Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 162: dharmaśāstrakathanam Darlegung des Dharmaśāstra

Puṣkara nennt die Verfasser der Rechtslehrbücher, unterscheidet zwischen weltzugewandtem (pravṛtta) und weltabgewandtem (nivṛtta) Werk und preist die Selbsterkenntnis als höchstes Ziel. Es folgen die Termine für Eröffnung und Abschluss des jährlichen Vedastudiums sowie eine Liste von siebenunddreißig Anlässen, bei denen das Studium zu unterbrechen ist. Einige Stellen sind verderbt (v.a. 15); Vers 19 ist ein Halbvers.

puṣkara uvāca | manurviṣṇuryājñavalko hārīto 'triryamo 'ṅigirāḥ / vasiṣṭhadakṣasaṃvartaśātātapaparāśarāḥ //

Puṣkara sprach: Manu, Viṣṇu, Yājñavalkya, Hārīta, Atri, Yama, Aṅgiras, Vasiṣṭha, Dakṣa, Saṃvarta, Śātātapa, Parāśara,

Wort für Wort
puṣkaraḥ uvāca
Puṣkara sprach
manuḥ viṣṇuḥ yājñavalkyaḥ
Manu, Viṣṇu, Yājñavalkya
hārītaḥ atriḥ yamaḥ aṅgirāḥ
Hārīta, Atri, Yama, Aṅgiras
vasiṣṭha-dakṣa-saṃvarta
Vasiṣṭha, Dakṣa, Saṃvarta
śātātapa-parāśarāḥ
Śātātapa, Parāśara

'ṅigirāḥ verschrieben für 'ṅgirāḥ.

āpastambośanovyāsāḥ kātyayanabṛhaspatī / gotamaḥ śaṅkhalikhitau dharmamete yathābruvan //

Āpastamba, Uśanas, Vyāsa, Kātyāyana, Bṛhaspati, Gautama sowie Śaṅkha und Likhita — wie diese das Dharma verkündet haben,

Wort für Wort
āpastamba-uśanaḥ-vyāsāḥ
Āpastamba, Uśanas, Vyāsa
kātyāyana-bṛhaspatī
Kātyāyana, Bṛhaspati
gautamaḥ
Gautama
śaṅkha-likhitau
Śaṅkha und Likhita
dharmam yathā abruvan
wie sie das Dharma verkündeten

tathā vakṣye samāsena bhuktimuktipradaṃ śṛṇu / pravṛttañca nivṛttañca dvividhaṅkarma vaidikaṃ //

so will ich es in Kürze verkünden, [das Dharma,] das Genuss und Erlösung gewährt; höre! Zweifach ist das vedische Werk: das zur Tätigkeit hinführende (pravṛtta) und das zur Abkehr führende (nivṛtta).

Wort für Wort
samāsena
in Kürze
bhukti-mukti-pradam
Genuss und Erlösung gewährend
pravṛttam nivṛttam
hinführend und abkehrend
dvividham karma
zweifaches Werk
vaidikam
vedisch

kāmyaṃ karma pravṛttaṃ syānnivṛttaṃ jñānapūrvakaṃ / vedābhyāsastapo jñānamindiyāṇāñca saṃyamaḥ //

Das wunschbestimmte Werk ist das zur Tätigkeit hinführende, das zur Abkehr führende geht von der Erkenntnis aus. Vedastudium, Askese, Erkenntnis und Zügelung der Sinne,

Wort für Wort
kāmyam karma
wunschbestimmtes Werk
jñāna-pūrvakam
von Erkenntnis ausgehend
veda-abhyāsaḥ
Vedastudium
tapaḥ jñānam
Askese, Erkenntnis
indriyāṇām saṃyamaḥ
Zügelung der Sinne

indiyāṇāṃ verschrieben für indriyāṇāṃ.

ahiṃsā gurusevā ca niḥśreyasakaraṃ paraṃ / sarveṣāmapi caiteṣāmatmajñānaṃ paraṃ smṛtaṃ //

Gewaltlosigkeit und Dienst am Lehrer sind das Höchste, was das höchste Heil bewirkt; unter all diesen aber gilt die Selbsterkenntnis als das Höchste.

Wort für Wort
ahiṃsā
Gewaltlosigkeit
guru-sevā
Dienst am Lehrer
niḥśreyasa-karam
das höchste Heil bewirkend
ātma-jñānam
Selbsterkenntnis
param smṛtam
gilt als das Höchste

taccagryaṃ sarvavidyānāṃ prāpyate hy amṛtaṃ tataḥ / sarvabhūteṣu cātmānaṃ sarvabhūtāni cātmani //

Sie ist die vornehmste aller Wissenschaften; denn durch sie wird die Unsterblichkeit erlangt. Wer das Selbst in allen Wesen und alle Wesen im Selbst

Wort für Wort
agryam sarva-vidyānām
die vornehmste aller Wissenschaften
prāpyate amṛtam
die Unsterblichkeit wird erlangt
sarva-bhūteṣu ātmānam
das Selbst in allen Wesen
sarva-bhūtāni ātmani
alle Wesen im Selbst

taccagryaṃ für tac cāgryaṃ.

samampaśyannātmayājī svārājyamadhigacchati / ātmajñāne same ca syādvedābhyāse ca yatnavān //

gleich schaut, der erlangt, sich selbst opfernd, die Selbstherrschaft. In der Selbsterkenntnis, im Gleichmut und im Vedastudium sei man eifrig.

Wort für Wort
samam paśyan
gleich schauend
ātma-yājī
sich selbst opfernd
svārājyam adhigacchati
erlangt die Selbstherrschaft
ātma-jñāne same
in Selbsterkenntnis und Gleichmut
yatnavān
eifrig

etaddvijanmasāmarthyaṃ brāhmaṇasya viśeṣataḥ / vedaśāstrārthatattvajño yatra tatrāśrame vasan //

Dies ist die Aufgabe der Zweimalgeborenen, besonders des Brahmanen. Wer das Wesen des Sinns von Veda und Lehrbüchern kennt, in welchem Lebensstadium er auch wohnt,

Wort für Wort
etat
dies
dvijanma-sāmarthyam
Befähigung der Zweimalgeborenen
brāhmaṇasya viśeṣataḥ
besonders des Brahmanen
veda-śāstra-artha-tattva-jñaḥ
der das Wesen des Sinns von Veda und Lehrbüchern kennt
yatra tatra āśrame vasan
in welchem Stadium er auch wohnt

ihaiva loke tiṣṭhan hi brahmabhūyāya kalpyate / svādhyāyānāmupākarma śrāvaṇyāṃ śrāvaṇena tu //

wird, noch in dieser Welt verweilend, zur Brahman-Werdung befähigt. Die Eröffnung (upākarman) des Vedastudiums [erfolgt] am Vollmond des Śrāvaṇa unter dem Mondhaus Śravaṇa

Wort für Wort
iha eva loke tiṣṭhan
noch in dieser Welt verweilend
brahma-bhūyāya kalpyate
wird zur Brahman-Werdung befähigt
svādhyāyānām upākarma
Eröffnung des Vedastudiums
śrāvaṇyām
am Śrāvaṇa-Vollmond
śrāvaṇena
unter dem Mondhaus Śravaṇa

haste cauṣadhivāre ca pañcamyāṃ śrāvaṇasya vā / pauṣamāsasya rohiṇyāmaṣṭakāyāmathāpi vā //

oder unter Hasta an einem Montag [?] oder am fünften [Tag] des Śrāvaṇa; [die Entlassung] im Monat Pauṣa unter Rohiṇī oder auch am Aṣṭakā-Tag

Wort für Wort
haste
unter Hasta
auṣadhi-vāre
am Tag der Kräuter
pañcamyām śrāvaṇasya
am fünften des Śrāvaṇa
pauṣa-māsasya rohiṇyām
im Pauṣa unter Rohiṇī
aṣṭakāyām
am Aṣṭakā-Tag

auṣadhivāre: wörtl. ‚am Tag der Kräuter‘; wohl der Tag des Mondes, des ‚Herrn der Kräuter‘.

jalānte chandasāṅkuryādutsargaṃ vidhivadvahiḥ / tryahaṃ preteṣvanadhyāyaḥ śiṣyartviggurubandhuṣu //

soll man am Rand des Wassers außerhalb [des Ortes] nach Vorschrift die Entlassung (utsarga) der [vedischen] Texte vollziehen. Drei Tage ruht das Studium bei Todesfällen von Schüler, Opferpriester, Lehrer und Verwandten,

Wort für Wort
jala-ante
am Rand des Wassers
chandasām utsargam
Entlassung der vedischen Texte
bahiḥ
außerhalb
tri-aham anadhyāyaḥ
drei Tage Studienruhe
śiṣya-ṛtvik-guru-bandhuṣu
bei Schüler, Priester, Lehrer, Verwandten

upākarmaṇi cotsargaṃ svaśākhāśrotriye tathā / sandhyāgarjitanirghāte bhūkampolkānipātane //

bei Eröffnung und Entlassung sowie [beim Tod] eines Vedagelehrten der eigenen Schule; bei Donner in der Dämmerung, bei Sturmgetöse, bei Erdbeben und Meteorfall,

Wort für Wort
upākarmaṇi utsargam
bei Eröffnung und Entlassung
sva-śākhā-śrotriye
beim Gelehrten der eigenen Schule
sandhyā-garjita
Donner in der Dämmerung
nirghāte
bei Sturmgetöse
bhūkampa-ulkā-nipātane
bei Erdbeben und Meteorfall

samāpya vedaṃ hy aniśamāraṇyakamadhītya ca / pañcadaśyāṃ caturdaśyāmaṣṭamyāṃ rāhusūtake //

nach Beendigung des Veda und nach dem Studium des Āraṇyaka [einen Tag und eine Nacht] ohne Unterbrechung [?]; am fünfzehnten, vierzehnten und achten [Mondtag], bei einer Finsternis,

Wort für Wort
samāpya vedam
nach Beendigung des Veda
āraṇyakam adhītya
nach dem Studium des Āraṇyaka
pañcadaśyām caturdaśyām
am fünfzehnten, vierzehnten
aṣṭamyām
am achten
rāhu-sūtake
bei einer Finsternis

aniśam: Bezug unklar.

ṛtusandhiṣu bhuktvā vā śrādvikaṃ pratigṛhya ca / paśumaṇḍūkanakulaśvāhimārjāraśūkaraiḥ //

an den Übergängen der Jahreszeiten, nachdem man bei einem Ahnenmahl gegessen oder eine Ahnenmahlgabe angenommen hat; wenn Vieh, Frosch, Mungo, Hund, Schlange, Katze oder Schwein

Wort für Wort
ṛtu-sandhiṣu
an den Übergängen der Jahreszeiten
bhuktvā
nach dem Essen
śrāddhikam pratigṛhya
eine Ahnenmahlgabe annehmend
paśu-maṇḍūka-nakula
Vieh, Frosch, Mungo
śva-ahi-mārjāra-śūkaraiḥ
Hund, Schlange, Katze, Schwein

śrādvikaṃ für śrāddhikaṃ.

kṛtentare tvahorātraṃ śakrapāte tathocchriye / śvakroṣṭugardhabholūkamāsavāṇartunisvane //

dazwischen hindurchgelaufen ist, einen Tag und eine Nacht; ebenso beim Fallen und beim Aufrichten des Indra-Banners; beim Geheul von Hund, Schakal, Esel und Eule, bei Sāman-Gesang, Pfeilgeschwirr [?] und Wehgeschrei [?],

Wort für Wort
kṛte antare
wenn dazwischen hindurchgelaufen
ahorātram
einen Tag und eine Nacht
śakra-pāte ucchraye
beim Fallen und Aufrichten des Indra-Banners
śva-kroṣṭu-gardabha-ulūka
Hund, Schakal, Esel, Eule
nisvane
beim Geheul

māsavāṇartunisvane verderbt; gelesen etwa als sāma-bāṇa-ārta-nisvane.

amedhyaśavaśūdrāntyaśmaśānapatitāntike / aśubhāsu ca tārāsu vidyutstanitasamplave //

in der Nähe von Unreinem, einer Leiche, eines Śūdra, eines Kastenlosen, einer Leichenstätte oder eines Gefallenen; bei unheilvollen Sternen, bei gehäuftem Blitz und Donner,

Wort für Wort
amedhya-śava-śūdra-antya
Unreines, Leiche, Śūdra, Kastenloser
śmaśāna-patita-antike
nahe Leichenstätte, Gefallenem
aśubhāsu tārāsu
bei unheilvollen Sternen
vidyut-stanita-samplave
bei gehäuftem Blitz und Donner

bhutkvārdrapāṇirambhontarardharātre 'timārute / pāṃśuvarṣe diśāndāhe sandhyānīhārabhītiṣu //

nach dem Essen mit noch nassen Händen, im Wasser, um Mitternacht, bei sehr heftigem Wind, bei Staubregen, bei Glühen der Himmelsrichtungen, in der Dämmerung, bei Nebel und in Gefahr,

Wort für Wort
bhuktvā ārdra-pāṇiḥ
nach dem Essen mit nassen Händen
ambhaḥ-antaḥ
im Wasser
ardha-rātre
um Mitternacht
ati-mārute
bei heftigem Wind
pāṃśu-varṣe
bei Staubregen
diśām dāhe
bei Glühen der Himmelsrichtungen

bhutkvā verschrieben für bhuktvā.

dhāvataḥ prāṇibādhe ca viśiṣṭe gṛhamāgate / kharoṣṭrayānahastyaśvanaukāvṛkṣādirohaṇe //

beim Laufen, bei Bedrängnis von Lebewesen, wenn ein vornehmer [Gast] ins Haus gekommen ist, beim Besteigen von Esel, Kamel, Wagen, Elefant, Pferd, Boot, Baum und dergleichen —

Wort für Wort
dhāvataḥ
beim Laufen
prāṇi-bādhe
bei Bedrängnis von Lebewesen
viśiṣṭe gṛham āgate
wenn ein Vornehmer ins Haus gekommen ist
khara-uṣṭra-yāna-hasti-aśva
Esel, Kamel, Wagen, Elefant, Pferd
naukā-vṛkṣa-ādi-rohaṇe
beim Besteigen von Boot, Baum usw.

saptatriṃśadanadhyāyānetāṃstātkālikānviduḥ //19 //

diese siebenunddreißig Unterbrechungen des Studiums kennt man als vorübergehende.

Wort für Wort
saptatriṃśat
siebenunddreißig
anadhyāyān
Unterbrechungen des Studiums
etān
diese
tātkālikān
vorübergehend
viduḥ
kennt man

Nur ein Halbvers.

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