Kapitel 240: sāmādiḥ
Die Mittel der Politik: Versöhnung und die übrigen
Rāma behandelt die Beratung (ihre fünf Glieder und Gefährdungen), die Arten der Gesandten und Späher, die Notlagen (vyasana) der sieben Staatsglieder und die Laster des Königs, die Anlage des Heerlagers sowie die sieben Mittel der Politik: Versöhnung, Geschenk, Entzweiung, Gewalt, Nichtbeachtung, Gaukelwerk und Täuschung. Die Digitalisierung enthält zahlreiche Tippfehler und einige verderbte Stellen (bes. V. 29–33, 38, 52); der Kapiteltitel lautet in der Überschrift ‚samādiḥ‘, im Kolophon ‚sāmādiḥ‘.
Rāma sprach: Über die Macht der Herrschergewalt und der Tatkraft wird die Macht der Beratung gepriesen: Kāvya [Anm.: Śukra], der Herrschergewalt und Tatkraft besaß, wurde vom Hauspriester der Götter [Anm.: Bṛhaspati] besiegt.
Man soll hier die Angelegenheiten beraten – nicht mit Unzuverlässigen, nicht mit einem Unkundigen. Woher käme denen, die sich an Unmögliches machen, eine Frucht außer Mühsal?
Erkenntnis des Unerkannten, Gewissheit über das Erkannte, Beseitigung des Zweifels bei einer zwiespältigen Sache, Erkennen des Übrigen (sind die Leistungen der Beratung).
manaḥprasādaḥ śraddhā ca tathā karaṇapāṭavaṃ / sahāyotthānasampacca karmaṇāṃ siddhilakṣaṇaṃ //
Heiterkeit des Geistes, Zuversicht, ebenso Tüchtigkeit der Werkzeuge, Fülle an Gehilfen und an Tatbereitschaft – das ist das Kennzeichen des Gelingens der Unternehmungen.
pragalbhaḥ smṛtimānvāgmīśastre śāstre ca niṣṭhitaḥ / abhyastakarmā nṛpaterdūto bhaviturmarhati //
Selbstsicher, mit gutem Gedächtnis, beredt, in Waffenkunst und Lehrwissen gefestigt, in den Geschäften geübt – (ein solcher) verdient es, Gesandter des Königs zu sein.
Der Bevollmächtigte, der mit begrenztem Auftrag und ebenso der Überbringer von Schreiben – jeweils um ein Viertel an Befähigung geringer: so gilt der Gesandte als dreifach.
nāvijñātaṃ puraṃ śatroḥ praviśecca na śaṃsadaṃ / kālamīkṣeta kāryārthamanujñātaś ca niṣpatet //
Er soll die Stadt des Feindes nicht unangemeldet betreten, auch nicht die Versammlung; er soll den rechten Zeitpunkt für seine Sache abwarten und, (erst) entlassen, hinausgehen.
chidrañca śatrorjānīyāt koṣamitrabalāni ca / rāgāparāgau jānīyād dṛṣṭigātraviceṣṭitaiḥ //
Er soll die Schwachstellen des Feindes kennen, (dessen) Schatz, Freunde und Heer; Zuneigung und Abneigung soll er an Blicken, Körperhaltung und Gebärden erkennen.
Der offene Späher ist der Gesandte, der verdeckte ist der Kundschafter – so ist der Späher zweifach. Händler, Bauer, Sektenzeichenträger, Bettler usw. sind die Gestalten der Kundschafter.
Er soll gegen einen in Not geratenen Feind ziehen, wenn die Bemühung des Gesandten fruchtlos bleibt; welche Notlage eines Staatsglieds besteht, die soll er ins Auge fassen und dann losbrechen.
so ist die vom Schicksal verursachte Notlage fünffach; die menschliche ist eine andere. Die schicksalhafte soll man durch menschliche Anstrengung und Beschwichtigungsriten zur Ruhe bringen.
Durch Tatbereitschaft und kluge Politik soll man die menschliche Notlage beseitigen. Beratung, Erlangung der Frucht der Beratung, Ausführung der Aufgaben, Vorsorge für die Zukunft,
dies ist die Aufgabe des Ministers; ein in Not geratener (Minister) vernichtet sie. Gold, Getreide, Kleider und Fahrzeuge sollen durch das Volk entstehen,
die Städter und andere leisten hier in schlimmer Zeit Hilfe, indem sie Zuflucht (finden); verdeckter Kampf, Schutz der Leute, Aufnahme von Freund und Feind,
Wort für Wort
paura
Städter
upakurvanti
leisten Hilfe
saṃśraya
Zuflucht
durdina
schlimme Zeit
tūṣṇīṃ yuddha
verdeckter Kampf
jana-trāṇa
Schutz der Leute
V. 19b–21a beschreiben offenbar die Leistungen der Festung, die jedoch nicht ausdrücklich genannt wird.
(Abwehr,) wenn Grenzfürsten und andere Schaden angerichtet haben – das geht durch die Notlage dieses (Glieds) [Anm.: wohl der Festung] zugrunde. Unterhalt der Diener, Geschenke, Gewinnung von Untertanen und Freunden,
dharmakāmādibhedaś ca durgasaṃskārabhūṣaṇaṃ / koṣāttadvyasanāddhanti koṣamūlo hi bhūpatiḥ //
die Verwirklichung von Dharma, Kāma und dem Übrigen, Ausbau und Schmuck der Festung – (dies kommt) aus dem Schatz; durch dessen Notlage vernichtet (der König dies), denn der Landesherr hat den Schatz zur Wurzel.
Wort für Wort
dharma-kāma-ādi
Dharma, Kāma usw.
durga-saṃskāra
Ausbau der Festung
bhūṣaṇa
Schmuck
koṣa-mūla
den Schatz zur Wurzel habend
bhūpati
Landesherr
dharmakāmādibhedaḥ unsicher (‚die Arten/Verwirklichung von Dharma, Kāma usw.‘).
Gewinnung von Freunden, von feindlichem Land und von Gold, Zermalmen der Feinde, rasches Ausführen ferner Aufgaben – (dies kommt) aus dem Heer; durch dessen Notlage würde er (es) verlieren.
Wort für Wort
mitra-amitra-avanī-hema-sādhana
Gewinnung von Freund(esland), Feindesland und Gold
Er (der Verbündete) stützt die (übrigen) Freunde und vernichtet auch den Feind; Hilfe mit Geld und anderem – (dies kommt) vom Freund; durch dessen Notlage würde er (es) verlieren.
daivopapīḍitaṃ mitraṃ grastaṃ śatrubalena ca / kāmakrodhādisaṃyuktamutsāhādaribhirbhavet //
Ein Verbündeter, der vom Schicksal bedrängt, vom feindlichen Heer ergriffen oder mit Begierde, Zorn usw. behaftet ist – (seine Notlage) entsteht (auch) durch den Eifer der Feinde.
Rohheit der Rede ist in der Welt das Äußerste an Erregung von Abscheu und bringt keinen Nutzen. Die Strafe ist das Mittel, das Unerreichte zu erreichen; der König soll sie mit Bedacht anwenden.
wird von den Kennern der Politik ‚Schädigung des Vermögens‘ genannt. Aus dem Trunk (entsteht) Unkenntnis der Pflichten usw., aus der Jagd Untergang durch Feinde.
Wort für Wort
nīti-tattva-jña
Kenner des Wesens der Politik
artha-dūṣaṇa
Vermögensschädigung
pānāt
aus dem Trunk
mṛgayātaḥ
aus der Jagd
aritaḥ kṣaya
Untergang durch Feinde
kāryādino jñānaṃ wohl als kāryādi-no-jñānam ‚Nichtwissen der Pflichten usw.‘ zu verstehen.
Um der Übung gegen Ermüdung willen soll er in einem geschützten Wald jagen. Beim Würfelspiel (drohen Verlust von) Dharma, Vermögen, Leben usw. und Streit und dergleichen.
Aus dem Frauenlaster entstehen Versäumen der rechten Zeit und Beeinträchtigung von Dharma und Artha; aus dem Übel des Trunks Verlust des Lebens und Unentschiedenheit über Tun und Lassen.
Wer die Anlage des Heerlagers versteht und die Vorzeichen kennt, besiegt den Feind. In der Mitte des Heerlagers aber (liege) das Haus des Königs samt dem Schatz.
Das Stammheer, (die Truppen) der Gilden, der Verbündeten, der (übergelaufenen) Feinde und der Waldstämme soll er der Reihe nach rings um den Königspalast lagern lassen.
Die Nachrichten über die eigenen Leute soll er von denen erfahren, die an den fernen Grenzen umherstreifen. Hinausgehen und hereinkommen soll jeder nur unter Kontrolle.
sāmadānaṃ ca bhedaś ca daṇḍopekṣendrajālakaṃ / māyopāyāḥ sapta pare nikṣipetsādhanāya tān //
Versöhnung, Geschenk, Entzweiung, Gewalt, Nichtbeachtung, Gaukelwerk und Täuschung – diese sieben Mittel soll er gegen die Feinde zur Erreichung (seiner Ziele) einsetzen.
und, wenn (der andere) gekommen ist, (Gewährung der) Begegnung sowie mit Worten ‚Ich bin dein‘ die Selbstanheimgabe. Die Hingabe von erlangtem Gut an Höhere, Niedrigere und Gleichgestellte (ist Geschenk):
mitho bhedaś ca bhedajñair bhedaś ca trividhaḥ smṛtaḥ / badho 'rthaharaṇaṃ caiva parikleśastridhā damaḥ //
und gegenseitige Entzweiung – so gilt bei den Kennern der Entzweiung diese als dreifach. Tötung, Wegnahme des Vermögens und Quälen – dreifach ist die Strafe.
Wort für Wort
mithaḥ bheda
gegenseitige Entzweiung
vadha
Tötung
artha-haraṇa
Wegnahme des Vermögens
parikleśa
Quälen
dama
Strafe, Bändigung
badho für vadho; damaḥ hier im Sinne von daṇḍa ‚Strafe‘.
(Sie ist) offen und verdeckt. Die der Welt Verhassten (soll er) offen (bestrafen); (bei anderen) würden die Leute über die Getöteten erschrecken – bei diesen wird der (vergiftete) Bissen [?] gepriesen.
Wort für Wort
prakāśa
offen
aprakāśa
verdeckt
loka-dviṣṭa
der Welt verhasst
udvijeta
würde erschrecken
piṇḍa
Bissen, Kloß [?]
piṇḍaḥ hier wohl ‚(vergifteter) Bissen‘ als verdeckte Tötungsart; unsicher.
Besonders soll er die Feinde durch geheime Mittel, durch Waffen und dergleichen töten. Einen Brahmanen – sei er auch nur der Geburt nach einer – soll er keinesfalls töten; (ihn) soll er vorzugsweise durch Versöhnung in seine Gewalt bringen.
Als ob er die Herzen salbte, (den anderen) mit Blicken gleichsam gütig trinkend, als ob er Nektar schluckte – so soll er die Versöhnung, die freundliche Rede, anwenden.
Der fälschlich Beschuldigte, der nach Glück Begierige, der Herbeigerufene und dann nicht Geehrte, der den König Hassende, der übermäßig Besteuerte, ebenso der, der sich selbst hoch einschätzt,
der, dem Dharma, Kāma und Artha abgeschnitten sind, der Zornige, der Stolze, der Missachtete, der grundlos Verstoßene, der, der Feindschaft geübt hat, auch wenn er beschwichtigt wurde,
hṛtadravyakalatraś ca pūjārho 'pratipūjitaḥ / etāṃstu bhedayecchatrau sthitānnityān suśaṅkitān //
dem Vermögen und Gattin geraubt wurden, der Ehrwürdige, der nicht geehrt wurde – diese, die beim Feind stehen und stets voller Argwohn sind, soll er abspenstig machen.
āgatān pūjayet kāmair nijāṃś ca praśamannayet / sāmadṛṣṭānusandhānamatyugrabhayadarśanaṃ //
Die Herübergekommenen soll er mit Wunschgütern ehren, die (ebensolchen) eigenen Leute soll er beschwichtigen. Das Aufgreifen dessen, was man durch Versöhnung erkundet hat, das Zeigen einer überaus schrecklichen Gefahr
und Geschenk und Ehrung für die Vornehmsten – (dies) werden als Mittel der Entzweiung verkündet. Ein (so) geschädigter Verbündeter zerfällt wie von Holzwürmern zerfressenes Holz.
Wer die drei Kräfte besitzt und Ort und Zeit kennt, soll durch Gewalt die Feinde zum Untergang bringen. Einen, der auf Freundschaft bedacht und edel gesinnt ist, soll er durch Versöhnung gewinnen,
den Habgierigen und Geschwächten durch Geschenk, die Verbündeten (des Feindes) durch gegenseitigen Argwohn, die Bösen durch das Vorzeigen der Strafe, Sohn, Bruder usw. durch Versöhnung,
(Täuschung:) durch Männer, die sich im Innern von Götterbildern verborgen halten, bei deren Verehrung; ein Mann, in Frauenkleider gehüllt, und nachts das Zeigen von Wunderdingen,
Wort für Wort
devatā-pratimā
Götterbild
antar-gata nara
im Innern verborgener Mann
strī-vastra-saṃvīta
in Frauenkleider gehüllt
niśi
nachts
adbhuta-darśana
Zeigen von Wunderdingen
Konstruktion von V. 63a unvollständig; sinngemäß: Kundgaben durch in Götterbildern verborgene Männer.
vetālolkāpiśācānāṃ śivānāṃ ca svarūpakī / kāmato rūpadhāritvaṃ śastrāgnyaśmāmbuvarṣaṇaṃ //
das Annehmen der Gestalt von Vetālas, Meteoren, Piśācas und Schakalinnen, das Annehmen beliebiger Gestalt, Regen von Waffen, Feuer, Steinen und Wasser,
Das Nicht-Abhalten eines Menschen, der sich auf Unrecht, Laster oder Kampf eingelassen hat – dies gilt als Nichtbeachtung; (so) wurde der Bruder von Hiḍimbā sich selbst überlassen.
meghāndhakāravṛṣṭyagniparvatādbhutadarśanaṃ / darasthānaṃ ca sainyānāṃ darśanaṃ dhvajaśālināṃ //
Das Vorspiegeln von Wolken, Finsternis, Regen, Feuer, Bergen und Wunderdingen, das Aufstellen (von Truppen) in der Ferne und das Zeigen von Heeren mit prächtigen Bannern,
chinnapāṭitabhinnānāṃ saṃsṛtānāṃ ca darśanaṃ / itīndrajālaṃ dviṣatāmbhotyarthamupakalpayet //
und das Zeigen von Zerhauenen, Zerrissenen, Gespaltenen und (in Blut) Zerfließenden [?] – dies ist das Gaukelwerk, das er zur Erzeugung von Furcht bei den Feinden einsetzen soll.