Kapitel 293: nāgalakṣaṇāni
Die Kennzeichen der Schlangen
Das Kapitel behandelt die Schlangenkunde als Grundlage der Giftheilung: die acht Nāga-Fürsten, Arten und Merkmale der Schlangen, ihre Fortpflanzung und Giftzähne, ungünstige Zeiten, Mondhäuser und Orte für Bisse, die Vorzeichen am Boten, der den Heiler holt, und am Aufbruch, sowie das Vordringen des Giftes durch die Körperbestandteile. Die Sprecherangabe ist im Titelfeld mitüberliefert (agnirucāca), der Kapitelvers beginnt ohne sie; Vers 32 ist in der Quelle als verderbt markiert (?), mehrere Verse (15, 29, 33) sind schwer verderbt; Vers 41 hat drei Halbverse.
nāgādayo 'tha bhāvādidaśasthānāni karma ca / sūtakaṃ daṣṭaceṣṭeti saptalakṣaṇamucyate //
[Agni sprach:] „Die Nāgas usw., dann die zehn Stellen [des Bisses], beginnend mit … [?], die Handlung, die Geburt (sūtaka) und das Verhalten des Gebissenen – dies nennt man die siebenfache Kennzeichnung.
Wort für Wort
nāga-ādayaḥ
die Nāgas usw.
daśa-sthānāni
die zehn Stellen
sūtakam
Geburt
daṣṭa-ceṣṭā
Verhalten des Gebissenen
sapta-lakṣaṇam ucyate
heißt die siebenfache Kennzeichnung
Die Sprecherangabe steht im Titelfeld (agnirucāca). bhāvādi ist unklar; die Siebenzahl lässt sich nicht sicher aufteilen.
Śeṣa, Vāsuki, der Takṣa genannte [Takṣaka], Karkoṭa, Abja [Anm.: Padma], Mahāmbuja [Anm.: Mahāpadma], Śaṅkhapāla und Kulika – das sind die acht vorzüglichsten Nāgas.
Sie sind paarweise der Reihe nach mit zehn-, acht-, fünf- und dreimal hundert Köpfen versehen; je zwei unter den Nāgas gelten als Brahmanen, Könige, Vaiśyas und Śūdras.
Ihre Nachkommen sind fünfhundert; von diesen sind unzählige geboren: Haubenschlangen, Ringelschlangen (maṇḍalin) und Streifenschlangen (rājila), von der Natur des Windes, der Galle und des Schleims.
Die Mischformen (vyantara) sind von gemischten Doṣas. Die Schlangen, die „Löffelträger“ (darvīkara, Haubenschlangen) heißen, tragen Zeichen von Wagenrad, Pflug, Schirm, Svastika und Elefantenhaken.
Die Gonasas sind langsam, lang und mit verschiedenartigen Ringen gezeichnet; die Rājilas sind bunt, glänzend und mit Streifen quer und nach oben [versehen].
Wort für Wort
gonasāḥ manda-gāḥ
Gonasas sind langsam
dīrghāḥ
lang
maṇḍalaiḥ vividhaiḥ citāḥ
mit verschiedenen Ringen bedeckt
rājilāḥ citritāḥ snigdhāḥ
Rājilas bunt, glänzend
tiryak ūrdhvam rājibhiḥ
mit Streifen quer und nach oben
vidhaiścitāḥ für vividhaiś citāḥ; vājibhiḥ für rājibhiḥ.
vyantarā miśracihnāś ca bhūvarṣāgneyavāyavaḥ / caturvidhāste ṣaḍviṃśabhedāḥ ṣoḍaśa gonasāḥ //
Die Mischformen haben gemischte Merkmale. Von der Natur der Erde, des Wassers, des Feuers und des Windes sind sie vierfach. [Die Haubenschlangen haben] sechsundzwanzig Unterarten, die Gonasas sechzehn,
Die Schlangen verschlingen die Masse der Jungen, außer den weiblichen, männlichen und sächlichen [?]. Nach sieben Tagen öffnet sich das Auge; nach einem Monat wird [die Schlange] schwarz [und geht] hinaus.
Wort für Wort
sarpāḥ grasanti
die Schlangen verschlingen
sūta-oghān
die Masse der Jungen
unmīlate akṣi
das Auge öffnet sich
saptāhāt
nach sieben Tagen
māsāt bahiḥ
nach einem Monat draußen
Die Ausnahme „außer weiblichen, männlichen, sächlichen“ ist sachlich unklar; vahiḥ für bahiḥ.
Nach zwölf Tagen wird sie verständig; die Zähne entstehen, nachdem sie die Sonne gesehen hat; nach zweiunddreißig [bzw.] zwanzig Tagen [?] [entstehen] unter diesen vier Giftzähne.
Nach sechs Monaten wirft sie die Haut ab; sie lebt zweimal sechzig Jahre. Die Nāgas sind als Herren der Wochentage ab Sonntag genannt, sieben, bei Tag und bei Nacht.
Wort für Wort
ṣaṇmāsāt
nach sechs Monaten
mucyate kṛttim
wirft die Haut ab
jīvet ṣaṣṭi-samā-dvayam
lebt zweimal sechzig Jahre
sūrya-ādi-vāra-īśāḥ
Herren der Wochentage ab Sonntag
divā niśi
bei Tag und Nacht
jovet für jīvet; saṣṭisamādvayaṃ für ṣaṣṭisamādvayam.
Sechs von ihnen [herrschen] an den jeweiligen Wochentagen, Kulika in allen Übergangszeiten; oder sein Aufgang [erfolgt] zusammen mit Śaṅkha oder Mahābja.
Hasta, Samstag und Dienstag, der fünfte und achte Mondtag, der sechste, die „leeren“ (rikta) [Mondtage] und die Śivā [?] sind zu tadeln, [ferner] der fünfte und vierzehnte.
Die vier Dämmerungen sind ungünstig, ebenso die Dagdha-Yogas und [bestimmte] Tierkreiszeichen. Bisse sind [mit] einem, zwei [oder] vielen [Zahnmalen]: gebissen, durchstochen, zerrissen,
naktantvekāṅghrikūrmābhā daṃśāś ca yamacoditāḥ / dīhīpipīlikāsparśī kaṇṭhaśotharujānvitaḥ //
nachts, einem Fuß der Schildkröte ähnlich [?] – [solche] Bisse sind von Yama getrieben. Brennend, mit einem Gefühl wie von krabbelnden Ameisen, mit Halsschwellung und Schmerz verbunden,
stechend, verknotet [?] – [ein solcher] Biss ist giftig; ein flacher [?] ist ungiftig. In einem Tempel, einem leeren Haus, einem Ameisenhaufen, einem Garten, einer Baumhöhle,
an einer Straßenkreuzung, auf dem Leichenplatz, am Fluss, an der Mündung ins Meer, auf einer Insel, am Kreuzweg, im Palast, im Haus, im Lotusteich, auf einem Berggipfel,
vilahadvāre jīrṇakūpe jīrṇaveśmani kuḍyake / śigruśleṣmātakākṣeṣu jambū ḍumbareṇeṣu ca //
am Eingang eines Lochs, an einem alten Brunnen, in einem alten Haus, an einer Mauer, an Śigru-, Śleṣmātaka- und Akṣa-Bäumen, an Jambū-, Udumbara- und Bambus[-Gewächsen] [?],
Wort für Wort
bila-dvāre
am Eingang eines Lochs
jīrṇa-kūpe
am alten Brunnen
jīrṇa-veśmani
im alten Haus
śigru-śleṣmātaka-akṣeṣu
an Śigru-, Śleṣmātaka-, Akṣa-Bäumen
jambū-udumbara
Jambū, Udumbara
vilahadvāre für biladvāre; ḍumbareṇeṣu wohl für udumbaraveṇuṣu.
vaṭe ca jīrṇaprākāre khāsyahṛtkakṣajatruṇi / tālau śaṅkhe gale mūrdhni civuke nābhipādayoḥ //
am Banyanbaum, an einer alten Umfassungsmauer; [am Körper:] an Mund, Herz, Achsel, Schlüsselbein, Gaumen, Schläfe, Hals, Scheitel, Kinn, Nabel und Füßen
Wort für Wort
vaṭe
am Banyanbaum
jīrṇa-prākāre
an alter Umfassungsmauer
āsya-hṛt-kakṣa-jatruṇi
Mund, Herz, Achsel, Schlüsselbein
tālau śaṅkhe gale
Gaumen, Schläfe, Hals
cibuke nābhi-pādayoḥ
Kinn, Nabel und Füße
khāsya° wohl für kha-āsya (Körperöffnungen, Mund).
ist ein Biss ungünstig. Günstig ist ein Bote, der eine Blume in der Hand hält, gut redet, verständig ist, von gleichem Geschlecht und gleichem Stand [wie der Gebissene], weiß gekleidet, makellos und rein.
Wer durch eine Nicht-Tür kommt, bewaffnet ist, nachlässig, den Blick zu Boden gerichtet, mit verfärbter Kleidung, eine Schlinge o. Ä. in der Hand, mit stammelnder Rede,
wer die Brüste drückt, die Nägel schneidet, den After berührt, mit dem Fuß [den Boden] ritzt, das Haar löst oder Gras abreißt – [solche] Boten sind ungünstig, schon jeder einzelne [dieser Züge].
Wenn beim Boten und bei einem selbst die Iḍā oder die andere [Anm.: Piṅgalā] oder beide fließen – danach unterscheide man weiblich, männlich und sächlich [?].
Ein Bote, der auf der Seite des [fließenden] Lebensatems (jīva) steht, ist günstig, ungünstig, wer auf der anderen [Seite] kommt. Der Lebensatem ist bei Kommen und Gehen [?] ungünstig, günstig beim Bericht des Boten.
Wort für Wort
jīva-pārśve
auf der Seite des Lebensatems
śubhaḥ dūtaḥ
günstiger Bote
anyatra samāgataḥ
auf der anderen Seite gekommen
gata-āgataiḥ
bei Gehen und Kommen
dūta-nivedane
beim Bericht des Boten
sammāgataḥ für samāgataḥ; der zweite Halbvers ist unklar.
In den Klassen [gibt es] eine Vierheit: [Laute] von der Natur des Windes, des Feuers, Indras [Anm.: der Erde] und des Wassers; die fünften [Anm.: Nasale] sind sächlich; die Vokale haben Indra und das Wasser zum Ursprung.
Ungünstig sind im Satzanfang der Rede des Boten [Laute des] Windes und des Feuers; mittelmäßig [die des] Hari [Anm.: Indra]; empfohlen sind die Varuṇa-Laute; sehr ungünstig die sächlichen.
Beim Aufbruch [des Heilers sind günstig]: glückverheißende Rede, das Donnern von Wolke und Elefant, [ein Tier, das] rechts herum [geht], ein Baum mit Frucht, der Ruf [eines Vogels] zur Linken – [das bedeutet] Sieg.
Eine Hetäre, … [?], ein König, ein Mädchen, eine Kuh, ein Elefant, Trommel und Banner, Milch, Ghee, saure Milch, Muschel, Wasser, Schirm, Kesselpauke, Frucht, Branntwein,
Reiskörner, Gold und Silber – wenn diese entgegenkommen, [dienen sie] zum Erfolg. Ein Handwerker mit Holz, mit Feuer, einer, der schmutzige Kleidung trägt,
viṣarogāś ca sapta syurdhātordhātvantarāptitaḥ / viṣadaṃśo lalāṭaṃ yātyatonetraṃ tatau sukham / āsyācca vacanīnāḍyau dhātūna prāpnoti hi kramāt //
Die Giftkrankheiten sind sieben, [entstehend] dadurch, dass [das Gift] von einem Körperbestandteil zum anderen gelangt. Das Gift an der Bissstelle geht zur Stirn, von da zum Auge, dann zum Mund; vom Mund [in] die Rede- und die Nāḍī-Kanäle [?] und erreicht so der Reihe nach die Körperbestandteile.“
Wort für Wort
viṣa-rogāḥ sapta
sieben Giftkrankheiten
dhātoḥ dhātu-antara-āptitaḥ
durch Gelangen von einem Dhātu zum anderen
lalāṭam yāti
geht zur Stirn
tataḥ netram
dann zum Auge
dhātūn prāpnoti kramāt
erreicht der Reihe nach die Dhātus
Drei Halbverse; der dritte ist teilweise verderbt (vacanīnāḍyau, dhātūna).