Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 68: devayātrotsavavidhikathanam Darlegung der Vorschrift für das Prozessionsfest des Gottes

Das Kapitel schreibt vor, nach der Aufstellung eines Götterbildes ein Fest mit Prozession zu begehen: Aussaat von Keimlingen, nächtliche Bali-Gaben, Bitte an den Gott, Vorweihe, Salbung und schließlich die Prozession zum Fluss mit Bad und Rückkehr in den Tempel. Kapiteltitel im Kopf „yātrotsavavidhikathanaṃ“, im Kolophon „devayātrotsavakathanaṃ“. Einzelne Stellen (V. 10, 14) sind syntaktisch unklar bzw. verderbt.

bhagavānuvāca | vakṣye vidhiṃ cotsavasya sthāpite tu sure caret / tasminnabde caikarātraṃ trirātrañcāṣṭarātrakaṃ //

Der Erhabene sprach: Ich werde die Vorschrift für das Fest (utsava) darlegen. Ist der Gott aufgestellt, soll man es begehen, in demselben Jahr, eine Nacht, drei Nächte oder acht Nächte lang.

Wort für Wort
bhagavān uvāca
der Erhabene sprach
vakṣye vidhim
ich werde die Vorschrift darlegen
utsavasya
des Festes
sthāpite sure
wenn der Gott aufgestellt ist
tasmin abde
in diesem Jahr
ekarātram trirātram aṣṭarātrakam
eine, drei, acht Nächte

utsavena vinā yasmāt sthāpanaṃ niṣphalaṃ bhavet / ayane viṣuve cāpi śayanopavane gṛhe //

Denn ohne Fest wäre die Aufstellung fruchtlos. Zur Sonnenwende, zur Tagundnachtgleiche, auch beim Schlafengehen [des Gottes], im Hain, im Haus

Wort für Wort
utsavena vinā
ohne Fest
sthāpanam niṣphalam
die Aufstellung ist fruchtlos
ayane
zur Sonnenwende
viṣuve
zur Tagundnachtgleiche
śayana-upavane gṛhe
beim Schlafen, im Hain, im Haus

śayana: wohl das Einschlafen Viṣṇus (Beginn der Regenzeit); śayanopavane evtl. auch „im Ruhehain“.

kārakasyānukūle vā yātrāndevasya kārayet / maṅgalāṅkuraropaistu gītanṛtyādivādyakaiḥ //

oder wenn es dem Veranstalter gelegen ist, soll man die Prozession (yātrā) des Gottes veranstalten lassen, mit dem glückbringenden Aussäen von Keimlingen, mit Gesang, Tanz, Instrumentalmusik und dergleichen.

Wort für Wort
kārakasya anukūle
wenn es dem Veranstalter passt
yātrām devasya
die Prozession des Gottes
kārayet
soll veranstalten lassen
maṅgala-aṅkura-ropaiḥ
mit glückbringendem Säen von Keimlingen
gīta-nṛtya-ādi-vādyakaiḥ
mit Gesang, Tanz usw. und Musik

śarāvaghaṭikāpālīstvaṅkurārohaṇe hitāḥ / yavāñchālīṃstilān mudgān godhūmān sitasarṣapān //

Schalen, kleine Krüge und Pālikā-Gefäße sind für das Aufziehen der Keimlinge geeignet. Gerste, Reis, Sesam, Mungbohnen, Weizen, weißen Senf,

Wort für Wort
śarāva
Schale
ghaṭikā
kleiner Krug
pālī
Pālikā-Gefäß
aṅkura-ārohaṇe hitāḥ
geeignet für das Ziehen der Keimlinge
yavān śālīn tilān mudgān
Gerste, Reis, Sesam, Mungbohnen
godhūmān sita-sarṣapān
Weizen, weißen Senf

kulatthamāṣaniṣpāvān kṣālayitvā tu vāpayet / pūrvādau ca baliṃ dadyāt bhraman dīpaiḥ puraṃ niśi //

Pferdebohnen, Urdbohnen und Niṣpāva-Bohnen soll man waschen und dann aussäen lassen. Und im Osten beginnend soll man nachts, mit Lampen durch die Stadt ziehend, Opfergaben (bali) darbringen

Wort für Wort
kulattha-māṣa-niṣpāvān
Pferdebohnen, Urdbohnen, Niṣpāva-Bohnen
kṣālayitvā
nachdem man gewaschen hat
vāpayet
soll säen lassen
pūrva-ādau
im Osten beginnend
balim dadyāt
soll Opfergabe darbringen
bhraman dīpaiḥ puram niśi
nachts mit Lampen durch die Stadt ziehend

indrādeḥ kumudādeś ca sarvabhūtebhya eva ca / anugacchanti te tatra pratirūpadharāḥ punaḥ //

dem Indra und den übrigen [Welthütern], dem Kumuda und den übrigen [Hütern] und allen Wesen. Die dort [dem Zug] folgen, die zudem angemessene Gestalt [Anm.: Maskierung/Verkleidung?] tragen [?],

Wort für Wort
indra-ādeḥ
dem Indra usw.
kumuda-ādeḥ
dem Kumuda usw.
sarva-bhūtebhyaḥ
allen Wesen
anugacchanti
sie folgen
pratirūpa-dharāḥ
entsprechende Gestalt tragend

Kumuda usw.: wohl die Richtungselefanten bzw. Wächter der Zwischenrichtungen. pratirūpadharāḥ unsicher.

pade pade 'śvamedhasya phalaṃ teṣāṃ na saṃśayaḥ / āgatya devatāgāraṃ devaṃ vijñāpayed guruḥ //

die haben bei jedem Schritt die Frucht eines Pferdeopfers, daran ist kein Zweifel. Der Lehrer soll zum Tempel kommen und dem Gott Folgendes vortragen:

Wort für Wort
pade pade
bei jedem Schritt
aśvamedhasya phalam
die Frucht des Pferdeopfers
na saṃśayaḥ
kein Zweifel
āgatya devatā-āgāram
zum Götterhaus gekommen
vijñāpayet guruḥ
der Lehrer soll mitteilen

tīrthayātrā tu yā deva śvaḥ kartavyā surottama / tasyārambhamanujñātumarhase deva sarvathā //

„O Gott, die Tīrtha-Prozession, die morgen durchzuführen ist, o Bester der Götter – deren Beginn mögest du, o Gott, in jeder Hinsicht gestatten.“

Wort für Wort
tīrtha-yātrā
Prozession zum Badeplatz
śvaḥ kartavyā
morgen durchzuführen
sura-uttama
Bester der Götter
tasya ārambham
ihren Beginn
anujñātum arhase
mögest du gestatten

devamevantu vijñāpya tataḥ karma samārabhet / prarohaghaṭikābhyāntu vedikāṃ bhūṣitāṃ vrajet //

Nachdem er dies dem Gott so vorgetragen hat, soll er das Ritual beginnen. Mit den Krügen der Keimlinge soll er zum geschmückten Altar (vedikā) gehen.

Wort für Wort
evam vijñāpya
so mitgeteilt habend
karma samārabhet
soll das Ritual beginnen
praroha-ghaṭikābhyām
mit den Keimlingskrügen
vedikām bhūṣitām
zum geschmückten Altar
vrajet
soll gehen

catuḥstambhāntu tanmadhye svastike pratimāṃ nyaset / kāmyārthāṃ lekhyacitreṣu sthāpya tatrādhivāsayet //

In dessen Mitte, [auf dem Altar] mit vier Pfeilern, soll er das Bild auf ein Svastika [-Diagramm] setzen; um der gewünschten Ziele willen soll er es auf gemalten Zeichnungen [?] aufstellen und dort die Vorweihe (adhivāsa) vollziehen.

Wort für Wort
catuḥ-stambhām
vierpfeilerig
svastike
auf dem Svastika
pratimām nyaset
soll das Bild setzen
kāmya-artham
für die erwünschten Ziele
lekhya-citreṣu
auf Zeichnungen/Gemälden
adhivāsayet
soll die Vorweihe vollziehen

kāmyārthām lekhyacitreṣu: Konstruktion unsicher; wohl kāmyārtham.

vaiṣṇavaiḥ saha kurvīta ghṛtābhyaṅgantu mūlataḥ / ghṛtadhārābhiṣekaṃ vā sakalāṃ śarvarīṃ budhaḥ //

Zusammen mit den Vaiṣṇavas soll der Kundige mit dem Wurzelmantra die Salbung mit Ghee vornehmen, oder die ganze Nacht hindurch eine Übergießung mit Ghee-Strömen.

Wort für Wort
vaiṣṇavaiḥ saha
mit den Vaiṣṇavas
ghṛta-abhyaṅgam
Salbung mit Ghee
mūlataḥ
mit dem Wurzelmantra
ghṛta-dhārā-abhiṣekam
Übergießung mit Ghee-Strömen
sakalām śarvarīm
die ganze Nacht

mūlataḥ: hier als „mit dem Mūlamantra“ gefasst; auch „vom Fuß an“ möglich.

darpaṇaṃ darśya nīrājaṃ gītavādyaiś ca maṅgalaṃ / vyajanaṃ pūjanaṃ dīpaṃ gandhapuṣpādibhiryajet //

Nachdem er einen Spiegel gezeigt hat, [vollziehe er] die Lichterschwenkung (nīrājana) und mit Gesang und Musik das Glückverheißende; Fächeln, Verehrung, Lampe – mit Duftstoffen, Blumen usw. soll er verehren.

Wort für Wort
darpaṇam darśya
einen Spiegel zeigend
nīrājam
Lichterschwenkung
gīta-vādyaiḥ maṅgalam
Glückverheißendes mit Gesang und Musik
vyajanam
Fächeln
gandha-puṣpa-ādibhiḥ yajet
soll mit Duft, Blumen usw. verehren

haridrāmudgakāśmīraśuklacūrṇādi mūrdhni / pratimāyāś ca bhaktānāṃ sarvatīrthaphalaṃ dhṛte //

Gelbwurz, Mungbohnen, Safran, weißes Pulver usw. [gebe man] auf das Haupt des Bildes und der Verehrer; wenn es getragen wird, [gewährt es] die Frucht aller Tīrthas.

Wort für Wort
haridrā
Gelbwurz
kāśmīra
Safran
śukla-cūrṇa
weißes Pulver
mūrdhni
auf dem Haupt
bhaktānām
der Verehrer
sarva-tīrtha-phalam dhṛte
die Frucht aller Tīrthas, wenn getragen

snāpayitvā samabhyarcya yātrāvimbaṃ rathe sthitaṃ / nayedgurur nadīrnādaiśchatrādyai rāṣṭrapālikāḥ //

Nachdem er das Prozessionsbild, auf den Wagen gestellt, gebadet und verehrt hat, soll der Lehrer es unter Klängen, mit Schirmen usw. zum Fluss führen; [dabei] die Landeshüterinnen [?].

Wort für Wort
snāpayitvā samabhyarcya
gebadet und verehrt habend
yātrā-bimbam
Prozessionsbild
rathe sthitam
auf dem Wagen stehend
nayet nadīm
soll zum Fluss führen
nādaiḥ chatra-ādyaiḥ
mit Klängen, Schirmen usw.
rāṣṭra-pālikāḥ
Hüterinnen des Landes

rāṣṭrapālikāḥ ohne erkennbaren Anschluss, vermutlich verderbt; nadīrnādaiś = nadīṃ nādaiḥ.

nimnagāyojanādarvāk tatra vedīntu kārayet / vāhanādavatāryainaṃ tasyāṃ vedyānniveśayet //

Weniger als ein Yojana vom Fluss entfernt soll er dort einen Altar errichten lassen; nachdem er ihn vom Fahrzeug heruntergenommen hat, soll er ihn auf diesen Altar setzen.

Wort für Wort
nimnagā
Fluss
yojanāt arvāk
diesseits eines Yojana
vedīm kārayet
soll einen Altar errichten lassen
vāhanāt avatārya
vom Fahrzeug herabgenommen
vedyām niveśayet
soll auf den Altar setzen

caruṃ vai śrapayet tatra pāyasaṃ homayettataḥ / abliṅgaiḥ vaidikair mantraistīrthānāvāhayettataḥ //

Dort soll er Opferbrei (caru) kochen, dann Milchreis opfern; dann soll er mit den vedischen Mantras, die das Wasser zum Kennzeichen haben, die Tīrthas herbeirufen.

Wort für Wort
carum śrapayet
soll Opferbrei kochen
pāyasam homayet
soll Milchreis opfern
ap-liṅgaiḥ
mit auf Wasser bezogenen [Sprüchen]
vaidikaiḥ mantraiḥ
mit vedischen Mantras
tīrthān āvāhayet
soll die Tīrthas herbeirufen

āpo hiṣṭhopaniṣadaiḥ pūjayedarghyamukhyakaiḥ / punardevaṃ samādāya toye kṛtvāghamarṣaṇaṃ //

Mit „āpo hi ṣṭhā“ und den Upaniṣad-Sprüchen soll er verehren, mit der Wasserspende (arghya) an erster Stelle. Dann soll er den Gott wieder aufnehmen und im Wasser das Aghamarṣaṇa [Anm.: sündentilgende Rezitation] vollziehen

Wort für Wort
āpo hi ṣṭhā
„āpo hi ṣṭhā“ (Ṛgveda-Spruch)
upaniṣadaiḥ
mit den Upaniṣad-Sprüchen
arghya-mukhyakaiḥ
mit Arghya an erster Stelle
punaḥ devam samādāya
den Gott wieder aufnehmend
toye aghamarṣaṇam
im Wasser das Aghamarṣaṇa

snāyānmahājanair viprair vedyāmuttārya taṃ nyaset / pūjayitvā tadahnā ca prāsādaṃ tu nayettataḥ / pūjayet pāvakasthantu guruḥ syādbhuktimuktikṛt //

und mit der großen Menge und den Brahmanen baden; nachdem er ihn heraufgetragen hat, soll er ihn auf den Altar setzen. Nachdem er ihn verehrt hat, soll er ihn noch am selben Tag in den Tempel bringen. Dann soll er den im Feuer Befindlichen verehren; so wird der Lehrer zum Spender von Genuss und Befreiung.

Wort für Wort
snāyāt mahājanaiḥ vipraiḥ
soll mit dem Volk und den Brahmanen baden
uttārya
heraufgebracht habend
tat-ahnā
am selben Tag
prāsādam nayet
soll in den Tempel bringen
pāvaka-stham
den im Feuer Befindlichen
bhukti-mukti-kṛt
Genuss und Befreiung bewirkend

Vers hat drei Halbverspaare (sechs Pādas).

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