Kapitel 342: śabdālaṅkāranirūpaṇam
Darlegung der Wortfiguren
Das Kapitel behandelt die Wortfiguren: Anuprāsa mit den fünf Stilarten (madhurā, lalitā, prauḍhā, bhadrā, paruṣā) und regionalen Stilen, Yamaka mit seinen Unterarten, die Wortwiederholung, die sieben Arten des citra (Frage, Rätsel, gupta, cyuta, datta, cyutadatta, samasyā) sowie das duṣkara mit den Figurengedichten (bandha: gomūtrikā, sarvatobhadra, Lotus, Rad, daṇḍa, muraja usw.). Im Eingabetitel steht verderbt „agnirucāca“ (für agnir uvāca), während V. 1 keine Sprecherangabe hat; der Titel wurde aus dem Kolophon übernommen. Die technischen Anweisungen zu den Figuren (V. 41-63) sind stellenweise stark verderbt und nur annähernd übersetzbar; V. 20 ist in der Quelle als verderbt markiert.
Anuprāsa (Alliteration) ist die Wiederholung von Lauten in Wort und Satz. Die Lautgruppe ist zweifach, nach der Wiederholung eines einzigen Lautes oder mehrerer Laute.
Wort für Wort
syāt āvṛttiḥ anuprāsaḥ
Anuprāsa ist Wiederholung
varṇānām
der Laute
pada-vākyayoḥ
in Wort und Satz
eka-varṇa-aneka-varṇa-āvṛtteḥ
aus Wiederholung eines oder mehrerer Laute
dvidhā
zweifach
Keine Sprecherangabe; das „agnir uvāca“ ist in der Digitalisierung in den Kapiteltitel geraten (dort „agnirucāca“). varṇaguṇo wohl = varṇagaṇo.
Aus der Wiederholung eines einzelnen Lautes entstehen fünf Stilarten (vṛtti): madhurā (lieblich), lalitā (anmutig), prauḍhā (kraftvoll), bhadrā (gefällig) samt paruṣā (rau).
Bei der madhurā: Klassenkonsonanten, denen der Nasal ihrer Klasse vorangeht; r und ṇ, [jeweils] durch einen kurzen Vokal getrennt [?]; die Verbindung zweier n.
Wort für Wort
madhurāyāḥ
bei der lieblichen
varga-antāt adhaḥ vargyāḥ
Klassenlaute unter dem Klassennasal
raṇau
r und ṇ
hrasva-svareṇa antaritau
durch kurzen Vokal getrennt
saṃyuktatvam nakārayoḥ
Verbindung zweier n
Deutung von vargāntād adho vargyāḥ als Nasal + Verschlusslaut derselben Klasse; svanau unsicher.
na kāryā vargyavarṇānāmāvṛttiḥ pañcamādhikā / mahāprāṇoṣmasaṃyogapravimuktalaghūttarau //
Die Wiederholung von Klassenlauten soll nicht öfter als fünfmal geschehen; [sie seien] frei von Verbindungen mit Aspiraten und Zischlauten, mit leichten [Silben] danach [?].
Die lalitā ist reich an b und l; die prauḍhā ist die aus der p-Klasse und ṇ [?] entstehende; [in ihr] werden die Laute der ṭ-Klasse außer dem Nasal oben mit r verbunden.
anyathāpi gururvarṇaḥ saṃyukteparipanthini / pāruṣyāyādimāṃstatra pūjitā na tu pañcamo //
Auch sonst ist eine schwere Silbe, wenn eine Konsonantenverbindung [als] Hindernis [folgt, rau]; für die Rauheit ist dabei der erste [Laut der Klasse] geschätzt, nicht aber der fünfte.
Drāvaṇī und Mādhavī – [diese entstehen] der Reihe nach durch die fünf Klassenlaute, die Halbvokale und die Zischlaute. Die Wiederholung mehrerer Laute, die verschiedene Bedeutungen ausdrückt,
Wort für Wort
drāvaṇī mādhavī
Drāvaṇī, Mādhavī
pañca-varṇa-antastha-ūṣmabhiḥ
durch fünf Klassenlaute, Halbvokale, Zischlaute
kramāt
der Reihe nach
aneka-varṇa-āvṛttiḥ
Wiederholung mehrerer Laute
bhinna-artha-pratipādikā
verschiedene Bedeutung ausdrückend
Zuordnung der sieben Namen zu den Lautgruppen im Einzelnen unklar.
ist Yamaka; sie ist zweifach: unmittelbar (avyapeta) und getrennt (vyapeta). Unmittelbar aufgrund des direkten Aufeinanderfolgens, getrennt aufgrund eines Zwischenraums.
Durch die Zweiheit dieser beiden und durch den Unterschied von Stelle (sthāna) und Versviertel (pāda) ist es vierfach; durch die Setzung am Anfang, in der Mitte und am Ende in einem, zwei oder drei [Vierteln]
saptadhā saptapūrveṇa cet pādenottarottaraḥ / ekadvitripadārambhastulyaḥ ṣoḍhā tadāparaṃ //
[ist es] siebenfach, wenn der jeweils folgende [Pāda] mit dem vorangehenden [übereinstimmt]; die andere [Art], die bei einem, zwei oder drei Pādas gleich beginnt, ist sechsfach.
Wort für Wort
saptadhā
siebenfach
pūrveṇa pādena
mit dem vorangehenden Viertel
uttara-uttaraḥ
der jeweils folgende
eka-dvi-tri-pada-ārambhaḥ tulyaḥ
gleicher Anfang bei ein, zwei, drei Pādas
ṣoḍhā tadā aparam
die andere sechsfach
Technische Stelle, Text wohl gestört (saptadhā saptapūrveṇa); Übersetzung unsicher [?].
tṛtīyaṃ trividhaṃ pādasyādimadhyāntagocaram / pādāntayamakañcaiva kāñcīyamakameva ca //
Die dritte [Art] ist dreifach und betrifft Anfang, Mitte und Ende des Pāda. [Ferner:] Pādānta-Yamaka (am Viertelende) und Kāñcī-Yamaka (Gürtel-Yamaka),
Die Wiederholung eines selbständigen oder eines unselbständigen Wortes ist zweifach. Die Wiederholung eines Wortes mit verschiedenem Zweck kennen die Menschen [ebenfalls als Anuprāsa].
Wort für Wort
svatantrasya anyatantrasya
des selbständigen und des abhängigen
padasya āvartanā dvidhā
Wiederholung des Wortes zweifach
bhinna-prayojana-padasya
eines Wortes mit anderem Zweck
āvṛttim manujāḥ viduḥ
die Wiederholung kennen die Menschen
Gemeint ist offenbar die Wortwiederholung mit verändertem Bezug (später lāṭānuprāsa genannt).
Bei zwei wiederholten Wörtern ist sie „zusammengesetzt“ (samastā), wenn sie in einem Kompositum stehen; ohne Kompositum ist sie „getrennt“ (vyastā) – im selben Pāda aber durch Auflösung [des Kompositums].
und samasyā (Ergänzungsaufgabe) – [das sind] seine sieben Arten. Wo auf die Befragung nach einem mehrdeutigen [Wort] eine Antwort mit gleicher Lautanordnung gegeben wird,
sa praśnaḥ syādekapṛṣṭadvipṛṣṭottarabhedataḥ / dvidhaikapṛṣṭo dvividhaḥ samasto vyasta eva ca //
das ist praśna; nach dem Unterschied der Antwort auf eine einfache oder eine doppelte Frage ist sie zweifach; die einfach gefragte ist [wiederum] zweifach: zusammengesetzt und getrennt.
dvayorapyarthayorguhyamānaśabdā prahelikā / sā dvidhārtho ca śābdī ca tatrārthī cārthabodhataḥ //
Prahelikā (Rätsel) ist, wo bei beiden Bedeutungen die Wörter verborgen werden; sie ist zweifach: bedeutungsbezogen (ārthī) und wortbezogen (śābdī); die ārthī aufgrund des Erkennens der Bedeutung,
die śābdī aufgrund des Erkennens des Wortes; man nennt die prahelikā sechsfach. Wo, auch wenn ein Satzglied verborgen ist, die zu erschließende Bedeutung nicht die eigentliche ist,
wobei die Satzerwartung von diesem Glied bestimmt ist – das ist gupta (verborgen), auch gūḍha genannt. Wo durch Wegfall eines Satzgliedes und dergleichen eine andere Bedeutung aufscheint,
tadaṅgavihitākāṅkṣastaccutaṃ syāccaturvidham / svaravyañjanavindūnāṃ visargasya ca vicyuteḥ //
wobei die Erwartung von diesem Glied bestimmt ist – das ist cyuta (weggelassen); es ist vierfach: durch Wegfall eines Vokals, eines Konsonanten, des Anusvāra (bindu) oder des Visarga.
Wo, auch wenn ein Satzglied hinzugefügt wird, eine zweite Bedeutung verstanden wird, nennt man das datta (hinzugefügt); seine Arten gelten wie zuvor nach Vokal und dergleichen.
Ein wohlgefügter einzelner Vers, der aus Teilen mehrerer Strophen gebildet ist, ist samasyā; [sie ist] die eines anderen oder die von Selbst und Anderem, wegen der Vermischung der Werke von Selbst und Anderem.
Das mit äußerster Mühe Verfertigte, das die Fähigkeit des Dichters anzeigt, ist duṣkara (schwer auszuführen); selbst wenn es ohne Rasa ist, ist es für die Kenner ein großes Fest.
Es ist dreifach: aus Beschränkung (niyama), aus Wahl (vikalpa) und aus Figur (bandha). Niyama gilt als das Gelöbnis des Dichters, [eine Silbe] mit reizvoller Wirkung [zu verwenden] [?].
Wort für Wort
niyamāt
aus Beschränkung
vikalpāt
aus Wahl
bandhāt
aus Figur
kaveḥ pratijñā
Gelöbnis des Dichters
nirmāṇa-ramyasya
der reizvollen Gestaltung
vidarbhāc ca wohl verderbt für vikalpāc ca (vgl. V. 34).
sthānenāpi svareṇāpi vyañjanenāpi sa tridhā / vikalpaḥ prātilomyānulomyādevābhidhīyate //
Dieser (niyama) ist dreifach: nach Artikulationsstelle, nach Vokal und nach Konsonant. Vikalpa wird als aus Rückläufigkeit und Vorwärtsläufigkeit bestehend bezeichnet.
Rückläufigkeit und Vorwärtsläufigkeit entstehen nach dem Wort und nach der Bedeutung. Die kunstvolle Gestaltung durch vielfach wiederholte Anordnungen von Silben
cakra (Rad), cakrābjaka (Radlotus), daṇḍa (Stab) und muraja (Trommel) – so achtfach. [Die gomūtrikā hat] halbstrophenweise oder viertelweise an jeder zweiten Stelle gleiche Silben;
dvidhā gomūtrikāṃ pūrvāmāhuraśvapadāṃ pare / antyāṅgomūtrikāṃ dhenuṃ jālabandhaṃ vadanti hi //
diese erste gomūtrikā nennen sie zweifach, andere nennen sie aśvapadā (Pferdeschritt); die letzte gomūtrikā nennen sie dhenu (Kuh) und jālabandha (Netzfigur).
ardhābhyāmardhapādaiś ca kuryādvinyāsametayoḥ / nyastānāmiha varṇānāmadhodhaḥ kramabhāgināṃ //
Die Anordnung dieser beiden mache man mit Halbstrophen und mit Halbvierteln. [Beim ardhabhramaṇa:] Von den hier untereinander der Reihe nach gesetzten Silben
– von den untereinander stehenden Silben – führe man [die Lesung] bis zum vierten Pāda; vom vierten Pāda führe man das Halbviertel rückläufig nach oben.
Die letzte [Silbe] des vorangehenden Pāda [steht] rückläufig am Anfang des folgenden Pāda, und die letzten des letzten Pāda am Anfang des ersten Pāda: zwei Silben
karṇikāyāṃ likhedekaṃ dve dve dikṣu vidikṣu ca / praveśanirgamau dikṣu kuryādaṣṭacchade 'mbuje //
In die Samenkapsel schreibe man eine [Silbe], je zwei in die Haupt- und Zwischenrichtungen; beim achtblättrigen Lotus mache man Eintritt und Austritt in den Hauptrichtungen.
ayujo 'śvayujaś caiva turyāvapyaṣṭamāvapi / tasyopapādaprākpratyagareṣu ca yathākramaṃ //
[ebenso] die ungeraden und die geraden [Pādas] [?], auch die vierten und die achten [Silben]; und in dessen Nebenvierteln in den vorderen und hinteren Speichen der Reihe nach
Wort für Wort
ayujaḥ
die ungeraden
turyau api aṣṭamau api
auch die vierten und achten
upapāda
Nebenviertel [?]
prāk-pratyak-areṣu
in vorderen und hinteren Speichen
yathā-kramam
der Reihe nach
Stark gestörte technische Stelle (aśvayujaḥ, upapāda); Übersetzung nur annähernd.
seien die vier Halbviertel; in die Nabe dessen erste Silbe; man führe [die Schrift] bis zur westlichen Speiche; in den Radkranz (nemi) im Übrigen zwei Viertel.
den dritten am Ende des vierten Pāda. [Beim sechsspeichigen:] Die ersten beiden Silben sind gleich, auch bei den drei Pādas; wenn die zehnte gleich ist,
In die zwei einander gegenüberliegenden Speichen schreibe man der Reihe nach je einen Pāda; in die Nabe aber die zehnte Silbe; in den Radkranz führe man den vierten Pāda.
[Beim Radlotus:] Die erste, die letzte und die zehnte Silbe der Strophe sind gleich; die erste und letzte der geraden [Pādas]; am Anfang die Silbe gleich; die vierte und fünfte des ersten und des vierten [Pāda].
Wort für Wort
ślokasya ādi-anta-daśamāḥ samāḥ
erste, letzte, zehnte Silbe der Strophe gleich
ādi-antimau yujoḥ
erste und letzte der geraden
turya-pañcamau
die vierte und fünfte
ādya-turyayoḥ
des ersten und vierten
ādyataryayoḥ = ādyaturyayoḥ. Zuordnung zu den Figuren unsicher.
Wenn durch Rückläufigkeit des zweiten der dritte [Pāda] entsteht, setze man den Pāda in das Blatt: [das ist] der daṇḍa; der cakrābjaka [ergibt sich] aus der [vorigen] Anordnung [?].
dvitīyau prāgdale tulyau saptamau ca tathāparau / sadṛśāvuttaradalau dvitīyābhyāmathārdhayoḥ //
Die zweiten [Silben] im vorderen Blatt sind gleich, ebenso die siebenten und die anderen; gleich sind die im nördlichen Blatt; dann mit den zweiten in den beiden Hälften
[Diese] gleichen [Silben], die vierte und die fünfte, setze man der Reihe nach ein; ebenso sind die vierten zu verbinden, [und] die Blattenden der aufeinanderfolgenden Pādas.
ardhayorantimādyau tu muraje sadṛśāvabhau / pādārdhapatito varṇaḥ prātilomyānulomataḥ //
Beim muraja (Trommel) sind die letzten und ersten [Silben] der beiden Halbstrophen gleich. Die auf das Halbviertel fallende Silbe, rückläufig und vorwärtsläufig,
verbinde man mit der letzten, bis zum vierten, hier mit dem ersten beginnend; vom vierten Pāda [nehme man] eben das erste [Silbenpaar], von der neunten und von der sechzehnten
Die zweite [Radfigur] hat die Ausstattung des Metrums Śārdūlavikrīḍita; die gomūtrikā [ist] mit allen Metren [möglich], die anderen Figuren aber mit dem Anuṣṭubh.
Wenn in diesen [Figuren] der Name von Dichter und Dichtung nicht [eingeschrieben] ist, … die Freunde freuen sich, und der Feind wird ebenso nicht betrübt [?].
Wort für Wort
nāmadheyam
der Name
yadi na
wenn nicht
amīṣu
in diesen
kavi-kāvyayoḥ
von Dichter und Dichtung
abhituṣyanti
freuen sich
na amitraḥ khidyate
der Feind wird nicht betrübt
Vers verderbt und im Sinn unklar; mitradheyā unverständlich.
die Spur des Wagens und des Elefanten, Lotusteich, Dolch – diese Figuren und ebenso andere sollen von den Kundigen selbst auf diese Weise erkannt werden.