Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 257: vākpāruṣyādiprakaraṇam Abschnitt über verbale Beleidigung und andere [Delikte]

Agni behandelt Beleidigung und Schmähung, Körperverletzung an Menschen, Tieren und Bäumen, Anstiftung zu Gewalt, verschiedene Vergehen mit fester Geldstrafe, Fälschung von Maßen und Münzen, Kauf, Verkauf, Preisbildung, Zoll und Handelsgesellschaften, Diebstahl und seine Aufdeckung, Tötungs- und Sexualdelikte sowie Vergehen gegen den König; zum Schluss die sieben Vorzüge des gerecht richtenden Herrschers. Der Text enthält zahlreiche Schreibfehler der Digitalisierung (z.B. V. 9, 13, 50, 58, 59, 82), die im notes-Feld vermerkt sind; V. 84 ist ein Halbvers.

agnir uvāca | satyāsatyānyathā stotrair nyūnāṅgendriyarogiṇāṃ / kṣepaṃ karoti ceddaṇḍyaḥ paṇānardhatrayodaśa //

Agni sprach: Wenn jemand Menschen mit mangelhaften Gliedern oder Sinnen oder Kranke – der Wahrheit gemäß, unwahr oder durch verdrehtes Lob – schmäht, ist er mit dreizehneinhalb Paṇas zu bestrafen.

Wort für Wort
agnir uvāca
Agni sprach
satya-asatya-anyathā-stotraiḥ
durch Wahres, Unwahres oder verdrehtes Lob
nyūna-aṅga-indriya-rogiṇām
der an Gliedern oder Sinnen Mangelhaften und Kranken
kṣepaṃ karoti
schmäht
paṇān ardhatrayodaśa
dreizehneinhalb Paṇas

abhigantāsmi bhaginīmmātaraṃ vā taveti ca / śapantaṃ dāpayedrājā pañcaviṃśatikaṃ damaṃ //

Wer schmähend sagt: „Ich werde deiner Schwester oder deiner Mutter beiwohnen“, den soll der König eine Strafe von fünfundzwanzig [Paṇas] zahlen lassen.

Wort für Wort
abhigantā asmi
ich werde beiwohnen
bhaginīṃ mātaraṃ vā tava
deiner Schwester oder Mutter
śapantam
den Schmähenden
dāpayet rājā
der König soll zahlen lassen
pañcaviṃśatikaṃ damam
eine Strafe von fünfundzwanzig

ardho 'dhameṣu dviguṇaḥ parastrīṣūttameṣu ca / daṇḍapraṇayanaṃ kāryaṃ varṇajātyuttarādharaiḥ //

Gegenüber Niedrigeren die Hälfte, gegenüber fremden Frauen und Höherstehenden das Doppelte; die Strafbemessung ist nach dem höheren oder niedrigeren Rang von Stand und Kaste vorzunehmen.

Wort für Wort
ardhaḥ adhameṣu
die Hälfte gegenüber Niedrigeren
dviguṇaḥ
das Doppelte
parastrīṣu uttameṣu
gegenüber fremden Frauen und Höherstehenden
daṇḍapraṇayanam
Strafbemessung
varṇa-jāti-uttara-adharaiḥ
nach höherem und niedrigerem Stand und Kaste

prātilomyāpavādeṣu dviguṇatriguṇā damāḥ / varṇānāmānulomyena tasmādevārdhahānitaḥ //

Bei Schmähungen gegen die [Standes-]Ordnung [durch Niedrigere gegen Höhere] sind die Strafen doppelt und dreifach; in Richtung der Ordnung der Stände [durch Höhere gegen Niedrigere] [vermindern sie sich] eben davon jeweils um die Hälfte.

Wort für Wort
prātilomya-apavādeṣu
bei Schmähungen gegen die Ordnung
dviguṇa-triguṇāḥ damāḥ
doppelte und dreifache Strafen
varṇānām ānulomyena
in Richtung der Standesordnung
ardhahānitaḥ
durch Halbierung

vāhugrīvānetrasakthivināśe vācike damaḥ / śatyastato 'rdhikaḥ pādanāsākarṇikarādiṣu //

Bei der mündlichen [Drohung] mit dem Zerschlagen von Armen, Hals, Augen oder Schenkel ist die Strafe hundert [Paṇas]; die Hälfte davon bei Fuß, Nase, Ohr, Hand und dergleichen.

Wort für Wort
bāhu-grīvā-netra-sakthi
Arm, Hals, Auge, Schenkel
vināśe vācike
bei mündlich angedrohter Zerstörung
śatyaḥ damaḥ
Strafe von hundert
tataḥ ardhikaḥ
die Hälfte davon
pāda-nāsā-karṇa-kara
Fuß, Nase, Ohr, Hand

vāhu = bāhu; °ardhikaḥ hier als „die Hälfte“ verstanden.

aśaktastu vadannevandaṇḍanīyaḥ paṇān daśa / tathā śaktaḥ pratibhuvaṃ dadyāt kṣemāya tasya tu //

Wer aber [dazu] unfähig ist und so redet, ist mit zehn Paṇas zu bestrafen; ist er fähig, soll er ebenso einen Bürgen stellen für die Sicherheit jenes [Bedrohten].

Wort für Wort
aśaktaḥ
ein Unfähiger
vadan evam
so redend
daṇḍanīyaḥ paṇān daśa
mit zehn Paṇas zu bestrafen
śaktaḥ pratibhuvaṃ dadyāt
ein Fähiger soll einen Bürgen stellen
kṣemāya tasya
für dessen Sicherheit

patanīyakṛte kṣepe daṇḍī madhyamasāhasaḥ / upapātakayukte tu dāpyaḥ prathamasāhasaṃ //

Bei einer Schmähung, die ein zum Kastenverlust führendes Vergehen [vorwirft], ist [der Schmähende] mit der mittleren Geldstrafe zu belegen; bei [Vorwurf] eines geringeren Vergehens ist er zur ersten Geldstrafe anzuhalten.

Wort für Wort
patanīyakṛte kṣepe
bei Vorwurf eines zum Fall führenden Vergehens
madhyamasāhasaḥ
die mittlere Geldstrafe
upapātaka-yukte
bei (Vorwurf eines) Nebenvergehens
prathamasāhasam
die erste Geldstrafe

traividyanṛpadevānāṃ kṣepa uttamasāhasaḥ / madhyamo jñātipūgānāṃ prathamo grāmadeśayoḥ //

Für die Schmähung von Kennern der drei Veden, des Königs und der Götter [gilt] die höchste Geldstrafe; die mittlere für [die Schmähung] von Kasten- und Genossenschaftsverbänden, die erste für [die] von Dorf und Landschaft.

Wort für Wort
traividya-nṛpa-devānām
der Veda-Kundigen, des Königs, der Götter
kṣepaḥ
Schmähung
uttamasāhasaḥ
die höchste Geldstrafe
jñāti-pūgānām
der Verwandtschaften und Genossenschaften
grāma-deśayoḥ
von Dorf und Landschaft

asākṣikahate cihnair yuktibhinnāgamena ca / draṣṭavyo vyavahārastu kūṭacihnakṛtādbhayāt //

Bei einer ohne Zeugen verübten Körperverletzung ist der Rechtsfall anhand von Spuren, Schlussfolgerungen und dem Hörensagen zu untersuchen, aus Furcht vor gefälschten Spuren.

Wort für Wort
asākṣika-hate
bei einer Verletzung ohne Zeugen
cihnaiḥ
durch Spuren
yuktibhiḥ āgamena ca
durch Schlussfolgerung und Hörensagen
draṣṭavyaḥ vyavahāraḥ
der Rechtsfall ist zu untersuchen
kūṭa-cihna-kṛtāt bhayāt
aus Furcht vor gefälschten Spuren

„yuktibhinnāgamena“ wohl verderbt für „yuktibhiś cāgamena“.

bhasmapaṅkarajaḥsparśe daṇḍo daśapaṇaḥ smṛtaḥ / amedhyapārṣṇiniṣṭhyūtasparśane dviguṇaḥ smṛtaḥ //

Bei Bewerfen mit Asche, Schlamm oder Staub gilt eine Strafe von zehn Paṇas; bei Berühren mit Unrat, mit der Ferse [Fußtritt] oder mit Speichel gilt das Doppelte.

Wort für Wort
bhasma-paṅka-rajaḥ-sparśe
bei Berührung mit Asche, Schlamm, Staub
daśapaṇaḥ daṇḍaḥ
Strafe von zehn Paṇas
amedhya
Unrat
pārṣṇi
Ferse
niṣṭhyūta
Speichel
dviguṇaḥ smṛtaḥ
gilt als doppelt

sameṣvevaṃ parastrīṣu dviguṇastūttameṣu ca / hīneṣvardhaṃ damo mohamadādibhiradaṇḍanam //

So [gilt es] unter Gleichen; gegenüber fremden Frauen und Höherstehenden das Doppelte, gegenüber Niedrigeren die halbe Strafe; bei Verwirrung, Rausch und dergleichen erfolgt keine Bestrafung.

Wort für Wort
sameṣu evam
so unter Gleichen
dviguṇaḥ uttameṣu
das Doppelte gegenüber Höheren
hīneṣu ardham
die Hälfte gegenüber Niedrigeren
moha-mada-ādibhiḥ
bei Verwirrung, Rausch usw.
adaṇḍanam
keine Bestrafung

viprapīḍākaraṃ cchedyamaṅgamabrāhmaṇasya tu / udgūrṇe prathamo daṇḍaḥ saṃsparśe tu tadardhikaḥ //

Das Glied, mit dem ein Nicht-Brahmane einem Brahmanen Schmerz zufügt, ist abzuschneiden. Beim [drohenden] Erheben [der Hand oder Waffe] gilt die erste Strafe, bei Berührung das Anderthalbfache davon [?].

Wort für Wort
vipra-pīḍā-karam
einem Brahmanen Schmerz zufügend
chedyam aṅgam
das Glied ist abzuschneiden
abrāhmaṇasya
eines Nicht-Brahmanen
udgūrṇe
beim Erheben (zum Schlag)
saṃsparśe tadardhikaḥ
bei Berührung das um die Hälfte Vermehrte

tadardhika kann „die Hälfte davon“ oder „das um die Hälfte Vermehrte“ bedeuten; der Kontext (Steigerung) spricht für Letzteres.

udgūrṇe hastapāde tu daśaviṃśatikau damau / parasparantu sarveṣāṃ śāstre madhyamasāhasaḥ //

Beim Erheben von Hand oder Fuß [gegen Gleichgestellte] gelten Strafen von zehn bzw. zwanzig [Paṇas]; [erheben] alle gegeneinander eine Waffe, [gilt] die mittlere Geldstrafe.

Wort für Wort
udgūrṇe hastapāde
beim Erheben von Hand oder Fuß
daśa-viṃśatikau damau
Strafen von zehn und zwanzig
parasparam sarveṣām
für alle gegeneinander
śastre
bei einer Waffe
madhyamasāhasaḥ
die mittlere Geldstrafe

„śāstre“ wohl verderbt für „śastre“ („bei einer Waffe“).

pādakeśāṃśukakarolluñcaneṣu paṇān daśa / pīḍākarṣāṃ śukāveṣṭapādādhyāse śatandamaḥ //

Beim Zerren an Fuß, Haar, Gewand oder Hand [gelten] zehn Paṇas; beim schmerzhaften Zerren, beim Einwickeln in das Gewand und beim Treten mit dem Fuß eine Strafe von hundert.

Wort für Wort
pāda-keśa-aṃśuka-kara
Fuß, Haar, Gewand, Hand
ulluñcaneṣu
beim Zerren, Reißen
pīḍākarṣa
schmerzhaftes Zerren
aṃśukāveṣṭa
Einwickeln ins Gewand
pādādhyāsa
Treten mit dem Fuß
śataṃ damaḥ
Strafe von hundert

„pīḍākarṣāṃ śukāveṣṭa°“ ist als pīḍākarṣa-aṃśukāveṣṭa- zu trennen.

śoṇitena vinā duḥsvaṅkurvan kāṣṭhādibhirnaraḥ / dvātriṃśataṃ paṇān dāpyo dviguṇaṃ darśane 'sṛjaḥ //

Ein Mann, der mit Holz und dergleichen Schmerz zufügt, ohne dass Blut [fließt], ist zur Zahlung von zweiunddreißig Paṇas anzuhalten; das Doppelte, wenn Blut zu sehen ist.

Wort für Wort
śoṇitena vinā
ohne Blut
duḥkhaṃ kurvan
Schmerz zufügend
kāṣṭhādibhiḥ
mit Holz usw.
dvātriṃśataṃ paṇān
zweiunddreißig Paṇas
darśane asṛjaḥ
wenn Blut sichtbar ist

duḥsvaṅ = duḥkhaṃ (Schreibfehler).

karapādadato bhaṅge cchedane karṇanāsayoḥ / madhyo daṇḍo vraṇodbhede mṛtakalpahate tathā //

Beim Brechen von Hand, Fuß oder Zähnen, beim Abschneiden von Ohren und Nase, beim Aufreißen einer Wunde und ebenso [wenn einer] halbtot geschlagen [wird]: die mittlere Strafe.

Wort für Wort
kara-pāda-dataḥ bhaṅge
beim Brechen von Hand, Fuß, Zähnen
chedane karṇa-nāsayoḥ
beim Abschneiden von Ohren und Nase
vraṇa-udbhede
beim Aufreißen einer Wunde
mṛtakalpa-hate
bei einem halbtot Geschlagenen
madhyaḥ daṇḍaḥ
die mittlere Strafe

ceṣṭābhojanavāgrodhe netrādipratibhedane / kandharābāhusakthyāñca bhaṅge madhyamasāhasaḥ //

Beim Behindern von Bewegung, Essen oder Sprache, beim Verletzen von Augen und dergleichen, beim Brechen von Hals, Arm und Schenkeln: die mittlere Geldstrafe.

Wort für Wort
ceṣṭā-bhojana-vāk-rodhe
beim Behindern von Bewegung, Essen, Sprache
netrādi-pratibhedane
beim Verletzen der Augen usw.
kandharā-bāhu-sakthi
Hals, Arm, Schenkel
bhaṅge
beim Brechen
madhyamasāhasaḥ
die mittlere Geldstrafe

ekaṃ ghnatāṃ bahūnāñca yathoktāddviguṇā damāḥ / kalahāpahṛtaṃ deyaṃ daṇḍastu dviguṇaḥ smṛtaḥ //

Wenn viele einen schlagen, [gelten] die doppelten Strafen des Angegebenen. Was bei einem Streit weggenommen wurde, ist zurückzugeben; die Strafe gilt als doppelt.

Wort für Wort
ekaṃ ghnatāṃ bahūnām
wenn viele einen schlagen
yathoktāt dviguṇāḥ damāḥ
doppelte Strafen gegenüber dem Genannten
kalaha-apahṛtam
im Streit Weggenommenes
deyam
ist zurückzugeben
daṇḍaḥ dviguṇaḥ
die Strafe ist doppelt

duḥkhamutpādayedyastu sa samutthānajaṃ vyayam / dāpyo daṇḍañca yo yasmin kalahe samudāhṛtaḥ //

Wer [einem anderen] Schmerz zufügt, ist anzuhalten, die Kosten der Heilung zu tragen und die Strafe zu zahlen, die für den betreffenden Streit festgesetzt ist.

Wort für Wort
duḥkham utpādayet
Schmerz zufügt
samutthānajaṃ vyayam
die Heilungskosten
dāpyaḥ
ist zur Zahlung anzuhalten
kalahe samudāhṛtaḥ
für den Streit festgesetzt

tarikaḥ sthalajaṃ śulkaṃ gṛhnan daṇḍyaḥ paṇāndaśa / brāhmaṇaprātiveśyānāmetadevānimantraṇe //

Ein Fährmann, der Landzoll erhebt, ist mit zehn Paṇas zu bestrafen; ebenso bei Nichteinladung von Brahmanen [und] Nachbarn.

Wort für Wort
tarikaḥ
Fährmann
sthalajaṃ śulkam
Zoll für den Landweg
gṛhṇan
erhebend
brāhmaṇa-prātiveśyānām
der Brahmanen und Nachbarn
anāmantraṇe
bei Nichteinladung

abhighāte tathā bhede cchede buddhyāvapātane / paṇāndāpyaḥ pañcadaśaviṃśatiṃ tattrayantathā //

Beim Anschlagen, Spalten und Durchschneiden [einer Mauer] sowie beim absichtlichen Einreißen ist [der Täter] zu fünf, zehn und zwanzig Paṇas bzw. zum Dreifachen davon [?] anzuhalten.

Wort für Wort
abhighāte
beim Anschlagen
bhede chede
beim Spalten, Durchschneiden
buddhyā avapātane
beim absichtlichen Einreißen
pañca daśa viṃśatim
fünf, zehn, zwanzig
tattrayam
das Dreifache davon (?)

„buddhyāvapātane“ ist vielleicht verderbt aus „kuḍyāvapātane“ („beim Einreißen einer Mauer“); „tattrayam“ ist unklar.

duḥsvotpādigṛhe dravyaṃ kṣipan prāṇaharaṃ tathā / ṣāḍaśādyaṃ paṇāt dāpyo dvitīyo madhyamandamam //

Wer in ein Haus eine Schmerz verursachende Sache wirft oder ebenso eine lebensgefährliche, ist im ersten Fall mit sechzehn Paṇas zu belegen, im zweiten mit der mittleren Strafe.

Wort für Wort
duḥkhotpādi
Schmerz verursachend
gṛhe dravyaṃ kṣipan
eine Sache ins Haus werfend
prāṇaharam
lebensgefährlich
ṣoḍaśa paṇān
sechzehn Paṇas
dvitīyaḥ madhyamaṃ damam
der zweite die mittlere Strafe

ṣāḍaśādyaṃ = ṣoḍaśādyaṃ; duḥsvotpādi = duḥkhotpādi.

duḥkhe ca śoṇitotpāde śākhāṅgacchedane tathā / daṇḍaḥ kṣudrapaśūnāṃ syāddvipaṇaprabhṛtiḥ kramāt //

Bei Schmerzzufügung, bei Blutvergießen und beim Abschneiden von Extremitäten oder Gliedern beträgt die Strafe für Kleinvieh der Reihe nach von zwei Paṇas an [steigend].

Wort für Wort
duḥkhe
bei Schmerzzufügung
śoṇita-utpāde
bei Blutvergießen
śākhā-aṅga-chedane
beim Abschneiden von Extremitäten und Gliedern
kṣudrapaśūnām
von Kleinvieh
dvipaṇa-prabhṛtiḥ kramāt
der Reihe nach von zwei Paṇas an

liṅgasya cchedane mṛttau madhyamo mūlyameva ca / mahāpaśūnāmeteṣu sthāneṣu dviguṇā damāḥ //

Beim Abschneiden des Geschlechtsteils und bei Tötung [gilt] die mittlere [Strafe] und [ist] der Wert [zu ersetzen]; bei großen Tieren gelten in diesen Fällen doppelte Strafen.

Wort für Wort
liṅgasya chedane
beim Abschneiden des Geschlechtsteils
mṛtau
bei Tötung
madhyamaḥ mūlyam eva ca
die mittlere Strafe und der Wert
mahāpaśūnām
bei großen Tieren
dviguṇāḥ damāḥ
doppelte Strafen

mṛttau = mṛtau.

prarohiśākhināṃ śākhāskandhasarvavidāraṇe / upajīvyadrumāṇāntu viṃśaterdviguṇā damāḥ //

Beim Abbrechen von Zweigen, des Stammes oder des ganzen [Baumes] bei ausschlagenden Bäumen [gelten Strafen] ab zwanzig [Paṇas], jeweils verdoppelt; bei Bäumen, die den Lebensunterhalt liefern, [ebenso] [?].

Wort für Wort
prarohi-śākhinām
bei ausschlagenden Bäumen
śākhā-skandha-sarva-vidāraṇe
beim Abbrechen von Zweig, Stamm, Ganzem
upajīvya-drumāṇām
bei Bäumen, die den Lebensunterhalt liefern
viṃśateḥ dviguṇāḥ damāḥ
von zwanzig an verdoppelte Strafen

Die Konstruktion ist knapp; die Verteilung der Strafen auf beide Baumgruppen bleibt unsicher.

yaḥ sāhasaṅkārayati sa dāpyo dviguṇandamam / yastvevamuktvāhaṃ dātā kārayet sa caturguṇam //

Wer eine Gewalttat begehen lässt, ist zur doppelten Strafe anzuhalten; wer sie aber begehen lässt, indem er sagt: „Ich werde [dir etwas] geben“, zum Vierfachen.

Wort für Wort
sāhasaṃ kārayati
lässt eine Gewalttat begehen
dviguṇaṃ damam
die doppelte Strafe
evam uktvā
so sprechend
ahaṃ dātā
ich werde geben
caturguṇam
das Vierfache

āryākrośātikramakṛdbhrātṛjāyāprahāradaḥ / sandiṣṭasyāpradātā ca samudragṛhabhedakaḥ //

Wer Ehrwürdige beschimpft oder missachtet, wer die Frau seines Bruders schlägt, wer Zugesagtes nicht aushändigt, wer ein versiegeltes Haus aufbricht,

Wort für Wort
ārya-ākrośa-atikrama-kṛt
wer Ehrwürdige beschimpft oder missachtet
bhrātṛjāyā-prahāradaḥ
wer die Frau des Bruders schlägt
sandiṣṭasya apradātā
wer Zugesagtes nicht aushändigt
samudra-gṛha-bhedakaḥ
wer ein versiegeltes Haus aufbricht

samudra° = sa-mudra° („versiegelt“).

sāmantakulikādīnāmapakārasya kārakaḥ / pañcāśatpaṇiko daṇḍa eṣāmiti viniś cayaḥ //

wer Nachbarn, Familienangehörigen und dergleichen Schaden zufügt – für diese ist eine Strafe von fünfzig Paṇas festgelegt.

Wort für Wort
sāmanta-kulika-ādīnām
der Nachbarn, Familienangehörigen usw.
apakārasya kārakaḥ
wer Schaden zufügt
pañcāśatpaṇikaḥ daṇḍaḥ
eine Strafe von fünfzig Paṇas
viniścayaḥ
Festsetzung

svacchandavidhavāgāmī vikruṣṭe nābhidhāvakaḥ / akāraṇe ca vikroṣṭā caṇḍālaścottamān spṛśan //

Wer nach Belieben mit einer Witwe verkehrt, wer auf einen Hilferuf hin nicht herbeieilt, wer ohne Grund um Hilfe ruft, ein Caṇḍāla, der Höherstehende berührt,

Wort für Wort
svacchanda-vidhavā-gāmī
wer nach Belieben mit einer Witwe verkehrt
vikruṣṭe na abhidhāvakaḥ
wer beim Hilferuf nicht herbeieilt
akāraṇe vikroṣṭā
wer grundlos um Hilfe ruft
caṇḍālaḥ uttamān spṛśan
ein Caṇḍāla, der Höhere berührt

śūdraḥ pravrajitānāñca daive paitrye ca bhojakaḥ / ayuktaṃ śapathaṃ kurvannayogyo yogyakarmakṛt //

wer Śūdra-Wanderasketen bei Götter- und Ahnenriten bewirtet, wer einen ungehörigen Eid leistet, ein Unbefugter, der die Tätigkeit eines Befugten ausübt,

Wort für Wort
śūdra-pravrajitānām
der Śūdra-Asketen
daive paitrye ca
bei Götter- und Ahnenritus
bhojakaḥ
Bewirtender
ayuktaṃ śapathaṃ kurvan
einen ungehörigen Eid leistend
ayogyaḥ yogyakarmakṛt
ein Unbefugter, der Befugtenarbeit tut

śūdraḥ steht wohl für śūdra- als Kompositionsglied (śūdrapravrajitānām); möglich auch: „ein Śūdra, [der] Asketen … bewirtet“.

vṛṣakṣudrapaśūnāñca pūṃstvasya pratighātakṛt / sādhāraṇasyāpalopī dāsīgarbhavināśakṛt //

wer die Zeugungskraft von Stieren und Kleinvieh zerstört, wer Gemeingut unterschlägt, wer die Leibesfrucht einer Sklavin vernichtet,

Wort für Wort
vṛṣa-kṣudrapaśūnām
von Stieren und Kleinvieh
puṃstvasya pratighātakṛt
wer die Zeugungskraft zerstört
sādhāraṇasya apalopī
wer Gemeingut unterschlägt
dāsī-garbha-vināśakṛt
wer die Leibesfrucht einer Sklavin vernichtet

pitāputrasvasṛbhrātṛdampatyācāryaśiṣyakāḥ / eṣāmapatitānyonyatyāgī ca śatadaṇḍabhāk //

[und] wer unter Vater und Sohn, Schwester und Bruder, Ehegatten, Lehrer und Schüler den anderen verstößt, ohne dass dieser [aus der Kaste] gefallen ist, der verfällt einer Strafe von hundert.

Wort für Wort
pitā-putra-svasṛ-bhrātṛ
Vater, Sohn, Schwester, Bruder
dampatī-ācārya-śiṣyakāḥ
Ehegatten, Lehrer und Schüler
apatita-anyonya-tyāgī
wer einander, ohne Kastenverlust, verlässt
śatadaṇḍabhāk
verfällt der Strafe von hundert

vasānastrīn paṇān daṇḍyo nejakastu parāṃśukam / vikrayāvakrayādhānayāciteṣu paṇān daśa //

Ein Wäscher, der fremde Kleidung trägt, ist mit drei Paṇas zu bestrafen; bei Verkaufen, Vermieten, Verpfänden oder Verleihen [derselben] mit zehn Paṇas.

Wort für Wort
vasānaḥ
tragend
trīn paṇān
drei Paṇas
nejakaḥ
Wäscher
parāṃśukam
fremde Kleidung
vikraya-avakraya-ādhāna-yācita
Verkauf, Vermietung, Verpfändung, Verleihung

vasānastrīn = vasānas trīn.

tulāśāsanamānānāṃ kūṭakṛnnāṇakasya ca / ebhiś ca vyavahartā yaḥ sa dāpyo daṇḍamuttamam //

Wer Waagen, Urkunden, Maße und Münzen fälscht und wer mit diesen Handel treibt, ist zur höchsten Strafe anzuhalten.

Wort für Wort
tulā-śāsana-mānānām
der Waagen, Urkunden, Maße
kūṭakṛt
Fälscher
nāṇakasya
der Münze
vyavahartā
wer (damit) Handel treibt
daṇḍam uttamam
die höchste Strafe

akūṭaṃ kūṭakaṃ brūte kūṭaṃ yaścāpyakūṭakam / sa nāṇakaparīkṣī tu dāpyaḥ prathamasāhasam //

Der Münzprüfer, der eine echte [Münze] als falsch oder eine falsche als echt bezeichnet, ist zur ersten Geldstrafe anzuhalten.

Wort für Wort
akūṭaṃ kūṭakaṃ brūte
nennt Echtes falsch
kūṭam akūṭakam
Falsches echt
nāṇaka-parīkṣī
Münzprüfer
prathamasāhasam
die erste Geldstrafe

bhiṣaṅmithyācaran dāpyastiryakṣu prathamaṃ damam / mānuṣe madhyamaṃ rājamānuṣeṣūttamantathā //

Ein Arzt, der falsch behandelt, ist bei Tieren zur ersten Strafe anzuhalten, beim Menschen zur mittleren, bei Leuten des Königs zur höchsten.

Wort für Wort
bhiṣak mithyā ācaran
ein falsch behandelnder Arzt
tiryakṣu
bei Tieren
mānuṣe madhyamam
beim Menschen die mittlere
rājamānuṣeṣu uttamam
bei Königsleuten die höchste

abadhyaṃ yaś ca badhnāti badhyaṃ yaś ca pramuñcati / aprāptavyavahārañca sa dāpyo damamuttamam //

Wer einen, der nicht zu fesseln ist, fesselt, und wer einen, der zu fesseln ist, freilässt, sowie [wer] einen [freilässt], dessen Rechtssache noch nicht entschieden ist, ist zur höchsten Strafe anzuhalten.

Wort für Wort
abadhyaṃ badhnāti
einen nicht zu Fesselnden fesselt
badhyaṃ pramuñcati
einen zu Fesselnden freilässt
aprāpta-vyavahāram
dessen Rechtssache unentschieden ist
damam uttamam
die höchste Strafe

mānena tulayā vāpi yo 'ṃśamaṣṭamakaṃ haret / dvāviṃśatipaṇān dāpyo vṛddhau hānau ca kalpitam //

Wer mit Hohlmaß oder Waage ein Achtel [des Wertes] unterschlägt, ist zu zweiundzwanzig Paṇas anzuhalten; bei Mehr oder Weniger ist [die Strafe entsprechend] zu bemessen.

Wort für Wort
mānena tulayā
mit Hohlmaß oder Waage
aṃśam aṣṭamakam
ein Achtel
haret
unterschlägt
dvāviṃśati-paṇān
zweiundzwanzig Paṇas
vṛddhau hānau kalpitam
bei Mehr und Weniger bemessen

bheṣajasnehalavaṇagandhānyaguḍādiṣu / paṇyeṣu prakṣipan hīnaṃ paṇāndāpyastu ṣoḍaśa //

Wer bei Waren wie Arzneien, Öl, Salz, Duftstoffen, Getreide, Rohzucker und dergleichen Minderwertiges beimischt, ist zu sechzehn Paṇas anzuhalten.

Wort für Wort
bheṣaja-sneha-lavaṇa
Arznei, Öl, Salz
gandha-dhānya-guḍa
Duftstoff, Getreide, Rohzucker
paṇyeṣu
bei Waren
prakṣipan hīnam
Minderwertiges beimischend
ṣoḍaśa paṇān
sechzehn Paṇas

gandhānya = gandha-dhānya.

sambhūya kurvatāmarghaṃ sabādhaṃ kāruśilpināṃ / arthasya hrāsaḥ vṛddhiṃ vā sahasro daṇḍa ucyate //

Für Handwerker und Kunsthandwerker, die sich zusammentun und einen [anderen] schädigenden Preis festsetzen, [wodurch] eine Senkung oder Erhöhung des Wertes [entsteht], wird eine Strafe von tausend genannt.

Wort für Wort
sambhūya kurvatām
die sich zusammentun
argham sabādham
schädigenden Preis
kāru-śilpinām
der Handwerker und Kunsthandwerker
arthasya hrāsaṃ vṛddhiṃ vā
Senkung oder Erhöhung des Wertes
sahasraḥ daṇḍaḥ
Strafe von tausend

hrāsaḥ vṛddhiṃ: Kasus inkongruent (hrāsaṃ vṛddhiṃ).

rājāni sthāpyate yo 'rthaḥ pratyahaṃ tena vikrayaḥ / krayo vā nisravastasmādbaṇijāṃ lābhakṛt smṛtaḥ //

Der Preis, der beim König festgesetzt wird, nach dem [soll] täglich verkauft oder gekauft werden; der Überschuss daraus gilt als Gewinn der Kaufleute.

Wort für Wort
rājani sthāpyate
wird beim König festgesetzt
arthaḥ
Preis, Wert
pratyaham
täglich
vikrayaḥ krayaḥ vā
Verkauf oder Kauf
nisravaḥ
Überschuss
vaṇijāṃ lābhakṛt
Gewinn der Kaufleute

rājāni = rājani; nisrava („Überschuss“) unsicher [?]; baṇij = vaṇij.

svadeśapaṇye tu śataṃ baṇij gṛhṇīta pañcakaṃ / daśakaṃ pāradeśye tu yaḥ sadyaḥ krayavikrayau //

Bei Waren aus dem eigenen Land soll der Kaufmann fünf vom Hundert [als Gewinn] nehmen, bei ausländischen aber zehn, [sofern er] Kauf und Verkauf sofort [tätigt].

Wort für Wort
svadeśa-paṇye
bei Waren des eigenen Landes
śataṃ pañcakam
fünf vom Hundert
daśakaṃ pāradeśye
zehn bei ausländischen
sadyaḥ
sofort
kraya-vikrayau
Kauf und Verkauf

paṇyasyopari saṃsthāpya vyayaṃ paṇyasamudbhavaṃ / artho 'nugrahakṛt kāryaḥ kreturvikretureva ca //

Indem man die durch die Ware entstandenen Kosten auf die Ware aufschlägt, ist ein Preis festzusetzen, der dem Käufer wie dem Verkäufer gerecht wird.

Wort für Wort
paṇyasya upari saṃsthāpya
auf die Ware aufschlagend
vyayaṃ paṇyasamudbhavam
die durch die Ware entstandenen Kosten
arthaḥ anugrahakṛt
ein gerechter Preis
kāryaḥ
ist festzusetzen
kretuḥ vikretuḥ eva ca
für Käufer und Verkäufer

gṛhītamūlyaṃ yaḥ paṇyaṃ kreturnaiva prayacchati / sodayantasya dāpyo 'sau diglābhaṃ vā digāgate //

Wer eine Ware, deren Preis er empfangen hat, dem Käufer nicht aushändigt, ist anzuhalten, sie ihm samt Wertzuwachs zu geben, oder, wenn [der Käufer] aus der Fremde gekommen ist, den in der Fremde [erzielbaren] Gewinn.

Wort für Wort
gṛhītamūlyam paṇyam
eine Ware mit empfangenem Preis
na prayacchati
nicht aushändigt
sodayam
samt Zuwachs
diglābham
den Gewinn in der Fremde
digāgate
wenn aus der Fremde gekommen

vikrītamapi vikreyaṃ pūrve kretaryagṛhṇati / hāniścet kretṛdoṣeṇa kretureva hi sā bhavet //

Auch bereits Verkauftes darf [erneut] verkauft werden, wenn der erste Käufer es nicht abnimmt. Entsteht ein Verlust durch Schuld des Käufers, so trifft er allein den Käufer.

Wort für Wort
vikrītam api vikreyam
auch Verkauftes ist verkäuflich
pūrve kretari agṛhṇati
wenn der erste Käufer nicht abnimmt
hāniḥ
Verlust
kretṛdoṣeṇa
durch Schuld des Käufers
kretuḥ eva
allein des Käufers

rājadaivopaghātena paṇye doṣamupāgate / hānirvikreturevāsau yācitasyāprayacchataḥ //

Ist die Ware durch Eingreifen des Königs oder des Schicksals zu Schaden gekommen, so trifft der Verlust den Verkäufer, der sie trotz Aufforderung nicht ausgehändigt hat.

Wort für Wort
rāja-daiva-upaghātena
durch Einwirkung von König oder Schicksal
doṣam upāgate
beschädigt
hāniḥ vikretuḥ
Verlust des Verkäufers
yācitasya
trotz Aufforderung
aprayacchataḥ
nicht aushändigend

anyahaste ca vikrītaṃ duṣṭaṃ vā duṣṭavadyadi / vikrīnīte damastatra tanmūlyādadviguṇo bhavet //

Wenn einer [Ware], die schon in eines anderen Hand verkauft ist, oder Mangelhaftes als einwandfrei verkauft, so ist die Strafe dafür das Doppelte ihres Preises.

Wort für Wort
anyahaste vikrītam
in eines anderen Hand verkauft
duṣṭam
Mangelhaftes
aduṣṭavat
als einwandfrei
vikrīṇīte
verkauft
tanmūlyāt dviguṇaḥ
das Doppelte ihres Preises

„duṣṭavad“ ist sinngemäß als aduṣṭavat („als fehlerfrei“) zu verstehen; vikrīnīte = vikrīṇīte; °ādadviguṇo = °ād dviguṇo.

kṣayaṃ vṛddhiñca baṇijā paṇyānāmavijānatā / krītvā nānuśayaḥ kāryaḥ kurvan ṣaḍ bhāgadaṇḍabhāk //

Ein Kaufmann, der Fallen und Steigen [der Preise] der Waren nicht kennt, darf nach dem Kauf keine Reue [Rücktritt] geltend machen; tut er es, verfällt er einer Strafe von einem Sechstel.

Wort für Wort
kṣayaṃ vṛddhim
Fallen und Steigen
avijānatā
nicht kennend
krītvā
nach dem Kauf
na anuśayaḥ kāryaḥ
keine Reue geltend zu machen
ṣaḍbhāga-daṇḍabhāk
verfällt einer Strafe von einem Sechstel

samavāyena baṇijāṃ lābhārthaṃ karma kurvatāṃ / labhālābhau yathā dravyaṃ yathā vā saṃvidā kṛtau //

Wenn Kaufleute in Gemeinschaft um des Gewinns willen Geschäfte betreiben, [sind] Gewinn und Verlust nach dem [eingebrachten] Kapital oder so, wie durch Vereinbarung festgelegt, [zu teilen].

Wort für Wort
samavāyena
in Gemeinschaft
lābhārthaṃ karma kurvatām
die um Gewinn Geschäfte betreiben
lābha-alābhau
Gewinn und Verlust
yathā dravyam
nach dem Kapital
saṃvidā kṛtau
durch Vereinbarung festgelegt

labhālābhau = lābhālābhau.

pratiṣiddhamanādiṣṭaṃ pramādādyacca nāśitaṃ / sa taddayādvipravācca rakṣitāddaśamāṃśabhāk //

Was [ein Teilhaber] entgegen dem Verbot, ohne Anweisung oder aus Nachlässigkeit zugrunde gehen lässt, das soll er ersetzen; wer [Gut] vor einem Unglück rettet, erhält ein Zehntel.

Wort für Wort
pratiṣiddham
entgegen dem Verbot
anādiṣṭam
ohne Anweisung
pramādāt nāśitam
aus Nachlässigkeit vernichtet
tat dadyāt
das soll er ersetzen
viplavāt rakṣitāt
vom aus Unheil Geretteten
daśamāṃśabhāk
erhält ein Zehntel

dayād = dadyād; vipravāc = viplavāc („vor Unheil“).

arthaprekṣapaṇādviṃśaṃ bhāgaṃ śulkaṃ nṛpā haret / vyāsiddhaṃ rājayogyañca vikrītaṃ rājagāmi tat //

Der König soll als Zoll ein Zwanzigstel vom Wert der Ware nehmen. Was [zum Verkauf] verboten und dem König vorbehalten ist und [dennoch] verkauft wird, das fällt dem König zu.

Wort für Wort
arghaprakṣepaṇāt
vom Preisansatz der Ware
viṃśaṃ bhāgam
ein Zwanzigstel
śulkam
Zoll
vyāsiddham
verboten, beschlagnahmt
rājayogyam
dem König vorbehalten
rājagāmi
fällt dem König zu

arthaprekṣapaṇa wohl für arghaprakṣepaṇa („Preisansatz“); nṛpā = nṛpo.

mithyā vadan parīmāṇaṃ śulkasthānādapakraman / dāpyastvaṣṭaguṇaṃ yaś ca savyājakrayavikrayau //

Wer die Menge falsch angibt, wer sich von der Zollstelle davonmacht und wer mit Täuschung kauft und verkauft, ist zum Achtfachen anzuhalten.

Wort für Wort
mithyā vadan parīmāṇam
die Menge falsch angebend
śulkasthānāt apakraman
sich von der Zollstelle entfernend
aṣṭaguṇam
das Achtfache
savyāja-kraya-vikrayau
betrügerischer Kauf und Verkauf

deśantaragate prete dravyaṃ dāyādabāndhavāḥ / jñātayo vā hareyustadāgatāstair vinā nṛpaḥ //

Stirbt [ein Kaufmann], der in ein anderes Land gezogen ist, so sollen seine Erben, Blutsverwandten oder Angehörigen das Gut an sich nehmen, wenn sie gekommen sind; fehlen sie, der König.

Wort für Wort
deśāntaragate prete
wenn der ins Ausland Gezogene stirbt
dāyāda-bāndhavāḥ
Erben und Blutsverwandte
jñātayaḥ
Angehörige
hareyuḥ
sollen an sich nehmen
taiḥ vinā nṛpaḥ
ohne sie der König

deśantara = deśāntara.

jihmaṃ tyajeyurnirlobhamaśakto 'nyena kārayet / anena vidhirākhyāta ṛtvikkarṣakarmiṇāṃ //

Den Unredlichen sollen sie ohne Gewinnanteil ausschließen; wer unfähig ist, soll [seinen Teil] durch einen anderen ausführen lassen. Damit ist die Vorschrift auch für Opferpriester, Bauern und Handwerker dargelegt.

Wort für Wort
jihmam
den Unredlichen
tyajeyuḥ
sollen ausschließen
nirlābham
ohne Gewinnanteil
aśaktaḥ anyena kārayet
ein Unfähiger lasse durch einen anderen tun
ṛtvik-karṣaka-karmiṇām
der Opferpriester, Bauern, Handwerker

nirlobham wohl für nirlābham („ohne Gewinnanteil“); °karṣa° = °karṣaka°.

grāhakair gṛhyate cauro loptreṇātha padena vā / pūrvakarmāparādhī vā tathaivāśuddhavāsakaḥ //

Von den Häschern wird ein Dieb ergriffen anhand des Diebesguts oder der Spur, oder [wenn er] durch frühere Taten als Übeltäter [bekannt ist], ebenso einer, dessen Wohnsitz nicht einwandfrei ist.

Wort für Wort
grāhakaiḥ
von den Häschern
gṛhyate cauraḥ
wird der Dieb ergriffen
loptreṇa
anhand des Diebesguts
padena
anhand der Spur
pūrvakarma-aparādhī
durch frühere Taten Übeltäter
aśuddha-vāsakaḥ
mit zweifelhaftem Wohnsitz

anye 'pi śaṅkayā grāhyā jātināmādinihnavaiḥ / dyūtastrīpānaśaktāś ca śuṣkabhinnamukhasvarāḥ //

Auch andere sind auf Verdacht hin festzunehmen: die Kaste, Namen und dergleichen verleugnen, die dem Spiel, den Frauen und dem Trunk ergeben sind, deren Mund trocken ist und deren Gesichtsfarbe und Stimme sich verändern,

Wort für Wort
śaṅkayā grāhyāḥ
auf Verdacht festzunehmen
jāti-nāma-ādi-nihnavaiḥ
durch Verleugnen von Kaste, Namen usw.
dyūta-strī-pāna-saktāḥ
dem Spiel, den Frauen, dem Trunk ergeben
śuṣka-bhinna-mukha-svarāḥ
mit trockenem Mund, veränderter Miene und Stimme

paradravyagṛhāṇāñca pṛcchakā gūḍhacāriṇaḥ / nirāyā vyayavantaś ca vinaṣṭa dravyavikrayāḥ //

die nach fremdem Gut und fremden Häusern fragen, die heimlich umherziehen, die ohne Einkommen [dennoch] Ausgaben haben, die abhanden gekommene Güter verkaufen.

Wort für Wort
paradravya-gṛhāṇām pṛcchakāḥ
die nach fremdem Gut und Häusern fragen
gūḍhacāriṇaḥ
heimlich Umherziehende
nirāyāḥ vyayavantaḥ
ohne Einkommen, mit Ausgaben
vinaṣṭa-dravya-vikrayāḥ
Verkäufer abhanden gekommener Güter

gṛhītaḥ śaṅkayā cauryenātmānañcedviśodhayet / dāpayitvā hṛtaṃ dravyaṃ cauradaṇḍena daṇḍayet //

Wenn einer, der auf Verdacht des Diebstahls ergriffen wurde, sich nicht rechtfertigen kann, soll [der König] ihn das Gestohlene erstatten lassen und mit der Diebesstrafe bestrafen.

Wort für Wort
gṛhītaḥ śaṅkayā
auf Verdacht ergriffen
cauryāt
wegen Diebstahls
na ātmānaṃ viśodhayet
sich nicht rechtfertigen kann
dāpayitvā hṛtam
das Gestohlene erstatten lassend
cauradaṇḍena
mit der Diebesstrafe

„cauryenātmānañced“ ohne Negation widerspräche dem Sinn; wohl „cauryān nātmānaṃ ced“ zu lesen.

cauraṃ pradāpyāpahṛtaṃ ghātayedvividhair budhaiḥ / sacihnaṃ brāhmaṇaṃ kṛtvā svarāṣṭrādvipravāsayet //

Den Dieb soll er, nachdem er ihn das Gestohlene hat zurückgeben lassen, durch verschiedene Todesarten hinrichten lassen; einen Brahmanen aber soll er gebrandmarkt aus seinem Reich verbannen.

Wort für Wort
pradāpya apahṛtam
das Gestohlene zurückgeben lassend
ghātayet
soll hinrichten lassen
vividhaiḥ vadhaiḥ
durch verschiedene Todesarten
sacihnaṃ brāhmaṇaṃ kṛtvā
den Brahmanen brandmarkend
svarāṣṭrāt vipravāsayet
aus dem Reich verbannen

budhaiḥ („durch Weise“) wohl verderbt für vadhaiḥ („durch Todesarten“).

ghātite 'pahṛte doṣo grāmabharturanirgate / svasīmni dadyādgrāmastu padaṃ vā yatra gacchati //

Wird [jemand] getötet oder beraubt, liegt die Schuld beim Dorfvorsteher, wenn [der Täter das Dorf] nicht verlassen hat; [geschah es] innerhalb seiner Grenze, soll das Dorf [Ersatz] leisten, oder [dasjenige Dorf], wohin die Spur führt.

Wort für Wort
ghātite apahṛte
bei Tötung oder Raub
doṣaḥ grāmabhartuḥ
Schuld des Dorfvorstehers
anirgate
wenn (die Spur) nicht hinausführt
svasīmni dadyāt grāmaḥ
innerhalb der Grenze zahlt das Dorf
padaṃ yatra gacchati
wohin die Spur führt

pañcagrāmī vahiḥ krośāddaśagrāmya.atha vā punaḥ / vandigrāhāṃs tathā vājikuñjarāṇāñca hāriṇaḥ //

[Geschah es] außerhalb [eines Dorfes], [haften] die fünf Dörfer im Umkreis einer Krośa oder auch zehn Dörfer. Diejenigen, die Gefangene [Menschen] rauben, ebenso Diebe von Pferden und Elefanten

Wort für Wort
pañcagrāmī
die fünf Dörfer
bahiḥ krośāt
außerhalb, im Umkreis einer Krośa
daśagrāmī
die zehn Dörfer
bandigrāhān
Menschenräuber
vāji-kuñjarāṇāṃ hāriṇaḥ
Diebe von Pferden und Elefanten

daśagrāmya.atha: Digitalisierungsfehler (Punkt im Wort); vandi = bandi.

prasahya ghātinaś caiva śūlamāropayennarān / utkṣepakagranthibhedau karasandaṃśahīnakau //

und gewaltsam Tötende soll er pfählen lassen. Taschendieb und Beutelschneider sollen [beim ersten Mal] um Daumen und Zeigefinger gekürzt werden,

Wort für Wort
prasahya ghātinaḥ
gewaltsam Tötende
śūlam āropayet
soll pfählen lassen
utkṣepaka
Taschendieb
granthibheda
Beutelschneider
kara-saṃdaṃśa-hīnakau
ohne Daumen und Zeigefinger

kāryau dvitīyāparādhe karapādaikahīnakau / bhaktāvakāśāgnyudakamantrāpakaraṇavyayān //

beim zweiten Vergehen um eine Hand und einen Fuß. Wer Speise, Unterkunft, Feuer, Wasser, Rat, Gerät oder Mittel

Wort für Wort
dvitīya-aparādhe
beim zweiten Vergehen
kara-pāda-eka-hīnakau
um eine Hand und einen Fuß gekürzt
bhakta-avakāśa-agni-udaka
Speise, Unterkunft, Feuer, Wasser
mantra-apakaraṇa-vyayān
Rat, Gerät, Geldmittel

dattvā caurasya hanturvā jānato dama uttamaḥ / śastrāvapāte garbhasya pātane cottamo damaḥ //

einem Dieb oder Mörder wissentlich gibt, [den trifft] die höchste Strafe. Beim Stoßen mit der Waffe und beim Abtreiben einer Leibesfrucht die höchste Strafe.

Wort für Wort
dattvā
gebend
caurasya hantuḥ vā
einem Dieb oder Mörder
jānataḥ
wissentlich
śastra-avapāte
beim Waffenstoß
garbhasya pātane
beim Abtreiben einer Leibesfrucht
uttamaḥ damaḥ
die höchste Strafe

uttamo vādhamo vāpi puruṣastrīpramāpaṇe / śilāṃ baddhvā kṣipedapsu naraghnīṃ viṣadāṃ striyaṃ //

Beim Töten eines Mannes oder einer Frau die höchste oder auch die niedrigste [je nach Umständen]. Eine Frau, die einen Mann getötet oder Gift gegeben hat, soll er, mit einem Stein gebunden, ins Wasser werfen.

Wort für Wort
uttamaḥ adhamaḥ vā
die höchste oder niedrigste
puruṣa-strī-pramāpaṇe
beim Töten von Mann oder Frau
śilāṃ baddhvā
einen Stein anbindend
kṣipet apsu
ins Wasser werfen
naraghnīm viṣadām
die Männermörderin, die Giftgeberin

viṣāgnidāṃ nijagurunijāpatyapramāpaṇīṃ / vikarṇakaranāsauṣṭhīṃ kṛtvā gobhiḥ pramāpayet //

Eine, die Gift oder Feuer legt, die ihren eigenen Gatten bzw. Ehrwürdigen oder ihr eigenes Kind tötet, soll er, nachdem er ihr Ohren, Hände, Nase und Lippen abgeschnitten hat, von Rindern zu Tode trampeln lassen.

Wort für Wort
viṣa-agni-dām
die Gift oder Feuer gibt
nija-guru
den eigenen Gatten bzw. Ehrwürdigen
nija-apatya-pramāpaṇīm
die das eigene Kind tötet
vi-karṇa-kara-nāsa-oṣṭhīm
ohne Ohren, Hände, Nase, Lippen
gobhiḥ pramāpayet
durch Rinder töten lassen

guru kann hier den Gatten oder eine Respektsperson bezeichnen.

kṣetraveśmavanagrāmavivītakhaladāhakāḥ / rājapatny abhigāmī ca dagdhavyāstu kaṭāgninā //

Wer Felder, Häuser, Wälder, Dörfer, Weideland oder Dreschplätze in Brand setzt, und wer mit der Gemahlin des Königs verkehrt, ist im Feuer aus Schilfmatten zu verbrennen.

Wort für Wort
kṣetra-veśma-vana-grāma
Feld, Haus, Wald, Dorf
vivīta-khala-dāhakāḥ
Brandstifter an Weide und Dreschplatz
rājapatnī-abhigāmī
wer mit der Königin verkehrt
dagdhavyāḥ
sind zu verbrennen
kaṭāgninā
im Feuer aus Schilfmatten

pumān saṃgrahaṇe grāhyaḥ keśākeśiparastriyāḥ / svajātāvuttamo daṇḍa ānulomye tu madhyamaḥ //

Ein Mann ist wegen Ehebruchs festzunehmen, [wenn er] mit einer fremden Frau Haar an Haar [ertappt wird]. Bei gleicher Kaste [gilt] die höchste Strafe, bei [Verkehr] in Richtung der Standesordnung die mittlere.

Wort für Wort
pumān saṃgrahaṇe grāhyaḥ
ein Mann ist wegen Ehebruchs festzunehmen
keśākeśi
Haar an Haar (in engster Berührung)
parastriyāḥ
mit einer fremden Frau
svajātau uttamaḥ
bei gleicher Kaste die höchste
ānulomye madhyamaḥ
in Richtung der Standesordnung die mittlere

prātilomye badhaḥ puṃsāṃ nāryāḥ karṇāvakartanam / nīvīstanaprāvaraṇanābhikeśāvamardanam //

Gegen die Standesordnung [gilt] für Männer die Todesstrafe, für die Frau das Abschneiden der Ohren. Das Berühren von Gürtelknoten, Brüsten, Obergewand, Nabel und Haar,

Wort für Wort
prātilomye
gegen die Standesordnung
vadhaḥ puṃsām
Todesstrafe für Männer
nāryāḥ karṇāvakartanam
für die Frau Abschneiden der Ohren
nīvī-stana-prāvaraṇa
Gürtelknoten, Brust, Obergewand
nābhi-keśa-avamardanam
Berühren von Nabel und Haar

adeśakālasambhāṣaṃ sahāvasthānameva ca / strī niṣedhe śataṃ dadyād dviśatantu damaṃ pumān //

Gespräche an unpassendem Ort und zu unpassender Zeit und das Beisammensein – [wird das] trotz Verbots [getan], soll die Frau hundert, der Mann aber zweihundert als Strafe zahlen.

Wort für Wort
adeśa-kāla-sambhāṣam
Gespräch an unpassendem Ort und zu unpassender Zeit
saha avasthānam
Beisammensein
niṣedhe
trotz Verbots
strī śataṃ dadyāt
die Frau zahle hundert
dviśataṃ pumān
der Mann zweihundert

pratiṣedhe tayordaṇḍo yathā saṃgrahaṇe tathā / paśūn gacchaṃśchataṃ dāpyo hīnāṃ strīṃ gāś ca madhyamam //

Nach [erfolgtem] Verbot [ist] die Strafe für beide wie beim Ehebruch. Wer mit Tieren verkehrt, ist zu hundert anzuhalten; [wer] mit einer niedrigen Frau oder mit Kühen [verkehrt], zur mittleren [Strafe].

Wort für Wort
pratiṣedhe tayoḥ daṇḍaḥ
nach Verbot die Strafe für beide
yathā saṃgrahaṇe
wie beim Ehebruch
paśūn gacchan
mit Tieren verkehrend
hīnāṃ strīm
eine niedrige Frau
gāḥ ca madhyamam
und Kühe: die mittlere

avaruddhāsu dāsīṣu bhujiṣyāsu tathaiva ca / gamyāsvapi pumāndāpyaḥ pañcāśat paṇikandamam //

Bei ausgehaltenen Sklavinnen und ebenso bei [anderen] Dienerinnen ist der Mann, auch wenn sie [grundsätzlich] zugänglich sind, zu einer Strafe von fünfzig Paṇas anzuhalten.

Wort für Wort
avaruddhāsu dāsīṣu
bei ausgehaltenen Sklavinnen
bhujiṣyāsu
bei Dienerinnen
gamyāsu api
auch wenn zugänglich
pañcāśat-paṇikaṃ damam
Strafe von fünfzig Paṇas

prasahya dāsyabhigame daṇḍo daśapaṇaḥ smṛtaḥ / kubandhenāṅkya gamayedantyāpravrajitāgame //

Bei gewaltsamem Verkehr mit einer Sklavin gilt eine Strafe von zehn Paṇas. Bei Verkehr mit einer Frau niedrigster Herkunft oder einer Asketin soll er ihn mit dem Zeichen des Rumpfes brandmarken und verbannen.

Wort für Wort
prasahya dāsī-abhigame
bei gewaltsamem Verkehr mit einer Sklavin
daśapaṇaḥ
zehn Paṇas
kubandhena aṅkya
mit dem Rumpf-Zeichen brandmarkend
gamayet
soll fortschicken (verbannen)
antyā-pravrajitā-game
beim Verkehr mit einer Niedrigsten oder Asketin

kubandha: Brandmal in Gestalt eines kopflosen Rumpfes (bzw. eines Schandzeichens) [?].

nyūnaṃ vāpyadhikaṃ vāpi likhedyo rājaśāsanam / pāradārikacauraṃ vā muñcato daṇḍa uttamaḥ //

Wer ein königliches Edikt mit weniger oder mehr [als angeordnet] niederschreibt, und wer einen Ehebrecher oder Dieb freilässt, [den trifft] die höchste Strafe.

Wort für Wort
nyūnam adhikaṃ vā
weniger oder mehr
likhet rājaśāsanam
ein königliches Edikt schreibt
pāradārika
Ehebrecher
cauram muñcataḥ
wer einen Dieb freilässt
daṇḍaḥ uttamaḥ
die höchste Strafe

abhakṣair dūṣayan vipraṃ daṇḍa uttamasāhasam / kūṭasvarṇavyavahārī vimāṃsasya ca vikrayī //

Wer einen Brahmanen durch nicht zu Essendes verunreinigt, [dem gilt] die höchste Geldstrafe. Wer mit falschem Gold handelt und wer verdorbenes Fleisch verkauft,

Wort für Wort
abhakṣyaiḥ dūṣayan
durch nicht Essbares verunreinigend
vipram
einen Brahmanen
uttamasāhasam
die höchste Geldstrafe
kūṭa-svarṇa-vyavahārī
wer mit falschem Gold handelt
vimāṃsasya vikrayī
Verkäufer verdorbenen Fleisches

aṅgahīnaś ca kartavyo dāpyaścottamasāhasaṃ / śakto hy amokṣayan svāmī daṃṣṭriṇaḥ śṛṅgiṇas tathā //

ist an Gliedern zu verstümmeln und zur höchsten Geldstrafe anzuhalten. Ein Besitzer, der [Tiere] mit Reißzähnen oder Hörnern, obwohl er es vermag, nicht [vom Angegriffenen] abhält,

Wort für Wort
aṅgahīnaḥ kartavyaḥ
ist an Gliedern zu verstümmeln
dāpyaḥ uttamasāhasam
zur höchsten Geldstrafe anzuhalten
śaktaḥ amokṣayan
obwohl fähig, nicht abhaltend
daṃṣṭriṇaḥ śṛṅgiṇaḥ
Tiere mit Reißzähnen und Hörnern

prathamaṃ sāhasaṃ dadyādvikruṣṭe dviguṇaṃ tathā / acaurañcaure 'bhivadan dāpyaḥ pañcaśataṃ damaṃ //

soll die erste Geldstrafe zahlen, und ebenso das Doppelte, wenn um Hilfe gerufen wurde. Wer einen Nicht-Dieb als Dieb bezeichnet, ist zu einer Strafe von fünfhundert anzuhalten.

Wort für Wort
prathamaṃ sāhasaṃ dadyāt
soll die erste Geldstrafe zahlen
vikruṣṭe dviguṇam
bei Hilferuf das Doppelte
acauraṃ caure abhivadan
einen Nicht-Dieb Dieb nennend
pañcaśataṃ damam
Strafe von fünfhundert

rājño 'niṣṭapravaktāraṃ tasyaivākrośakaṃ tathā / mṛtāṅgalagnavikreturgurostāḍayitus tathā //

Wer dem König Unliebsames sagt, und ebenso wer ihn schmäht, wer [Sachen], die am Körper eines Toten hafteten, verkauft, und ebenso wer seinen Lehrer schlägt,

Wort für Wort
rājñaḥ aniṣṭa-pravaktāram
wer dem König Unliebsames sagt
ākrośakam
Schmäher
mṛta-aṅga-lagna-vikretuḥ
Verkäufer von am Toten Haftendem
guroḥ tāḍayituḥ
wer den Lehrer schlägt

tanmantrasya ca bhettāraṃ chittvā jihvāṃ pravāsayet / rājayānāsanāroḍhurdaṇḍo madhyamasāhasaḥ //

und wer seine [des Königs] geheimen Beratungen verrät – dem soll er die Zunge abschneiden und ihn verbannen. Wer ein Fahrzeug oder einen Sitz des Königs besteigt, [für den gilt] die mittlere Geldstrafe.

Wort für Wort
tanmantrasya bhettāram
den Verräter seiner Beratung
chittvā jihvām
die Zunge abschneidend
pravāsayet
soll verbannen
rāja-yāna-āsana-āroḍhuḥ
wer Fahrzeug oder Sitz des Königs besteigt
madhyamasāhasaḥ
die mittlere Geldstrafe

dvinetrabhedino rājadviṣṭādeśakṛtas tathā / vipratvena ca śūdrasya jīvato 'ṣṭaśato damaḥ //

Für den, der [jemandem] beide Augen zerstört, ebenso für den, der dem König Feindliches verkündet, und für einen Śūdra, der sich als Brahmane seinen Lebensunterhalt verschafft, [gilt] eine Strafe von achthundert.

Wort für Wort
dvinetra-bhedinaḥ
wer beide Augen zerstört
rāja-dviṣṭa-ādeśa-kṛt
wer dem König Feindliches verkündet
vipratvena
als Brahmane
śūdrasya jīvataḥ
eines Śūdra, der (so) lebt
aṣṭaśataḥ damaḥ
Strafe von achthundert

rājadviṣṭādeśa: „dem König feindliche Weisung/Verkündigung“; genaue Bedeutung unsicher [?].

yo manyetājito 'smīti nyāyenābhiparājitaḥ / tamāyāntaṃ punarjitvā daṇḍayeddviguṇaṃ damaṃ //

Wer, nach Recht besiegt, meint: „Ich bin nicht besiegt“, den soll [der Richter], wenn er wiederkommt, erneut besiegen und ihm die doppelte Strafe auferlegen.

Wort für Wort
ajitaḥ asmi iti
„ich bin nicht besiegt“
nyāyena abhiparājitaḥ
nach Recht besiegt
āyāntam
den Wiederkommenden
punaḥ jitvā
erneut besiegend
dviguṇaṃ damam
doppelte Strafe

rājñānyāyena yo daṇḍo gṛhīto varuṇāyataṃ / vivedya dadyādviprebhyaḥ svayaṃ triṃśadguṇīkṛtaṃ //

Eine Strafe, die vom König unrechtmäßig eingezogen wurde, soll er, nachdem er sie dem Varuṇa geweiht hat, selbst verdreißigfacht den Brahmanen geben.

Wort für Wort
rājñā anyāyena
vom König unrechtmäßig
daṇḍaḥ gṛhītaḥ
eingezogene Strafe
varuṇāya nivedya
dem Varuṇa weihend
viprebhyaḥ dadyāt
den Brahmanen geben
triṃśadguṇīkṛtam
verdreißigfacht

„varuṇāyataṃ“ = varuṇāya taṃ; vivedya = nivedya.

dharmaścārthaś ca kīrtiñca lokapaṅktirupagrahaḥ / prajābhyo bahumānañca svargasthānañca śāśvatam //

Rechtschaffenheit, Wohlstand und Ruhm, Ansehen in der Welt, Anhängerschaft, hohe Achtung vonseiten der Untertanen und ein ewiger Platz im Himmel –

Wort für Wort
dharmaḥ arthaḥ kīrtiḥ
Rechtschaffenheit, Wohlstand, Ruhm
lokapaṅktiḥ
Ansehen in der Welt
upagrahaḥ
Anhängerschaft, Unterstützung
prajābhyaḥ bahumānam
hohe Achtung vonseiten der Untertanen
svargasthānaṃ śāśvatam
ewiger Platz im Himmel

paśyato vyavahārāṃś ca guṇāḥ syuḥ sapta bhūpateḥ //84 //

diese sieben Vorzüge werden dem Herrscher zuteil, der die Rechtsfälle [selbst] prüft.

Wort für Wort
paśyataḥ
dem Prüfenden
vyavahārān
die Rechtsfälle
guṇāḥ sapta
sieben Vorzüge
bhūpateḥ
des Herrschers

Das Verszählzeichen „//84 //“ ist im Sanskrittext doppelt gesetzt; zudem ist der Vers ein Halbvers.

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