Kapitel 298: bālagrahaharaṃ bālatantram
Die Kinderheilkunde, welche die Kinder-Ergreifer vertreibt
Agni beschreibt die weiblichen Ergreiferinnen (grahī), die Kinder in den ersten dreizehn Nächten, in den ersten zwölf Lebensmonaten und in den Lebensjahren zwei bis siebzehn befallen, mit ihren Krankheitszeichen sowie den jeweiligen Opfergaben, Räucherungen, Salbungen und Bädern; einige Fälle gelten als unheilbar. Den Schluss bilden zwei Schutz-Mantras an die Mütter und Cāmuṇḍā. Das Kolophon nennt den Titel „bālagrahaharaṃ bālatantram“ (Titelfeld: balagrahaharabālatantram); die Zählung der Tage springt nach der dritten Nacht ohne ausdrückliche Nachtangabe weiter, die neunte Nacht ist nur durch Ūrdhvagrāhī erschlossen; mehrere Namen und Substanzen sind verderbt.
Agni sprach: „Ich werde die Kinderheilkunde (bālatantra) verkünden, die die Ergreifer (graha) von Kindern usw. bezwingt. Am Tag der Geburt ergreift die böse Ergreiferin [Pāpinī] das Kind.
Wort für Wort
bāla-tantram
Kinderheilkunde
bāla-ādi-graha-mardanam
die Ergreifer der Kinder bezwingend
jāta-dine
am Tag der Geburt
vatsam
das Kind
grahī gṛhṇāti pāpinī
die böse Ergreiferin ergreift
pāpinī kann Name (Pāpinī) oder Beiwort („böse“) sein.
Zittern der Glieder, Nahrungsverweigerung, vielfaches Verdrehen des Halses – das ist ihr Verhalten; für sie bringe man den Müttern eine Opfergabe (bali) dar,
mit Fisch, Fleisch, Branntwein, Speise, Duftstoff, Kranz, Räucherwerk und Lampe; und man salbe [das Kind] mit Dhātakī, Lodhra, Mañjiṣṭhā, Tāla und Sandel.
Und die Räucherung mit Mahiṣākṣa [Anm.: einer Guggulu-Art]. In der zweiten Nacht [kommt] die Ergreiferin Bhīṣaṇī; ihr Kennzeichen: Husten, schweres Atmen, wiederholtes Zusammenziehen der Glieder.
In der dritten Nacht [kommt] die Ergreiferin Ghaṇṭālī; ihr Kennzeichen: wiederholtes Schreien, Gähnen, Stöhnen, Angst, Zittern der Glieder, Appetitlosigkeit.
Die vierte Ergreiferin ist Kākolī: Zittern der Glieder, heftiges Weinen, Schaumaufstoßen, Starren in die Himmelsrichtungen; die Opfergabe mit Kulmāṣa [Anm.: Bohnenbrei] und Āsava [Anm.: gegorenem Getränk].
meṣaśṛṅgabalālodhraśilātālaiḥ śiśuṃ lipet / phaṭkārī tu grahī ṣaṣṭhī bhayamohaprarodanaṃ //
Man salbe das Kind mit Widderhorn, Balā, Lodhra, Śilā [Anm.: Realgar] und Tāla [Anm.: Auripigment]. Die sechste Ergreiferin ist Phaṭkārī: Angst, Betäubung, heftiges Weinen,
Nahrungsverweigerung, Umherwerfen der Glieder; man bringe eine Opfergabe mit Fisch usw. dar, mit Räucherung und Salbung aus Senf, Guggulu, Kuṣṭha, Elefantenzahn usw.
In der siebten [Nacht] ist [das Kind] von Muktakeśī geplagt: fauliger Geruch, Gähnen, Mattigkeit, heftiges Weinen, Husten; Räucherung; man salbe mit Tigerkrallen [?],
baliḥ pūrvaiva matsyādyair dhūpalepe ca hiṅgulā / vacāsiddharthalaśunaiścordhvagrāhī mahāgrahī //
Die Opfergabe wie zuvor mit Fisch usw.; bei Räucherung und Salbung Hiṅgula [?], Kalmus, weißer Senf und Knoblauch. [In der neunten ist] Ūrdhvagrāhī, die große Ergreiferin:
Räucherung mit Nimba; man salbe mit Bhūta [?], Ugrā [Anm.: Kalmus], Senf und Sarja-Harz; die Opfergabe bringe man draußen dar: geröstete Körner, Kulmāṣa, Pilze [?] und Reisbrei.
unter einem Karañja-Baum, in der Richtung Yamas [Anm.: Süden], bringe man damit sieben Tage lang die Opfergabe dar. Das zweimonatige [Kind ergreift] Mukuṭā: der Körper ist kalt und kühl,
kṣīraṃ pūrve dadenmadhye 'hani dhūpaś ca sarpiṣā / pañcabhaṅgena tat snānaṃ caturthe piṅgalārtihṛt //
und Milch gebe man im Osten, zur Mittagszeit; und Räucherung mit Ghee; das Bad mit den fünf Blättern (pañcabhaṅga). Im vierten [Monat ist] Piṅgalā [die Ursache] des Leidens:
die Opfergabe mit Mehl, Fleisch, Branntwein und Fleisch. Im achten [ist] Yamunā: Blasen, Auszehrung usw.; deren Behandlung soll man nicht vornehmen lassen.
Im neunten [Monat ist das Kind] von Kumbhakarṇī geplagt: fiebrig, erbricht … [?], Weinen; die Opfergabe mit Fleisch, Kulmāṣa, Branntwein usw. an einem allen gemeinsamen Ort [?].
Im zehnten [ist] Tāpasī; Kennzeichen: Nahrungsverweigerung, Schließen der Augen; Glocke, Banner und Mehl[figur] werden genannt; die Opfergabe von Branntwein und Fleisch auf ebenem Boden [?].
Im elften [ist] Rākṣasī: Schmerz an den Augen usw.; [hier gibt es] keine Behandlung. Im zwölften [ist] Cañcalā: schweres Atmen, Angst und ähnliches Verhalten;
[Man bade mit] Wasser, das Blätter von Palāśa, Udumbara, Aśvattha, Vaṭa und Bilva enthält. Im sechsten Jahr [ist] Dhāvanī: Auszehrung, schlechter Geschmack, Mattigkeit der Glieder;
die Opfergabe sieben Tage lang mit den früheren [Gaben], Räucherung und Bad mit den Blättern. Im siebten [ist] Yamunā: Erbrechen, Sprachlosigkeit, Lachen und Weinen;
Wort für Wort
saptāhobhiḥ baliḥ
Opfergabe sieben Tage
pūrvaiḥ
mit den früheren
dhūpa-snānam bhaṅgakaiḥ
Räucherung und Bad mit Blättern
saptame yamunā
im siebten Yamunā
chardiḥ avacaḥ hāsa-rodanam
Erbrechen, Sprachlosigkeit, Lachen, Weinen
saptāhobhir für saptāhobhiḥ; avaco° wohl „Sprachlosigkeit“.
die Opfergabe mit Kṛśarā [Anm.: Reis-Sesam-Brei], Kuchen, saurer Milch usw., Bad und Räucherung. Im neunten Jahr [ist] Kālā: Schlagen der Arme, Brüllen, Angst;
mit Paulikā [Anm.: Fladen], Kuchen und Sauermilch-Reis bringe man fünf Nächte lang die Opfergabe dar; Räucherung mit Nimba, Salbung mit Kuṣṭha. Im elften [Jahr] ist die Ergreiferin
trayodaśe vāyavī ca mukhavāhyāṅgasādanam / raktānnagandhamālyādyair baliḥ pañcadalaiḥ snapet //
Im dreizehnten [ist] Vāyavī: [Entstellung] des Mundes, Mattigkeit der äußeren Glieder; die Opfergabe mit rotem Reis, Duftstoffen, Kränzen usw.; man bade mit fünf Blättern.
Räucherung mit Senf- und Nimba-Blättern [?]. Im vierzehnten [ist] Yakṣiṇī; Kennzeichen: stechender Schmerz, Fieber, Brennen; die Opfergabe mit Fleisch, Speisen usw.
Bad usw. wie zuvor zur Befriedung. Im fünfzehnten [Jahr ist] das Leiden durch Muṇḍikā; ihr Kennzeichen: beständiger Blutfluss; man vollziehe die Behandlung der Mütter [?].
Wort für Wort
snāna-ādi pūrvavat
Bad usw. wie zuvor
śāntyai
zur Befriedung
muṇḍikā-artiḥ tri-pañcake
im fünfzehnten Muṇḍikā-Leiden
asṛk-sravaḥ śaśvat
beständiger Blutfluss
mātṛ-cikitsanam
Behandlung der Mütter
tripañcake „im dreimal fünften“ = fünfzehnten; kuryāmmātṛ° für kuryān mātṛ°.
Im sechzehnten [ist] Vānarī: [das Kind] fällt zu Boden, Schlaf, beständiges Fieber; die Opfergabe mit Milchreis usw. drei Nächte lang; Bad usw. wie zuvor.
Die Herrinnen der Tage heißen Pūtanās, die Herrinnen der Jahre Sukumārikās [?]. „oṃ namaḥ sarvamātṛbhyo bālapīḍāsaṃyogaṃ bhuñja bhuñja cuṭa cuṭa sphoṭaya sphoṭaya sphura sphura gṛhṇa gṛhṇa ākaṭṭaya ākaṭṭaya evaṃ siddharūpo jñāpayati hare hare nirdoṣaṃ kuru kuru bālikāṃ bālaṃ striyaṃ puruṣaṃ vā sarvagrahāṇām upakramāt cāmuṇḍe namo devyai hrūṃ hrūṃ hrīṃ apasara apasara duṣṭagrahān hrūṃ tadyathā gacchantu gṛhyakāḥ anyatra panthānaṃ rudro jñāpayati“ [Anm.: Oṃ, Verehrung allen Müttern! Genießt, genießt die mit der Kinderplage verbundene [Gabe], …, sprenge, sprenge, zucke, zucke, ergreife, ergreife, …; so befiehlt der Vollendete. Hare, Hare, mache fehlerfrei, mache das Mädchen, den Knaben, die Frau oder den Mann durch die Behandlung aller Ergreifer; o Cāmuṇḍā, Verehrung der Göttin, hrūṃ hrūṃ hrīṃ, weicht, weicht, ihr bösen Ergreifer, hrūṃ; so mögen die Ergreifer einen anderen Weg gehen – Rudra befiehlt]. Dieser Mantra ist bei allen Kinder-Ergreifern [anzuwenden] und erfüllt alle Wünsche.
Wort für Wort
dina-īśāḥ pūtanāḥ
die Herrinnen der Tage: Pūtanās
varṣa-īśāḥ sukumārikāḥ
die Herrinnen der Jahre: Sukumārikās
sarva-mātṛbhyaḥ
allen Müttern
apasara duṣṭa-grahān
weicht, ihr bösen Ergreifer
sarva-bāla-graheṣu
bei allen Kinder-Ergreifern
sarva-kāmikaḥ
alle Wünsche erfüllend
Langer Prosa-Mantra; einige Imperative (cuṭa, ākaṭṭaya) sind unübersetzbar bzw. unklar.
„oṃ namo bhagavati cāmuṇḍe muñca muñca bālaṃ [?] bālikāṃ vā baliṃ gṛhṇa gṛhṇa jaya jaya vasa vasa“ [Anm.: Oṃ, Verehrung, o erhabene Cāmuṇḍā, lass los, lass los den Knaben oder das Mädchen, nimm, nimm die Opfergabe, siege, siege, weile, weile]. Bei jeder Darbringung einer Opfergabe wird dieser schützende Mantra rezitiert. „Mögen sie schützen bis zum Ende des Fiebers [?] und den Knaben freilassen: Brahmā, Viṣṇu, Śiva, Skanda, Gaura [?], Gaurī, Lakṣmī, Gaṇeśa und die anderen!“
Wort für Wort
bhagavati cāmuṇḍe
o erhabene Cāmuṇḍā
muñca muñca
lass los, lass los
baliṃ gṛhṇa
nimm die Opfergabe
sarvatra bali-dāne
bei jeder Opfergabe
rakṣā-kṛt paṭhyate manuḥ
der Schutzmantra wird rezitiert
muñcantu kumārakam
mögen sie den Knaben freilassen
Prosa-Mantra und drei Halbverse; das erste baliṃ steht wohl für bālaṃ; jvarābhyāntaṃ unklar.