Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 252: vyavahārakathanam Darlegung des Rechtsverfahrens

Agni erläutert die Grundbegriffe des Rechtsverfahrens (vyavahāra): seine „vier Füße“, Mittel, Glieder, Ursprünge und die achtzehn Streittitel, dann die Besetzung des Gerichts, den Ablauf von Klage, Antwort und Beweis, Merkmale unglaubwürdiger Parteien, Beweismittel (Urkunde, Besitz, Zeugen, Gottesurteil), Ersitzung und Erwerbstitel, ungültige Geschäfte sowie die Zinssätze. Der Text steht in enger Parallele zu Yājñavalkya-Smṛti II. Zahlreiche Stellen sind im Digitalisat verderbt (u. a. V. 11, 21, 29, 45–48, 61, 64); V. 21 wiederholt seine erste Hälfte, der Titelname „krītānuśaya“ fehlt.

agnir uvāca | vyavahāraṃ pravakṣyāmi nayānayavivekadaṃ / catuṣpācca catuḥsthānaś catuḥsādhana ucyate //

Agni sprach: Ich werde das Rechtsverfahren (vyavahāra) darlegen, das die Unterscheidung von rechtem und unrechtem Vorgehen verleiht. Es heißt „vierfüßig“, „vier Standorte habend“ und „vier Mittel habend“.

Wort für Wort
agniḥ uvāca
Agni sprach
vyavahāram pravakṣyāmi
das Rechtsverfahren werde ich darlegen
naya-anaya-viveka-dam
Unterscheidung von Recht und Unrecht gewährend
catuṣ-pād
vierfüßig
catuḥ-sthānaḥ
vier Standorte habend
catuḥ-sādhanaḥ
vier Mittel habend

caturhitaś caturvyāpī catuṣkārī ca kīrtyate / aṣṭāṅgo 'ṣṭādaśapadaḥ śataśākhastathaiva ca //

Es wird „vierfach nützend“, „vierfach durchdringend“ und „vierfach bewirkend“ genannt, ferner „achtgliedrig“, „achtzehn Titel habend“ und ebenso „hundertästig“.

Wort für Wort
catur-hitaḥ
vierfach nützend
catur-vyāpī
vierfach durchdringend
catuṣ-kārī
vierfach bewirkend
aṣṭa-aṅgaḥ
achtgliedrig
aṣṭādaśa-padaḥ
achtzehn Titel habend
śata-śākhaḥ
hundertästig

triyonirdvyabhiyogaś ca dvidvāro dvigatis tathā / dharmaś ca vyavahāraś ca caritraṃ rājaśāsanaṃ //

(Ferner heißt es) „drei Ursprünge habend“, „zwei Arten der Klage habend“, „zwei Tore habend“ und ebenso „zwei Wege habend“. Dharma (Recht), Vyavahāra (Verfahren), Caritra (Brauch) und Rājaśāsana (königlicher Erlass) –

Wort für Wort
tri-yoniḥ
drei Ursprünge habend
dvi-abhiyogaḥ
zwei Arten der Klage habend
dvi-dvāraḥ
zwei Tore habend
dvi-gatiḥ
zwei Wege habend
caritram
Brauch, Herkommen
rāja-śāsanam
königlicher Erlass

catuṣpādvyavahārāṇāmuttaraḥ pūrvasādhakaḥ / tatra satye sthito dharmo vyavahārastu sākṣiṣu //

(dies sind) die vier Füße der Rechtsverfahren; der jeweils spätere ist gegenüber dem früheren maßgebend. Dabei beruht Dharma auf der Wahrheit, Vyavahāra aber auf den Zeugen,

Wort für Wort
catuṣ-pāt
vierfüßig, die vier Füße
uttaraḥ
der spätere
pūrva-sādhakaḥ
den früheren bestimmend/verdrängend
satye sthitaḥ dharmaḥ
der Dharma beruht auf der Wahrheit
sākṣiṣu
auf den Zeugen

„uttaraḥ pūrvasādhakaḥ“: sādhaka hier im Sinn von „entscheidend über, verdrängend“ aufgefasst.

caritraṃ saṅgrahe puṃsāṃ rājājñāyāntu śāsanaṃ / sāmābhyupāyasādhyatvāccatuḥsādhana ucyate //

Caritra auf der Aufzeichnung (Übereinkunft) der Leute, Śāsana aber auf dem Befehl des Königs. Weil es durch die Mittel, (angefangen) mit der Versöhnung (sāman), durchzusetzen ist, heißt es „vier Mittel habend“.

Wort für Wort
saṅgrahe puṃsām
auf der Sammlung/Übereinkunft der Leute
rāja-ājñāyām
auf dem Befehl des Königs
śāsanam
der Erlass
sāma-ādi-upāya-sādhyatvāt
weil durch die Mittel wie Versöhnung durchzusetzen
catuḥ-sādhanaḥ
vier Mittel habend

caturṇāmāśramāṇāñca rakṣaṇātsa caturhitaḥ / kartāraṃ sākṣiṇaś caiva satyānrājānameva ca //

Weil es die vier Lebensstadien (āśrama) schützt, ist es „vierfach nützend“. Den Täter, die Zeugen, die Beisitzer und den König

Wort für Wort
caturṇām āśramāṇām
der vier Lebensstadien
rakṣaṇāt
wegen des Schutzes
catur-hitaḥ
vierfach nützend
kartāram
den Täter
sākṣiṇaḥ
die Zeugen
rājānam
den König

„satyān“ ist wohl Verschreibung für „sabhyān“ (Beisitzer); so übersetzt.

vyāpnoti pādago yasmāccaturvyāpī tataḥ smṛtaḥ / dharmasyārthasya yaśaso lokapaṅktestathaiva ca //

erfasst es, indem es (jeden) zu einem Viertel trifft; daher gilt es als „vierfach durchdringend“. Weil es Dharma, Wohlstand (artha), Ruhm und ebenso das Ansehen bei den Leuten

Wort für Wort
vyāpnoti
erfasst, durchdringt
pāda-gaḥ
viertelweise gehend
yasmāt ... tataḥ
weil ... deshalb
dharmasya arthasya yaśasaḥ
des Dharma, des Wohlstands, des Ruhms
loka-paṅkteḥ
der Anerkennung bei den Leuten

pādaga: „zu einem Viertel gehend“, d. h. Schuld bzw. Verantwortung verteilt sich viertelweise auf die vier Genannten [?].

caturṇāṅkaraṇādeṣa catuṣkārī prakīrtitaḥ / rājā sapuruṣaḥ sabhyāḥ śāstraṃ gaṇakalekhakau //

– diese vier – bewirkt, wird es „vierfach bewirkend“ genannt. Der König mit seinem Beauftragten, die Beisitzer, das Lehrbuch (śāstra), Rechner und Schreiber,

Wort für Wort
caturṇām karaṇāt
weil es die vier bewirkt
catuṣ-kārī
vierfach bewirkend
rājā sa-puruṣaḥ
der König mit seinem Beauftragten
sabhyāḥ
die Beisitzer
śāstram
das Lehrbuch
gaṇaka-lekhakau
Rechner und Schreiber

hiraṇyamagnirudakamaṣṭāṅgaḥ samudāhṛtaḥ / kāmāt krodhācca lobhācca tribhyo yasmāt pravartate //

Gold, Feuer und Wasser: so wird es als „achtgliedrig“ bezeichnet. Weil es aus Begierde, Zorn und Gier – aus diesen dreien – entsteht,

Wort für Wort
hiraṇyam agniḥ udakam
Gold, Feuer, Wasser
aṣṭa-aṅgaḥ
achtgliedrig
kāmāt krodhāt lobhāt
aus Begierde, Zorn, Gier
tribhyaḥ
aus dreien
pravartate
entsteht

Gold, Feuer und Wasser als Mittel des Eides bzw. Gottesurteils [Anm.: vgl. Kap. 254].

triyoniḥ kīrtyate tena trayametadvivādakṛt / dvyabhiyogastu vijñeyaḥ śaṅkātattvābhiyogataḥ //

heißt es deshalb „drei Ursprünge habend“; diese Dreiheit erzeugt Streit. „Zwei Arten der Klage habend“ ist es zu verstehen wegen der Klage aufgrund von Verdacht und der Klage aufgrund von Tatsachen.

Wort für Wort
tri-yoniḥ
drei Ursprünge habend
trayam etat
diese Dreiheit
vivāda-kṛt
Streit verursachend
śaṅkā-abhiyoga
Klage aus Verdacht
tattva-abhiyoga
Klage aus Tatsachen

śaṅkāṣaḍbhistu saṃsargāttattvaṣoḍhādidarśaṇāt / pakṣadvayābhisambandhāddvidvāraḥ samudāhṛtaḥ //

Der Verdacht (entsteht) aus dem Umgang mit Übeltätern, die Tatsache aus dem Anblick des Diebesguts und dergleichen. Wegen der Verbindung mit zwei Parteien wird es „zwei Tore habend“ genannt.

Wort für Wort
śaṅkā
Verdacht
asadbhiḥ saṃsargāt
aus Umgang mit Übeltätern
tattva
Tatsache
hoḍha-ādi-darśanāt
aus Anblick des Diebesguts usw.
pakṣa-dvaya-abhisambandhāt
wegen der Verbindung mit zwei Parteien
dvi-dvāraḥ
zwei Tore habend

„śaṅkāṣaḍbhis“ verderbt; gelesen als „śaṅkā asadbhis“ (mit Schlechten); „tattvaṣoḍhādi“ als „tattva-hoḍha-ādi“ (Diebesgut usw.).

pūrvavādastayoḥ pakṣaḥ pratipakṣastvanantaraḥ / bhūtacchalānusāritvāddvigatiḥ samudāhṛtā //

Die erste Aussage (Klage) ist von beiden die Partei (pakṣa), die unmittelbar folgende die Gegenpartei (Erwiderung). Weil es der Wahrheit oder der List folgen kann, wird es „zwei Wege habend“ genannt.

Wort für Wort
pūrva-vādaḥ
die erste Aussage, Klage
pakṣaḥ
Partei, Behauptung
prati-pakṣaḥ
Gegenpartei, Erwiderung
anantaraḥ
unmittelbar folgend
bhūta-chala-anusāritvāt
weil es Wahrheit oder List folgt
dvi-gatiḥ
zwei Wege habend

ṛṇandeyamadeyañca yena yatra yathā ca yat / dānagrahaṇadharmaś ca ṛṇādānamiti smṛtam //

Welche Schuld zu bezahlen und welche nicht zu bezahlen ist, von wem, wo, wie und was, und das Recht von Geben und Nehmen: das heißt „Nichtbezahlung von Schulden“ (ṛṇādāna).

Wort für Wort
ṛṇam deyam adeyam ca
zu zahlende und nicht zu zahlende Schuld
yena yatra yathā ca yat
von wem, wo, wie und was
dāna-grahaṇa-dharmaḥ
das Recht von Geben und Nehmen
ṛṇa-ādānam
Nichtbezahlung von Schulden
smṛtam
gilt als

svadravyaṃ yatra viśrambhānnikṣipatyaviśaṅkitaḥ / nikṣepannāma tat proktaṃ vyavahārapadambudhaiḥ //

Wo jemand sein eigenes Gut aus Vertrauen unbesorgt niederlegt, das nennen die Weisen den Rechtstitel „Hinterlegung“ (nikṣepa).

Wort für Wort
sva-dravyam
das eigene Gut
viśrambhāt
aus Vertrauen
nikṣipati
legt nieder, hinterlegt
aviśaṅkitaḥ
unbesorgt
vyavahāra-padam
Rechtstitel
budhaiḥ
von den Weisen

vaṇikprabhṛtayo yatra karma sambhūya kurvate / tatsambhūyasamuptyānaṃ vyavahārapadaṃ viduḥ //

Wo Kaufleute und andere gemeinsam ein Unternehmen betreiben, das kennt man als den Rechtstitel „Gemeinschaftsunternehmen“ (sambhūyasamutthāna).

Wort für Wort
vaṇij-prabhṛtayaḥ
Kaufleute und andere
karma
Unternehmen, Geschäft
sambhūya kurvate
betreiben gemeinsam
sambhūya-samutthānam
Gemeinschaftsunternehmen
viduḥ
kennen

„samuptyānaṃ“ ist Verschreibung für „samutthānaṃ“.

dattvā dravyañca samyagyaḥ punarādātumicchati / dattvāpradānikaṃ nāma tadvivādapadaṃ smṛtaṃ //

Wer, nachdem er ein Gut ordnungsgemäß gegeben hat, es wieder zurücknehmen will: das gilt als der Streittitel „Zurücknahme des Geschenkten“ (dattāpradānika).

Wort für Wort
dattvā dravyam
nachdem er ein Gut gegeben hat
samyak
ordnungsgemäß
punar ādātum icchati
wieder nehmen will
datta-apradānikam
Zurücknahme des Geschenkten
vivāda-padam
Streittitel

abhyupetya ca śuśrūṣāṃ yastāṃ na pratipadyate / aśuśrūṣābhyupetyaitadvivādapadamucyate //

Wer Dienst zugesagt hat und ihn nicht leistet: das heißt der Streittitel „Nichtleistung zugesagten Dienstes“.

Wort für Wort
abhyupetya
nachdem er zugesagt hat
śuśrūṣām
Dienst, Gehorsam
na pratipadyate
leistet nicht
aśuśrūṣā-abhyupetya
Nichtleistung zugesagten Dienstes
ucyate
heißt

bhṛtyānāṃ vetanasyoktādānādānavidhikriyā / vetanasyānapākarma tadvivādapadaṃ smṛtam //

Das Verfahren über Geben und Nichtgeben des für Dienstleute festgesetzten Lohns: das gilt als der Streittitel „Nichtzahlung des Lohns“.

Wort für Wort
bhṛtyānām
der Dienstleute
vetanasya uktā
des festgesetzten Lohns
dāna-adāna-vidhi-kriyā
Verfahren über Geben und Nichtgeben
vetanasya anapākarma
Nichtzahlung des Lohns

nikṣiptaṃ vā paradravyaṃ naṣṭaṃ labdhvā prahṛtya vā / kikrīyate parokṣaṃ yat sa jñeyo 'svāmivikrayaḥ //

Wird fremdes Gut, das hinterlegt war oder verloren und gefunden oder geraubt wurde, ohne Wissen (des Eigentümers) verkauft, so ist das als „Verkauf durch einen Nichteigentümer“ zu verstehen.

Wort für Wort
nikṣiptam
hinterlegt
para-dravyam
fremdes Gut
naṣṭam labdhvā
verloren gefunden
prahṛtya
geraubt
parokṣam
ohne Wissen, heimlich
asvāmi-vikrayaḥ
Verkauf durch Nichteigentümer

„kikrīyate“ ist Verschreibung für „vikrīyate“.

vikrīya paṇyaṃ mūlyena kretre yacca na dīyate / vikrīyāsampradānantadvivādapadamucyate //

Wird eine Ware gegen Kaufpreis verkauft und dem Käufer nicht übergeben, so heißt das der Streittitel „Nichtübergabe nach Verkauf“.

Wort für Wort
vikrīya
nachdem verkauft
paṇyam mūlyena
Ware gegen Preis
kretre
dem Käufer
na dīyate
wird nicht übergeben
vikrīya-asampradānam
Nichtübergabe nach Verkauf

krītvā mūlyena yatpaṇyaṃ kretā na bahu manyate / krītvā mūlyena yat paṇyaṃ duṣkrītaṃ manyate krayī //

Wenn der Käufer eine gegen Preis gekaufte Ware nicht hoch schätzt – wenn der Käufer eine gegen Preis gekaufte Ware für schlecht gekauft hält, [Anm.: so ist das der Titel „Reue nach dem Kauf“ (krītānuśaya)].

Wort für Wort
krītvā mūlyena
gegen Preis gekauft habend
kretā
der Käufer
na bahu manyate
schätzt nicht hoch
duṣkrītam
schlecht gekauft
krayī
der Käufer

Die zweite Vershälfte wiederholt fast wörtlich die erste; der Titelname fehlt. Wohl Überlieferungsfehler.

pāṣaṇḍanaigamādīnāṃ sthitiḥ samaya ucyate / samayasyānapākarma tadvivādapadaṃ smṛtaṃ //

Die Satzung von religiösen Sondergemeinschaften (pāṣaṇḍa), Kaufmannsgilden (naigama) usw. heißt Übereinkunft (samaya); deren Nichteinhaltung gilt als Streittitel.

Wort für Wort
pāṣaṇḍa-naigama-ādīnām
der Sekten, Gilden usw.
sthitiḥ
Satzung
samayaḥ
Übereinkunft
samayasya anapākarma
Nichteinhaltung der Übereinkunft
vivāda-padam
Streittitel

setukedāramaryādāvikṛṣṭākṛṣṭaniś cayāḥ / kṣetrādhikāre yatra syurvivādaḥ kṣetrajastu saḥ //

Wo bei Ansprüchen auf ein Feld Entscheidungen über Damm, Feldbeet, Grenze, Gepflügtes und Ungepflügtes zu treffen sind, das ist der „aus dem Feld entstehende Streit“.

Wort für Wort
setu
Damm
kedāra
Feldbeet
maryādā
Grenze
vikṛṣṭa-akṛṣṭa
gepflügt und ungepflügt
niścayāḥ
Entscheidungen
kṣetra-jaḥ vivādaḥ
Feldstreit

vaivāhiko vidhiḥ strīnāṃ yatra puṃsāñca kīrtyate / strīpuṃsayogasaṃjñantu tadvivādapadaṃ smṛtam //

Wo die Heiratsregel für Frauen und Männer dargelegt wird, das gilt als der Streittitel „Verbindung von Mann und Frau“.

Wort für Wort
vaivāhikaḥ vidhiḥ
die Heiratsregel
strīṇām puṃsām ca
der Frauen und Männer
kīrtyate
wird dargelegt
strī-puṃsa-yoga-saṃjñam
„Verbindung von Mann und Frau“ genannt

„strīnāṃ“ für „strīṇāṃ“.

vibhāgorthasya paitrasya putrair yastu prakalpyate / dāyamāgamiti proktaṃ tadvivādapadaṃ budhaiḥ //

Die Teilung des väterlichen Vermögens, die von den Söhnen vorgenommen wird, nennen die Weisen den Streittitel „Erbteilung“.

Wort für Wort
vibhāgaḥ
Teilung
arthasya paitrasya
des väterlichen Vermögens
putraiḥ
von den Söhnen
prakalpyate
wird vorgenommen
dāya-bhāgam
Erbteilung

„dāyamāgam“ ist wohl verderbt für „dāyabhāgam“; „vibhāgorthasya“ = vibhāgaḥ arthasya.

sahasā kriyate karma yat kiñcit baladarpitaiḥ / tat sāhasamiti proktaṃ vivādapadamucyate //

Jede Tat, die von auf ihre Kraft Stolzen gewaltsam begangen wird, heißt „Gewalttat“ (sāhasa); so wird der Streittitel genannt.

Wort für Wort
sahasā
gewaltsam
kriyate karma
wird eine Tat begangen
bala-darpitaiḥ
von auf ihre Kraft Stolzen
sāhasam
Gewalttat
vivāda-padam
Streittitel

deśajātikulādīnāmākrośatyaṅgasaṃyutam / yadvacaḥ pratikūlārthaṃ vākpāruṣyaṃ taducyate //

Eine Rede, die (jemanden) nach Land, Kaste, Familie usw. schmäht, (auch) mit Bezug auf Körpermerkmale, und in feindseliger Absicht (geäußert wird), heißt „Wortbeleidigung“ (vākpāruṣya).

Wort für Wort
deśa-jāti-kula-ādīnām
nach Land, Kaste, Familie usw.
ākrośati
schmäht
aṅga-saṃyutam
auf Glieder bezogen
pratikūla-artham
in feindseliger Absicht
vāk-pāruṣyam
Wortbeleidigung

paragātreṣvabhidrehī hastapādāyudhādibhiḥ / agnyādibhiś copaghātair(?) daṇḍapāruṣyamucyate //

Wer an fremden Körpern mit Händen, Füßen, Waffen usw. Schaden tut, sowie durch Verletzungen mittels Feuer usw.: das heißt „Tätlichkeit“ (daṇḍapāruṣya).

Wort für Wort
para-gātreṣu
an fremden Körpern
abhidrohī
Schaden zufügend
hasta-pāda-āyudha-ādibhiḥ
mit Händen, Füßen, Waffen usw.
agni-ādibhiḥ upaghātaiḥ
durch Verletzungen mit Feuer usw.
daṇḍa-pāruṣyam
Tätlichkeit

„abhidrehī“ für „abhidrohī“; das „(?)“ nach „upaghātair“ stammt aus der Vorlage.

akṣavajjaśalākādyair daivataṃ dyūtamucyate / pañcakriḍāvayobhiś ca prāṇidyutasamāhvayaḥ //

(Spiel) mit Würfeln, Riemen, Stäbchen usw. heißt Würfelspiel (dyūta); mit Tieren [?] und Vögeln zum Spiel (betrieben) heißt es „Wette mit Lebewesen“ (samāhvaya).

Wort für Wort
akṣa
Würfel
śalākā
Stäbchen
dyūtam
Würfelspiel
vayobhiḥ
mit Vögeln
prāṇi-dyūta
Spiel mit Lebewesen
samāhvayaḥ
Wette

Stark verderbt: „vajja“ wohl für „vardhra“ (Riemen), „daivataṃ“ für „devanaṃ“, „pañcakriḍā“ vielleicht für „paśukrīḍā“, „prāṇidyuta“ für „prāṇidyūta“.

prakīrṇakaḥ punarjñeyo vyavahāro nirāśrayaḥ / rājñāmājñāpratoghātastatkarmākaraṇantathā //

Als „Vermischtes“ (prakīrṇaka) ist ferner das Verfahren ohne (festen) Grundtitel zu verstehen: Verletzung der Befehle der Könige und ebenso Nichtausführung ihrer Aufträge.

Wort für Wort
prakīrṇakaḥ
Vermischtes
nirāśrayaḥ
ohne Grundlage/Titel
rājñām ājñā-pratighātaḥ
Verletzung königlicher Befehle
tat-karma-akaraṇam
Nichtausführung ihrer Aufträge

„pratoghātas“ für „pratighātas“.

vyavahāro 'ṣṭādaśapadasteṣāṃ bhedo 'tha vai śatam / kriyābhedānmanuṣyānāṃ śataśākho nigadyate //

Das Verfahren hat achtzehn Titel; deren Unterarten aber sind hundert. Wegen der Verschiedenheit der Handlungen der Menschen heißt es „hundertästig“.

Wort für Wort
aṣṭādaśa-padaḥ
achtzehn Titel habend
bhedaḥ
Unterart
śatam
hundert
kriyā-bhedāt
wegen der Verschiedenheit der Handlungen
śata-śākhaḥ
hundertästig

vyavahārānnṛpaḥ paśyej jñāniviprair akopanaḥ / śatrumitrasamāḥ sabhyā alobhāḥ śrutivedinaḥ //

Der König soll, frei von Zorn, die Rechtsfälle mit kundigen Brahmanen prüfen. Die Beisitzer (sollen) gegen Feind und Freund gleich, frei von Gier und schriftkundig sein.

Wort für Wort
vyavahārān
die Rechtsfälle
paśyet
soll prüfen
jñāni-vipraiḥ
mit kundigen Brahmanen
akopanaḥ
frei von Zorn
śatru-mitra-samāḥ
gleich gegen Feind und Freund
śruti-vedinaḥ
schriftkundig

apaśyatā kāryavaśāt sabhyair vipraṃ niyojayet / rāgāllobhādbhayādvāpi smṛtyapetādikāriṇaḥ //

Wenn er wegen (anderer) Geschäfte nicht (selbst) prüft, soll er mit den Beisitzern einen Brahmanen einsetzen. (Beisitzer,) die aus Leidenschaft, Gier oder Furcht gegen die Smṛti usw. handeln,

Wort für Wort
apaśyatā
von dem nicht Prüfenden
kārya-vaśāt
wegen Geschäften
vipram niyojayet
soll einen Brahmanen einsetzen
rāgāt lobhāt bhayāt
aus Leidenschaft, Gier, Furcht
smṛti-apeta-ādi-kāriṇaḥ
gegen die Smṛti Handelnde

sabhyāḥ pṛthak pṛthag daṇḍyā vivādādvdiguṇo damaḥ / smṛtyācāraeṣvyapetena mārgeṇa dharṣitaḥ paraiḥ //

sind als Beisitzer einzeln zu bestrafen; die Buße ist das Doppelte des Streitwerts. Wer, auf einem von Smṛti und Brauch abweichenden Weg von anderen bedrängt,

Wort für Wort
pṛthak pṛthak daṇḍyāḥ
einzeln zu bestrafen
vivādāt dviguṇaḥ damaḥ
Buße doppelt des Streitwerts
smṛti-ācāra-vyapetena
von Smṛti und Brauch abweichend
mārgeṇa
auf dem Weg
dharṣitaḥ paraiḥ
von anderen bedrängt

„vivādādvdiguṇo“ für „vivādād dviguṇo“; „smṛtyācāraeṣv-“ verderbt, gelesen als „smṛtyācāravyapetena“.

āvedayati yadrājñe vyavahārapadaṃ hi tat / pratyarthino 'grato lekhyaṃ yathā veditamarthinā //

dies dem König meldet, das ist nämlich ein Rechtsfall. Wie es vom Kläger vorgebracht wurde, ist es in Gegenwart des Beklagten niederzuschreiben,

Wort für Wort
āvedayati
meldet
vyavahāra-padam
Rechtsfall
pratyarthinaḥ agrataḥ
in Gegenwart des Beklagten
lekhyam
ist niederzuschreiben
arthinā
vom Kläger

samāmāsatadardhāharnāmajātyādicihnitam / śrutārthasyottaraṃ lekhyaṃ pūrvāvedakasannidhau //

gekennzeichnet mit Jahr, Monat, Halbmonat, Tag, Name, Kaste usw. Die Antwort dessen, der die Sache gehört hat, ist in Gegenwart des ersten Anzeigenden niederzuschreiben.

Wort für Wort
samā-māsa-tad-ardha-ahar
Jahr, Monat, Halbmonat, Tag
nāma-jāti-ādi-cihnitam
mit Name, Kaste usw. gekennzeichnet
śruta-arthasya
dessen, der die Sache gehört hat
uttaram
die Antwort
pūrva-āvedaka-sannidhau
in Gegenwart des ersten Anzeigenden

tapto 'rthī lekhayetsadyaḥ pratijñātārthasādhanam / tatsiddhau siddhamāpnoti viparītamato 'nyathā //

Danach soll der Kläger sogleich das Beweismittel für die behauptete Sache niederschreiben lassen. Ist es erbracht, erlangt er Erfolg, andernfalls das Gegenteil.

Wort für Wort
tataḥ arthī
danach der Kläger
lekhayet sadyaḥ
soll sogleich schreiben lassen
pratijñāta-artha-sādhanam
Beweis für die behauptete Sache
tat-siddhau
wenn es erbracht ist
siddham āpnoti
erlangt Erfolg
viparītam
das Gegenteil

„tapto“ ist Verschreibung für „tato“.

catuṣpādvyavahāroyaṃ vivādeṣūpadarśitaḥ / abhiyogamanistīrya nainaṃ pratyabhiyojayet //

Dieses vierfüßige Verfahren ist bei Streitigkeiten dargelegt. Ohne die Klage erledigt zu haben, soll man den (Kläger) nicht mit einer Gegenklage belangen.

Wort für Wort
catuṣ-pāt vyavahāraḥ
vierfüßiges Verfahren
upadarśitaḥ
dargelegt
abhiyogam anistīrya
ohne die Klage erledigt zu haben
na enam pratyabhiyojayet
soll ihn nicht gegenverklagen

abhiyuktañca nānyena tyaktaṃ viprakṛtiṃ nayet / kuryāt pratyabhiyogantu kalahe sāhaseṣu ca //

Einen Beklagten soll auch kein anderer (gleichzeitig) belangen, und das (einmal) Vorgebrachte soll man nicht abändern. Eine Gegenklage darf man jedoch bei Streit (Beleidigung) und bei Gewalttaten erheben.

Wort für Wort
abhiyuktam
den Beklagten
na anyena
nicht von einem anderen
viprakṛtim nayet
soll abändern
pratyabhiyogam
Gegenklage
kalahe sāhaseṣu ca
bei Streit und Gewalttaten

„tyaktaṃ“ wohl verderbt (Sinn: „das Gesagte“); übersetzt nach dem Zusammenhang.

ubhayoḥ pratibhūrgrāhyaḥ samarthaḥ kāmyanirṇaye / nihnave bhāvito dadyāddhanaṃ rājñe tu tatsamam //

Von beiden ist ein Bürge zu nehmen, der fähig ist (für das), was bei der Entscheidung (zu leisten ist). Wird (der Beklagte) nach Leugnen überführt, soll er (dem Kläger) das Gut geben und dem König ebenso viel.

Wort für Wort
ubhayoḥ
von beiden
pratibhūḥ grāhyaḥ
ein Bürge ist zu nehmen
kārya-nirṇaye
bei der Entscheidung der Sache
nihnave bhāvitaḥ
nach Leugnen überführt
rājñe tat-samam
dem König ebenso viel

„kāmyanirṇaye“ wohl für „kāryanirṇaye“.

mithyābhiyogād dviguṇamabhiyogāddhanaṃ haret / sāhasasteyapāruṣyeṣvabhiśāpātyaye striyāḥ //

Bei falscher Klage soll (der König vom Kläger) das Doppelte des eingeklagten Guts nehmen. Bei Gewalttat, Diebstahl, Beleidigung, schwerer Beschuldigung, (drohendem) Verlust und in Sachen von Frauen

Wort für Wort
mithyā-abhiyogāt
bei falscher Klage
dviguṇam
das Doppelte
abhiyogāt dhanam haret
soll des eingeklagten Guts nehmen
sāhasa-steya-pāruṣyeṣu
bei Gewalttat, Diebstahl, Beleidigung
abhiśāpa-atyaye
bei Beschuldigung und Verlust
striyāḥ
einer Frau

vicārayetsadyaḥ eva kālo 'nyatrecchayā smṛtaḥ / deśāddeśāntaraṃ yāti sṛkkaṇī parileḍhi ca //

soll man sofort untersuchen; in anderen Fällen gilt der Zeitpunkt nach Belieben. Wer von einer Stelle zur anderen geht, die Mundwinkel ableckt,

Wort für Wort
vicārayet sadyaḥ eva
soll sofort untersuchen
kālaḥ anyatra icchayā
der Zeitpunkt sonst nach Belieben
deśāt deśa-antaram yāti
geht von Ort zu Ort
sṛkkaṇī parileḍhi
leckt die Mundwinkel

lalāṭaṃ svidyate cāsya mukhavaivarṇyameva ca / svabhāvādvikṛtaṃ gacchenmanovākkāyakarmabhiḥ //

wessen Stirn schwitzt und wessen Gesicht sich verfärbt, wer in Denken, Rede, Körper und Handlungen von seiner natürlichen Art abweicht,

Wort für Wort
lalāṭam svidyate
die Stirn schwitzt
mukha-vaivarṇyam
Verfärbung des Gesichts
svabhāvāt vikṛtam gacchet
weicht von der natürlichen Art ab
manaḥ-vāk-kāya-karmabhiḥ
in Denken, Rede, Körper, Handeln

abhiyoge 'tha vā sākṣye vāgduṣṭaḥ parikīrtitaḥ / sandigdhārthaṃ svatantro yaḥ sādhayedyaś ca niṣpatet //

der gilt bei einer Klage oder einer Zeugenaussage als „in der Rede verdorben“ (unglaubwürdig). Wer eigenmächtig eine zweifelhafte Sache durchzusetzen sucht, und wer davonläuft,

Wort für Wort
abhiyoge atha vā sākṣye
bei Klage oder Zeugenaussage
vāk-duṣṭaḥ
in der Rede verdorben
sandigdha-artham
eine zweifelhafte Sache
svatantraḥ sādhayet
eigenmächtig durchsetzt
niṣpatet
davonläuft

na cāhūto vadet kiñciddhanī daṇḍyaś ca sa smṛtaḥ / sākṣiṣūbhayataḥ satsu sākṣiṇaḥ pūrvavādinaḥ //

und wer vorgeladen nichts sagt, gilt als unterlegen und strafbar. Wenn auf beiden Seiten Zeugen vorhanden sind, sind die Zeugen des Erstaussagenden (zu hören);

Wort für Wort
āhūtaḥ
vorgeladen
na vadet kiñcit
sagt nichts
hīnaḥ daṇḍyaḥ
unterlegen und strafbar
sākṣiṣu ubhayataḥ satsu
wenn beiderseits Zeugen sind
pūrva-vādinaḥ
des Erstaussagenden

„dhanī“ ist wohl verderbt für „hīnaḥ“ (unterlegen); so übersetzt.

pūrvapakṣe 'dharībhūte bhavantyuttaravādinaḥ / sagaṇaścedvivādaḥ syāttatra hīnantu dāpayet //

ist die erste Behauptung (durch die Antwort) zurückgedrängt, so gelten die (Zeugen) des Antwortenden. Ist der Streit mit einer Wette verbunden, so lasse man den Unterlegenen zahlen:

Wort für Wort
pūrva-pakṣe adharī-bhūte
wenn die erste Behauptung zurückgedrängt ist
uttara-vādinaḥ
des Antwortenden
sa-paṇaḥ vivādaḥ
Streit mit Wette
hīnam dāpayet
lasse den Unterlegenen zahlen

„sagaṇaś“ wohl verderbt für „sapaṇaś“ (mit Wette).

dattaṃ paṇaṃ vasañcaiva dhanino dhanameva ca / chalannirasya dūtena vyavahārānnayennṛpaḥ //

den gesetzten Einsatz, die eigene Strafe und dem Gläubiger das Gut. Die List beseitigend soll der König nach dem wirklichen Sachverhalt die Verfahren führen.

Wort für Wort
dattam paṇam
den gesetzten Einsatz
dhaninaḥ dhanam
dem Gläubiger das Gut
chalam nirasya
die List beseitigend
bhūtena
nach dem Sachverhalt
vyavahārān nayet nṛpaḥ
der König soll die Verfahren führen

„vasañcaiva“ wohl für „svadaṇḍaṃ caiva“ o. ä.; „dūtena“ wohl verderbt für „bhūtena“ (nach dem Sachverhalt).

bhūtamapyarthamapyastaṃ hīyate vyavahārataḥ / nihnute nikhilānekamekadeśavibhāvitam //

Auch eine wirkliche Sache geht im Verfahren verloren, wenn sie nicht vorgebracht ist [?]. Leugnet jemand vieles und wird nur in einem Teil überführt,

Wort für Wort
bhūtam api artham
auch eine wirkliche Sache
hīyate
geht verloren
vyavahārataḥ
im Verfahren
nihnute nikhilān
leugnet alles
eka-deśa-vibhāvitam
in einem Teil überführt

„apyastaṃ“ unklar; gedeutet als „anupanyastam“ (nicht vorgebracht) bzw. „apāstam“ (fallen gelassen).

dāpyaḥ sarvānnṛpeṇārthānna grāhyastvaniveditaḥ / smṛtyorvirodhe nyāyastu vallavān vyavahārataḥ //

so ist er vom König zu veranlassen, alle Posten zu zahlen; (was) nicht (anfangs) angezeigt ist, ist nicht anzunehmen. Bei Widerspruch zweier Smṛtis ist aber das Schlussverfahren nach dem Rechtsbrauch stärker.

Wort für Wort
dāpyaḥ sarvān arthān
zur Zahlung aller Posten anzuhalten
na grāhyaḥ aniveditaḥ
Nicht-Angezeigtes nicht anzunehmen
smṛtyoḥ virodhe
bei Widerspruch zweier Smṛtis
nyāyaḥ
Schlussverfahren, Billigkeit
balavān
stärker

„vallavān“ für „balavān“.

arthaśāstrāddhi balavaddharmaśāstramiti sthitiḥ / pramāṇaṃ likhitaṃ bhuktiḥ sākṣiṇaśceti kirtitam //

Denn das Dharmaśāstra ist stärker als das Arthaśāstra: das ist die feste Regel. Als Beweismittel werden genannt: Urkunde, Besitz (Nutzung) und Zeugen.

Wort für Wort
artha-śāstrāt
als das Arthaśāstra
balavat dharma-śāstram
das Dharmaśāstra ist stärker
pramāṇam
Beweismittel
likhitam bhuktiḥ
Urkunde, Besitz
sākṣiṇaḥ
Zeugen

eṣāmanyatamābhāve divyānyatamamucyate / sarveṣveva vivādeṣu balavatyuttarā kriyā //

Fehlt jedes von diesen, so wird eines der Gottesurteile vorgeschrieben. In allen Streitigkeiten ist die spätere Handlung stärker;

Wort für Wort
eṣām anyatama-abhāve
beim Fehlen jedes davon
divya-anyatamam
eines der Gottesurteile
sarveṣu vivādeṣu
in allen Streitigkeiten
balavatī uttarā kriyā
die spätere Handlung ist stärker

ādhau pratigrahe krīte pūrvā tu balavattarā / paśyato bruvato bhūmerhānirviṃśativārṣikī //

beim Pfand, bei der Schenkung und beim Kauf aber ist die frühere stärker. Sieht (der Eigentümer) zu und sagt nichts, so tritt der Verlust von Land nach zwanzig Jahren ein,

Wort für Wort
ādhau pratigrahe krīte
bei Pfand, Schenkung, Kauf
pūrvā balavattarā
die frühere ist stärker
paśyataḥ abruvataḥ
des Zusehenden, Schweigenden
bhūmeḥ hāniḥ
Verlust des Landes
viṃśati-vārṣikī
nach zwanzig Jahren

Lies „paśyato 'bruvato“.

pareṇa bhujyamānā yā dhanasya daśavārṣikī / ādhisaumopaniḥkṣepajaḍabāladhanair vinā //

wenn es von einem anderen genutzt wird; bei beweglichem Gut nach zehn Jahren – ausgenommen Pfand, Grenze, Hinterlegung und das Gut von Unmündigen (Geistesschwachen) und Kindern,

Wort für Wort
pareṇa bhujyamānā
von einem anderen genutzt
dhanasya daśa-vārṣikī
bei Fahrnis nach zehn Jahren
ādhi-sīmā-upanikṣepa
Pfand, Grenze, Hinterlegung
jaḍa-bāla-dhanaiḥ vinā
ausgenommen Gut von Unmündigen und Kindern

„saumo“ für „sīmā“.

tathopanidhirājastrīśrotriyāṇāṃ dhanair api / ādhyādīnāṃ vihartāraṃ dhanine dāpayeddhanaṃ //

ebenso ausgenommen das versiegelte Verwahrgut (upanidhi) und das Gut des Königs, von Frauen und von vedakundigen Brahmanen (śrotriya). Wer Pfand usw. (so an sich) nimmt, den soll man veranlassen, dem Eigentümer das Gut zu geben,

Wort für Wort
upanidhi
versiegeltes Verwahrgut
rāja-strī-śrotriyāṇām dhanaiḥ
Gut von König, Frauen, Śrotriyas
ādhi-ādīnām vihartāram
wer Pfand usw. an sich nimmt
dhanine dāpayet dhanam
dem Eigentümer das Gut zahlen lassen

daṇḍyaṃ ca tatsamaṃ rājñe śaktyapekṣyamathāpi vā / āgamopyadhiko bhuktiṃ vinā pūrvakramāgatāṃ //

und dem König eine Strafe in gleicher Höhe oder auch je nach seinem Vermögen. Der Erwerbstitel ist stärker (als der Besitz), außer bei einem über Generationen hin überkommenen Besitz.

Wort für Wort
daṇḍyam tat-samam rājñe
dem König gleich hohe Strafe
śakti-apekṣyam
nach dem Vermögen bemessen
āgamaḥ adhikaḥ
der Erwerbstitel ist stärker
bhuktim vinā
außer dem Besitz
pūrva-krama-āgatām
über Generationen überkommen

āgamopi balannaiva bhuktiḥ stokāpi yatra na / āgamena viśuddhena bhogo yāti pramāṇatām //

Der Erwerbstitel ist aber nicht stark, wo auch nicht ein wenig Besitz (hinzukommt). Durch einen reinen Erwerbstitel wird der Besitz zum Beweis;

Wort für Wort
āgamaḥ api
auch der Erwerbstitel
balam na eva
ist nicht stark
bhuktiḥ stokā api
auch nur geringer Besitz
āgamena viśuddhena
durch reinen Erwerbstitel
pramāṇatām yāti
wird zum Beweis

aviśuddhāgamo bhogaḥ prāmāṇyaṃ nādhigacchati / āgamastu kṛto yena so 'bhiyuktastamuddharet //

ein Besitz mit unreinem Erwerbstitel erlangt keine Beweiskraft. Wer den Erwerb getätigt hat, soll, wenn verklagt, ihn nachweisen,

Wort für Wort
aviśuddha-āgamaḥ bhogaḥ
Besitz mit unreinem Titel
prāmāṇyam na adhigacchati
erlangt keine Beweiskraft
āgamaḥ kṛtaḥ yena
wer den Erwerb getätigt hat
abhiyuktaḥ
verklagt
tam uddharet
soll ihn nachweisen

na tatsutastatsuto vā bhuktistatra garīyasī / yobhiyuktaḥ paretaḥ syāt tasya ṛkthāttamuddharet //

nicht dessen Sohn oder Enkel: für diese wiegt der Besitz schwerer. Stirbt der Verklagte, so soll sein Erbe ihn nachweisen.

Wort für Wort
na tat-sutaḥ tat-sutaḥ vā
nicht Sohn oder Enkel
bhuktiḥ garīyasī
der Besitz wiegt schwerer
abhiyuktaḥ paretaḥ
der verstorbene Beklagte
ṛkthī
der Erbe
uddharet
soll nachweisen

„ṛkthāt“ gelesen als „ṛkthī“ (der Erbe).

na tatra kāraṇaṃ bhuktirāgamena vinākṛtā / balopādhivinirvṛttān vyavahārānnivartayet //

Hierbei ist Besitz ohne Erwerbstitel kein Grund. Durch Gewalt oder Täuschung zustande gekommene Geschäfte soll man aufheben.

Wort für Wort
na kāraṇam
kein Grund
āgamena vinā-kṛtā
ohne Erwerbstitel
bala-upādhi-vinirvṛttān
durch Gewalt oder Täuschung zustande gekommen
vyavahārān nivartayet
soll die Geschäfte aufheben

strīnaktamantarāgāravahiḥśatrukṛtas tathā / mattonmattārtavyasanibālabhītaprayojitaḥ //

Ebenso ein Geschäft, das von einer Frau, bei Nacht, im Innern des Hauses, außerhalb (des Ortes) oder von Feinden abgeschlossen wurde; eines, das von einem Betrunkenen, Wahnsinnigen, Kranken, Lasterhaften, Kind oder Verängstigten veranlasst wurde,

Wort für Wort
strī-nakta
Frau, Nacht
antar-āgāra-bahiḥ
im Haus, außerhalb
śatru-kṛtaḥ
von Feinden gemacht
matta-unmatta-ārta
Betrunkener, Wahnsinniger, Kranker
vyasani-bāla-bhīta
Lasterhafter, Kind, Verängstigter
prayojitaḥ
veranlasst

asambaddhakṛtaś caiva vyavahāro na siddhyati / pranaṣṭādhiśataṃ deyaṃ nṛpeṇa dhanine dhanaṃ //

und eines, das von einem Unbefugten abgeschlossen wurde, ist nicht gültig. Verlorenes und (wieder)gefundenes Gut soll vom König dem Eigentümer gegeben werden.

Wort für Wort
asambaddha-kṛtaḥ
von einem Unbefugten gemacht
na siddhyati
ist nicht gültig
praṇaṣṭa-adhigatam
verloren und gefunden
deyam nṛpeṇa
vom König zu geben
dhanine
dem Eigentümer

„pranaṣṭādhiśataṃ“ verderbt; gelesen als „praṇaṣṭādhigataṃ“.

vibhāvayennacelliṅgaistatsamaṃ dātumarhati / deyañcaurahṛtaṃ dravyaṃ rājñā janapadāya tu //

Weist er (sein Eigentum) nicht durch Merkmale nach, muss er ebenso viel (als Strafe) zahlen. Von Dieben geraubtes Gut aber muss der König der Bevölkerung erstatten.

Wort für Wort
vibhāvayet na cet
wenn er nicht nachweist
liṅgaiḥ
durch Merkmale
tat-samam dātum arhati
muss ebenso viel zahlen
caura-hṛtam dravyam
von Dieben geraubtes Gut
janapadāya
der Bevölkerung, dem Land

aśītibhāgo vṛddhiḥ syānmāsi māsi sabandhake / varṇakramācchataṃ dvitricatuṣpañcakamanyathā //

Der Zins beträgt bei (einem Darlehen mit) Pfand monatlich ein Achtzigstel; andernfalls, nach der Reihenfolge der Stände, zwei, drei, vier oder fünf vom Hundert.

Wort für Wort
aśīti-bhāgaḥ
ein Achtzigstel
vṛddhiḥ
Zins
māsi māsi
monatlich
sa-bandhake
mit Pfand
varṇa-kramāt
nach der Reihenfolge der Stände
dvi-tri-catuṣ-pañcakam śatam
zwei, drei, vier, fünf vom Hundert

saptatistu paśustrīṇāṃ rasasyāṣṭaguṇā parā / vastradhānyahiraṇyānāṃ catustridviguṇā tathā //

Bei Vieh und (Sklavinnen) ist (der Zins) die Nachkommenschaft; bei Flüssigkeiten ist die Höchstgrenze das Achtfache, bei Kleidung, Getreide und Gold das Vier-, Drei- und Zweifache.

Wort für Wort
santatiḥ
Nachkommenschaft
paśu-strīṇām
bei Vieh und (Sklavinnen)
rasasya aṣṭa-guṇā parā
bei Flüssigkeit höchstens achtfach
vastra-dhānya-hiraṇyānām
bei Kleidung, Getreide, Gold
catuḥ-tri-dvi-guṇā
vier-, drei-, zweifach

„saptatis“ ist wohl verderbt für „santatis“ (Nachkommenschaft); wörtlich „siebzig“ ergäbe keinen Sinn.

grāmāntarāttu daśakaṃ sāmudrādapi viṃśatiṃ / dadyurvā svakṛtāṃ vṛddhiṃ sarve sarvāsu jātiṣu //

(Wer) in ein anderes Gebiet (reist, zahlt) zehn (vom Hundert), wer über das Meer (reist), zwanzig; oder alle in allen Kasten mögen den selbst vereinbarten Zins zahlen.

Wort für Wort
grāma-antarāt
(wer) in ein anderes Gebiet (reist)
daśakam
zehn (vom Hundert)
sāmudrāt
(wer) über das Meer (reist)
viṃśatim
zwanzig
sva-kṛtām vṛddhim
den selbst vereinbarten Zins
sarvāsu jātiṣu
in allen Kasten

prapanna sādhayannarthaṃ na vācyā nṛpatirbhavet / sādhyamāno nṛpaṃ gaccheddaṇḍyo dāpyaś ca taddhanaṃ //

Wer eine eingestandene Forderung (selbst) eintreibt, ist vom König nicht zu tadeln. Geht (der Schuldner), während er bedrängt wird, zum König, so ist er zu bestrafen und zur Zahlung dieses Guts anzuhalten.

Wort für Wort
prapannam artham
die eingestandene Forderung
sādhayan
eintreibend
na vācyaḥ nṛpateḥ
vom König nicht zu tadeln
sādhyamānaḥ
bedrängt, zur Zahlung angehalten
daṇḍyaḥ dāpyaḥ ca
zu bestrafen und zur Zahlung anzuhalten

„prapanna … vācyā … nṛpatir“ gelesen als „prapannaṃ … vācyo nṛpateḥ“; „gaccheddaṇḍyo“ als „gacchan daṇḍyo“.

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