Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 302: aṅgākṣarārcanam Verehrung mit den Silben der Glieder

Nach Anzeichen des nahen Todes behandelt das Kapitel den Nyāsa mit dem achtsilbigen Viṣṇu-Mantra samt Aṅga-Formeln, den Farben der Silben, der Auflegung auf Hände und Körper sowie den Aufbau des Lotossitzes mit Śaktis und die Verehrung Haris mit seinen Gestalten, Waffen und Begleitern. Quellbesonderheiten: Die Mantrasilben sind teils verschlüsselt, teils verderbt (V. 3–4); der Titel „aṅgākṣarārcana“ gibt den Inhalt (Aṣṭākṣara-Verehrung) nur ungenau wieder; V. 16 umfasst drei Halbverse.

agnir uvāca | yadā janmarkṣagaś candro bhānuḥ saptasarāśigaḥ / pauṣṇaḥ kālaḥ sa vijñeyastadā grāsaṃ parīkṣayet //

Agni sprach: Wenn der Mond im Geburtsmondhaus steht und die Sonne im siebten Zeichen (davon), so ist das als die Zeit des Pūṣan (pauṣṇa) zu erkennen; dann prüfe man das ‚Verschlingen‘ [?] (die Todesanzeichen).

Wort für Wort
janma-ṛkṣa-gaḥ candraḥ
der Mond im Geburtsnakṣatra
bhānuḥ
die Sonne
saptama-rāśi-gaḥ
im siebten Tierkreiszeichen
pauṣṇaḥ kālaḥ
die Pūṣan-Zeit
grāsam parīkṣayet
prüfe das Verschlingen

saptasarāśigaḥ wohl für saptamarāśigaḥ; grāsa hier wohl im Sinn des Todesergriffs, unsicher.

kaṇṭoṣṭhau calataḥsthānādyasya vakrā ca nāsikā / kṛṣṇā ca jihvā saptāhaṃ jīvitaṃ tasya vai bhavet //

Wessen Kehle und Lippen sich von ihrer Stelle bewegen, wessen Nase krumm und wessen Zunge schwarz ist, dessen Leben währt noch sieben Tage.

Wort für Wort
kaṇṭha-oṣṭhau
Kehle und Lippen
calataḥ sthānāt
bewegen sich von der Stelle
vakrā nāsikā
krumme Nase
kṛṣṇā jihvā
schwarze Zunge
sapta-aham jīvitam
sieben Tage Leben

kaṇṭoṣṭhau = kaṇṭhoṣṭhau.

tāro meṣo viṣaṃ dantī naro dīrgho vaṇā rasaḥ / krūddholkāya maholkāya vīrolkāya śikhā bhavet //

Tāra (oṃ), Meṣa, Viṣa, Dantī, Nara, Dīrgha, Vaṇā [?], Rasa [Anm.: Decknamen der Silben]. (Die Glieder:) „kruddholkāya“ (dem zornigen Meteor), „maholkāya“ (dem großen Meteor), „vīrolkāya“ (dem Heldenmeteor) – dies sei die Śikhā –,

Wort für Wort
tāraḥ
Tāra (die Silbe oṃ)
kruddha-ulkāya
dem zornigen Meteor
mahā-ulkāya
dem großen Meteor
vīra-ulkāya
dem Heldenmeteor
śikhā bhavet
sei die Śikhā

Die Aṅga-Formeln kruddholkāya usw. entsprechen Herz, Kopf, Haarschopf usw. vaṇā unklar.

hyalkāya rāhasolkāya vaiṣṇavoṣṭākṣaro manuḥ / kaniṣṭhāditadaṣṭānāmaṅgulīnāñca parvasu //

„dyulkāya“ [?] (dem Himmelsmeteor), „sahasrolkāya“ (dem tausendfachen Meteor) [?]. Der achtsilbige Mantra des Viṣṇu: Auf die Glieder der acht Finger, beginnend mit dem kleinen Finger,

Wort für Wort
dyu-ulkāya
dem Himmelsmeteor [?]
sahasra-ulkāya
dem tausendfachen Meteor [?]
vaiṣṇavaḥ aṣṭa-akṣaraḥ manuḥ
der achtsilbige Viṣṇu-Mantra
kaniṣṭhā-ādi
beginnend mit dem kleinen Finger
aṅgulīnām parvasu
auf den Fingergliedern

hyalkāya rāhasolkāya verderbt; plausibel dyulkāya sahasrolkāya.

jyeṣṭhāgreṇa kramāttāvan mūrdhanyaṣṭākṣaraṃ nyaset / tarjanyāntāramaṅguṣṭhe lagne madhyamayā ca tat //

lege man mit der Daumenspitze der Reihe nach den achtsilbigen (Mantra) auf, ebenso auf den Kopf. Mit dem Zeigefinger (lege man) den Tāra auf den Daumen, und mit dem Mittelfinger angelegt, (lege man) jenen

Wort für Wort
jyeṣṭha-agreṇa
mit der Daumenspitze
kramāt
der Reihe nach
mūrdhani
auf den Kopf
aṣṭa-akṣaram nyaset
lege den Achtsilbigen auf
tarjanyā tāram aṅguṣṭhe
mit dem Zeigefinger den Tāra auf den Daumen

Syntax der Fingerzuordnung unsicher.

taleṅguṣṭhe taduttāraṃ vījottāraṃ tato nyaset / raktagauradhūmraharijjātarūpāḥ sitāstrayaḥ //

in die Handfläche und den Daumen; dann lege man dessen Tāra und den Bīja-Tāra auf. (Die Silben sind) rot, hell, rauchfarben, grünlich, goldfarben und drei weiß.

Wort für Wort
tale aṅguṣṭhe
in Handfläche und Daumen
bīja-uttāram
den Bīja-Tāra
rakta-gaura-dhūmra
rot, hell, rauchfarben
harit-jātarūpāḥ
grünlich, golden
sitāḥ trayaḥ
drei weiß

evaṃ rūpānimān varṇān bhāvabuddhānnyaset kramāt / hṛdāsyanetramūrdhāṅghritāluguhyakarādiṣu //

Diese so gestalteten Laute, im Geist vergegenwärtigt, lege man der Reihe nach auf Herz, Mund, Augen, Kopf, Füße, Gaumen, Scham, Hände usw. auf.

Wort für Wort
evam rūpān imān varṇān
diese so gestalteten Laute
bhāva-buddhān
im Geist vergegenwärtigt
nyaset kramāt
lege der Reihe nach auf
hṛd-āsya-netra-mūrdha
Herz, Mund, Augen, Kopf
aṅghri-tālu-guhya-kara
Füße, Gaumen, Scham, Hände

bhāvabuddhān: ‚meditativ erkannt‘.

aṅgāni ca nyasedvījānnyasyātha karadehayoḥ / yathātmani tathā deve nyāsaḥ kāryaḥ karaṃ vinā //

Auch die Glieder und die Keimsilben lege man auf; nachdem man dann auf Hand und Körper aufgelegt hat: Wie bei sich selbst, so ist beim Gott der Nyāsa zu vollziehen, ohne die Hand.

Wort für Wort
aṅgāni bījān
Glieder und Keimsilben
kara-dehayoḥ
auf Hand und Körper
yathā ātmani tathā deve
wie bei sich, so beim Gott
nyāsaḥ kāryaḥ
der Nyāsa ist zu vollziehen
karam vinā
ohne die Hand

hṛdādisthānagān varṇān gandhapuṣpai samarcayet / dharmādyagnyādyadharmādi gātre pīṭhe 'mbuje nyaset //

Die auf den Stellen Herz usw. befindlichen Laute verehre man mit Duftstoffen und Blumen. Dharma usw., Agni usw. und Adharma usw. lege man auf den Körper, auf den Sitz und auf den Lotos.

Wort für Wort
hṛd-ādi-sthāna-gān varṇān
die Laute an Herz usw.
gandha-puṣpaiḥ samarcayet
mit Duft und Blumen verehren
dharma-ādi
Dharma usw.
adharma-ādi
Adharma usw.
gātre pīṭhe ambuje
auf Körper, Sitz, Lotos

yatra keśarakiñjalkavyāpisūryendudāhināṃ / maṇḍalantritayantāvad bhedaistatra nyaset kramāt //

Wo die Staubfäden und Filamente von Sonne, Mond und Feuer durchdrungen sind, dort lege man die drei Kreise mit ihren Unterteilungen der Reihe nach auf.

Wort für Wort
keśara-kiñjalka
Staubfäden und Filamente
vyāpi
durchdringend
sūrya-indu-dāhinām
von Sonne, Mond und Feuer
maṇḍala-tritayam
die drei Kreise
bhedaiḥ
mit den Unterteilungen

dāhin ‚das Brennende‘ = Feuer.

guṇāś ca tantrasatvādyāḥ keśarasthāś ca śaktayaḥ / vimalotkarṣaṇījñānakriyāyogāś ca vai kramāt //

Ferner die Guṇas, Sattva usw., und die auf den Staubfäden befindlichen Śaktis: Vimalā, Utkarṣaṇī, Jñānā, Kriyā und Yogā der Reihe nach,

Wort für Wort
guṇāḥ
die Guṇas
sattva-ādyāḥ
Sattva usw.
keśara-sthāḥ śaktayaḥ
Śaktis auf den Staubfäden
vimalā-utkarṣaṇī
Vimalā, Utkarṣaṇī
jñāna-kriyā-yogāḥ
Jñānā, Kriyā, Yogā

tantrasatvādyāḥ wohl für tatra sattvādyāḥ.

prahvī satyā tatheśānānugrahā madhyatastataḥ / yogapīṭhaṃ samabhyarcya samāvahya hariṃ yajet //

Prahvī, Satyā und ebenso Īśānā, Anugrahā in der Mitte. Nachdem man dann den Yoga-Sitz verehrt und Hari herbeigerufen hat, verehre man ihn.

Wort für Wort
prahvī satyā
Prahvī, Satyā
īśānā anugrahā
Īśānā, Anugrahā
madhyataḥ
in der Mitte
yoga-pīṭham samabhyarcya
den Yoga-Sitz verehrend
samāvāhya harim yajet
Hari herbeirufen und verehren

pādyārghyācamanīyañca pītavastravibhūṣaṇaṃ / etat pañcopacārañca sarvaṃ mūlena dīyate //

Fußwasser, Arghya, Mundspülwasser, gelbes Gewand und Schmuck – diese fünf Aufwartungen werden alle mit dem Wurzelmantra dargebracht.

Wort für Wort
pādya-arghya-ācamanīyam
Fußwasser, Arghya, Mundspülwasser
pīta-vastra
gelbes Gewand
vibhūṣaṇam
Schmuck
pañca-upacāram
fünf Aufwartungen
mūlena dīyate
wird mit dem Wurzelmantra gegeben

vāsudevādayaḥ pūjyāś catvāro dikṣu mūrtayaḥ / vidikṣu śrīsarasvatyai ratiśāntyai ca pūjayet //

Vāsudeva usw., die vier Gestalten, sind in den Himmelsrichtungen zu verehren; in den Zwischenrichtungen verehre man Śrī, Sarasvatī, Rati und Śānti.

Wort für Wort
vāsudeva-ādayaḥ
Vāsudeva usw.
catvāraḥ mūrtayaḥ
die vier Gestalten
dikṣu pūjyāḥ
in den Richtungen zu verehren
vidikṣu
in den Zwischenrichtungen
śrī-sarasvatyai rati-śāntyai
Śrī, Sarasvatī, Rati, Śānti

śaṅkhaṃ cakraṃ gadāṃ padmaṃ muṣalaṃ khaḍgaśārṅgike / vanamālānvitaṃ dikṣu vidikṣu ca yajet kramāt //

Muschel, Diskus, Keule, Lotos, Mörserkeule, Schwert und Śārṅga-Bogen samt der Waldblumengirlande verehre man der Reihe nach in den Richtungen und Zwischenrichtungen.

Wort für Wort
śaṅkham cakram gadām padmam
Muschel, Diskus, Keule, Lotos
muṣalam
Mörserkeule
khaḍga-śārṅgike
Schwert und Śārṅga-Bogen
vanamālā-anvitam
samt Waldblumengirlande
yajet kramāt
verehre der Reihe nach

abhyarcya ca vahistārkṣyaṃ devasya purato 'rcayet / viśvaksenañca someśaṃ madhye āvaraṇādvahiḥ / indrādiparicāreṇa pūjya sarvamavāpnuyāt //

Nachdem man (sie) verehrt hat, verehre man außen Tārkṣya (Garuḍa) vor dem Gott, Viśvaksena und Someśa [?] in der Mitte, außerhalb der Umhegung. Wer mit dem Gefolge Indras usw. verehrt, erlangt alles.

Wort für Wort
bahiḥ tārkṣyam
außen Garuḍa
devasya purataḥ
vor dem Gott
viśvaksenam
Viśvaksena
āvaraṇāt bahiḥ
außerhalb der Umhegung
indra-ādi-paricāreṇa
mit dem Gefolge Indras usw.
sarvam avāpnuyāt
erlangt alles

Drei Halbverse. someśa unklar.

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