṃ nehed vinā dīpaṃ na rātrigaḥ //

Wer Erdklumpen zerdrückt, Gras abreißt, an den Nägeln kaut, geht zugrunde. Man soll nicht mit dem Mund oder dergleichen Musik machen [Anm.: etwa pfeifen]; ohne Lampe soll man nachts nicht gehen.

Wort für Wort
loṣṭa-mardī
Erdklumpenzerdrücker
tṛṇa-cchedī
Grasabreißer
nakha-khādī
Nägelkauer
vinaśyati
geht zugrunde
mukha-ādi-vādanam
Musizieren mit dem Mund usw.
vinā dīpam
ohne Lampe

nādvāreṇa viśedveśma na ca vaktraṃ virāgayet / kathābhaṅgaṃ na kurvīta na ca vāsoviparyayaṃ //

Man soll ein Haus nicht anders als durch die Tür betreten und das Gesicht nicht verziehen [?]. Man soll ein Gespräch nicht unterbrechen und die Kleidung nicht vertauschen.

Wort für Wort
na advāreṇa
nicht durch einen Nicht-Eingang
viśet veśma
soll ein Haus betreten
vaktram
das Gesicht
kathā-bhaṅgam
Unterbrechung des Gesprächs
vāsaḥ-viparyayam
Vertauschen der Kleidung

virāgayet: wörtl. ‚entfärben, verstimmen‘; Sinn unsicher.

bhadraṃ bhadramiti brūyānnāniṣṭaṃ kīrtayet kvacit / pālāśamāsanaṃ varjyaṃ devādicchāyayā vrajet //

„Gut, gut!“ soll man sagen; Unerwünschtes soll man niemals aussprechen. Ein Sitz aus Palāśa-Holz ist zu meiden; im Schatten von Götter[bildern] und dergleichen soll man [nicht] gehen [?].

Wort für Wort
bhadram bhadram iti
„Gut, gut!“
brūyāt
soll sagen
aniṣṭam
Unerwünschtes
pālāśam āsanam
Sitz aus Palāśa-Holz
varjyam
zu meiden
deva-ādi-chāyayā
im Schatten von Göttern usw.

Die Negation in 20d fehlt im Text; vermutlich aus dem Kontext (varjyam) zu ergänzen.

na madhye pūjyayoryāyāt nocchiṣṭastārakādidṛk / nadyānnānyāṃ nadīṃ brūyānna kaṇḍūyed dvihastakaṃ //

Man soll nicht zwischen zwei Verehrungswürdigen hindurchgehen; als Unreiner (ucchiṣṭa) soll man nicht auf Sterne und dergleichen blicken. An einem Fluss soll man keinen anderen Fluss nennen [Anm.: d.h. nicht rühmen]; man soll sich nicht mit beiden Händen kratzen.

Wort für Wort
madhye pūjyayoḥ
zwischen zwei Verehrungswürdigen
ucchiṣṭaḥ
als Unreiner
tāraka-ādi-dṛk
Sterne usw. anblickend
nadyām
an einem Fluss
na kaṇḍūyet
soll sich nicht kratzen
dvi-hastakam
mit beiden Händen

asantarpya pitṝn devānnadīpārañca na vrajet / malādiprakṣipennāpsu na nagnaḥ snānamācaret //

Ohne Ahnen und Götter getränkt zu haben, soll man nicht an das andere Ufer eines Flusses gehen. Man soll Schmutz und dergleichen nicht ins Wasser werfen und nicht nackt baden.

Wort für Wort
asantarpya
ohne getränkt zu haben
pitṝn devān
Ahnen und Götter
nadī-pāram
das andere Flussufer
mala-ādi
Schmutz usw.
apsu
ins Wasser
nagnaḥ snānam
nacktes Baden

tataḥ samabhigaccheta yogakṣemārthamīśvaraṃ / srajannātmanāppanayet kharādikarajastyajet //

Dann soll man sich um Erwerb und Erhalt willen zu einem Herrn begeben. Einen Kranz soll man nicht selbst abnehmen; den Staub von Eseln und dergleichen soll man meiden.

Wort für Wort
yogakṣema-artham
um Erwerb und Erhalt willen
srajam
einen Kranz
na ātmanā apanayet
soll nicht selbst abnehmen
khara-ādika-rajaḥ
Staub von Eseln usw.
tyajet
soll meiden

23a wiederholt wörtlich 13a. srajannātmanāppanayet gelesen als srajaṃ nātmanāpanayet.

hīnānnāvahaset gacchennādeśe niyasecca taiḥ / vaidyarājanadīhīne mlecchastrībahunāyake //

Man soll Niedrige nicht verlachen; man soll nicht in ein ungeeignetes Land gehen und nicht mit ihnen wohnen; [nicht in einem Land] ohne Arzt, König und Fluss, [nicht in einem,] das von Barbaren, Frauen oder vielen Herren beherrscht wird.

Wort für Wort
hīnān
Niedrige
na avahaset
soll nicht verlachen
adeśe
in einem ungeeigneten Land
vaidya-rāja-nadī-hīne
ohne Arzt, König, Fluss
mleccha-strī-bahu-nāyake
von Barbaren, Frauen, vielen Herren beherrscht

niyasec wohl für nivaset.

rajasvalādipatitair na bhāṣeta keśavaṃ smaret / nāsaṃvṛtamukhaḥ kuryāddhāsaṃ jṛmbhāṃ tathā kṣutaṃ //

Mit Menstruierenden und dergleichen und mit Gefallenen soll man nicht sprechen; [sonst] gedenke man des Keśava. Nicht mit unbedecktem Mund soll man lachen, gähnen und niesen.

Wort für Wort
rajasvalā-ādi
Menstruierende usw.
patitaiḥ
mit Gefallenen
na bhāṣeta
soll nicht sprechen
keśavam smaret
soll Keśavas gedenken
asaṃvṛta-mukhaḥ
mit unbedecktem Mund
jṛmbhām kṣutam
Gähnen, Niesen

prabhorapyavamanaṃ khadgopayedvacanaṃ budhaḥ / indriyāṇāṃ nānukūlī vedarodhaṃ na kārayet //

Eine Kränkung, selbst durch den Herrn, und [dessen vertrauliche] Worte soll der Weise geheim halten. Man soll den Sinnen nicht willfährig sein und den Drang [der natürlichen Ausscheidungen] nicht unterdrücken.

Wort für Wort
prabhoḥ api
selbst des Herrn
avamānam
Kränkung
gopayet
soll geheim halten
indriyāṇām
den Sinnen
na anukūlī
nicht willfährig
vega-rodham
Unterdrückung des Drangs

khadgopayed gelesen als ca gopayed; vedarodham als vegarodham.

nopekṣitavyo vyādhiḥ syādripuralpo 'pi bhārgava / rathyātigaḥ sadācāmet vibhṛyānnāgnivāriṇī //

Eine Krankheit ist nicht zu vernachlässigen, ebenso wenig ein Feind, sei er auch klein, o Bhārgava. Wer über eine Straße gegangen ist, soll stets den Mund spülen. Man soll Feuer und Wasser nicht [zugleich] tragen.

Wort für Wort
na upekṣitavyaḥ
nicht zu vernachlässigen
vyādhiḥ
Krankheit
ripuḥ alpaḥ api
ein Feind, auch ein kleiner
rathyā-atigaḥ
wer eine Straße überquert hat
ācāmet
soll den Mund spülen
agni-vāriṇī
Feuer und Wasser

na huṅkuryācchivaṃ pūjyaṃ pādaṃ pādena nākramet / pratyakṣaṃ vā parokṣaṃ vā kasya cinnāpriyaṃ vadet //

Gegen Śiva und Verehrungswürdige soll man keinen verächtlichen „huṃ“-Laut ausstoßen [?]; man soll nicht mit einem Fuß auf den anderen treten. Weder in dessen Gegenwart noch in dessen Abwesenheit soll man über irgendwen Unliebsames sagen.

Wort für Wort
na huṅkuryāt
soll nicht „huṃ“ sagen
śivam pūjyam
Śiva, den Verehrungswürdigen
pādam pādena
Fuß mit Fuß
pratyakṣam parokṣam
in Gegenwart oder Abwesenheit
apriyam vadet
Unliebsames sagen

vedaśāstranarendrarṣidevanindāṃ vivarjayet / strīṇāmīrṣā na kartavyā triśvāsantāsu varjayet //

Tadel an Veda, Lehrbüchern, Königen, Sehern und Göttern soll man meiden. Gegen Frauen soll man keine Eifersucht hegen, und Vertrauen in sie soll man meiden.

Wort für Wort
veda-śāstra-narendra-ṛṣi-deva-nindām
Tadel an Veda, Lehrbüchern, Königen, Sehern, Göttern
vivarjayet
soll meiden
strīṇām īrṣyā
Eifersucht gegen Frauen
viśvāsam tāsu
Vertrauen in sie

triśvāsam wohl für viśvāsam.

dharmaśrutiṃ devaratiṃ kuryāddharmādi nityaśaḥ / somasya pūjāṃ janmarkṣe vipradevādipūjanaṃ //

Das Anhören der Lehre, Liebe zu den Göttern und die Übung von Dharma und dergleichen soll man beständig pflegen; [ferner] die Verehrung Somas am Geburtsgestirn und die Verehrung von Brahmanen, Göttern und dergleichen.

Wort für Wort
dharma-śrutim
Anhören der Lehre
deva-ratim
Liebe zu den Göttern
nityaśaḥ
beständig
somasya pūjām
Verehrung Somas
janma-ṛkṣe
am Geburtsgestirn
vipra-deva-ādi-pūjanam
Verehrung von Brahmanen, Göttern usw.

ṣaṣṭhīcaturdaśyaṣṭamyāmabhyaṅgaṃ varjayettathā / dūrādgṛhān mūtraviṣṭhe nottamaivairamācaret //

Am sechsten, vierzehnten und achten [Mondtag] soll man ebenso das Einsalben mit Öl meiden. Harn und Kot [entleere man] fern vom Haus; mit Höhergestellten soll man keine Feindschaft pflegen.

Wort für Wort
ṣaṣṭhī-caturdaśī-aṣṭamyām
am 6., 14., 8. Mondtag
abhyaṅgam
Öleinsalbung
dūrāt gṛhāt
fern vom Haus
mūtra-viṣṭhe
Harn und Kot
uttamaiḥ vairam
Feindschaft mit Höhergestellten

nottamaivairam gelesen als nottamair vairam.

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