Kapitel A2: sṛṣṭi-prakaraṇam (dvitīyo 'dhyāyaḥ)
Abschnitt über die Schöpfung II: Brahmā, Rudra und die neun Schöpfungen
Anhang, Kapitel 2: Aus dem Nabellotus des schlafenden Viṣṇu entsteht Brahmā; aus seinem Zorn geht Rudra hervor, dann Dakṣa und Manu Svāyambhuva. Auf Bharadvājas Bitte folgt die ausführliche Lehre von den fünf Arten des Nichtwissens und den neun Schöpfungen (drei prākṛta, fünf vaikṛta, dazu Anugraha- und Rudra-Schöpfung). Die Eingabe hat keinen Kopftitel; der Titel ist aus dem Kolophon abgeleitet (mit Zählmarke „% chapter {3}“). Der Text ist stellenweise stark verderbt und hat Lücken („???“ in V. 18 und 25).
Nachdem er „So sei es“ gesagt hatte, verweilte Brahmā, an den fortgegangenen Gott Viṣṇu denkend, [und suchte] irgendeine Ursache für die Welt, fand aber nichts.
Von ihm aus wurde die Schöpfung der Geschöpfe so durch Brahmā ins Werk gesetzt. So habe ich dir die Schöpfung des schaffenden Weltenherrn erzählt, o Bester der Weisen; was willst du weiter hören?
Nārāyaṇa, der von den Höchsten zu Verehrende, der Erstgeborene noch vor den Frühesten, der Erhabene in Brahman-Gestalt, anfanglos, Ursprung von allem –
Als er zu Beginn der Kalpas, wie früher, über die Schöpfung nachsann, erschien ihm, ohne vorausgehende Überlegung, [eine Schöpfung] aus Finsternis bestehend.
Wort für Wort
sṛṣṭim cintayataḥ
über die Schöpfung nachsinnend
kalpa-ādiṣu
zu Beginn der Kalpas
abuddhi-pūrvakam
ohne vorausgehende Überlegung
prādurbhūtam
erschien
tamomayaḥ
aus Finsternis bestehend
„avṛddhipūrvakam“ für „abuddhipūrvakam“; „-mahomayaḥ“ wohl für „tamomayaḥ“.
tamo moho mahāmohastāmikhādyajasaṃjñakaḥ / avidyāḥ pañca pūrveṣāṃ prādurbhūtā mahātmanaḥ //
Finsternis (tamas), Verblendung (moha), große Verblendung (mahāmoha), Dunkel (tāmisra) und das Blinddunkel genannte – diese fünf Arten des Nichtwissens erschienen dem großen Uranfänglichen.
Wort für Wort
tamaḥ mohaḥ mahāmohaḥ
Finsternis, Verblendung, große Verblendung
tāmisraḥ
Dunkel
andhatāmisra
Blinddunkel
avidyāḥ pañca
fünf Arten des Nichtwissens
prādurbhūtāḥ
erschienen
„tāmikhādyajasaṃjñakaḥ“ verderbt für „tāmisro 'ndhatāmisra-saṃjñakaḥ“.
pañcadhāvasthitaḥ sargo dhyāyataḥ pratibodhanāt / mukhyasargaḥ sa vijñeyaḥ sargavidbhirvicakṣaṇaiḥ //
Die fünffach gegliederte Schöpfung, [entstanden] aus dem Erwachen des Nachsinnenden, ist von den kundigen Schöpfungskennern als die Hauptschöpfung (mukhya-sarga) zu verstehen.
Als er wiederum nachsann, [entstand] eine andere, vorzügliche Schöpfung: das Quer-Strömende (tiryak-srotas) ging hervor; [...] wird es als Quer-Strömendes bezeichnet.
Wort für Wort
punaḥ anyam
wiederum einen anderen
dhyāyataḥ
des Nachsinnenden
sargam uttamam
vorzügliche Schöpfung
tiryak-srotaḥ
das quer Strömende
samutpannaḥ
ging hervor
Lücke im Text („???“ zweimal) im zweiten Halbvers.
und als dritte ging die Aufwärts-Strömende (ūrdhva-srotas) über dem Irdischen hervor. Daraus [kamen] die nach oben wandelnden Götter, aus dieser Schöpfung entstanden.
Als der Prajāpati aber mit [dieser] Schöpfung nicht zufrieden war, hielt er inne, da er auch jene, die aus der Hauptschöpfung [usw.] hervorgegangen waren, für nicht zielführend hielt.
Wort für Wort
na tuṣṭaḥ
nicht zufrieden
tasthau
hielt inne
asādhakān
nicht zielführend
matvā
haltend
mukhya-sarga-samudbhavān
aus der Hauptschöpfung hervorgegangen
„yadā tuṣṭo na“ = „yadā na tuṣṭaḥ“ (Wortstellung).
tataḥ sa cintayan vipra ārvāk śrotastu sa smṛtaḥ / arvākśrotastathotpannā manuṣyāḥ sādhakā matāḥ //
Darauf, o Brahmane, als er nachsann, [entstand die Schöpfung], die als Abwärts-Strömende (arvāk-srotas) gilt. Als Abwärts-Strömende entstanden die Menschen, die als zielführend gelten.
ityete kathitāḥ sargāḥ te tatra munisattama / prathamo mahataḥ sargastanmātrāṇāṃ dvitīyakaḥ //
Diese Schöpfungen sind dir erzählt worden, o Bester der Weisen. Die erste ist die Schöpfung des Mahat (des Großen), die zweite die der Tanmātras (Feinelemente),
tatorvāk śrotasaḥ śreṣṭhasaptamaḥ saptamānuṣaḥ / aṣṭamonugrahaḥ sargaḥ sa sāttvikastāmaso hi saḥ //
dann die siebente, die der Abwärts-Strömenden, die vorzügliche, die Menschenschöpfung; die achte ist die Anugraha-Schöpfung (Gnadenschöpfung); sie ist sattvisch und tamasisch.
Die neunte aber ist die Rudra-Schöpfung: [das sind] die neun Schöpfungen des Prajāpati. Fünf davon sind abgeleitete (vaikṛta) Schöpfungen, die ursprünglichen (prākṛta) gelten als drei.
Dann, mit seiner Kraft in die Umwandlungen eingegangen [?], schuf Nārāyaṇa alles, der Allgegenwärtige, Eingestaltige, der alleinige Herr der Welt, in den Gestalten Brahmās und der übrigen.
Wort für Wort
vikāraḥ
Umwandlung
śaktyā praviśya
mit seiner Kraft eingehend
sasarja sarvam
schuf alles
sarva-ga eka-rūpaḥ
allgegenwärtig, eingestaltig
jagat-eka-nāthaḥ
alleiniger Herr der Welt
Erster Halbvers verderbt („parāpaveśaḥ“, „sarvagaraikarūpaḥ“); Schlussvers in Triṣṭubh/Upajāti.