Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 300: sūryārcanam Die Verehrung der Sonne

Das Kapitel gibt zunächst die Keimsilben, Glieder und Namensformeln des Gaṇeśa mit Mudrā, Ikonographie und Opfern, dann den Mantra des Mārtaṇḍa-Bhairava und die Verehrung der Sonne mit den Planeten, das Arghya-Ritual, den Saṃgrāmavijaya-Mantra, farbige Meditationen für magische Riten und einen Unterwerfungsritus. Quellbesonderheiten: Mehrere Mantras sind durch Laut-Decknamen verschlüsselt (V. 1–2, 8, 14); einige Wörter sind verderbt (V. 3, 11, 17, 18). Der Titel „sūryārcana“ deckt nur den zweiten Teil ab.

agnir uvāca | śayyā tu daṇḍisājeśapāvakaś caturānanaḥ / sarvārthasādhakamidaṃ vījaṃ piṇḍārthamucyate //

Agni sprach: Śayyā mit Daṇḍin, mit Ajeśa, Pāvaka (ra) und Caturānana [Anm.: verschlüsselte Laute] – diese alles vollbringende Keimsilbe wird in zusammengefasster Form (piṇḍa) verkündet.

Wort für Wort
daṇḍī
mit Daṇḍin (Anusvāra)
pāvakaḥ
Pāvaka (Laut ra)
sarva-artha-sādhakam
alle Ziele vollbringend
bījam
Keimsilbe
piṇḍa-artham ucyate
wird als Zusammenfassung genannt

Die Decknamen bezeichnen die Laute der Keimsilbe (wohl des Gaṇeśa, vgl. V. 3); Auflösung unsicher.

svayaṃ dīrghasvarādyañca vījeṣvaṅgāni sarvaśaḥ / khātaṃ sādhu viṣañcaiva savinduṃ sakalaṃ tathā //

Bei den Keimsilben bilden die (Silben) mit den langen Vokalen am Anfang überall die Glieder (aṅga). Khāta, Sādhu und Viṣa, mit Bindu und mit Kalā [?]

Wort für Wort
dīrgha-svara-ādyam
mit langem Vokal beginnend
bījeṣu aṅgāni
in den Keimsilben die Glieder
sarvaśaḥ
überall
sa-bindum
mit Bindu
sa-kalam
mit Kalā

khātaṃ sādhu viṣañ caiva: Decknamen, nicht sicher auflösbar.

gaṇasya pañca vījāni pṛthagdṛṣṭaphalaṃ mahat / gaṇaṃ jayāya namaḥ ekadaṃṣṭrāya acalakarṇine gajavaktrāya mahoharahastāya pañcāṅgaṃ sarvasāmānyaṃ siddhiḥ syāllakṣajāpyateḥ //

– das sind die fünf Keimsilben des Gaṇa (Gaṇeśa), einzeln von großer, erfahrbarer Frucht. „gaṇaṃ jayāya namaḥ, ekadaṃṣṭrāya, acalakarṇine, gajavaktrāya, mahodarahastāya“ (Verehrung dem Sieg …, dem Einzahnigen, dem mit unbeweglichen Ohren, dem Elefantengesichtigen, dem mit großem Bauch und Rüssel [?]) – das sind die allgemeinen fünf Glieder. Die Vollendung (siddhi) tritt durch hunderttausendmaliges Rezitieren ein.

Wort für Wort
gaṇasya pañca bījāni
die fünf Keimsilben des Gaṇa
dṛṣṭa-phalam mahat
große sichtbare Frucht
ekadaṃṣṭrāya
dem Einzahnigen
gaja-vaktrāya
dem Elefantengesichtigen
pañca-aṅgam sarva-sāmānyam
allgemeine fünf Glieder
lakṣa-japataḥ
durch 100 000 Rezitationen

mahoharahastāya wohl verderbt aus mahodarahastāya; lakṣajāpyateḥ = lakṣajāpataḥ.

gaṇādhipataye gaṇeśvarāya gaṇanāyakāya gaṇakrīḍāya digdale pūjayenmūrtīḥ purāvaccāṅgapañcakam / vakratuṇḍāya ekadaṃṣṭrāya mahodarāya gajavaktrāya vikaṭāya vighnarājāya dhūmravarṇāya digvidikṣu yajedetāllokāṃśāṃś caiva mudrayā //

„gaṇādhipataye, gaṇeśvarāya, gaṇanāyakāya, gaṇakrīḍāya“ (dem Oberherrn der Scharen, dem Herrn der Scharen, dem Anführer der Scharen, dem mit den Scharen Spielenden): Auf den Richtungsblättern verehre man diese Gestalten und wie zuvor die fünf Glieder. „vakratuṇḍāya, ekadaṃṣṭrāya, mahodarāya, gajavaktrāya, vikaṭāya, vighnarājāya, dhūmravarṇāya“ (dem mit gekrümmtem Rüssel, dem Einzahnigen, dem Dickbauchigen, dem Elefantengesichtigen, dem Ungeheuren, dem König der Hindernisse, dem Rauchfarbenen): Diese verehre man in den Richtungen und Zwischenrichtungen, und auch die Welthüter [?] mit der Mudrā.

Wort für Wort
dik-dale
auf den Richtungsblättern
pūjayet mūrtīḥ
verehre die Gestalten
aṅga-pañcakam
die fünf Glieder
vakratuṇḍāya
dem mit gekrümmtem Rüssel
vighnarājāya
dem König der Hindernisse
dik-vidikṣu yajet
in Richtungen und Zwischenrichtungen verehren

lokāṃśān wohl für lokeśān ‚Welthüter‘.

madhyamātarjanīmadhyagatāṅguṣṭhau samuṣṭikau / caturbhujo modakāḍhyo daṇḍapāśāṅkuśānvitaḥ //

(Die Mudrā:) Die beiden Daumen zwischen Mittel- und Zeigefinger gesteckt, mit geballter Faust. (Der Gott ist) vierarmig, reich an Modaka-Kuchen, mit Stab, Schlinge und Treibstachel versehen,

Wort für Wort
madhyamā-tarjanī-madhya-gata-aṅguṣṭhau
die Daumen zwischen Mittel- und Zeigefinger
sa-muṣṭikau
mit geballter Faust
catur-bhujaḥ
vierarmig
modaka-āḍhyaḥ
reich an Modakas
daṇḍa-pāśa-aṅkuśa-anvitaḥ
mit Stab, Schlinge, Treibstachel

dantabhakṣadharaṃ raktaṃ sābjaṃ pāśāḍkuśair vṛtam / pūjayettaṃ caturthyāñca viśeṣenātha nityaśaḥ //

den Zahn und Speise tragend, rot, mit Lotos, von Schlingen und Treibstacheln umgeben: ihn verehre man besonders am vierten Mondtag (caturthī), aber auch täglich.

Wort für Wort
danta-bhakṣa-dharam
Zahn und Speise tragend
raktam sa-abjam
rot, mit Lotos
pāśa-aṅkuśaiḥ vṛtam
von Schlingen und Treibstacheln umgeben
caturthyām viśeṣeṇa
besonders am vierten Tag
nityaśaḥ
täglich

pāśāḍkuśair = pāśāṅkuśair.

śvetārkamūlena kṛtaṃ sarvāptiḥ syāttilair ghṛtaiḥ / taṇḍulair dadhimadhvājyaiḥ saubhāgyaṃ vaśyatā bhavet //

(Ein Bild) aus der Wurzel des weißen Arka gefertigt (verehrt): Erlangung von allem. Mit Sesam und Ghee, mit Reiskörnern, Dickmilch, Honig und Ghee (geopfert): es entstehen Glück und Macht über andere.

Wort für Wort
śveta-arka-mūlena kṛtam
aus der Wurzel des weißen Arka gemacht
sarva-āptiḥ
Erlangung von allem
tilaiḥ ghṛtaiḥ
mit Sesam und Ghee
dadhi-madhu-ājyaiḥ
mit Dickmilch, Honig, Ghee
saubhāgyam vaśyatā
Glück und Unterwerfung

ghoṣāsṛkprāṇadhātvardī daṇḍī gārtaṇḍabhairavaḥ / dharmārthakāmamokṣāṇāṃ kartā vimbapuṭāvṛtaḥ //

Ghoṣa, Asṛk, Prāṇa, Dhātu, Ardī [?], mit Daṇḍin [Anm.: verschlüsselte Laute]: (so ist der Mantra des) Mārtaṇḍa-Bhairava, des Bewirkers von Dharma, Artha, Kāma und Mokṣa, von einer Scheibe umschlossen.

Wort für Wort
ghoṣa-asṛk-prāṇa-dhātu
Decknamen von Lauten
daṇḍī
mit Anusvāra
mārtaṇḍa-bhairavaḥ
Mārtaṇḍa-Bhairava
dharma-artha-kāma-mokṣāṇām kartā
Bewirker der vier Lebensziele
bimba-puṭa-āvṛtaḥ
von der Scheibe umhüllt

gārtaṇḍa = mārtaṇḍa; vimba = bimba.

hrasvāḥ syurmūrtaryaḥ pañca dīrghā aṅgāni tasya ca / sindūrāruṇamīśāne vāmārdhadayitaṃ raviṃ //

Die kurzen (Vokale) sind seine fünf Gestalten, die langen seine Glieder. Im Nordosten (verehre man) Ravi, zinnoberrot, mit der Geliebten in seiner linken Hälfte,

Wort für Wort
hrasvāḥ
die kurzen (Vokale)
mūrtayaḥ pañca
fünf Gestalten
dīrghāḥ aṅgāni
die langen: Glieder
sindūra-aruṇam
zinnoberrot
vāma-ardha-dayitam
mit der Geliebten in der linken Hälfte

mūrtaryaḥ = mūrtayaḥ.

āgneyādiṣu koṇeṣu kujamandāhiketavaḥ / snātvā vidhivadādityamārādhyārghyapuraḥsaraṃ //

in den Ecken, beginnend mit Südosten, Kuja (Mars), Manda (Saturn), Ahi (Rāhu) und Ketu. Nachdem man vorschriftsgemäß gebadet hat, verehre man Āditya, das Arghya vorangestellt.

Wort für Wort
āgneya-ādiṣu koṇeṣu
in den Ecken ab Südosten
kuja-manda-ahi-ketavaḥ
Mars, Saturn, Rāhu, Ketu
snātvā vidhivat
vorschriftsgemäß gebadet
ādityam ārādhya
Āditya verehrend
arghya-puraḥsaram
mit dem Arghya voran

kṛtāntamaiśe nirmālyaṃ tejaś caṇḍāya dīpitaṃ / rocanā kuṅkumaṃ vāri raktagandhākṣatāṅkurāḥ //

Kṛtānta [?] im Nordosten; die Opferreste (nirmālya) werden dem Tejaścaṇḍa dargebracht. Gorocanā, Safran, Wasser, rote Duftstoffe, ungebrochener Reis und Sprossen,

Wort für Wort
aiśe
im Nordosten
nirmālyam
die Opferreste
tejaḥ-caṇḍāya
dem Tejaścaṇḍa
rocanā kuṅkumam
Gorocanā, Safran
rakta-gandha-akṣata-aṅkurāḥ
rote Duftstoffe, Reis, Sprossen

kṛtāntam aiśe unklar.

veṇuvījayavāḥśāliśyāmākatilarājikāḥ / javāpuṣpānvitāṃ datvā pātraiḥ śirasi dhārya tat //

Bambussamen, Gerste, Śāli-Reis, Śyāmāka-Hirse, Sesam und Senfkörner, mit Javā-Blüten versehen – nachdem man dies (in Gefäße) gegeben hat, halte man es mit den Gefäßen am Kopf,

Wort für Wort
veṇu-bīja-yavāḥ
Bambussamen, Gerste
śāli-śyāmāka
Śāli-Reis, Śyāmāka-Hirse
tila-rājikāḥ
Sesam, Senf
javā-puṣpa-anvitām
mit Javā-Blüten
śirasi dhārya
am Kopf haltend

jānubhyāmavanīṅgatvā sūryāyārghyaṃ nivedayet / svavidyāmantritaiḥ kumbhair navabhiḥ prārcya vai grahān //

lasse sich auf die Knie zur Erde nieder und bringe der Sonne das Arghya dar. Nachdem man mit neun Krügen, die mit ihrer jeweiligen Vidyā geweiht sind, die Planeten verehrt hat,

Wort für Wort
jānubhyām avanīm gatvā
auf den Knien zur Erde gehend
sūryāya arghyam nivedayet
bringe der Sonne das Arghya dar
sva-vidyā-mantritaiḥ
mit der eigenen Vidyā geweiht
kumbhaiḥ navabhiḥ
mit neun Krügen
grahān
die Planeten

grahādiśāntaye snānaṃ japtvārkaṃ sarvamāpnuyāt / saṃgrāmavijayaṃ sāgniṃ vījadoṣaṃ savindukaṃ //

nehme man zur Befriedung der Planeten usw. ein Bad. Wer den Arka(-Mantra) rezitiert, erlangt alles. (Der Mantra) Saṃgrāmavijaya (‚Sieg in der Schlacht‘): mit Agni (ra), Vījadoṣa [?] und mit Bindu –

Wort für Wort
graha-ādi-śāntaye
zur Befriedung der Planeten usw.
snānam
Bad
japtvā arkam
den Arka-Mantra rezitierend
saṃgrāma-vijayam
Sieg in der Schlacht
sa-agnim sa-bindukam
mit Agni und mit Bindu

vījadoṣa als Lautname unklar.

nyasya mūrdhādipādāntaṃ mūlaṃ pūjya tu mudrayā / svāṅgāni ca yathānyāsamātmānaṃ bhāvayedraviṃ //

nachdem man ihn vom Scheitel bis zu den Füßen aufgelegt und den Wurzelmantra mit der Mudrā verehrt hat und die eigenen Glieder gemäß dem Nyāsa, stelle man sich selbst als Ravi vor.

Wort für Wort
nyasya mūrdha-ādi-pāda-antam
vom Kopf bis zu den Füßen auflegend
mūlam pūjya
den Wurzelmantra verehrend
mudrayā
mit der Mudrā
yathā-nyāsam
gemäß dem Nyāsa
ātmānam bhāvayet ravim
stelle sich selbst als Ravi vor

dhyānañca māraṇastambhe pītagāpyāyane sitam / ripughātavidhau kṛṣṇaṃ mohayecchakracāpavat //

Die Meditation: beim Töten und Lähmen (meditiere man ihn) gelb, bei der Stärkung (āpyāyana) weiß, beim Ritus der Feindestötung schwarz; zum Verwirren (meditiere man ihn) regenbogenfarben.

Wort für Wort
māraṇa-stambhe
beim Töten und Lähmen
pītam
gelb
āpyāyane sitam
bei der Stärkung weiß
ripu-ghāta-vidhau kṛṣṇam
beim Feindtöten schwarz
mohayet śakra-cāpa-vat
verwirre (ihn) regenbogenfarbig

pītagāpyāyane wohl pītam āpyāyane zu trennen; dann gehörte gelb zum Töten/Lähmen.

yo 'bhiṣekajapadhyānapūjāhomaparaḥ sadā / tejasvī hṛjayaḥ śrīmān samudrādau jayaṃ labhet //

Wer stets Weihebad, Rezitation, Meditation, Verehrung und Feueropfer eifrig übt, wird glanzvoll, siegreich [?] und glückhaft und erlangt Sieg im Kampf [?] usw.

Wort für Wort
abhiṣeka-japa-dhyāna
Weihebad, Rezitation, Meditation
pūjā-homa-paraḥ
der Verehrung und dem Feueropfer ergeben
tejasvī
glanzvoll
śrīmān
glückhaft
jayam labhet
erlangt Sieg

hṛjayaḥ und samudrādau unklar; vielleicht verderbt aus jayī bzw. saṃgrāmādau.

tāmbūlādāvidaṃ nyasya japtvā dadyāduśīrakaṃ / nyastuvījena hastena sparśanaṃ tadvaśe smṛtaṃ //

Legt man diesen (Mantra) auf Betel usw. auf, rezitiert ihn und gibt (es) mit Uśīra [?] hin, und berührt mit der Hand, auf die das Bīja aufgelegt ist, so gilt dies als Mittel, (den Betreffenden) in seine Gewalt zu bringen.

Wort für Wort
tāmbūla-ādau
auf Betel usw.
idam nyasya
diesen (Mantra) auflegend
japtvā dadyāt
rezitierend gebe man
nyasta-bījena hastena
mit der Hand, auf die das Bīja gelegt ist
sparśanam tad-vaśe smṛtam
die Berührung gilt als unterwerfend

nyastuvījena = nyastabījena; uśīraka unklar im Zusammenhang.

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