Kapitel 294: daṣṭacikitsā
Die Behandlung des Gebissenen
Agni lehrt die Behandlung von Schlangenbiss durch Mantras, Meditation und Heilmittel: den Garuḍa-Mantra mit Gliederzuordnung, die Auflegung der Element- und Buchstabenkreise auf die Finger, die Visualisierung des Übenden als Garuḍa, Handgesten zum Lähmen und Übertragen des Giftes, Vogelkönig-Mantras mit Garuḍa-Gāyatrī sowie den Nīlakaṇṭha-Mantra Śivas mit Dreizack-Geste. Die Mantras sind teils verschlüsselt und in der Digitalisierung verderbt; in Vers 4 markiert die Quelle eine Lücke ([!!!]); mehrere Einheiten (4, 24, 25, 29) enthalten längere Prosa-Mantras.
agnir uvāca | mantradhyānauṣadhair daṣṭacikitsāṃ pravadāmi te / oṃ namo bhagavate nīlakaṇṭhāyeti / japanādviṣahāniḥ syadauṣadhaṃ jīvarakṣaṇaṃ //
Agni sprach: „Ich werde dir die Behandlung eines Gebissenen mit Mantra, Meditation und Heilmitteln verkünden. „oṃ namo bhagavate nīlakaṇṭhāya“ [Anm.: Oṃ, Verehrung dem erhabenen Blauhalsigen] – durch Rezitation dieses [Mantras] schwindet das Gift; das Heilmittel schützt das Leben.
[Ein Saft] mit Ghee ist einmal zu trinken [?]. Das Gift wird zweifach genannt: das bewegliche (jaṅgama), von Schlangen, Mäusen usw., und das unbewegliche (sthāvara), von Śṛṅgī usw.
Brahmā, verbunden mit dem ruhigen Vokal, Lohita, Tāraka, Śiva – dies ist der Namens-Mantra des Viyat [?]; er gilt als der aus Laut bestehende Tārkṣya [Anm.: Garuḍa].
Wort für Wort
śānta-svara-anvitaḥ
mit dem ruhigen Vokal verbunden
brahmā lohitam
Brahmā, Lohita (Deckbuchstaben)
tārakam śivaḥ
Tāraka, Śiva
nāma-mantraḥ
Namens-Mantra
tārkṣyaḥ śabda-mayaḥ
Garuḍa aus Laut bestehend
Verschlüsselte Angabe von Keimsilben durch Decknamen der Buchstaben; nicht aufgelöst.
„Oṃ, flamme, o Großgesinnter – dem Herzen [namaḥ]; dem Haupt Garuḍas … [?]; der Haarlocke Garuḍas; o Garuḍa, Zerbrecher des Giftes, spalte, spalte, erschrecke, erschrecke, zermalme, zermalme – dem Panzer; unwiderstehliche Herrschaft [?], vaṃ hūṃ phaṭ – der Waffe; Abwehrer, von grausiger Gestalt, allen Furcht Einflößender, erschrecke, verbrenne alles, verbrenne, mache zu Asche, mache, svāhā – den Augen.“ Hat man den Mātṛkā-Lotus gebildet – mit den Enden der sieben Klassen als Paaren auf acht Richtungsblättern, mit den Vokalen und den übrigen Buchstaben in den Staubfäden umschlossen, mit Vahni [Anm.: ra] … als Fruchtboden –, so stelle der Mantrakundige ihn sich im Herzen [und] in der Fläche der linken Hand vor. Auf Daumen usw. lege er die Buchstaben auf, die unterschiedenen Teile (kalā) des Viyat.
Wort für Wort
jvala mahāmate
flamme, o Großgesinnter
viṣa-bhañjana
Zerbrecher des Giftes
vitrāsaya vimardaya
erschrecke, zermalme
bhasmī-kuru
mache zu Asche
mātṛkā-ambujam kṛtvā
den Buchstabenlotus bildend
vāma-hasta-tale smaret
stelle sich in der linken Handfläche vor
Langer Prosa-Mantra mit Gliederzuordnung; vima-[!!!]rdaya in der Quelle als Lücke markiert, für vimardaya gelesen; virāla und apratihataśāmanaṃ (für °śāsanam) unsicher; vahnirābhūtakarṇakaṃ unklar.
dreieckig, mit Svastika versehen, feurig, mit Agni als Gottheit; rund, von Punkten umgeben, mit dem Wind als Gottheit, schwarz – [so sind die Element-Kreise].
Auf die Mitte der Finger, beginnend mit dem Daumen, in ihren eigenen, umgekehrt angeordneten Feldern, die von einem goldenen Schlangenband umwunden sind, lege man der Reihe nach
die vier Buchstaben des Viyat, die den Glanz ihres jeweiligen Kreises haben. Auf das Gestaltlose, [dessen] Subtilelement der Laut ist, den Äther mit Śiva als Gottheit,
Wort für Wort
viyateḥ caturaḥ varṇān
die vier Buchstaben des Viyat
sva-maṇḍala-sama-tviṣaḥ
vom Glanz ihres Kreises
arūpe
auf das Gestaltlose
rava-tanmātre
mit dem Laut als Subtilelement
ākāśe śiva-devate
auf den Äther mit Śiva als Gottheit
ravatanmātre als rava-tanmātre („Laut-Subtilelement“) gelesen; ākāśeśivadevate getrennt als ākāśe śiva-devate.
kaniṣṭhāmadhyaparvasthe nyasettasyādyamakṣaram / nāgānāmādivarṇāṃś ca svamaṇḍalagatānnyaset //
das sich am mittleren Glied des kleinen Fingers befindet, lege man seinen ersten Buchstaben. Und die Anfangsbuchstaben der Nāgas lege man in ihren jeweiligen Kreis.
Die Buchstaben der Elemente usw. lege man auf die Glieder vom Anfang bis zum Ende des Daumens usw.; die zu den Eigenschaften, Subtilelementen usw. gehörigen Buchstaben lege der Kundige auf die Finger.
Durch Berührung mit [der Hand], die Tārkṣya zur Gottheit hat, vernichte man mit der Hand beide Arten von Gift. Jene Buchstaben des Viyat in den Kreisen usw. [nennen] die Weisen siegreich [?].
Wort für Wort
sparśanāt
durch Berührung
tārkṣyeṇa haste
mit der Garuḍa-Hand
hanyāt viṣa-dvayam
vernichte beide Gifte
maṇḍala-ādiṣu
in den Kreisen usw.
kavayaḥ
die Weisen
sparśanādevatārkṣeṇa für sparśanāt devatārkṣeṇa; zweiter Halbvers unklar.
Mit zwei vorzüglichen Fingern [lege man] auf den Körper, auf den Nabel und die Gelenke. [Man stelle sich Garuḍa vor:] von den Knien abwärts goldfarben, bis zum Nabel schneeweiß,
den Vernichter des blauen, grimmigen [Giftes] [?] – so stelle sich der Kundige sich selbst als den Großgeflügelten vor. Auf diese Weise wird durch das Wort dessen, der zu Tārkṣya geworden ist, der Mantra des Mantrakundigen gegen Gift [wirksam].
so bewirke man das Lähmen usw. des Giftes, wie es … angegeben ist [?]. Dieser Mantra, beginnend mit dem Äther, mit dem Erd-Bīja, ist der Herr der fünf Buchstaben.
„saṃplavaḥ plāvaya“ – [dieser Mantra, der mit] Yama [?] und dem Laut beginnt, vernichtet das Gift. Dieser lässt den Niedergestreckten [?] aufstehen durch Besprengung mit gut besprochenem Wasser
Wort für Wort
plāvaya
überflute
saṃharet viṣam
vernichtet das Gift
utthāpayet
lässt aufstehen
su-japta-ambhaḥ
gut besprochenes Wasser
abhiṣekataḥ
durch Besprengung
Vers stark verschlüsselt; daṇḍa hier wohl „den wie ein Stock Daliegenden“.
oder durch das Hören des Klanges von gut besprochenen Muscheln, Trommeln usw. Verbunden [damit] verbrennt er [das Gift] geradezu, wenn er mit Vertauschung von Erde und Feuer steht.
Mit Vertauschung von Erde und Wind überträgt dieser Mantra das Gift [auf einen anderen]. Innen stehend, in seinem eigenen Haus, mit den Bījas von Feuer, Mond und Wasser –
dieses Werk vollziehe der Mantrakundige, nachdem er Garuḍas Gestalt angenommen hat. Im Haus der Tārkṣya-Buchstaben stehend, vernichte er durch dessen Rezitation das Gift.
Dieser … [?] genannte [Mantra], gekennzeichnet durch svadhā und das Śrī-Bīja, besiegt durch Baden und Trinken [des besprochenen Wassers] alle Gifte, Fieber, Krankheit und vorzeitigen Tod.
Wort für Wort
svadhā-śrī-bīja-lāñchitam
gekennzeichnet durch svadhā und Śrī-Bīja
snāna-pānāt
durch Baden und Trinken
sarva-viṣam
alle Gifte
jvara-roga
Fieber, Krankheit
apamṛtyu-jit
den vorzeitigen Tod besiegend
jāmudaṇḍīdamuditaṃ ist verderbt; jvarātogā° für jvararogā°.
Diese beiden sind Mantras des Vogelkönigs, die durch Besprechung Gift vernichten. „pakṣirājāya vidmahe pakṣidevāya dhīmahi tan no garuḍaḥ pracodayāt“ [Anm.: Wir kennen den Vogelkönig, wir meditieren über den Vogelgott; dazu möge uns Garuḍa antreiben]. [Die Laute] in Vahni, die beiden vorangehenden und seitlichen, danta und śrī, mit Punkt (daṇḍin), samt kāla und lāṅgalin – dies wird als der Anfang des Nīlakaṇṭha[-Mantras] genannt. [Diese Silben], weiß an Brust, Hals und Haarlocke [?], lege man auf die beiden gut geweihten Pfosten [?].
Wort für Wort
pakṣi-rāṭ-mantrau
zwei Mantras des Vogelkönigs
viṣa-ghnau
giftvernichtend
abhimantraṇāt
durch Besprechung
pakṣirājāya vidmahe
wir kennen den Vogelkönig
nīlakaṇṭha-ādyam īritam
Anfang des Nīlakaṇṭha-Mantras genannt
Mehr als zwei Halbverse; mit Gāyatrī-Formel (tatro für tan no, vidhmahe für vidmahe). Die verschlüsselte Silbenangabe und der Schluss sind unklar.
„hara hara – dem Herzen namaḥ; dem Kapardin – dem Haupt [svāhā]; dem Nīlakaṇṭha – die Haarlocke; dem Verzehrer des Kālakūṭa-Giftes svāhā“ – dann der Panzer auf den Hals; das Auge: „Kṛttivāsas“. [Man stelle sich den Gott] dreiäugig [vor], mit Gesichtern nach Osten usw., weiß, gelb, rot und schwarz, mit seinen Armen Furchtlosigkeit [-Geste], Gabe [-Geste], Bogen und Vāsuki haltend, mit Gaurī an seiner Seite; Rudra ist die Gottheit dieses [Mantras].
Wort für Wort
hara hara hṛdayāya namaḥ
Hara, Hara, dem Herzen Verehrung
kapardine śirase
dem Flechtenträger, dem Haupt
kālakūṭa-viṣa-bhakṣaṇāya
dem Verzehrer des Kālakūṭa-Giftes
kṛtti-vāsāḥ
der mit dem Fell Bekleidete
abhayam varadam cāpam vāsukim
Schutzgeste, Gabegeste, Bogen, Vāsuki
Prosa-Mantra mit Gliederzuordnung, dann Versbeschreibung; yasyoparīta° unklar.
pādajānuguhānābhihṛtkaṇṭhānanamūrdhasu / mantrārṇānnyasya karayoraṅguṣṭhādyaṅgulīṣu ca //
Auf Füße, Knie, Geschlechtsteil, Nabel, Herz, Hals, Gesicht und Scheitel lege man die Buchstaben des Mantras, und auf die Hände, auf die Finger vom Daumen an,
auf die [Finger] vom Zeigefinger bis zu deren Ende, [und] das Ganze auf die beiden Daumen. Nachdem man so meditiert hat, ziehe man [das Gift] rasch ab mit der gebundenen Dreizack-Geste (śūlamudrā).
Der kleine Finger wird mit dem Daumen gebunden, die drei anderen sind gerade ausgestreckt. Bei Giftvernichtung [nimmt man] die linke Hand, bei anderem die rechte Hand.
Wort für Wort
kaniṣṭhā jyeṣṭhayā baddhā
kleiner Finger mit dem Daumen gebunden
tisraḥ anyāḥ
die drei anderen
prasṛtāḥ ṛjavaḥ
gerade ausgestreckt
viṣa-nāśe vāma-hastam
bei Giftvernichtung die linke Hand
anyasmin dakṣiṇam
bei anderem die rechte
tiśro für tisro; prasṛterjavāḥ für prasṛtā ṛjavaḥ.
„oṃ namo bhagavate nīlakaṇṭhāya ciḥ, amalakaṇṭhāya ciḥ, sarvajñakaṇṭhāya ciḥ, kṣipa oṃ svāhā, amalanīlakaṇṭhāya naikasarvaviṣāpahāya namaḥ“ [Anm.: Oṃ, Verehrung dem erhabenen Blauhalsigen, ciḥ; dem Reinhalsigen, ciḥ; dem Allwissend-Halsigen, ciḥ; wirf, oṃ svāhā; Verehrung dem Rein-Blauhalsigen, der die vielen, alle Gifte beseitigt]; „namaste rudra manyava“ [Anm.: Verehrung deinem Zorn, o Rudra] – durch Abwischen [mit diesem Mantra] vergeht das Gift, ohne Zweifel. Man flüstere ihn ins Ohr, oder … [?]. Man verehre den Blauhalsigen Maheśvara nach dem Rudra-Ritual; durch Vollzug des Rudra-Rituals erfolgt die Vernichtung von Gift und Krankheit.“
Wort für Wort
nīlakaṇṭhāya
dem Blauhalsigen
sarva-viṣa-apahāya
dem alle Gifte Beseitigenden
saṃmārjanāt viṣam vinaśyati
durch Abwischen vergeht das Gift
karṇa-jāpyā
ins Ohr zu flüstern
rudra-vidhānena yajet
verehre nach dem Rudra-Ritual
Prosa-Mantra, dann Verse; °sarmārjanād für °saṃmārjanād; upānahāvā unklar.