Kapitel 346: kāvyadoṣavivekaḥ
Unterscheidung der Dichtungsfehler
Agni behandelt die Fehler (doṣa) der Dichtung nach Sprecher, Wort und Sinn: Wortfehler (Unkorrektheit, Ungebräuchlichkeit mit Unterarten), Sinnfehler (Verbverlust, Sandhifehler, Wiederholung, verworrene Beziehung, logische Fehler des Grundes) und die Fälle, in denen sie keine Fehler sind. Den Schluss bildet die Lehre von der dichterischen Konvention (samaya), allgemein und besonders, mit Hinweisen auf die philosophischen Schulen. Der Text ist an mehreren Stellen verderbt (V. 10, 11, 18, 21, 24, 35); V. 40 hat drei Halbverse.
agnir uvāca | udvegajanako doṣaḥ sabhyānāṃ sa ca saptadhā / vaktṛvācakavācyānāmekadvitriniyogataḥ //
Agni sprach: Ein Fehler (doṣa) ist, was bei den Kennern [in der Versammlung] Unbehagen erregt; und er ist siebenfach, je nach der Verbindung von einem, zweien oder dreien unter Sprecher, Ausdruck und Ausgedrücktem.
Wort für Wort
udvega-janakaḥ
Unbehagen erzeugend
doṣaḥ
Fehler
sabhyānām
der Versammlungsmitglieder, Kenner
saptadhā
siebenfach
vaktṛ-vācaka-vācyānām
von Sprecher, Ausdruck und Ausgedrücktem
eka-dvi-tri-niyogataḥ
durch Verbindung von einem, zwei, drei
Siebenfach: drei Einzelglieder, drei Paare, eine Dreiergruppe.
tatra vaktā kavirnāma prathate sa ca bhedataḥ / sandihāno 'vinītaḥ sannajño jñātā caturvidhaḥ //
Dabei ist der Sprecher unter dem Namen „Dichter“ (kavi) bekannt; und dieser ist der Unterscheidung nach vierfach: der Zweifelnde, der Ungeschulte, der Unwissende und der Wissende.
nimittaparibhāṣābhyāmarthasaṃsparśivācakam / tadbhedo padavākye dve kathitaṃ lakṣaṇaṃ dvayoḥ //
Der Ausdruck (vācaka) ist das, was durch Anlass und Konvention den Sinn berührt; seine Unterarten sind zwei: Wort und Satz; das Kennzeichen beider ist [bereits] dargelegt.
Unkorrektheit und Ungebräuchlichkeit sind die beiden einzigen Fehler des Wortes. Als Unkorrektheit kennen die Weisen den Verstoß gegen die Grammatik (śabdaśāstra).
tadasāmayikatvañca grāmyatvañceti pañcadhā / chāndasatvaṃ na bhāṣāyāmavispaṣṭamabodhataḥ //
Nicht-Konventionalität und Bäurischkeit (Vulgarität): so ist [die Ungebräuchlichkeit] fünffach. Vedisches ist in der [gewöhnlichen] Sprache nicht [zulässig]; undeutlich ist [ein Wort], weil es nicht verstanden wird.
Dunkelheit des Sinnes, Verkehrtheit des Sinnes, Zweifelhaftigkeit des Sinnes sind die Unterarten der Undeutlichkeit des Sinnes. Dabei ist Dunkelheit des Sinnes jene,
Bedeutungsabweichung und Ungeeignetheit kommen eben dieser [Verkehrtheit] nahe. Zweifelhaftigkeit des Sinnes nennt man es, wenn das Auszudrückende zweifelhaft ist.
Fehlerhaftigkeit haftet [ihr] nur an, wenn sie die Guten verstört [?]. Schwerfälligkeit ist, dass [ein Wort] unangenehm auszusprechen ist; Abweichung von der Konvention
Wort für Wort
doṣatvam anubadhnāti
haftet Fehlerhaftigkeit an
sajjana-udvejanāt ṛte
außer bei Verstörung der Guten
asukha-uccāryamāṇatvam
unangenehme Aussprechbarkeit
kaṣṭatvam
Schwerfälligkeit
samaya-acyutiḥ
Abweichen von der Konvention
sajjanodvejanād ṛte („außer/ohne Verstörung der Guten“) syntaktisch unklar; vermutlich: Ein Fehler liegt nur vor, wo Kenner Anstoß nehmen (vgl. V. 1).
asāmayikatā neyāmetāñca munayo jaguḥ / grāmyatā tu jaghanyārthapratipātiḥ khalīkṛtā //
ist Nicht-Konventionalität; und diese haben die Weisen als „erschließungsbedürftig“ (neyā) bezeichnet [?]. Bäurischkeit aber ist die schändliche Vermittlung eines niedrigen Sinnes.
Wort für Wort
asāmayikatā
Nicht-Konventionalität
neyām
zu erschließend (?)
munayaḥ jaguḥ
die Weisen nannten
jaghanya-artha-pratipattiḥ
Vermittlung eines niedrigen Sinnes
khalīkṛtā
geschmäht, schändlich
neyām: vermutlich Anspielung auf den Fehler neyārtha (nur zu erschließender Sinn); Lesung unsicher.
Der Sandhi ist entweder fehlend oder widrig; so ist er zweifach. Widrigkeit des Sandhi [entsteht] durch einen schwerfälligen Versfuß [bzw. harte Aussprache] und durch das Aufkommen eines anderen Sinnes.
Wort für Wort
vigataḥ
fehlend
viruddhaḥ
widrig
sandheḥ viruddhatā
Widrigkeit des Sandhi
kaṣṭa-pādāt
durch schwerfälligen Versfuß
artha-antara-āgamāt
durch Aufkommen eines anderen Sinnes
kaṣṭapādāt: vgl. kaṣṭapāṭhāt in V. 27; vielleicht so zu lesen.
Verworrenheit der Beziehung: [wenn] eine gute Beziehung durch Dazwischentreten [gestört wird] – durch Anklingen einer anderen Beziehung, durch Entstehen einer anderen Beziehung
und auch bei Fehlen dieser beiden durch inneres Dazwischentreten: so ist sie dreifach. Je nach Unterart ist sie wiederum zweifach, [je nachdem ob] Wort oder Satz dazwischentritt.
Das Ausgedrückte ist, da es als Sinn angestrebt wird [?], zweifach, [nämlich] bei Wort und Satz; unterschieden wird es in schon früher Erklärtes und [noch] zu Erklärendes.
Unzulänglichkeit des Grundes (hetu) wäre das Bewirken einer Widerlegung des Gewünschten; [ihre Arten sind] Unbewiesenheit, Widersprüchlichkeit und ebenso Nicht-Eindeutigkeit,
Wort für Wort
iṣṭa-vyāghāta-kāritvam
Bewirken einer Widerlegung des Gewünschten
hetoḥ asamarthatā
Unzulänglichkeit des Grundes
asiddhatvam
Unbewiesenheit
viruddhatvam
Widersprüchlichkeit
anaikāntikatā
Nicht-Eindeutigkeit
Logische Fehler des Grundes (hetvābhāsa) nach der Nyāya-Lehre.
evaṃ satpratipakṣatvaṃ kālātītatvasaṅkaraḥ / pakṣe sapakṣenāstitatvaṃ vipakṣe 'stitvameva tat //
ebenso Gegenbeweisbarkeit, Zeitüberschreitung [und] Vermischung. [Widersprüchlich ist es], wenn [der Grund] im Streitobjekt und in der gleichartigen Seite nicht vorhanden, in der Gegenseite aber vorhanden ist.
Wort für Wort
sat-pratipakṣatvam
Gegenbeweisbarkeit
kāla-atītatva
Zeitüberschreitung
saṅkaraḥ
Vermischung
pakṣe sapakṣe nāstitvam
Nichtvorhandensein im Streitobjekt und gleichartigen Fall
duḥkhīkaroti doṣajñāngūḍhārthatvaṃ na duṣkare / na grāmyatodvegakārī prasiddher lokaśāstrayoḥ //
Dunkelheit des Sinnes quält die Fehlerkundigen, [ist aber] bei Kunststücken [kein Fehler]. Bäurischkeit erregt kein Unbehagen, [wenn sie] durch Bekanntheit in Welt und Lehrbüchern [gedeckt ist].
Bei Verbverlust ist [dennoch] ein Vorzug vorhanden, wenn das Verb ergänzt wird; bei Kārakaverlust [ebenso], wenn das Kāraka kraft der Implikation ergänzt wird.
Wort für Wort
kriyā-bhraṃśena
bei Verbverlust
lakṣma asti
ein Vorzug ist da
kriyā-adhyāhāra-yogataḥ
durch Ergänzung des Verbs
bhraṣṭa-kārakatā
Kārakaverlust
ākṣepa-bala-adhyāhṛta-kārake
wenn das Kāraka durch Implikation ergänzt ist
lakṣmāsti: wohl „ein [positives] Merkmal ist vorhanden“.
Beim Pragṛhya[-Vokal] wird durch fehlenden Sandhi keine Verletzung angenommen. Sandhifehler durch schwerfällige Aussprache ist bei Schwerauszusprechendem usw. nicht unschön.
anuprāse padāvṛttirvyastasambandhatā śubhā / nārthasaṃgrahaṇe doṣo vyutkramādyair na lipyate //
Beim Anuprāsa (Alliteration) sind Wortwiederkehr [und] Verworrenheit der Beziehung schön. Bei der Zusammenfassung von Inhalten ist [Wiederholung] kein Fehler; man wird durch Umstellung usw. nicht befleckt.
vibhaktisaṃjñāliṅgānāṃ yatrodvego na dhīmatāṃ / saṃkhyāyāstatra bhinnatvamupamānopameyayoḥ //
Wo bei Kasus, Benennung und Genus die Verständigen kein Unbehagen [empfinden], dort ist auch eine Verschiedenheit der Zahl zwischen Vergleichsbild und Verglichenem [zulässig]:
samānyaś ca viśiṣṭaś ca dharmavadbhavati dvidhā / siddhasaiddhāntikānāñca kavīnāñcāvivādataḥ //
Sie ist, wie eine Eigenschaft, zweifach: allgemein und besonders. Was aufgrund der Unstrittigkeit unter den Anhängern der festgelegten Lehren und den Dichtern
– oder [aber die], mit der nur einige [umgehen]; daher ist die allgemeine [Konvention] zweifach. Eine andere [entsteht] aus einem abweichenden Lehrsystem, wie etwa nach irriger [Ansicht] mancher:
Wort für Wort
kiyantaḥ eva
nur einige
sa dvidhā
sie ist zweifach
cheda-siddhāntataḥ
aus abweichender Lehre
anyaḥ syāt
eine andere entsteht
bhrāntitaḥ
aus Irrtum
sadvidhā: lies sa dvidhā; chedasiddhantataḥ: lies -siddhāntataḥ.
Die Kenntnis der Logik [gilt] bei einem Weisen, bei einem anderen die Augenblicklichkeit [der Dinge], bei einem die Bewusstheit der Elemente, bei einem [anderen] die Selbstleuchtkraft der Erkenntnis,
Wort für Wort
tarka-jñānam
Kenntnis der Logik
kṣaṇa-bhaṅgikā
Augenblicklichkeit, Momentanzerfall
bhūta-caitanyatā
Bewusstheit der Elemente
jñānasya su-prakāśatā
Selbstleuchtkraft der Erkenntnis
Anspielungen auf Nyāya, buddhistische Momentanlehre, Cārvāka und die Lehre vom selbstleuchtenden Erkennen.
und beim Arhat (Jaina) die Nicht-Einseitigkeit von … Grobheit und Wort [?]; die Ansicht der Anhänger der Lehren Śivas, Viṣṇus, der Śakti und der Sonne [ist]:
Ursache der Welt ist das Brahman; bei den Sāṃkhyas [ist es] die Urmaterie (pradhāna). In dieser Welt der Sarasvatī (der Dichtung) wechselseitig verkehrend,
badhnanti vyatipaśyanto yadviśiṣṭaiḥ sa ucyate / parigrahādapyasatāṃ satāmevāparigrahāt //
binden sie [ihre Werke], indem sie einander [kritisch] betrachten; was von besonderen [Gruppen angenommen wird], heißt die besondere [Konvention]. Durch Annahme sogar des Nicht-Seienden und durch Nicht-Annahme gerade des Seienden
bhidyamānasya tasyāyaṃ dvaividhyamupagīyate / pratyakṣādipramāṇair yad bādhitaṃ tadasadviduḥ //
wird ihre Zweifachheit gelehrt, wenn sie unterschieden wird. Was durch Wahrnehmung usw. als Erkenntnismittel widerlegt ist, kennt man als nicht-seiend.
ajñānājjñānatastvekaṃ brahmaiva paramārthasat / viṣṇuḥ svargādihetuḥ sa śabdālaṅkārarūpavān / aparā ca parā vidyā tāṃ jñātvā mucyate bhavāt //
Vom Standpunkt des Unwissens wie des Wissens aus aber ist einzig das Brahman im höchsten Sinne seiend. Viṣṇu ist die Ursache von Himmel usw.; er hat die Gestalt der Wort-Schmuckmittel. [Es gibt] das niedere und das höhere Wissen; wer es erkannt hat, wird vom Dasein erlöst.