Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 103: jīrṇoddhāra Die Erneuerung schadhafter Liṅgas und Heiligtümer

Śiva erklärt, welche Liṅgas als schadhaft gelten, wann sie versetzt werden dürfen und wie ein schadhaftes Liṅga rituell entlassen, im Wasser versenkt und durch ein neues ersetzt wird; dasselbe gilt für alte Heiligtümer. Vers 12 enthält eingeschobene Mantras und ist überlang. Mehrere Digitalisierungsfehler (vāstudevātuṃ, rusistava, rajvā vadhvā, puṣṭhyarthaṃ).

īśvara uvāca | jīrṇādīnāñca liṅgānāmuddhāraṃ vidhinā vade / lakṣmojjhitañca bhagnañca sthūlaṃ vajrahataṃ tathā //

Īśvara sprach: Ich lehre die vorschriftsgemäße Ersetzung alter usw. Liṅgas: eines, das seine Kennzeichen verloren hat, eines, das zerbrochen, zu plump oder ebenso vom Blitz getroffen ist,

Wort für Wort
jīrṇa-ādīnām liṅgānām
der alten usw. Liṅgas
uddhāram
die Entfernung/Erneuerung
lakṣma-ujjhitam
der Kennzeichen beraubt
bhagnam
zerbrochen
vajra-hatam
vom Blitz getroffen

saṃpuṭaṃ sphuṭitaṃ vyaṅgaṃ liṅgamityevamādikaṃ / ityādiduṣṭaliṅgānāṃ yojyā piṇḍī tathā vṛṣaḥ //

ein hohles [?], gespaltenes, verstümmeltes Liṅga und dergleichen – für solche und ähnliche fehlerhafte Liṅgas sind [neu] Sockel (piṇḍī) und ebenso Stier anzubringen [?].

Wort für Wort
sampuṭam
hohl (?)
sphuṭitam
gespalten
vyaṅgam
verstümmelt
duṣṭa-liṅgānām
der fehlerhaften Liṅgas
yojyā piṇḍī tathā vṛṣaḥ
anzubringen sind Sockel und Stier

saṃpuṭaṃ hier unsicher („hohl“, „zweischalig“?).

cālitañcalitaṃ liṅgamatyarthaṃ viṣamasthitaṃ / diḍmūḍhaṃ pātitaṃ liṅgaṃ madhyasthaṃ patitaṃ tathā //

Ein verrücktes, wackelndes Liṅga, ein übermäßig schief stehendes, ein in der Richtung verfehltes, ein umgestürztes Liṅga, ebenso ein in der Mitte stehend umgefallenes [?] –

Wort für Wort
cālitam calitam
verrückt, wackelnd
atyartham viṣama-sthitam
übermäßig schief stehend
diṅ-mūḍham
in der Richtung verfehlt
pātitam
umgestürzt
madhya-stham patitam
in der Mitte stehend gefallen

diḍmūḍhaṃ = diṅmūḍhaṃ.

evaṃvidhañca saṃsthāpya nirbraṇañca bhavedyadi / nadyādikapravāhena tadapākriyate yadi //

ein solches soll man wieder aufstellen, wenn es unbeschädigt ist. Wenn es durch die Strömung eines Flusses usw. fortgetragen wird,

Wort für Wort
evaṃ-vidham
ein solches
saṃsthāpya
aufgestellt habend
nirvraṇam
unbeschädigt
nadī-ādika-pravāhena
durch die Strömung eines Flusses usw.
apākriyate
wird fortgetragen

nirbraṇañca = nirvraṇaṃ ca.

tato 'nyatrāpi saṃsthāpya vidhidṛṣṭena karmaṇā / susthitaṃ dusthitaṃ vāpi śivaliṅgaṃ na cālayet //

dann stelle man es auch an einem anderen Ort mit der in der Vorschrift vorgesehenen Handlung auf. Ein Śiva-Liṅga, ob es gut oder schlecht steht, soll man [sonst] nicht bewegen.

Wort für Wort
anyatra api
auch anderswo
vidhi-dṛṣṭena karmaṇā
mit der vorschriftsgemäßen Handlung
su-sthitam duḥ-sthitam vā
gut oder schlecht stehend
śiva-liṅgam
das Śiva-Liṅga
na cālayet
bewege nicht

śatena sthāpanaṃ kuryāt sahasreṇa tu cālanaṃ / pūjādibhiś ca saṃyuktaṃ jīrṇādyamapi susthitaṃ //

Die Aufstellung vollziehe man mit hundert, das Versetzen aber mit tausend [Opferspenden]. Auch ein altes usw. [Liṅga] gilt, wenn es mit Verehrung usw. versehen ist, als gut stehend.

Wort für Wort
śatena sthāpanam
die Aufstellung mit hundert
sahasreṇa cālanam
das Versetzen mit tausend
pūjā-ādibhiḥ saṃyuktam
mit Verehrung usw. versehen
jīrṇa-ādyam api
auch ein altes usw.
susthitam
gut stehend

yāmye maṇḍapamīśe vā pratyagdvāraikatoraṇaṃ / vidhāya dvārapūjādi sthaṇḍile mantrapūjanaṃ //

Im Süden oder im Nordosten [errichte man] eine Halle mit Westtor und einem einzigen Torbogen; nachdem man die Verehrung des Tores usw. vollzogen hat, [folgt] die Mantra-Verehrung auf dem Opferplatz (sthaṇḍila).

Wort für Wort
yāmye
im Süden
īśe
im Nordosten
maṇḍapam
eine Halle
pratyak-dvāra-eka-toraṇam
mit Westtor und einem Torbogen
sthaṇḍile mantra-pūjanam
Mantra-Verehrung auf dem Opferplatz

mantrān santarpya sampūjya vāstudevātuṃ pūrvavat / digbaliṃ ca vahirdatvā samācamya svayaṃ guruḥ //

Nachdem er die Mantras gesättigt und die Gottheit des Baugrunds (Vāstu) wie zuvor verehrt und draußen das Richtungsopfer dargebracht hat, schlürfe der Lehrer selbst [Reinigungs-]Wasser.

Wort für Wort
mantrān santarpya
die Mantras gesättigt habend
vāstu-devatām
die Gottheit des Baugrunds
dig-balim bahiḥ datvā
außen das Richtungsopfer gegeben
samācamya
Wasser geschlürft habend
svayam guruḥ
der Lehrer selbst

vāstudevātuṃ verderbt für vāstudevatāṃ.

brāhmaṇān bhojayitvā tu śambhuṃ vijñāpayettataḥ / duṣṭaliṅgamidaṃ śaṃbhoḥ śāntiruddhāraṇasya cet //

Nachdem er Brahmanen gespeist hat, gebe er Śambhu dann kund: „Dies ist ein fehlerhaftes Liṅga, o Śambhu; wenn für seine Entfernung Befriedung [nötig ist],

Wort für Wort
brāhmaṇān bhojayitvā
Brahmanen gespeist habend
vijñāpayet
gebe kund
duṣṭa-liṅgam idam
dies ist ein fehlerhaftes Liṅga
śāntiḥ uddhāraṇasya
Befriedung für die Entfernung

rusistavādividhinā adhitiṣṭhasva māṃ śiva / evaṃ vijñāpya deveśaṃ śāntihomaṃ samācaret //

[so] nach der Vorschrift des Rudra-Hymnus [?] usw. – nimm in mir Wohnung, o Śiva!“ Nachdem er dem Herrn der Götter dies kundgetan hat, vollziehe er das Befriedungsopfer

Wort für Wort
vidhinā
nach der Vorschrift
adhitiṣṭhasva mām
nimm in mir Wohnung
śiva
o Śiva
vijñāpya deva-īśam
dem Götterherrn kundgetan
śānti-homam samācaret
vollziehe das Befriedungsopfer

rusistavādi verderbt; evtl. rudrastavādi.

madhvājyakṣīradūrvābhirmūlenāṣṭādhikaṃ śataṃ / tato liṅgaṃ ca saṃsthāpya pūjayet sthiṇḍile tathā //

mit Honig, Schmelzbutter, Milch und Dūrvā-Gras, mit dem Wurzelmantra hundertachtmal. Dann stelle er das Liṅga [bildlich] auf und verehre es ebenso auf dem Opferplatz.

Wort für Wort
madhu-ājya-kṣīra-dūrvābhiḥ
mit Honig, Butter, Milch, Dūrvā
mūlena
mit dem Wurzelmantra
aṣṭa-adhikam śatam
hundertacht
liṅgam saṃsthāpya
das Liṅga aufgestellt
pūjayet sthaṇḍile
verehre auf dem Opferplatz

sthiṇḍile = sthaṇḍile.

oṃ vyāpakeśvarāyeti nāṭyantaṃ śivavādinā / oṃ vyāpakaṃ hṛdayeśvarāya namaḥ / oṃ vyāpakeśvarāya śirase namaḥ / ity ādyaṅgamantrāḥ tatastatrāśritaṃ tattvaṃ śrāvayedastramastataḥ //

Mit „oṃ vyāpakeśvarāya“ („Oṃ, dem alldurchdringenden Herrn“) bis zum Ende [?] unter Anrufung Śivas; „oṃ vyāpakaṃ hṛdayeśvarāya namaḥ“ („Oṃ, dem alldurchdringenden Herrn, dem Herzen Verehrung“), „oṃ vyāpakeśvarāya śirase namaḥ“ („Oṃ, dem alldurchdringenden Herrn, dem Haupt Verehrung“) – dies sind die Glieder-Mantras usw. Dann lasse er das dort ansässige Wesen mit dem Waffen-Mantra [folgendes] hören:

Wort für Wort
vyāpaka-īśvarāya
dem alldurchdringenden Herrn
hṛdaya
Herz(-Mantra)
śirase namaḥ
dem Haupt Verehrung
aṅga-mantrāḥ
Glieder-Mantras
tatra āśritam tattvam
das dort ansässige Wesen
śrāvayet astram
lasse den Waffen-Mantra hören

Überlanger Vers mit eingeschobenen Mantras; nāṭyantaṃ unklar; astramastataḥ wohl astram ataḥ.

sattvaḥ kopīha yaḥ kopiliṅgamāśritya tiṣṭhati / liṅgantyaktvā śivājñābhiryatreṣṭaṃ tatra gacchatu //

„Welches Wesen auch immer hier, das Liṅga zum Sitz nehmend, weilt, das verlasse das Liṅga und gehe auf Śivas Befehl dorthin, wohin es will.

Wort für Wort
sattvaḥ ko api
irgendein Wesen
liṅgam āśritya tiṣṭhati
das im Liṅga weilt
liṅgam tyaktvā
das Liṅga verlassend
śiva-ājñābhiḥ
auf Śivas Befehl
yatra iṣṭam tatra gacchatu
gehe, wohin es will

sattvaḥ kopīha … kopiliṅgam: zu lesen sattvaḥ ko 'pīha yaḥ ko 'pi liṅgam.

vidyāvidyeśvarair yuktaḥ sa bhavotra bhaviṣyati / sahasraṃ pratibhāge ca tataḥ pāśupatāṇunā //

Mit Vidyā und den Vidyeśvaras verbunden wird dieser Bhava hier sein.“ Dann [opfere man] tausend[mal] für jeden Teil mit dem Pāśupata-Aṇu [Anm.: Pāśupata-Mantra],

Wort für Wort
vidyā-vidyeśvaraiḥ yuktaḥ
mit Vidyā und Vidyeśvaras verbunden
saḥ bhavaḥ atra bhaviṣyati
dieser Bhava wird hier sein
sahasram prati-bhāge
tausend für jeden Teil
pāśupata-aṇunā
mit dem Pāśupata-Mantra

hutvā śāntyambunā prokṣya spṛṣṭvā kuśair japettataḥ / datvārghaṃ ca vilomena tattvatattvādhipāṃs tathā //

opfere, besprenge mit Befriedungswasser, berühre mit Kuśa-Gras und rezitiere dann; nachdem er die Ehrengabe (arghya) gegeben hat, [entlasse er] in umgekehrter Reihenfolge die Prinzipien und die Herren der Prinzipien,

Wort für Wort
hutvā
geopfert habend
śānti-ambunā prokṣya
mit Befriedungswasser besprengt
spṛṣṭvā kuśaiḥ
mit Kuśa berührt
datvā argham
die Ehrengabe gegeben
vilomena
in umgekehrter Folge
tattva-tattva-adhipān
die Prinzipien und deren Herren

aṣṭamūrtīśvarān liṅga piṇḍikāsaṃsthitān guruḥ / visṛjya svarṇapāśena vṛṣaskandhasthayā tathā //

und die in Liṅga und Sockel befindlichen Herren der acht Gestalten (aṣṭamūrti) entlasse der Lehrer; dann mit einer goldenen Schlinge und ebenso mit einem Strick, der an der Schulter des Stieres liegt [?],

Wort für Wort
aṣṭa-mūrti-īśvarān
die Herren der acht Gestalten
liṅga-piṇḍikā-saṃsthitān
in Liṅga und Sockel befindlich
visṛjya
entlassen habend
svarṇa-pāśena
mit goldener Schlinge
vṛṣa-skandha-sthayā
an der Schulter des Stieres befindlich

rajvā vadhvā tayā nītvā śivamantaṃ gṛṇan janaiḥ / tajjale nikṣipen mantrī puṣṭhyarthaṃ juhuyācchataṃ //

binde er [das Liṅga] mit dem Strick, führe es mit Leuten fort, den Śiva-Mantra sprechend, und werfe es, der Mantrakundige, in das Wasser [eines Gewässers]; zur Stärkung opfere er hundert[mal],

Wort für Wort
rajjvā baddhvā
mit dem Strick gebunden
nītvā
fortgeführt
śiva-mantram gṛṇan
den Śiva-Mantra sprechend
jale nikṣipet
werfe ins Wasser
puṣṭi-artham
zur Stärkung

rajvā vadhvā = rajjvā baddhvā; puṣṭhyarthaṃ = puṣṭyarthaṃ; śivamantaṃ = śivamantraṃ.

tṛptaye dikpatīnāñca vāstuśuddhau śataṃ śataṃ / rakṣāṃ vidhāya taddhāmni mahāpāśupatā tataḥ //

zur Sättigung der Richtungsherren und zur Reinigung des Baugrunds je hundert; nachdem er den Schutz in jenem Heiligtum mit dem Mahāpāśupata[-Mantra] vollzogen hat,

Wort für Wort
tṛptaye dik-patīnām
zur Sättigung der Richtungsherren
vāstu-śuddhau
zur Reinigung des Baugrunds
śatam śatam
je hundert
rakṣām vidhāya
Schutz vollzogen habend
mahā-pāśupata
mit dem Mahāpāśupata

liṅgamanyattatastatra vidhivat sthāpayed guruḥ / asurair munibhirgotrastantravidbhiḥ pratiṣṭhitaṃ //

stelle der Lehrer dann dort ein anderes Liṅga vorschriftsgemäß auf. Ein [Liṅga], das von Asuras, Weisen, Göttern [?] oder Tantrakundigen geweiht ist,

Wort für Wort
liṅgam anyat
ein anderes Liṅga
vidhivat sthāpayet
stelle vorschriftsgemäß auf
asuraiḥ munibhiḥ
von Asuras, Weisen
tantra-vidbhiḥ
von Tantrakundigen
pratiṣṭhitam
geweiht

gotraiḥ wohl verderbt (für gīrvāṇaiḥ/devaiḥ?).

jīrṇaṃ vāpyathavā bhagnaṃ vidhināpi nacālayet / eṣa eva vidhiḥ kāryojīrṇadhāmasamuddhṛtau //

sei es alt oder zerbrochen, soll man auch nach der Vorschrift nicht versetzen. Eben diese Vorschrift ist bei der Wiederherstellung eines alten Heiligtums anzuwenden.

Wort für Wort
jīrṇam bhagnam vā
alt oder zerbrochen
na cālayet
versetze nicht
eṣa eva vidhiḥ
eben diese Vorschrift
kāryaḥ
ist anzuwenden
jīrṇa-dhāma-samuddhṛtau
bei der Wiederherstellung eines alten Heiligtums

khaḍge mantragaṇaṃ nyasya kārayet mandirāntaraṃ / saṅkoce maraṇaṃ proktaṃ vistāro tu dhanakṣayaḥ //

Nachdem man die Schar der Mantras auf ein Schwert gelegt hat, lasse man das andere [neue] Heiligtum bauen. Bei Verkleinerung wird Tod verkündet, bei Vergrößerung aber Verlust des Reichtums.

Wort für Wort
khaḍge
auf ein Schwert
mantra-gaṇam nyasya
die Mantraschar gelegt
mandira-antaram
ein anderes Heiligtum
saṅkoce maraṇam
bei Verkleinerung Tod
vistāre dhana-kṣayaḥ
bei Vergrößerung Vermögensverlust

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