Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 346: kāvyadoṣavivekaḥ Unterscheidung der Dichtungsfehler

Agni behandelt die Fehler (doṣa) der Dichtung nach Sprecher, Wort und Sinn: Wortfehler (Unkorrektheit, Ungebräuchlichkeit mit Unterarten), Sinnfehler (Verbverlust, Sandhifehler, Wiederholung, verworrene Beziehung, logische Fehler des Grundes) und die Fälle, in denen sie keine Fehler sind. Den Schluss bildet die Lehre von der dichterischen Konvention (samaya), allgemein und besonders, mit Hinweisen auf die philosophischen Schulen. Der Text ist an mehreren Stellen verderbt (V. 10, 11, 18, 21, 24, 35); V. 40 hat drei Halbverse.

agnir uvāca | udvegajanako doṣaḥ sabhyānāṃ sa ca saptadhā / vaktṛvācakavācyānāmekadvitriniyogataḥ //

Agni sprach: Ein Fehler (doṣa) ist, was bei den Kennern [in der Versammlung] Unbehagen erregt; und er ist siebenfach, je nach der Verbindung von einem, zweien oder dreien unter Sprecher, Ausdruck und Ausgedrücktem.

Wort für Wort
udvega-janakaḥ
Unbehagen erzeugend
doṣaḥ
Fehler
sabhyānām
der Versammlungsmitglieder, Kenner
saptadhā
siebenfach
vaktṛ-vācaka-vācyānām
von Sprecher, Ausdruck und Ausgedrücktem
eka-dvi-tri-niyogataḥ
durch Verbindung von einem, zwei, drei

Siebenfach: drei Einzelglieder, drei Paare, eine Dreiergruppe.

tatra vaktā kavirnāma prathate sa ca bhedataḥ / sandihāno 'vinītaḥ sannajño jñātā caturvidhaḥ //

Dabei ist der Sprecher unter dem Namen „Dichter“ (kavi) bekannt; und dieser ist der Unterscheidung nach vierfach: der Zweifelnde, der Ungeschulte, der Unwissende und der Wissende.

Wort für Wort
vaktā
Sprecher
kaviḥ nāma prathate
ist als Dichter bekannt
sandihānaḥ
zweifelnd
avinītaḥ
ungeschult, unerzogen
ajñaḥ
unwissend
jñātā
wissend, Kenner

nimittaparibhāṣābhyāmarthasaṃsparśivācakam / tadbhedo padavākye dve kathitaṃ lakṣaṇaṃ dvayoḥ //

Der Ausdruck (vācaka) ist das, was durch Anlass und Konvention den Sinn berührt; seine Unterarten sind zwei: Wort und Satz; das Kennzeichen beider ist [bereits] dargelegt.

Wort für Wort
nimitta-paribhāṣābhyām
durch Anlass und Konvention
artha-saṃsparśi
den Sinn berührend
vācakam
Ausdruck, Bezeichnendes
pada-vākye dve
Wort und Satz, die zwei
kathitam lakṣaṇam
das Merkmal ist genannt

asādhutvāprayuktve dvāveva padanigrahau / śabdaśāstraviruddhatvamasādhutvaṃ vidurbudhāḥ //

Unkorrektheit und Ungebräuchlichkeit sind die beiden einzigen Fehler des Wortes. Als Unkorrektheit kennen die Weisen den Verstoß gegen die Grammatik (śabdaśāstra).

Wort für Wort
asādhutva
Unkorrektheit
aprayuktatva
Ungebräuchlichkeit
pada-nigrahau
die zwei Tadelpunkte des Wortes
śabdaśāstra-viruddhatvam
Verstoß gegen die Grammatik
viduḥ budhāḥ
die Weisen kennen

aprayuktve: lies aprayuktatve.

vyutpannair anibadvatvamaprayuktatvamucyate / chāndasatvamavispaṣṭatvañca kaṣṭatvameva ca //

Ungebräuchlichkeit heißt, dass [ein Wort] von den Gebildeten nicht verwendet wird. Vedischer Sprachgebrauch, Undeutlichkeit und Schwerfälligkeit,

Wort für Wort
vyutpannaiḥ
von den Gebildeten
anibaddhatvam
Nicht-Verwendetsein (in Werken)
chāndasatvam
vedischer Sprachgebrauch
avispaṣṭatvam
Undeutlichkeit
kaṣṭatvam
Schwerfälligkeit

anibadvatvam: lies anibaddhatvam.

tadasāmayikatvañca grāmyatvañceti pañcadhā / chāndasatvaṃ na bhāṣāyāmavispaṣṭamabodhataḥ //

Nicht-Konventionalität und Bäurischkeit (Vulgarität): so ist [die Ungebräuchlichkeit] fünffach. Vedisches ist in der [gewöhnlichen] Sprache nicht [zulässig]; undeutlich ist [ein Wort], weil es nicht verstanden wird.

Wort für Wort
asāmayikatvam
Nicht-Konventionalität
grāmyatvam
Bäurischkeit, Vulgarität
pañcadhā
fünffach
na bhāṣāyām
nicht in der Umgangssprache
abodhataḥ
wegen Nichtverstehens

gūḍārthatā viparyastārthatā saṃśayitārthatā / aviṣpaṣṭārthatā bhedāstatra gūḍhārthateti sā //

Dunkelheit des Sinnes, Verkehrtheit des Sinnes, Zweifelhaftigkeit des Sinnes sind die Unterarten der Undeutlichkeit des Sinnes. Dabei ist Dunkelheit des Sinnes jene,

Wort für Wort
gūḍhārthatā
Dunkelheit des Sinnes
viparyastārthatā
Verkehrtheit des Sinnes
saṃśayitārthatā
Zweifelhaftigkeit des Sinnes
avispaṣṭārthatā
Undeutlichkeit des Sinnes
bhedāḥ
Unterarten

aviṣpaṣṭa: lies avispaṣṭa.

yatrārtho duḥkhasavedyo viparyastārthatā punaḥ / vivakṣitānyaśabdārthapratipātirmalīmasā //

bei der der Sinn schwer zu erfassen ist. Verkehrtheit des Sinnes wiederum ist die trübe Vermittlung eines anderen Wortsinnes als des beabsichtigten.

Wort für Wort
yatra arthaḥ
wo der Sinn
duḥkha-saṃvedyaḥ
schwer zu erfassen
vivakṣita-anya-śabdārtha
ein anderer als der gemeinte Wortsinn
pratipattiḥ
Vermittlung, Verständnis
malīmasā
trübe, unrein

duḥkhasavedyaḥ: lies duḥkhasaṃvedyaḥ.

anyārthatvāsamarthatve etāmevopasarpataḥ / sandihyamānavācyatvamāhuḥ saṃśayitārthatāṃ //

Bedeutungsabweichung und Ungeeignetheit kommen eben dieser [Verkehrtheit] nahe. Zweifelhaftigkeit des Sinnes nennt man es, wenn das Auszudrückende zweifelhaft ist.

Wort für Wort
anyārthatva
Bedeutungsabweichung
asamarthatva
Ungeeignetheit
etām eva upasarpataḥ
nähern sich eben dieser
sandihyamāna-vācyatvam
Zweifelhaftigkeit des Ausgedrückten
āhuḥ
man nennt

doṣatvamanubadhnāti sajjanodvejanādṛte / asukhoccāryamāṇatvaṃ kaṣṭatvaṃ samayācyutiḥ //

Fehlerhaftigkeit haftet [ihr] nur an, wenn sie die Guten verstört [?]. Schwerfälligkeit ist, dass [ein Wort] unangenehm auszusprechen ist; Abweichung von der Konvention

Wort für Wort
doṣatvam anubadhnāti
haftet Fehlerhaftigkeit an
sajjana-udvejanāt ṛte
außer bei Verstörung der Guten
asukha-uccāryamāṇatvam
unangenehme Aussprechbarkeit
kaṣṭatvam
Schwerfälligkeit
samaya-acyutiḥ
Abweichen von der Konvention

sajjanodvejanād ṛte („außer/ohne Verstörung der Guten“) syntaktisch unklar; vermutlich: Ein Fehler liegt nur vor, wo Kenner Anstoß nehmen (vgl. V. 1).

asāmayikatā neyāmetāñca munayo jaguḥ / grāmyatā tu jaghanyārthapratipātiḥ khalīkṛtā //

ist Nicht-Konventionalität; und diese haben die Weisen als „erschließungsbedürftig“ (neyā) bezeichnet [?]. Bäurischkeit aber ist die schändliche Vermittlung eines niedrigen Sinnes.

Wort für Wort
asāmayikatā
Nicht-Konventionalität
neyām
zu erschließend (?)
munayaḥ jaguḥ
die Weisen nannten
jaghanya-artha-pratipattiḥ
Vermittlung eines niedrigen Sinnes
khalīkṛtā
geschmäht, schändlich

neyām: vermutlich Anspielung auf den Fehler neyārtha (nur zu erschließender Sinn); Lesung unsicher.

vaktavyagrāmyavācyasya vacanātsmaraṇādapi / tadvācakapadenābhisāmyādbhavati sā tridhā //

Sie ist dreifach: durch Aussprechen des zu sagenden vulgären Inhalts, durch Erinnerung [daran] und durch Anklang an ein Wort, das ihn bezeichnet.

Wort für Wort
vaktavya-grāmya-vācyasya
des zu sagenden vulgären Inhalts
vacanāt
durch Aussprechen
smaraṇāt
durch Erinnerung
tad-vācaka-padena abhisāmyāt
durch Gleichklang mit einem ihn bezeichnenden Wort
tridhā
dreifach

doṣaḥ sādhāraṇaḥ prātisviko 'rthasya sa tu dvidhā / anekabhāgupālambhaḥ sādhāraṇa iti smṛtaḥ //

Der Fehler des Sinnes aber ist zweifach: allgemein und individuell. Als allgemein gilt der Tadel, der mehreren [Teilen] zukommt.

Wort für Wort
arthasya doṣaḥ
Fehler des Sinnes
sādhāraṇaḥ
allgemein
prātisvikaḥ
individuell, eigentümlich
aneka-bhāk
mehreren zukommend
upālambhaḥ
Tadel

kriyākārakayorbhraṃśo visandhiḥ punaruktā / vyastasambandhatā ceti pañca sādhāraṇā matāḥ //

Verlust des Verbs und des Kāraka (der Handlungsrolle), Sandhifehler, Wiederholung und Verworrenheit der Beziehung: diese fünf gelten als allgemein.

Wort für Wort
kriyā-kārakayoḥ bhraṃśaḥ
Verlust von Verb und Handlungsrolle
visandhiḥ
Sandhifehler
punaruktatā
Wiederholung
vyasta-sambandhatā
Verworrenheit der Beziehung
pañca sādhāraṇāḥ
fünf allgemeine

punaruktā: lies punaruktatā.

akriyatvaṃ kriyābhraṃśo bhraṣṭakārakatā punaḥ / kartryādikārakābhāvo visandhiḥsandhidūṣaṇam //

Verbverlust ist das Fehlen des Verbs; Kārakaverlust wiederum ist das Fehlen der Kārakas wie Agens usw.; Visandhi ist die Verderbnis des Sandhi.

Wort für Wort
akriyatvam
Verblosigkeit
kriyā-bhraṃśaḥ
Verbverlust
bhraṣṭa-kārakatā
Kārakaverlust
kartṛ-ādi-kāraka-abhāvaḥ
Fehlen von Agens usw.
sandhi-dūṣaṇam
Verderbnis des Sandhi

vigato vā viruddho vā sandhiḥ sa bhavati dvidhā / sandherviruddhatā kaṣṭapādādarthāntarāgamāt //

Der Sandhi ist entweder fehlend oder widrig; so ist er zweifach. Widrigkeit des Sandhi [entsteht] durch einen schwerfälligen Versfuß [bzw. harte Aussprache] und durch das Aufkommen eines anderen Sinnes.

Wort für Wort
vigataḥ
fehlend
viruddhaḥ
widrig
sandheḥ viruddhatā
Widrigkeit des Sandhi
kaṣṭa-pādāt
durch schwerfälligen Versfuß
artha-antara-āgamāt
durch Aufkommen eines anderen Sinnes

kaṣṭapādāt: vgl. kaṣṭapāṭhāt in V. 27; vielleicht so zu lesen.

punaruktatvamābhīkṣṇyādabhidhānaṃ dvidhaiva tat / arthāvṛttiḥ padāvṛttirarthāvṛttirapi dvidhā //

Wiederholung ist wiederholtes Nennen; sie ist zweifach: Wiederkehr des Sinnes und Wiederkehr des Wortes; auch die Wiederkehr des Sinnes ist zweifach:

Wort für Wort
punaruktatvam
Wiederholung
ābhīkṣṇyāt abhidhānam
wiederholtes Nennen
artha-āvṛttiḥ
Wiederkehr des Sinnes
pada-āvṛttiḥ
Wiederkehr des Wortes
dvidhā
zweifach

prayuktavaraśabdena tathā śabdāntareṇa ca / nāvartate padāvṛttau vācyamāvartate padam //

durch das [schon] gebrauchte Wort [?] und durch ein anderes Wort. Bei der Wortwiederkehr kehrt nicht das Ausgedrückte wieder, [wohl aber] das Wort.

Wort für Wort
prayukta-śabdena
durch das gebrauchte Wort
śabda-antareṇa
durch ein anderes Wort
na āvartate
kehrt nicht wieder
vācyam
das Ausgedrückte
āvartate padam
das Wort kehrt wieder

prayuktavaraśabdena: vermutlich verderbt für prayuktenaiva śabdena („durch dasselbe gebrauchte Wort“).

vyastasambandhatā suṣṭhusambandho vyavadhānataḥ / sambandhāntaranirbhāṣāt sambandhāntarajanmanaḥ //

Verworrenheit der Beziehung: [wenn] eine gute Beziehung durch Dazwischentreten [gestört wird] – durch Anklingen einer anderen Beziehung, durch Entstehen einer anderen Beziehung

Wort für Wort
vyasta-sambandhatā
Verworrenheit der Beziehung
suṣṭhu-sambandhaḥ
gute Beziehung
vyavadhānataḥ
durch Dazwischentreten
sambandha-antara-nirbhāṣāt
durch Anklingen einer anderen Beziehung
sambandha-antara-janmanaḥ
durch Entstehen einer anderen Beziehung

abhāvepi tayorantarvyavadhānāstridhaiva sā / antarā padavākyābhyāṃ pratibhedaṃ punardvidhā //

und auch bei Fehlen dieser beiden durch inneres Dazwischentreten: so ist sie dreifach. Je nach Unterart ist sie wiederum zweifach, [je nachdem ob] Wort oder Satz dazwischentritt.

Wort für Wort
abhāve api tayoḥ
auch beim Fehlen der beiden
antar-vyavadhānāt
durch inneres Dazwischentreten
tridhā eva
eben dreifach
antarā pada-vākyābhyām
durch dazwischen stehendes Wort oder Satz
pratibhedam
je Unterart

vācyamarthārthyamānatvāttaddvidhā padavākyayoḥ / vyutpāditapūrvavācyaṃ vyutpādyañceti bhidyate //

Das Ausgedrückte ist, da es als Sinn angestrebt wird [?], zweifach, [nämlich] bei Wort und Satz; unterschieden wird es in schon früher Erklärtes und [noch] zu Erklärendes.

Wort für Wort
vācyam
das Ausgedrückte
artha-arthyamānatvāt
weil als Sinn erstrebt (?)
pada-vākyayoḥ
bei Wort und Satz
vyutpādita-pūrva
früher erklärt
vyutpādyam
zu erklären

arthārthyamānatvāt unklar.

iṣṭavyāghātakāritvaṃ hetoḥ syādasamarthatā / asiddhatvaṃ viruddhatvamanaikāntikatā tathā //

Unzulänglichkeit des Grundes (hetu) wäre das Bewirken einer Widerlegung des Gewünschten; [ihre Arten sind] Unbewiesenheit, Widersprüchlichkeit und ebenso Nicht-Eindeutigkeit,

Wort für Wort
iṣṭa-vyāghāta-kāritvam
Bewirken einer Widerlegung des Gewünschten
hetoḥ asamarthatā
Unzulänglichkeit des Grundes
asiddhatvam
Unbewiesenheit
viruddhatvam
Widersprüchlichkeit
anaikāntikatā
Nicht-Eindeutigkeit

Logische Fehler des Grundes (hetvābhāsa) nach der Nyāya-Lehre.

evaṃ satpratipakṣatvaṃ kālātītatvasaṅkaraḥ / pakṣe sapakṣenāstitatvaṃ vipakṣe 'stitvameva tat //

ebenso Gegenbeweisbarkeit, Zeitüberschreitung [und] Vermischung. [Widersprüchlich ist es], wenn [der Grund] im Streitobjekt und in der gleichartigen Seite nicht vorhanden, in der Gegenseite aber vorhanden ist.

Wort für Wort
sat-pratipakṣatvam
Gegenbeweisbarkeit
kāla-atītatva
Zeitüberschreitung
saṅkaraḥ
Vermischung
pakṣe sapakṣe nāstitvam
Nichtvorhandensein im Streitobjekt und gleichartigen Fall
vipakṣe astitvam
Vorhandensein im Gegenfall

sapakṣenāstitatvaṃ: lies sapakṣe nāstitvaṃ.

kāvyeṣu pariṣadyānāṃ na bhavedapyaruntudam / ekādaśanirarthatvaṃ duṣkarādau na duṣyati //

In Dichtwerken dürfte [dies] für die Zuhörerschaft nicht einmal verletzend sein. Sinnlosigkeit [?] ist bei Kunststücken (duṣkara) usw. kein Fehler.

Wort für Wort
kāvyeṣu
in Dichtwerken
pariṣadyānām
für die Versammlungsteilnehmer
aruntudam
verletzend
nirarthatvam
Sinnlosigkeit
duṣkara-ādau
bei Kunststücken usw.
na duṣyati
ist kein Fehler

ekādaśa („elf“) im zweiten Halbvers unverständlich, vielleicht verderbt; übersetzt nur nirarthatvam.

duḥkhīkaroti doṣajñāngūḍhārthatvaṃ na duṣkare / na grāmyatodvegakārī prasiddher lokaśāstrayoḥ //

Dunkelheit des Sinnes quält die Fehlerkundigen, [ist aber] bei Kunststücken [kein Fehler]. Bäurischkeit erregt kein Unbehagen, [wenn sie] durch Bekanntheit in Welt und Lehrbüchern [gedeckt ist].

Wort für Wort
duḥkhīkaroti
quält
doṣa-jñān
die Fehlerkundigen
gūḍhārthatvam
Dunkelheit des Sinnes
na grāmyatā udvega-kārī
Vulgarität erregt kein Unbehagen
prasiddheḥ loka-śāstrayoḥ
wegen Bekanntheit in Welt und Lehrbüchern

kriyābhraṃśena lakṣmāsti kriyādhyāhārayogataḥ / bhraṣṭakārakatākṣepabalādhyāhṛtakārake //

Bei Verbverlust ist [dennoch] ein Vorzug vorhanden, wenn das Verb ergänzt wird; bei Kārakaverlust [ebenso], wenn das Kāraka kraft der Implikation ergänzt wird.

Wort für Wort
kriyā-bhraṃśena
bei Verbverlust
lakṣma asti
ein Vorzug ist da
kriyā-adhyāhāra-yogataḥ
durch Ergänzung des Verbs
bhraṣṭa-kārakatā
Kārakaverlust
ākṣepa-bala-adhyāhṛta-kārake
wenn das Kāraka durch Implikation ergänzt ist

lakṣmāsti: wohl „ein [positives] Merkmal ist vorhanden“.

pragṛhye gṛhyate naiva kṣataṃ vigatasandhinā / kaṣṭapāṭhādvisandhitvaṃ durvacādau na durbhagam //

Beim Pragṛhya[-Vokal] wird durch fehlenden Sandhi keine Verletzung angenommen. Sandhifehler durch schwerfällige Aussprache ist bei Schwerauszusprechendem usw. nicht unschön.

Wort für Wort
pragṛhye
beim Pragṛhya-Vokal
na gṛhyate kṣatam
keine Verletzung wird angenommen
vigata-sandhinā
durch fehlenden Sandhi
kaṣṭa-pāṭhāt
durch harte Aussprache
na durbhagam
nicht unschön

anuprāse padāvṛttirvyastasambandhatā śubhā / nārthasaṃgrahaṇe doṣo vyutkramādyair na lipyate //

Beim Anuprāsa (Alliteration) sind Wortwiederkehr [und] Verworrenheit der Beziehung schön. Bei der Zusammenfassung von Inhalten ist [Wiederholung] kein Fehler; man wird durch Umstellung usw. nicht befleckt.

Wort für Wort
anuprāse
bei der Alliteration
pada-āvṛttiḥ
Wortwiederkehr
śubhā
schön
artha-saṃgrahaṇe
bei der Zusammenfassung von Inhalten
vyutkrama-ādyaiḥ na lipyate
wird durch Umstellung usw. nicht befleckt

vibhaktisaṃjñāliṅgānāṃ yatrodvego na dhīmatāṃ / saṃkhyāyāstatra bhinnatvamupamānopameyayoḥ //

Wo bei Kasus, Benennung und Genus die Verständigen kein Unbehagen [empfinden], dort ist auch eine Verschiedenheit der Zahl zwischen Vergleichsbild und Verglichenem [zulässig]:

Wort für Wort
vibhakti-saṃjñā-liṅgānām
bei Kasus, Benennung, Genus
na udvegaḥ dhīmatām
kein Unbehagen der Verständigen
saṃkhyāyāḥ bhinnatvam
Verschiedenheit der Zahl
upamāna-upameyayoḥ
von Vergleichsbild und Verglichenem

anekasya tathaikena bahūnāṃ bahubhiḥ śubhā / kavīmāṃ samudācāraḥ samayo nāma gīyate //

[der Vergleich] von vielem mit einem und von vielen mit vielen ist schön. Das übliche Verhalten der Dichter nennt man Konvention (samaya).

Wort für Wort
anekasya ekena
von vielem mit einem
bahūnām bahubhiḥ
von vielen mit vielen
kavīnām samudācāraḥ
übliches Verhalten der Dichter
samayaḥ nāma
Konvention genannt

kavīmāṃ: lies kavīnāṃ.

samānyaś ca viśiṣṭaś ca dharmavadbhavati dvidhā / siddhasaiddhāntikānāñca kavīnāñcāvivādataḥ //

Sie ist, wie eine Eigenschaft, zweifach: allgemein und besonders. Was aufgrund der Unstrittigkeit unter den Anhängern der festgelegten Lehren und den Dichtern

Wort für Wort
sāmānyaḥ
allgemein
viśiṣṭaḥ
besonders
dharmavat
wie eine Eigenschaft
siddha-saiddhāntikānām
der Anhänger festgelegter Lehren
avivādataḥ
wegen Unstrittigkeit

yaḥ prasidhyati sāmānya ity asau samayo mataḥ / sarvesiddhāntikā yena sañcaranti niratyayaṃ //

allgemein anerkannt ist, das gilt als allgemeine Konvention, mit der alle Lehrsystem-Anhänger gefahrlos umgehen

Wort für Wort
prasidhyati
ist anerkannt
sāmānyaḥ samayaḥ
allgemeine Konvention
sarve saiddhāntikāḥ
alle Lehrsystem-Anhänger
sañcaranti
gehen um, bewegen sich
niratyayam
gefahrlos

kiyanta eva vā yena sāmānyastena sadvidhā / chedasiddhantato 'nyaḥ syāt keṣāñcidbhrāntito yathā //

– oder [aber die], mit der nur einige [umgehen]; daher ist die allgemeine [Konvention] zweifach. Eine andere [entsteht] aus einem abweichenden Lehrsystem, wie etwa nach irriger [Ansicht] mancher:

Wort für Wort
kiyantaḥ eva
nur einige
sa dvidhā
sie ist zweifach
cheda-siddhāntataḥ
aus abweichender Lehre
anyaḥ syāt
eine andere entsteht
bhrāntitaḥ
aus Irrtum

sadvidhā: lies sa dvidhā; chedasiddhantataḥ: lies -siddhāntataḥ.

tarkajñānaṃ muneḥ kasya kasyacit kṣaṇabhaṅgikā / bhūtacaitanyatā kasya jñānasya suprakāśatā //

Die Kenntnis der Logik [gilt] bei einem Weisen, bei einem anderen die Augenblicklichkeit [der Dinge], bei einem die Bewusstheit der Elemente, bei einem [anderen] die Selbstleuchtkraft der Erkenntnis,

Wort für Wort
tarka-jñānam
Kenntnis der Logik
kṣaṇa-bhaṅgikā
Augenblicklichkeit, Momentanzerfall
bhūta-caitanyatā
Bewusstheit der Elemente
jñānasya su-prakāśatā
Selbstleuchtkraft der Erkenntnis

Anspielungen auf Nyāya, buddhistische Momentanlehre, Cārvāka und die Lehre vom selbstleuchtenden Erkennen.

prajñātasthūlatāśabdānekāntatvaṃ tathārhataḥ / śaivavaiṣṇavaśākteyasaurasiddhāntināṃ matiḥ //

und beim Arhat (Jaina) die Nicht-Einseitigkeit von … Grobheit und Wort [?]; die Ansicht der Anhänger der Lehren Śivas, Viṣṇus, der Śakti und der Sonne [ist]:

Wort für Wort
anekāntatvam
Nicht-Einseitigkeit
ārhataḥ
des Arhat, Jaina
śaiva-vaiṣṇava-śākteya-saura
śivaitisch, viṣṇuitisch, śāktisch, solar
siddhāntinām matiḥ
Ansicht der Lehrsystem-Anhänger

prajñātasthūlatāśabda- unklar, wohl verderbt.

jagataḥ kāraṇaṃ brahma sāṅkhyānāṃ sapradhānakaṃ / asmin sarasvatīloke sañcarantaḥ parasparam //

Ursache der Welt ist das Brahman; bei den Sāṃkhyas [ist es] die Urmaterie (pradhāna). In dieser Welt der Sarasvatī (der Dichtung) wechselseitig verkehrend,

Wort für Wort
jagataḥ kāraṇam
Ursache der Welt
brahma
Brahman
sāṅkhyānām sa-pradhānakam
bei den Sāṃkhyas mit der Urmaterie
sarasvatī-loke
in der Welt der Sarasvatī
sañcarantaḥ parasparam
miteinander verkehrend

badhnanti vyatipaśyanto yadviśiṣṭaiḥ sa ucyate / parigrahādapyasatāṃ satāmevāparigrahāt //

binden sie [ihre Werke], indem sie einander [kritisch] betrachten; was von besonderen [Gruppen angenommen wird], heißt die besondere [Konvention]. Durch Annahme sogar des Nicht-Seienden und durch Nicht-Annahme gerade des Seienden

Wort für Wort
badhnanti
binden, verfassen
vyatipaśyantaḥ
einander betrachtend
viśiṣṭaiḥ
von besonderen
parigrahāt asatām
durch Annahme des Nicht-Seienden
satām aparigrahāt
durch Nicht-Annahme des Seienden

bhidyamānasya tasyāyaṃ dvaividhyamupagīyate / pratyakṣādipramāṇair yad bādhitaṃ tadasadviduḥ //

wird ihre Zweifachheit gelehrt, wenn sie unterschieden wird. Was durch Wahrnehmung usw. als Erkenntnismittel widerlegt ist, kennt man als nicht-seiend.

Wort für Wort
bhidyamānasya
wenn es unterschieden wird
dvaividhyam upagīyate
die Zweifachheit wird gelehrt
pratyakṣa-ādi-pramāṇaiḥ
durch Wahrnehmung usw. als Erkenntnismittel
bādhitam
widerlegt
asat viduḥ
kennen als nicht-seiend

kavibhistat pratigrāhyaṃ jñānasya dyotamānatā / yadevārthakriyākāri tadeva paramārthasat //

Von den Dichtern ist anzunehmen, dass die Erkenntnis leuchtend ist; nur was Wirksamkeit entfaltet, ist im höchsten Sinne seiend.

Wort für Wort
kavibhiḥ pratigrāhyam
von den Dichtern anzunehmen
jñānasya dyotamānatā
Leuchten der Erkenntnis
artha-kriyā-kāri
wirksam, zweckwirkend
paramārtha-sat
im höchsten Sinne seiend

ajñānājjñānatastvekaṃ brahmaiva paramārthasat / viṣṇuḥ svargādihetuḥ sa śabdālaṅkārarūpavān / aparā ca parā vidyā tāṃ jñātvā mucyate bhavāt //

Vom Standpunkt des Unwissens wie des Wissens aus aber ist einzig das Brahman im höchsten Sinne seiend. Viṣṇu ist die Ursache von Himmel usw.; er hat die Gestalt der Wort-Schmuckmittel. [Es gibt] das niedere und das höhere Wissen; wer es erkannt hat, wird vom Dasein erlöst.

Wort für Wort
ajñānāt jñānataḥ
vom Unwissen und vom Wissen aus
ekam brahma eva
einzig das Brahman
svarga-ādi-hetuḥ
Ursache von Himmel usw.
śabda-alaṅkāra-rūpavān
die Gestalt der Wortfiguren habend
aparā ca parā vidyā
niederes und höheres Wissen
mucyate bhavāt
wird vom Dasein erlöst

Drei Halbverse.

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