Kapitel 310: tvaritāmūlamantrādiḥ
Der Wurzelmantra der Tvaritā und Weiteres (Einweihung)
Konstruktion eines Lotus-Vajra-Maṇḍala, Verehrung der Glieder- und Begleitmächte, Feuerritus mit Weiherisiten für das Feuer sowie die Einweihung des Schülers (Berechtigungs- und Erlösungsweihe). Es folgen Wiederholungszahlen des Mantras mit ihren Früchten, Opfersubstanzen und ein nächtliches Gelübde mit Bali-Gabe. Die Verse 24–25 sind teilweise verderbt; das Kolophon nennt das Kapitel „tvaritāmūlamantra“ und trägt die Folgenummer {311}.
Agni sprach: Ich werde die Einweihung usw. lehren, nachdem man [die Göttin] auf den Lotus im Löwen- und Vajra-Feld aufgelegt hat: „he he huti vajradanta puru puru lulu lulu garja garja iha siṃhāsanāya namaḥ“ (He he …, du mit Donnerkeilzähnen, … brülle, brülle! Hier Verehrung dem Löwenthron). Querliegende und aufwärts gerichtete Linien – je vier und vier sollen es sein.
Durch Einteilung in neun Teile soll der Kundige Felder anlegen; die in den Hauptrichtungen liegenden Felder sind zu nehmen, in den Zwischenrichtungen soll man [sie] tilgen.
[So entsteht] die mittlere Spitze des Donnerkeils; die äußere Linie in zwei Hälften geteilt; die äußere Linie sei gekrümmt, zweifach geknickt soll der Kundige sie machen.
Es heiße „Lotus“; der linke Umgang sei gleichmäßig; das Innere rot, die Staubfäden [ebenso?]. In [diesem] Maṇḍala [können auch] Frauen eingeweiht [werden].
und [der Eingeweihte] besiegt fremde Reiche und erlangt schnell die Königsherrschaft. Die vom Praṇava [Oṃ] entflammte Gestalt soll man mit dem Hūṃkāra einsetzen.
Nachdem man die Wurzel-Vidyā ausgesprochen hat, die zu Wind und Raum gelangt ist, o Zweimalgeborener, soll man wiederum mit der ersten [Silbe] in der Samenkapsel verehren.
in der Mitte das Auge, in den Richtungen die Waffe, beim geheimen Glied der Schutz; die Hutis [?] aber an den Staubfäden, auf der linken und rechten Seite,
sind je fünf und fünf zu verehren; mit ihren jeweiligen Mantras soll man [sie] verehren. Die acht Welthüter soll man außen um das innere Maṇḍala auflegen.
Den letzten Buchstaben [ha], auf das Feuer [ra] gestiegen, vom sechsten Vokal [ū] durchdrungen, vom fünfzehnten [aṃ] überschritten [→ hrūṃ] – [damit] soll man [sie] mit ihren jeweiligen Namen verbinden.
Die Śīghrā [Tvaritā] soll man auf dem Löwen in der Samenkapsel mit Duftstoffen usw. um des Glückes willen verehren; mit acht Krügen, die mit dem Mantra hundertachtmal besprochen sind, soll man [sie] umgeben.
Nachdem man den Mantra achttausendmal und für die Glieder ein Zehntel [davon] gemurmelt hat, soll man ein Feueropfer in der Feuergrube vollziehen und [das Feuer] mit dem Feuermantra entfachen.
Mit dem Herz[-Mantra] soll man das Feuer hineinlegen und sich die Śakti in der Mitte, im Feuer befindlich, vorstellen; Empfängnisritus, Puṃsavana und Geburtsritus soll man durch Opfer vollziehen.
Wort für Wort
nikṣipet hṛdayena agnim
mit dem Herz-Mantra das Feuer hineinlegen
śaktim madhye agni-gām smaret
die Śakti im Feuer vorstellen
garbha-ādhānam
Empfängnisritus
puṃsavanam
Ritus für männliche Nachkommenschaft
jāta-karma homayet
Geburtsritus durch Opfer
Es handelt sich um die Lebenszyklusriten für das Feuer (agnisaṃskāra).
hṛdayena śataṃ hy ekaṃ guhyekaṃ guhyāṅge janayecchikhim / pūrṇāhutyā tu vidyāyāḥ śivāgnirjvalito bhavet //
Mit dem Herz[-Mantra] hundert[mal] je eine [Spende]; mit dem geheimen Glied soll man das Feuer erzeugen [?]; durch die Vollspende der Vidyā wird das Śiva-Feuer entflammt.
Mit dem Wurzelmantra soll man hundert[mal] opfern und für die Glieder ein Zehntel; dann soll man [es] der Göttin darbringen und dann den Schüler eintreten lassen.
Nachdem man [ihn] mit dem Waffen[-Mantra] geschlagen hat, soll man dann die geheimen Glieder auflegen; den mit den Gliedern der Vidyā Gerüsteten soll man in die Glieder der Vidyā einsetzen.
Den Schüler soll man eine Blume werfen lassen und zur Feuergrube führen; mit Gerste, Getreide, Sesam und Ghee soll man hundert[mal] mit der Wurzel-Vidyā opfern.
Wort für Wort
puṣpam kṣepayet
eine Blume werfen lassen
ānayet agni-kuṇḍakam
zur Feuergrube führen
yavaiḥ dhānyaiḥ tilaiḥ ājyaiḥ
mit Gerste, Getreide, Sesam, Ghee
mūla-vidyā-śatam hunet
hundertmal mit der Wurzel-Vidyā opfern
„kṣipāyayet“ Kausativ von kṣip; „dvānyair“ zu dhānyair.
Zuerst [ist] das Opfer [für] den Zustand des Unbeweglichen [Pflanzenwelt], danach des Kriechtiers, [dann] Vogel-, Wild- und Vieh-Sein, das Menschliche und das Brahmā-Sein,
Wort für Wort
sthāvaratvam
Zustand des Unbeweglichen
sarīsṛpam
Kriechtier
pakṣi-mṛga-paśutvam
Vogel-, Wild-, Vieh-Sein
mānuṣam
das Menschliche
brāhmam
das Brahmā-Sein
Aufsteigende Reihe der Daseinsstufen, die durch Opfer durchlaufen werden.
So entsteht die Berechtigung (adhikāra); höre nun die Erlösung[sweihe]: Wenn der Mantrakundige, auf dem Sumeru stehend, im Stand des Sadāśiva befindlich ist,
Wort für Wort
adhikāraḥ bhavet evam
so entsteht die Berechtigung
śṛṇu mokṣam ataḥ param
höre nun die Erlösung
sumeru-sthaḥ
auf dem Sumeru stehend
sadāśiva-pade sthitaḥ
im Stand des Sadāśiva befindlich
Sumeru hier wohl der Scheitel bzw. innere Weltberg.
pare ca homayet svastho 'karmakarmaśatān daśa / pūrṇāhutyā tu tadyogī dharmādharmair na lipyate //
soll er, im Höchsten in sich gefestigt, zehn Hunderte [Spenden] von „Nicht-Werk-Werken“ [?] opfern; durch die Vollspende wird jener Yogin nicht von Verdienst und Schuld befleckt.
Er geht zur Erlösung, zum höchsten Ort, von dem man, einmal dorthin gelangt, nicht zurückkehrt; wie in Wasser geworfenes Wasser [eins wird], so der Verkörperte [mit Śiva] [?].
Wort für Wort
mokṣam yāti
geht zur Erlösung
param sthānam
zum höchsten Ort
yat gatvā na nivartate
wohin gelangt man nicht zurückkehrt
yathā jale jalam kṣiptam
wie in Wasser geworfenes Wasser
dehī
der Verkörperte
Zweite Vershälfte verderbt („jalaṃ dehī śiras tathā“), evtl. śivas tathā.
Mit Krügen soll man die Weihebesprengung vollziehen; [dann] hat man Anteil an allem, an Sieg, Königsherrschaft usw. Ein Mädchen [und] eine Brahmanin sind zu verehren; dem Lehrer usw. soll man das Honorar geben.
yajet sahasramekantu pūjāṃ kṛtvā dine dine / tilājyapurahomena devī śrīḥ kāmadā bhavet //
Man soll täglich tausend[mal] opfern, nachdem man die Verehrung vollzogen hat; durch Opfer von Sesam, Ghee und Guggulu wird die Göttin Śrī wunschgewährend.
dviguṇena bhavedrājyaṃ triguṇena ca yakṣiṇī / caturguṇena brahmatvaṃ tato viṣṇupadaṃ bhavet //
Mit dem Doppelten entsteht Königsherrschaft, mit dem Dreifachen [gewinnt man] eine Yakṣiṇī, mit dem Vierfachen Brahmā-Sein, dann [mit mehr] den Stand Viṣṇus;
mit dem Sechsfachen große Vollendung; mit einem einzigen Lakh ist man Sündentilger; zehnmal gemurmelt zur Reinigung des Körpers, [mit] hundert die Frucht eines Bades an einem Wallfahrtsort.
paṭe vā pratimāyāṃ vā śīghrāṃ vai sthaṇḍile yajet / śataṃ sahasramayutaṃ jape home prakīrtitam //
Auf einem Tuch, an einem Bild oder auf einem Opferplatz soll man die Śīghrā verehren; hundert, tausend, zehntausend – [so viel] ist für Murmeln und Opfer angegeben.
mit Sesam, Gerste, ebenso gerösteten Körnern, Reis, Weizen, Mangos und Bilva-Früchten, mit Ghee vermischt – nachdem man [so] geopfert hat, soll man ein Gelübde halten.
nīlena vātha vastreṇa devīṃ tair eva cārcayet / vrajeddakṣiṇadigbhāgaṃ dvāre dadyādbaliṃ budhaḥ //
oder mit einem blauen Gewand; die Göttin soll man eben mit diesen [Farben] verehren. Man soll in die südliche Richtung gehen; am Tor soll der Kundige eine Bali-Gabe darbringen
mit dem Botinnen-Mantra, am Tor usw., an einem einzeln stehenden Baum, auf einem Verbrennungsplatz. So [erfolgt] die Erlangung aller Wünsche; ein König genießt [dann] die ganze Erde.