Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 172: sarvapāpaprāyaścitte pāpanāśanastotram Sühne für alle Sünden: der sündenvernichtende Lobpreis

Als Sühne für Sünden in Gedanken, Worten und Taten lehrt Puṣkara einen Lobpreis auf Viṣṇu (Hari, Keśava, Hṛṣīkeśa, Mādhava), der um Besänftigung aller zu verschiedenen Tageszeiten begangenen Sünden bittet. Den Abschluss bilden Aussagen über die Frucht des Rezitierens und den Wert von Sühnen, Lobpreis und Gelübden. Der Titel ist aus Kopf (sarvapāpaprāyaścittāni) und Kolophon (pāpanāśanastotraṃ) kombiniert; Vers 12 ist am Anfang wohl verderbt, Vers 22 ist nur ein Halbvers.

puṣkara uvāca | paradāraparadravyajīvahiṃsādike yadā / pravartate nṛṇāṃ cittaṃ prāyaścittaṃ stutistadā //

Puṣkara sprach: Wenn sich der Geist der Menschen auf fremde Frauen, fremdes Gut, die Verletzung von Lebewesen und dergleichen richtet, dann ist der (folgende) Lobpreis die Sühne.

Wort für Wort
para-dāra
fremde Frauen
para-dravya
fremdes Gut
jīva-hiṃsā-ādike
bei Verletzung von Lebewesen usw.
pravartate nṛṇāṃ cittam
richtet sich der Geist der Menschen
prāyaścittam stutiḥ tadā
dann ist Lobpreis die Sühne

viṣṇave viṣṇave nityaṃ viṣṇave viṣṇave namaḥ / namāmi viṣṇuṃ cittasthamahaṅkāragatiṃ hariṃ //

Dem Viṣṇu, dem Viṣṇu allezeit, dem Viṣṇu, dem Viṣṇu Verehrung! Ich verneige mich vor Viṣṇu, der im Geist weilt, vor Hari, der das Ziel des Ichbewusstseins ist [?].

Wort für Wort
viṣṇave namaḥ
Verehrung dem Viṣṇu
nityam
allezeit
namāmi viṣṇum
ich verneige mich vor Viṣṇu
citta-stham
im Geist weilend
ahaṅkāra-gatim
Ziel des Ichbewusstseins

ahaṅkāragatim: ‚Zuflucht bzw. Weg des Ichbewusstseins‘; genaue Deutung unsicher.

cittasthamīśamavyaktamanantamaparājitaṃ / viṣṇumīḍyamaśeṣeṇa anādinidhanaṃ vibhuṃ //

vor dem im Geist weilenden Herrn, dem Unoffenbaren, Unendlichen, Unbesiegten, vor Viṣṇu, der ohne Rest zu preisen ist, ohne Anfang und Ende, dem Allgegenwärtigen.

Wort für Wort
īśam avyaktam
den unoffenbaren Herrn
anantam aparājitam
den Unendlichen, Unbesiegten
īḍyam aśeṣeṇa
ganz und gar zu preisen
anādi-nidhanam
ohne Anfang und Ende
vibhum
den Allgegenwärtigen

viṣṇuścittagato yanme viṣṇurbuddhigataś ca yat / yaccāhaṅkārago viṣṇuryadviṣṇurmayi saṃsthitaḥ //

Da Viṣṇu in meinem Denken weilt, da Viṣṇu in meiner Einsicht weilt, da Viṣṇu in meinem Ichbewusstsein ist, da Viṣṇu in mir fest steht

Wort für Wort
viṣṇuḥ citta-gataḥ
Viṣṇu im Denken
buddhi-gataḥ
in der Einsicht
ahaṅkāra-gaḥ
im Ichbewusstsein
mayi saṃsthitaḥ
in mir feststehend

karoti karmabhūto 'sau sthavarasya carasya ca / tat pāpannāśamāyātu tasminneva hi cintite //

und er, zum Handelnden geworden, das Wirken des Unbeweglichen und des Beweglichen vollbringt, möge jene Sünde zunichte werden, wenn eben er bedacht wird.

Wort für Wort
karoti karma-bhūtaḥ asau
er wirkt, zur Tat geworden
sthāvarasya carasya
des Unbeweglichen und Beweglichen
tat pāpam nāśam āyātu
diese Sünde gehe zugrunde
tasmin cintite
wenn er bedacht wird

sthavarasya für sthāvarasya.

dhyāto harati yat pāpaṃ svapne dṛṣṭastu bhāvanāt / tamupendramahaṃ viṣṇuṃ praṇatārtiharaṃ hariṃ //

Vor Upendra, Viṣṇu, Hari, der die Not der sich Verneigenden tilgt, der die Sünde hinwegnimmt, wenn er meditiert und durch innige Vorstellung (selbst) im Traum geschaut wird, (verneige) ich (mich).

Wort für Wort
dhyātaḥ harati pāpam
meditiert nimmt er die Sünde
svapne dṛṣṭaḥ
im Traum gesehen
bhāvanāt
durch innige Vorstellung
upendram
Upendra
praṇata-ārti-haram
Not der sich Neigenden tilgend

Das Verb (praṇamāmi) ist aus Vers 7 zu ergänzen.

jagatyasminnirādhāre majjamāne tamasyadhaḥ / hastāvalambanaṃ viṣṇuṃ praṇamāmi parāt paraṃ //

Vor Viṣṇu, dem Höheren als das Höchste, der Halt für die Hand ist, wenn diese stützlose Welt nach unten in die Finsternis versinkt, verneige ich mich.

Wort für Wort
jagati asmin nirādhāre
in dieser stützlosen Welt
majjamāne tamasi adhaḥ
nach unten in Finsternis versinkend
hasta-avalambanam
Halt für die Hand
praṇamāmi
ich verneige mich
parāt param
höher als das Höchste

sarveśvareśvara vibho paramātmannadhokṣaja / hṛṣīkeśa hṛṣīkeśa hṛṣīkeśa namo 'stu te //

O Herr der Herren aller, Allgegenwärtiger, höchstes Selbst, Adhokṣaja, Hṛṣīkeśa, Hṛṣīkeśa, Hṛṣīkeśa, Verehrung sei dir!

Wort für Wort
sarva-īśvara-īśvara
Herr der Herren aller
vibho
Allgegenwärtiger
parama-ātman
höchstes Selbst
adhokṣaja
Adhokṣaja (Beiname Viṣṇus)
namaḥ astu te
Verehrung sei dir

nṛsiṃhānanta govinda bhūtabhavana keśava / duruktaṃ duṣkṛtaṃ dhyātaṃ śamayāghannamo 'stu te //

Nṛsiṃha, Ananta, Govinda, Erzeuger der Wesen, Keśava: Übel Gesprochenes, übel Getanes und (übel) Gedachtes, die Sünde besänftige – Verehrung sei dir!

Wort für Wort
nṛsiṃha ananta govinda
Mannlöwe, Unendlicher, Govinda
bhūta-bhāvana
Erzeuger der Wesen
duruktam duṣkṛtam
übel Gesprochenes, übel Getanes
dhyātam
Gedachtes
śamaya agham
besänftige die Sünde

yanmayā cintitaṃ duṣṭaṃ svacittavaśavartinā / akāryamahadatyugrantacchamannaya keśava //

Was ich, der Macht meines eigenen Denkens unterworfen, an Bösem gedacht habe, Unrechtes, Großes, überaus Schreckliches – das bringe zur Ruhe, Keśava!

Wort für Wort
yat mayā cintitam duṣṭam
was ich Böses gedacht habe
sva-citta-vaśa-vartinā
dem eigenen Denken untertan
akāryam
Unrechtes
mahat ati-ugram
Großes, überaus Schreckliches
tat śamam naya
das bringe zur Ruhe

brahmaṇyadeva govinda paramārthaparāyaṇa / jagannātha jagaddhātaḥ pāpaṃ praśamayācyuta //

Du den Brahmanen holder Gott, Govinda, dem höchsten Ziel Hingegebener [?], Herr der Welt, Erhalter der Welt, besänftige die Sünde, Acyuta!

Wort für Wort
brahmaṇya-deva
den Brahmanen holder Gott
paramārtha-parāyaṇa
dem höchsten Ziel hingegeben
jagat-nātha
Herr der Welt
jagat-dhātaḥ
Erhalter der Welt
pāpam praśamaya
besänftige die Sünde

paramārthaparāyaṇa: evtl. ‚höchstes Ziel derer, die nach dem höchsten Sinn streben‘.

yathāparāhṇe sāyāhṇe madhyāhṇe ca tathā niśi / kāyena manasā vācā kṛtaṃ pāpamajānatā //

Welche Sünde ich am Vormittag [?], am Abend, am Mittag und ebenso in der Nacht mit Körper, Geist und Rede unwissentlich

Wort für Wort
aparāhṇe
am Nachmittag
sāyāhne
am Abend
madhyāhne
am Mittag
niśi
in der Nacht
kāyena manasā vācā
mit Körper, Geist, Rede
ajānatā
unwissentlich

yathāparāhṇe: Anfang wohl verderbt (erwartet etwa yat pūrvāhṇe); aparāhṇe = ‚am Nachmittag‘.

jānatā ca hṛṣīkeśa puṇḍarīkākṣa mādhava / nāmatrayoccāraṇataḥ svapne yātu mama kṣayaṃ //

und wissentlich begangen habe, o Hṛṣīkeśa, Lotosäugiger, Mādhava – durch das Aussprechen der drei Namen möge sie (auch die im Traum begangene) mir zur Vernichtung gelangen.

Wort für Wort
jānatā
wissentlich
puṇḍarīka-akṣa
Lotosäugiger
nāma-traya-uccāraṇataḥ
durch Aussprechen der drei Namen
svapne
im Traum
yātu mama kṣayam
gehe mir zur Vernichtung

svapne ist hier schwer einzuordnen; evtl. für sarvam verschrieben [?].

śārīraṃ me hṛṣīkeśa puṇḍarīkākṣa mādhava / pāpaṃ praśamayādya tvaṃ bākkṛtaṃ mama mādhava //

Meine körperliche Sünde, o Hṛṣīkeśa, Lotosäugiger, Mādhava, besänftige du heute, und die von mir mit der Rede begangene, Mādhava!

Wort für Wort
śārīram me pāpam
meine körperliche Sünde
praśamaya adya tvam
besänftige du heute
vāk-kṛtam
mit der Rede begangen
mādhava
Mādhava

bākkṛtam für vākkṛtam.

yadbhuñjanyatsvapaṃstiṣṭhan gacchan jāgrad yadāsthitaḥ / kṛtavān pāpamadyāhaṃ kāyena manasā girā //

Welche Sünde ich heute essend, schlafend, stehend, gehend, wachend oder (irgendwo) weilend mit Körper, Geist und Rede begangen habe,

Wort für Wort
bhuñjan svapan tiṣṭhan
essend, schlafend, stehend
gacchan jāgrat
gehend, wachend
āsthitaḥ
weilend
kṛtavān pāpam adya aham
habe ich heute Sünde begangen
kāyena manasā girā
mit Körper, Geist, Rede

yat svalpamapi yat sthūlaṃ kuyoninarakābahaṃ / tadyātu praśamaṃ sarvaṃ vāsudevānukīrtanāt //

ob sie gering ist oder grob, die schlechte Geburt und Hölle herbeiführt – das alles möge durch das Rühmen Vāsudevas zur Ruhe kommen.

Wort für Wort
svalpam api sthūlam
gering oder grob
ku-yoni-naraka-āvaham
schlechte Geburt und Hölle bringend
praśamam yātu
komme zur Ruhe
vāsudeva-anukīrtanāt
durch Rühmen Vāsudevas

narakābaham für narakāvaham.

paraṃ brahma paraṃ dhāma pavitraṃ paramañca yat / tasmin prakīrtite viṣṇau yat pāpaṃ tat praṇaśyatu //

Was das höchste Brahman, die höchste Stätte und das höchste Reinigende ist – wenn dieser Viṣṇu gepriesen ist, möge, was an Sünde ist, zugrunde gehen.

Wort für Wort
param brahma
das höchste Brahman
param dhāma
die höchste Stätte
pavitram paramam
das höchste Reinigende
prakīrtite viṣṇau
wenn Viṣṇu gepriesen ist
praṇaśyatu
möge zugrunde gehen

yat prāpya na nivartante gandhasparśadivarjitaṃ / sūrayastat padaṃ viṣṇostat sarvaṃ śamayatvaghaṃ //

Jene Stätte Viṣṇus, frei von Geruch, Berührung und dergleichen, von der die Weisen, wenn sie sie erreicht haben, nicht zurückkehren, möge alle Sünde besänftigen.

Wort für Wort
yat prāpya na nivartante
erreicht, kehren sie nicht zurück
gandha-sparśa-ādi-varjitam
frei von Geruch, Berührung usw.
sūrayaḥ
die Weisen
tat padam viṣṇoḥ
jene Stätte Viṣṇus
śamayatu agham
besänftige die Sünde

pāpapraṇāśanaṃ stotraṃ yaḥ paṭhecchṛṇuyādapi / śārīrair mānasair vāgjaiḥ kṛtaiḥ papaiḥ pramucyate //

Wer diesen sündenvernichtenden Lobpreis rezitiert oder auch (nur) hört, wird von den mit Körper, Geist und Rede begangenen Sünden befreit.

Wort für Wort
pāpa-praṇāśanam stotram
sündenvernichtender Lobpreis
paṭhet śṛṇuyāt api
rezitiert oder hört
śārīraiḥ mānasaiḥ vāgjaiḥ
körperliche, geistige, sprachliche
pramucyate
wird befreit

papaiḥ für pāpaiḥ.

sarvapāpagrahādibhyo yāti viṣṇoḥ paraṃ padaṃ / tasmāt pāpe kṛte japyaṃ stotraṃ sarvāghamardanaṃ //

Frei von allen Sünden, (bösen) Planeteneinflüssen und dergleichen, gelangt er zur höchsten Stätte Viṣṇus. Daher ist, wenn eine Sünde begangen wurde, dieser Lobpreis zu murmeln, der alle Sünden zermalmt.

Wort für Wort
sarva-pāpa-graha-ādibhyaḥ
(frei) von allen Sünden, Planeten usw.
yāti viṣṇoḥ param padam
geht zur höchsten Stätte Viṣṇus
pāpe kṛte
wenn Sünde begangen
japyam stotram
zu murmelnder Lobpreis
sarva-agha-mardanam
alle Sünden zermalmend

prāyaścittamaghaughānāṃ stotraṃ vratakṛte varaṃ / prāyaścittaiḥ stotrajapair vratair naśyati pātakaṃ //

Für die Fluten der Sünden ist der Lobpreis die Sühne, das Beste für den, der Gelübde übt. Durch Sühnen, durch Murmeln von Lobpreisen und durch Gelübde vergeht die Sünde.

Wort für Wort
prāyaścittam agha-oghānām
Sühne der Sündenfluten
vrata-kṛte varam
das Beste für den Gelübdeübenden
stotra-japaiḥ
durch Murmeln von Lobpreisen
vrataiḥ
durch Gelübde
naśyati pātakam
vergeht die Sünde

tataḥ kāryāṇi saṃsiddhyai tāni vai bhuktimuktaye //22 //

Daher sind diese zur Vollendung auszuführen, zu Genuss und Erlösung.

Wort für Wort
tataḥ
daher
kāryāṇi
sind auszuführen
saṃsiddhyai
zur Vollendung
bhukti-muktaye
zu Genuss und Erlösung

Nur ein Halbvers; die Versnummer ist im Digitalisat doppelt angegeben.

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