Kapitel 357: tiṅvibhaktisiddharūpam
Die Formen der Verbalendungen (Tiṅ)
Kumāra lehrt die Personalendungen des Verbs: ihre drei Bedeutungen (Vorgang, Objekt, Agens), die zehn Tempora und Modi (laṭ bis lṛṅ), die Endungsreihen des Parasmai- und Ātmanepada sowie eine Liste von Musterwurzeln. Es folgen Paradigmen vor allem von bhū, edh, pac und yaj in allen Tempora und Modi sowie abgeleitete Konjugationen (Passiv, Desiderativ, Kausativ, Intensiv, Denominativ). Die Formen sind in der Digitalisierung stellenweise entstellt (V. 14, 20, 21, 29).
Kumāra sprach: Ich werde die Tiṅ-Endungen (Personalendungen) und ebenso ihre Ersatzformen (ādeśa) in Kürze darlegen. Die Tiṅ-Endungen stehen in drei Bedeutungen: im Sinne des bloßen Vorgangs (bhāva), des Objekts (karman) und des Handelnden (kartṛ).
sakarmakārmakācca kartari dvipade smṛtāḥ / sakarmakākarmaṇi ca tadādeśastatheritaḥ //
Von transitiven und intransitiven (Wurzeln) werden sie im Sinne des Handelnden in beiden Diathesen (Parasmaipada und Ātmanepada) gelehrt; von transitiven auch im Sinne des Objekts. So wird ihre Ersetzung angegeben.
Wort für Wort
sakarmaka-akarmakāt
von transitiven und intransitiven
kartari
im Sinne des Agens
dvipade
in beiden Diathesen
sakarmakāt karmaṇi
von transitiven im Sinne des Objekts
tad-ādeśaḥ
deren Ersetzung
sakarmakārmakāc ist verschrieben für sakarmakākarmakāt.
vartamāne laḍākhyāto vidhyādyarthe liṅīritaḥ / vidhyādau loḍāśiṣi ca bhūtānadyatane ca laṅ //
Für das Gegenwärtige wird laṭ (Präsens) genannt; im Sinne von Vorschrift usw. liṅ (Optativ); im Sinne von Vorschrift usw. und beim Segenswunsch loṭ (Imperativ); für das nicht heutige Vergangene laṅ (Imperfekt).
bhūte luṅliṭ parokṣe 'tha bhāvinyadyatane ca luṭ / liṅāśiṣi ca śeṣe 'rthe laḍbhaviṣyati ḷṅbhavet //
Für das Vergangene luṅ (Aorist); liṭ (Perfekt) für das nicht selbst Erlebte (parokṣa); für das nicht heutige Künftige luṭ (periphrastisches Futur); liṅ beim Segenswunsch (Prekativ); im übrigen Sinn für das Künftige lṛṭ (einfaches Futur); ḷṅ (Konditional) soll stehen …
Wort für Wort
bhūte luṅ
für Vergangenes: Aorist
liṭ parokṣe
Perfekt für nicht Erlebtes
bhāvini anadyatane luṭ
für nicht heutiges Künftiges: luṭ
liṅ āśiṣi
Prekativ
bhaviṣyati
für das Künftige
ḷṅ ist die Schreibung der Vorlage für lṛṅ; laḍbhaviṣyati steht für lṛṭ bhaviṣyati.
liṅnimimitte kriyātipattau pare navātmanepadam / pūrvaṃ nava parasmaipadantiptasantīti prathamaḥ pumāna //
… wenn ein Anlass für liṅ vorliegt, beim Ausbleiben der Handlung (kriyātipatti). Die letzten neun (Endungen) sind Ātmanepada, die ersten neun Parasmaipada: tip, tas, anti – das ist die „erste“ Person [Anm.: nach indischer Zählung; entspricht der 3. Person].
Wort für Wort
liṅ-nimitte
wenn ein Anlass für liṅ vorliegt
kriyā-atipattau
beim Ausbleiben der Handlung
pare nava ātmanepadam
die letzten neun: Ātmanepada
pūrvam nava parasmaipadam
die ersten neun: Parasmaipada
prathamaḥ pumān
erste Person
nimimitte ist Schreibfehler für nimitte; pumāna für pumān.
sip, thas, tha ist die mittlere Person; mip, vas, mas die „höchste“ Person [Anm.: entspricht der 1. Person]. Im Ātmanepada sind ta, ātām, anta die erste; thās, āthām, dhvam die mittlere;
die höchste: i, vahi, mahi. Als Wurzeln gelten die mit bhū beginnenden (bhvādi): bhū, edh („gedeihen“), pac („kochen“), nand („sich freuen“), dhvaṃs („zerfallen“), sraṃs („herabfallen“), pad („gehen“) und ad („essen“);
Wort für Wort
uttame i vahi mahi
1. Person: i, vahi, mahi
bhū-ādyāḥ dhātavaḥ
die mit bhū beginnenden Wurzeln
edhiḥ
Wurzel edh, gedeihen
paciḥ
Wurzel pac, kochen
adiḥ
Wurzel ad, essen
Die Wurzeln werden in der Zitierform auf -i angeführt (bhuvi, edhi usw.).
śīṅaḥ krīḍo juhotiś ca jahātiś ca dadhātyapi / dīvyatiḥ svapitirnahiḥ sunotirvasireva ca //
śīṅ („liegen“), krīḍ („spielen“), hu (juhoti, „opfern“), hā (jahāti, „verlassen“), auch dhā (dadhāti, „setzen“), div (dīvyati, „spielen, glänzen“), svap („schlafen“), nah („binden“), su (sunoti, „pressen“) und vas („wohnen“);
tud („stoßen“), mṛś („berühren“), muc („lösen“), rudh („hemmen“), bhuj („genießen“), tyaj („verlassen“), tan („ausbreiten“) – bei den Stammbildungselementen (vikaraṇa), die mit śap beginnen –, ferner man („denken“) und kṛ (karoti, „machen“);
krīḍtirvṛṅo grahiścoriḥ pā nīrarciś ca nāyakāḥ / bhuvi syāt tiṅ bhavati saḥ bhavatastau bhavanti te //
krī („kaufen“), vṛṅ („wählen“), grah („ergreifen“), cur („stehlen“), pā („trinken“), nī („führen“) und arc („verehren“) sind die Hauptbeispiele. Bei bhū mit Tiṅ: bhavati „er ist“, bhavataḥ „die beiden sind“, bhavanti „sie sind“;
edhete dve tathaidhante edhase tvaṃ hi medhayā / edhethe ca samedhadhve edhe hy edhāvahe dhiyā //
edhete „die beiden gedeihen“, ebenso edhante; edhase – „du gedeihst durch Einsicht“; edhethe und samedhadhve; edhe „ich gedeihe“, edhāvahe „wir beide gedeihen durch Verstand“;
edhāmahe – „wir gedeihen durch Hingabe an Hari“. pacati usw. wie zuvor. bhūyate, anubhūyate asau („es wird gewesen“, „jener wird erfahren“) – im Sinne des Vorgangs und des Objekts beim Suffix yak.
bubhūṣati („er will sein“) und ebenso (mit) sam; beim Suffix ṇic: bhāvayati īśvaram („er vergegenwärtigt sich den Herrn“); beim Suffix yaṅ: bobhūyate (Intensiv) … vādyam [?]; beim Schwund von yaṅ (yaṅ-luk): bobhoti.
Wort für Wort
bubhūṣati
er will sein (Desiderativ)
ṇici
beim Kausativsuffix ṇic
bhāvayati īśvaram
vergegenwärtigt den Herrn
yaṅi
beim Intensivsuffix yaṅ
yaṅluki
beim Schwund von yaṅ
vubhūṣati = bubhūṣati; vobhūyate = bobhūyate; vobhotei ist verschrieben für bobhoti; vādyam unklar.
putrīyati („er wünscht sich einen Sohn“), putrakāmyati (desgleichen); ebenso paṭapaṭāyate („es knistert“); ghaṭayati; bei san und ṇic zusammen die Form bubhūṣayati.
paktā, paktārau, paktāraḥ; „du wirst den schönen Reisbrei kochen“ (paktāse); paktādhve; und „ich werde kochen“ (paktāhe); „wir werden die Opferspeise für Hari kochen“ (paktāsmahe).
Im liṅ des Segenswunsches (Prekativ): „Glück möge sein“ (bhūyāt); „mögen Hari und Śaṅkara sein“ (bhūyāstām); „mögen sie sein“ (bhūyāsuḥ); „mögest du sein“ (bhūyāḥ); „mögt ihr beiden Herren sein“ (bhūyāstam);
bhūyāsta yūyaṃ bhūyāsamahaṃ bhūyāsma sarvadā / yakṣīṣṭa hy edhiṣīyāstāṃ yakṣīrannedhisīya ca //
„mögt ihr sein“ (bhūyāsta); „möge ich sein“ (bhūyāsam); „mögen wir allezeit sein“ (bhūyāsma); yakṣīṣṭa („möge er opfern“), edhiṣīyāstām; yakṣīran und edhiṣīya.
yakṣīvahi, edhiṣīmahi. Beim ḷṅ (Konditional), wo ein Anlass für liṅ vorliegt: ayakṣyata („er hätte geopfert“); ayakṣyetām, ayakṣyanta, ayakṣye; ihr beide ayakṣyethām;
ayakṣyadhvam, aidhiṣyāvahi, aidhiṣyāmahi – „wir (…) des Hari“ [?]. Beim lṛṭ (Futur): bhaviṣyati („er wird sein“); edhiṣyāmahe („wir werden gedeihen“) ist von dieser Art.
So (bildet man) vibhāvayiṣyanti („sie werden vergegenwärtigen“) und die Form bobhaviṣyati (Intensiv-Futur); ebenso ghaṭayet, paṭayet; ebenso putrīyati und (putra)kāmyati.