Kapitel 72: snānādividhiḥ
Die Vorschrift für das Bad und anderes
Śiva belehrt Skanda über die verschiedenen Bäder des Śaiva-Rituals (Schmutz- und Vorschriftsbad mit Erde, Aschebad, Mahendra-, Wind-, Mantra- und geistiges Bad), dann über die Sandhyā-Andacht mit den Gestalten der drei Tageszeitgöttinnen, die Tīrthas der Hand, Mārjana und Aghamarṣaṇa, schließlich über die Libationen (tarpaṇa) an Götter, Weise, Menschen, Väter und Mütter. Titel im Kopf „snānaviśeṣādikathanaṃ“, im Kolophon „snānādividhiḥ“. Mehrere Mantra- und Namensformen sind verderbt (u. a. V. 16, 27, 39, 44, 46).
Īśvara sprach: Ich werde, o Skanda, das tägliche und die übrigen Bäder sowie die Verehrung samt der Weihe darlegen. Nachdem man mit einer Klinge [?] gegraben und dann Erde acht Finger tief ausgehoben hat
Wort für Wort
īśvaraḥ uvāca
Īśvara sprach
nitya-ādyam snānam
das tägliche usw. Bad
pūjām pratiṣṭhayā
Verehrung samt Weihe
khātvā asinā
mit der Klinge gegraben
mṛdam aṣṭa-aṅgulām
Erde acht Finger tief
khātvāsinā: „mit dem Schwert/Messer“, evtl. verderbt für khātvāstreṇa „mit dem Waffenmantra“.
und sie ganz herausgehoben hat, soll man [die Grube] mit eben dieser wieder füllen. Mit dem Haupt-[Mantra] lege man [die Erde] am Ufer des Wassers nieder und reinige sie mit dem Waffen-[Mantra].
Mit dem Haarschopf-[Mantra] entferne man die Grashalme, mit dem Panzer-[Mantra] teile man [die Erde] dreifach. Mit dem einen [Teil] wasche man [den Leib] vom Nabel bis zu den Füßen, dann mit einem anderen,
der durch das Waffen-[Mantra] gewonnenen und entflammten, reibe man den ganzen Körper ein. Die Sinnesöffnungen mit den Händen verschlossen und den Atem angehalten, im Wasser
tauche man unter und verweile, im Herzen des Waffen-[Mantras] gedenkend, das wie das Feuer des Weltendes leuchtet. So [vollziehe man] das Schmutzbad (malasnāna); aus dem Wasser aufgestanden,
verehre man die Astra-Sandhyā und vollziehe dann das Vorschriftsbad (vidhisnāna). Eines der Tīrthas, etwa das Sārasvata, [ziehe man] mit der Haken-Mudrā
mit dem Herz-[Mantra] heran, bade so und [entlasse es] wieder mit der Rücknahme-Mudrā. Den übrigen Teil der Erde nehmend und in nabeltiefes Wasser tretend,
mache man auf der linken Handfläche, nach Norden gewandt, drei Teile; den südlichen [besprich man] mit den Glieder-[Mantras] je einmal [?], den östlichen mit dem Waffen-[Mantra] siebenmal,
den nördlichen mit dem Śiva-[Mantra] zehnmal; so rezitiere man über die drei Teile der Reihe nach. Den östlichen werfe man in alle Richtungen mit dem Pfeil-[Mantra], das auf „hūṃ phaṭ“ endet.
Mit dem nördlichen [Teil] und dem Śiva-[Mantra] bereite man das Śiva-Tīrtha, der Reihenfolge der Arme nach [?]; den ganzen Körper, mit den Glieder-[Mantras] besprochen, vom Haupt bis zu den Füßen
dakṣiṇena samālabhya paṭhannaṅgacatuṣṭayam / pidhāya khāni sarvāṇi sammukhīkaraṇena ca //
reibe man mit dem südlichen [Teil] ein, dabei die vier Glieder-[Mantras] sprechend. Alle Öffnungen verschließend und mit der Zuwendungs-[Mudrā] (sammukhīkaraṇa)
tauche man unter, Śivas gedenkend oder Haris gedenkend [oder] „Gaṅgā“ [sprechend]. Mit dem Sechsglieder-[Mantra], das auf „vauṣaṭ“ endet, vollziehe man eine Übergießung auf dem Kopf.
Wort für Wort
śivam smaran
Śivas gedenkend
nimajjeta
soll untertauchen
harim gaṅgā iti
Hari, „Gaṅgā“
vauṣaṭ-anta-ṣaḍ-aṅgena
mit dem sechsgliedrigen, auf vauṣaṭ endenden Mantra
Zum Schutz werfe man, im Osten beginnend, Wasser in der Menge eines Kruges. Nachdem man mit dem Rajopacāra [?] mit wohlriechenden Myrobalanen usw. gebadet hat
snātvā cottīrya tattīrthaṃ saṃhāriṇyopasaṃharet / athāto vidhiśuddhena saṃhitāmantritena ca //
– gebadet und herausgestiegen –, ziehe man jenes Tīrtha mit der Rücknahme-[Mudrā] (saṃhāriṇī) zurück. Nun aber soll man mit Asche, die nach der Vorschrift gereinigt und mit den Saṃhitā-Mantras besprochen
und durch die Nivṛtti und die übrigen [Kalās] geläutert ist, das Bad vollziehen, vom Kopf bis zu den Füßen, mit dem Pfeil-[Mantra], das auf „hrūṃ phaṭ“ endet.
tena kṛtvā malasnānaṃ vidhisnānaṃ samācaret / īśatatpuruṣāghoraguhyakājātasañcaraiḥ //
Nachdem man damit das Schmutzbad vollzogen hat, vollziehe man das Vorschriftsbad: mit Īśa[na], Tatpuruṣa, Aghora, Guhyaka [Anm.: Vāmadeva?] und Sadyojāta
Wort für Wort
tena kṛtvā mala-snānam
damit das Schmutzbad vollzogen habend
vidhi-snānam
Vorschriftsbad
īśa-tatpuruṣa-aghora
Īśāna, Tatpuruṣa, Aghora
guhyaka
Guhyaka
sadyojāta
Sadyojāta
Gemeint die fünf Brahma-Mantras; „guhyakājātasañcaraiḥ“ verderbt (…sadyojāta…).
krameṇoddhūnayenmūrdhni vaktrahṛdguhyavigrahāt / sandhyātraye niśīthe ca varṣāpūrvāvasānayoḥ //
bestreue man der Reihe nach Haupt, Gesicht, Herz, Scham und [ganzen] Körper [mit Asche]. In den drei Dämmerungen, um Mitternacht, vor und nach dem Regen [?],
– nach der Berührung [ist] das Feuerbad (āgneya) [zu nehmen]: rein soll man sich mit Asche bestreuen. Durch Berührung mit Sonnenstrahlen und Regen, nach Osten gewandt, mit erhobenen Armen,
ist mit dem Īśāna-[Mantra] das Mahendra-Bad zu vollziehen, [gehend] bis zu sieben Schritten. Inmitten einer Kuhherde gehend soll man mit dem von den Hufen aufgewirbelten Staub
das Reinigungs- (Wind-)Bad vollziehen, mit dem Nava-[?]-Mantra oder mit dessen Panzer-[Mantra]. Die Übergießung mit Wassern unter den Mantras Sadyojāta usw.
kurvīta mānasaṃ snānaṃ sarvatra vihitaṃ ca yat / vaiṣṇavādau ca tanmantrair evaṃ snānādi kārayet //
vollziehe man das geistige Bad, das überall vorgeschrieben ist. Und bei den Vaiṣṇava-[Riten] usw. lasse man ebenso mit deren Mantras Bad usw. vollziehen.
Ich werde die Vorschrift der Sandhyā-[Verehrung] zusammen mit den unterschiedlichen Mantras darlegen, o Guha. Nachdem man [das Wasser] betrachtet hat, trinke man dreimal Wasser mit dem Brahma-Tīrtha [der Hand] unter Śaṅkara-[Mantras],
die auf „svadhā“ enden, mit Ātmatattva usw.; dann berühre man die Öffnungen mit dem Herz-[Mantra]. Nachdem man das Zerteilen (śakalīkaraṇa) vollzogen hat, in Atemkontrolle verharrend,
Wort für Wort
svadhā-antaiḥ
mit auf svadhā endenden
ātma-tattva-ādyaiḥ
mit Ātmatattva usw.
khāni spṛśet hṛdā
soll die Öffnungen mit dem Herz-Mantra berühren
śakalī-karaṇam kṛtvā
das Zerteilen vollzogen
prāṇāyāmena saṃsthitaḥ
in Atemkontrolle verharrend
Ātmatattva, Vidyātattva, Śivatattva: die drei Tattvas der Śaiva-Ācamana.
wiederhole der Mantrakundige dreimal im Geist die Śiva-Saṃhitā. Nachdem er Wasser geschlürft und die Einsetzung (nyāsa) vollzogen hat, gedenke der Mensch am Morgen der Brāhmī-Sandhyā:
Mittags meditiere man über die weiße Vaiṣṇavī, auf Tārkṣya (Garuḍa) und Lotos sitzend, links Muschel und Diskus haltend, rechts mit Keule und Schutzgeste.
Über Raudrī meditiere man, auf Stier und Lotos stehend, dreiäugig, mit dem Mond geschmückt, rechts Dreizack und Rosenkranz haltend, links mit Schutzgeste und Speer.
[Man stelle sich vor:] die Sandhyā als Zeugin der Taten und sich selbst als ihrem Glanz folgend. Eine vierte Sandhyā des Wissenden wird zu Beginn der Mitternacht vorgestellt.
hṛdbindubrahmarandhreṣu arūpā tu pare sthitā / śivabodhaparā yā tu sā sandhyā maramocyate //
Sie ist gestaltlos und weilt in Herz, Bindu und Brahma-Öffnung, im Höchsten; die aber in der Erkenntnis Śivas gipfelt, diese Sandhyā heißt die höchste.
Das Tīrtha der Väter liegt an der Wurzel des Zeigefingers, das des Prajāpati an [der Wurzel] des kleinen Fingers, das Brahma-Tīrtha an der Wurzel des Daumens, das Tīrtha der Götter an der Spitze der Hand.
Wort für Wort
paitryam
das der Väter
mūle pradeśinyāḥ
an der Wurzel des Zeigefingers
kaniṣṭhāyāḥ prājāpatyam
am kleinen Finger das des Prajāpati
brāhmyam aṅguṣṭha-mūla-stham
das Brahma-[Tīrtha] an der Daumenwurzel
daivam kara-agrataḥ
das der Götter an der Handspitze
Tīrtha hier: rituell bestimmte Stelle der Hand für Wasserspenden.
Das Aufnehmen des aus der linken Hand fallenden Wassers mit der rechten Hand [und das Besprengen] des Hauptes der Reihe nach unter Mantras heißt Mārjana.
Das in der Höhlung der rechten Hand befindliche weiße Wasser, das die Gestalt der Erkenntnis hat, führe man nahe an die Nasenspitze, ziehe es [durch das] linke [Nasenloch] ein und halte es an.
Jene Sünde, rußschwarz, stoße man durch die Piṅgalā [Anm.: rechte Atembahn] aus und werfe sie mit der Faust auf einen Diamantfelsen; das ist das Aghamarṣaṇa [Anm.: die Sündentilgung].
Wort für Wort
tat pāpam
jene Sünde
kajjala-ābhām
rußfarben
piṅgayā recya
durch die Piṅgalā ausstoßend
muṣṭinā kṣipet
soll mit der Faust werfen
vajra-śilāyām
auf den Diamantfelsen
aghamarṣaṇam
Sündentilgung
kajjalābhāsampiṅgayāricya aufzulösen als kajjalābhāṃ piṅgayā recya.
Mit dem Śiva-Mantra, das auf „svāhā“ endet, gebe man Śiva eine Handvoll Wasserspende mit Kuśa, Blumen und ungebrochenen Körnern und rezitiere nach Vermögen die Gāyatrī.
Ich werde die Libation (tarpaṇa) darlegen: Mit dem Tīrtha der Götter, dem Mantra gemäß, spende man mit „hauṃ śivāya [svāhā]“ [Anm.: hauṃ, dem Śiva, svāhā], und die übrigen [Wesen], mit „svāhā“ verbunden.
hrāṃ hṛdyāya hrīṃ śirase hrūṃ śikhāyai hraiṃ kavacāya / astrāyāṣṭau devagaṇān hṛdādityebhya eva ca //
„hrāṃ hṛdayāya“ [Anm.: dem Herzen], „hrīṃ śirase“ [dem Haupt], „hrūṃ śikhāyai“ [dem Haarschopf], „hraiṃ kavacāya“ [dem Panzer], „astrāya“ [der Waffe]; [dann] die acht Göttergruppen, mit dem Herz-[Mantra] den Ādityas,
sarvebhyo bhūtebhyo vauṣaṭ bhūtān devapitṝnatha / dakṣaskandhopavītī ca kuśamūlāgratastilaiḥ //
„allen Wesen vauṣaṭ“. Dann die Wesen und die göttlichen Väter: die Opferschnur über der rechten Schulter, mit Wurzel und Spitze des Kuśa und mit Sesam:
und den Ājyapas und den Somapas [?]; die Väter [labe man] wie besondere Götter. „oṃ hāṃ īśānāya pitre svadhā“ [Anm.: dem Īśāna als Vater, svadhā] soll man geben; dem Großvater
Wort für Wort
ājyapāya
den Ghee-Trinkern
viśeṣa-sura-vat
wie besondere Götter
pitṝn
die Väter
īśānāya pitre svadhā
dem Īśāna als Vater svadhā
pitāmahe
dem Großvater
somāya wohl für somapebhyaḥ; viśeṣasuravat unklar.
vṛddhapramātāmahebhyaḥ sarvebhyaḥ pitṛbhyas tathā / sarbhebhyaḥ svadhā jñātibhyaḥ sarvācāryebhya eva ca / diśāṃ dikpatisiddhānāṃ mātṝṇāṃ graharakṣasāṃ //
den Ururgroßvätern mütterlicherseits, ebenso allen Vätern, „allen Verwandten svadhā“ und allen Lehrern; den Richtungen, den Herren der Richtungen, den Siddhas, den Müttern, den Planeten und den Rakṣas.
Wort für Wort
vṛddha-pramātāmahebhyaḥ
den Ururgroßvätern mütterlicherseits
sarvebhyaḥ jñātibhyaḥ
allen Verwandten
sarva-ācāryebhyaḥ
allen Lehrern
diśām dikpati-siddhānām
der Richtungen, Richtungsherren, Siddhas
mātṝṇām graha-rakṣasām
der Mütter, Planeten, Rakṣas
Sechspädiger Vers; sarbhebhyaḥ = sarvebhyaḥ. Kapitel endet mitten in der Aufzählung.