Kapitel 85: pratiṣṭhākalāśodhanoktiḥ
Die Reinigung der Pratiṣṭhā-Kalā
Fortsetzung der Nirvāṇa-Dīkṣā: die Tattvas, Silben, Welten/Rudras, Padas, Nāḍīs usw. der Pratiṣṭhā-Kalā werden aufgezählt, dann wird das Ritual ihrer Reinigung (Ablösen, Opfern, Zerschneiden und Verbrennen der Fessel, symbolische Wiedergeburt des Schülers, Entlassung Viṣṇus als Ursachengottheit) beschrieben. Die Namensliste der Rudras (V. 5–12) ist stark entstellt; in V. 17 markiert die Vorlage eine verderbte Stelle ([!!!]); die Zahlangabe in V. 4 ist unstimmig.
Īśvara sprach: Nun soll man die Verbindung (sandhāna) der beiden Tattvas, des [bereits] gereinigten und des [nun] zu reinigenden, vollziehen, durch Anwendung eines kurzen und eines langen [Vokals], verbunden mit Nāda und Nādānta.
Wort für Wort
tattvayoḥ sandhānam
Verbindung der beiden Tattvas
śuddha-viśuddhayoḥ
des gereinigten und des zu reinigenden
hrasva-dīrgha-prayogeṇa
durch Anwendung von Kurz und Lang
nāda-nādānta-saṅginā
verbunden mit Nāda und Nādānta
Gemeint ist die Verbindung der gereinigten Nivṛtti-Kalā mit der folgenden Pratiṣṭhā-Kalā; śuddha-viśuddhayoḥ wörtlich „des Reinen und des Gereinigten“.
„oṃ hāṃ hrūṃ hāṃ“ [ist die Verbindungsformel]. Wasser, Feuer, Wind, Äther, die Tanmātras, die Sinnesorgane, die Buddhi, die drei Guṇas, der Ahaṅkāra und als vierundzwanzigster der Puruṣa –
Wort für Wort
ap-tejaḥ vāyuḥ ākāśam
Wasser, Feuer, Wind, Äther
tanmātra-indriya-buddhayaḥ
Subtilelemente, Sinnesorgane, Intellekt
guṇa-trayam ahaṅkāraḥ
die drei Guṇas, das Ich-Prinzip
caturviṃśaḥ pumān
der vierundzwanzigste: der Puruṣa
Die Aufzählung der Tattvas der Pratiṣṭhā-Kalā ist knapp; die Zählung (24 bzw. 25 in V. 3) folgt nicht exakt den genannten Posten.
pratiṣṭhāyāṃ niviṣṭhāni tattvānyetāni bhāvayet / pañcaviṃśatisaṅkhyāni khādiyāntākṣarāṇi ca //
diese in der Pratiṣṭhā [-Kalā] enthaltenen Tattvas soll man vergegenwärtigen, fünfundzwanzig an der Zahl, und [dazu] die Silben, die mit kha beginnen und mit ya enden.
Wort für Wort
pratiṣṭhāyām niviṣṭāni
in der Pratiṣṭhā enthalten
tattvāni bhāvayet
soll die Tattvas vergegenwärtigen
pañcaviṃśati-saṅkhyāni
fünfundzwanzig an Zahl
kha-ādi-ya-anta-akṣarāṇi
die Silben von kha bis ya
khādi-yānta „von kha bis ya“ ist ungewöhnlich; zu erwarten wäre die Reihe der Konsonanten ka … ma/ba; möglicherweise verderbt.
pañcāśadadhikā ṣaṣṭirbhuvanaistulyasañjñitāḥ / tāvanta eva rudrāś ca vijñeyāstatra tadyathā //
Sechzig, vermehrt um fünfzig [?], sind [die Welten], mit Namen gleich den Welten (bhuvana); ebenso viele Rudras sind dort zu kennen, nämlich wie folgt:
Wort für Wort
pañcāśat-adhikā ṣaṣṭiḥ
sechzig, um fünfzig vermehrt
bhuvanaiḥ tulya-sañjñitāḥ
mit den Welten gleichnamig
tāvantaḥ eva rudrāḥ
ebenso viele Rudras
vijñeyāḥ
sind zu kennen
pañcāśad-adhikā ṣaṣṭiḥ ergäbe 110; die folgende Liste umfasst jedoch rund 56 Namen, gemeint ist wohl „sechsundfünfzig“ (ṣaṭ statt ṣaṣṭiḥ).
Mit diesem [letzten] als Ende werden sie aufgezählt. Nun auch die Padas (Formelworte): vyāpin oṃ, arūpa oṃ, pramatha oṃ, tejaḥ oṃ, jyotiḥ oṃ, puruṣa oṃ, agne oṃ, adhūma oṃ, abhasma oṃ, anādi oṃ, nānā oṃ, dhūdhū oṃ, bhūḥ oṃ, bhuvaḥ oṃ, svaḥ, anidhana, nidhanodbhava, śiva, śarva, paramātman, maheśvara, mahādeva, sadbhāveśvara, mahātejaḥ, yogādhipataye, muñca, prathama, sarva, sarva-sarva – das sind zweiunddreißig Padas [Anm.: „Allumfassender, Formloser, Zermalmer, Glut, Licht, Puruṣa, Agni, Rauchloser, Ascheloser, Anfangsloser, Vielfältiger … Erde, Luftraum, Himmel, Endloser, aus dem Ende Entspringender, Gütiger, Śarva, höchstes Selbst, großer Herr, großer Gott, Herr des wahren Seins, großer Glanz, dem Herrn des Yoga, befreie, Erster, All, All-All“]. In der Rolle der Bījas stehen drei Mantras: Vāmadeva, Śiva und Śikhā.
Wort für Wort
sahaitena paryantāḥ
mit diesem als Ende
padāni
die Formelworte
dvātriṃśat padāni
zweiunddreißig Padas
bīja-bhāve trayaḥ mantrāḥ
als Bījas drei Mantras
vāmadevaḥ śivaḥ śikhā
Vāmadeva, Śiva, Śikhā
Die Pada-Liste ist in Prosa eingeschoben; die genannte Zahl 32 ist beim vorliegenden Text nicht exakt nachzählbar. sarvesarve wohl sarva sarva.
Der Sinnesgegenstand ist der Geschmack; die Eigenschaften sind Form, Laut, Berührung und Geschmack. Das Maṇḍala ist rund, mit einem Lotus bezeichnet, und weiß.
Wort für Wort
rasaḥ viṣayaḥ
der Geschmack ist der Gegenstand
rūpa-śabda-sparśa-rasāḥ guṇāḥ
Form, Laut, Berührung, Geschmack sind die Eigenschaften
In der Pratiṣṭhā [herrscht] der Traumzustand; die Ursache[ngottheit] ist der Garuḍabannerträger (Viṣṇu). Nachdem man alles, was bis zum Ende der Pratiṣṭhā reicht, die Welten usw., bedacht hat,
soll man mit dem eigenen Mantra in den Faden [und] in den Körper eintreten und diese [Kalā] ablösen. Mit eben diesem [Mantra] „oṃ hāṃ khīṃ hāṃ, der Fessel der Pratiṣṭhā-Kalā, oṃ phaṭ“, endend auf svāhā, soll man sie mit dem Einatmen (pūraka) und der Aṅkuśa-Mudrā (Haken-Geste) heranziehen. Dann mit „oṃ hāṃ hrūṃ hrāṃ hrūṃ, der Fessel der Pratiṣṭhā-Kalā, hrūṃ phaṭ“ unter der Saṃhāra-Mudrā (Einzugsgeste) und mit angehaltenem Atem (kumbhaka) [sie] vom Herzen abwärts aus der Nāḍī [Text verderbt] aus dem Faden nehmen und mit „oṃ hāṃ hrūṃ hrāṃ hāṃ, der Fessel der Pratiṣṭhā-Kalā, Verehrung“ unter der Udbhava-Mudrā (Hervorbringungsgeste) beim Ausatmen (recaka) in den Krug (kumbha) setzen. Nachdem man [sie] mit „oṃ hāṃ hrīṃ, der Fessel der Pratiṣṭhā-Kalā, Verehrung“ verehrt und vollständig angebetet und durch drei auf svāhā endende Opfergaben gegenwärtig gemacht hat, soll man dann Viṣṇu mit „oṃ hāṃ viṣṇave namaḥ“ (Oṃ hāṃ, Verehrung dem Viṣṇu) herbeirufen, ihn verehren und sättigen [und sprechen]: „O Viṣṇu, in diesem deinem Zuständigkeitsbereich weihe ich einen nach Erlösung Strebenden;
Wort für Wort
sūtram dehe svamantreṇa praviśya
mit eigenem Mantra in Faden und Körper eintretend
viyojayet
soll ablösen
aṅkuśa-mudrayā samākarṣet
soll mit der Hakengeste heranziehen
saṃhāra-mudrayā kumbhakena
mit der Einzugsgeste beim Atemanhalten
udbhava-mudrayā recakena
mit der Hervorbringungsgeste beim Ausatmen
mumukṣum dīkṣayāmi
ich weihe einen Erlösungssuchenden
Im Text steht „nāḍī-[!!!]“: die Digitalisierung markiert hier eine Lücke/verderbte Stelle. kumbhe „in den Krug“ ist wohl als kuṇḍe „in die Feuergrube“ zu verstehen (vgl. 86.12).
herbeirufen, verehren und sättigen und [dann] den Schüler auf die Brust schlagen mit „oṃ hāṃ hāṃ haṃ phaṭ“. Mit eben diesem soll man [in ihn] eintreten und dann das Bewusstsein (caitanya) abtrennen
mit dem Waffen[-Mantra], [das Bewusstsein,] das mit den Fesseln verbunden ist, mittels der ältesten (jyeṣṭhā) Aṅkuśa-Mudrā; mit „oṃ hāṃ haṃ hoṃ hrūṃ phaṭ“, auf svāhā endend, soll man es aus dem Herzen herausziehen, [und] mit eben diesem, [dessen] Kern (ātman) eingeschlossen ist,
Wort für Wort
śastreṇa
mit dem Waffenmantra
pāśa-saṃyuktam
mit den Fesseln verbunden
jyeṣṭhayā aṅkuśa-mudrayā
mit der ältesten Hakengeste
hṛdā ākṛṣya
aus dem Herzen herausziehend
puṭita-ātmanā
mit eingeschlossenem Kern
jyeṣṭayā lies jyeṣṭhayā (vgl. 88.13). puṭitātmanā: der Mantra, in dessen Mitte das Ātma-Bīja „eingeschlossen“ (puṭita) ist [?].
es ergreifen und mit dem auf namaḥ endenden [Mantra] in das eigene Selbst einfügen: „oṃ hāṃ haṃ hoṃ ātmane namaḥ“ (Oṃ hāṃ haṃ hoṃ, Verehrung dem Selbst). Nachdem man wie zuvor die Vereinigung der Eltern vergegenwärtigt hat, [soll man] mit der Udbhava genannten
[Mudrā] der linken [Hand] es mit eben diesem [Mantra] in den Schoß der Göttin legen: „oṃ hāṃ haṃ hāṃ ātmane namaḥ“. Für die Entstehung des Körpers [opfere man] so mit dem Herz[-Mantra], ebenso für die Geburt mit dem Haupt[-Mantra],
mit dem Scheitellocken[-Mantra] für die Befugnis (adhikāra), für den Genuss (bhoga) mit dem Panzer-Mantra; für die Reinigung der Tattvas [wiederum] mit dem Herz[-Mantra], ebenso für die Empfängnis (garbhādhāna) wie zuvor;
mit dem Haupt[-Mantra] für die Lockerung der Fesseln; nachdem man so die Sühne (niṣkṛti) vollzogen hat, soll man hundertmal murmeln (bzw. opfern). Ebenso auch bei der Ablösung der Fesseln. Dann [soll man] mit der durch das Waffen[-Mantra] besprochenen
Wort für Wort
śirasā pāśa-śaithilye
mit dem Hauptmantra zur Lockerung der Fesseln
niṣkṛtya evam
so gesühnt habend
śatam japet
soll hundertmal murmeln
pāśa-viyoge api
auch bei der Ablösung der Fesseln
śāstrajaptayā lies śastrajaptayā („mit dem Waffenmantra besprochen“), vgl. 87.15.
Schere mit dem Waffen[-Mantra], versehen mit dem Kalā-Bīja, [die Fessel] durchschneiden, und zwar so: „oṃ hrīṃ pratiṣṭhākalāpāśāya haḥ phaṭ“ (Oṃ hrīṃ, der Fessel der Pratiṣṭhā-Kalā, haḥ phaṭ). Nachdem man [sie] abgelöst und zu einer Kugel geformt hat, mit dem Fessel-Mantra wie zuvor
soll man sie in den mit Ghee gefüllten Opferlöffel legen und mit dem Kalā-Waffen[-Mantra] ins Feuer opfern. Mit dem Waffen[-Mantra] soll man fünf [Gaben] opfern, zur Beseitigung der Keime der Fesseln.
Zur Abwehr [der Notwendigkeit] von Sühnehandlungen soll man danach acht Opfergaben darbringen, mit „oṃ haḥ astrāya hrūṃ phaṭ“ (Oṃ haḥ, der Waffe, hrūṃ phaṭ). Nachdem man mit dem Herz[-Mantra] Hṛṣīkeśa herbeigerufen und Verehrung und Sättigung vollzogen hat,
soll man nach der zuvor genannten Regel die Übergabe der Befugnis (adhikāra) vollziehen: „oṃ hāṃ, nimm den Geschmack als Entgelt, svāhā“. „O Hari, bei diesem Tiere (paśu), dessen Fesseln restlos verbrannt sind, darfst du
na stheyaṃ bandhakatvena śivājñāṃ śrāvayediti / tato visṛjya govindaṃ vidyātmānaṃ niyojya ca //
nicht als Fesselnder verbleiben“ – so soll man Śivas Befehl verkünden. Dann soll man Govinda entlassen und die [nun] als Vidyā bestehende Seele einsetzen und
Wort für Wort
na stheyam bandhakatvena
nicht als Fesselnder verbleiben
śiva-ājñām śrāvayet
soll Śivas Befehl verkünden
visṛjya govindam
Govinda entlassend
vidyā-ātmānam niyojya
die Vidyā-Seele einsetzend
vidyātmānam: die Seele, die nun zur Vidyā-Kalā weitergeführt wird [?].
[die Seele], die einer halb sichtbaren, [von Rāhu?] befreiten Mondscheibe gleicht, mit der Saṃhāra-Mudrā [in sich] zur Ruhe bringen und [dann] mit der Udbhava-Mudrā
Wort für Wort
bāhu-mukta-ardha-dṛśyena
halb sichtbar, befreit [von Rāhu?]
candra-bimbena sannibham
einer Mondscheibe gleich
saṃhāra-mudrayā svastham
mit der Einzugsgeste gefestigt
udbhava-mudrayā
mit der Hervorbringungsgeste
bāhu-mukta „vom Arm befreit“ ergibt keinen Sinn; wohl rāhu-mukta „von Rāhu befreit“ zu lesen. vimba = bimba.
mit dem Faden verbinden und wie zuvor einen Wassertropfen daraufsetzen. Nachdem man die Eltern des Feuers, die mit Blumen usw. verehrt worden sind, entlassen hat, soll man die Vollspende (pūrṇāhuti) nach Vorschrift darbringen: [so] ist auch die Pratiṣṭhā gereinigt.