Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 326: devālayamāhātmyam Die Herrlichkeit des Tempelbaus

Das Kapitel behandelt zunächst Gebetsschnüre (Material und Wirkung, Rudrākṣa, Meru-Perle, Fingerhaltung beim Murmeln), die Glocke und die Reinigung heiliger Orte, dann den Fünf- bzw. Sechssilbler namaḥ śivāya und die Pflicht der Liṅga-Verehrung. Abschließend wird der Verdienst der Aufstellung eines Liṅga und des Tempelbaus gepriesen, bis hin zum Kind, das im Spiel einen Tempel aus Staub baut. Der Kolophon nennt das Kapitel devālayamāhātmyādi; kleinere Schreibfehler (hemaratra, dhādhī, vesma) sind im Einzelnen vermerkt.

īśvara+uvāca | vrateśvarāṃś ca satyādīniṣṭvā vratasamarpaṇam / ariṣṭaśamane śastamariṣṭaṃ sūtranāyakam //

Īśvara sprach: Nachdem man die Herren der Gelübde (vrateśvara), Satya usw. verehrt hat, [erfolgt] die Übergabe des Gelübdes. Zur Beschwichtigung von Unheil (ariṣṭa) ist Ariṣṭa [Anm.: Seifennuss] als Hauptperle der Schnur [?] empfohlen;

Wort für Wort
vrata-īśvarān
die Herren der Gelübde
satya-ādīn iṣṭvā
Satya usw. verehrt habend
vrata-samarpaṇam
die Übergabe des Gelübdes
ariṣṭa-śamane śastam
zur Beschwichtigung von Unheil empfohlen
sūtra-nāyakam
Hauptperle der Schnur

sūtranāyaka („Anführer der Schnur“) wohl die Hauptperle (meru) oder das Material der Gebetsschnur.

hemaratramayaṃ bhūtyai mahāśaṅkhañca māraṇe / āpyāyane śaṅkhasūtraṃ mauktikaṃ putravardhanam //

[eine Schnur] aus Gold und Edelsteinen – für Wohlstand; die große Muschel – beim Töten[-Ritus]; beim Stärken eine Muschelschnur; eine aus Perlen mehrt die Söhne;

Wort für Wort
hema-ratna-mayam bhūtyai
aus Gold und Edelsteinen für Wohlstand
mahā-śaṅkham māraṇe
die große Muschel beim Töten
āpyāyane śaṅkha-sūtram
beim Stärken eine Muschelschnur
mauktikam
aus Perlen
putra-vardhanam
die Söhne mehrend

hemaratra- für hemaratna-.

sphāṭikaṃ bhūtidaṃ kauśaṃ muktidaṃ rudranetrajaṃ / dhādhīphalapramāṇena rudrākṣaṃ cottamantataḥ //

eine aus Bergkristall gibt Wohlstand, eine aus Kuśa[-Gras] gibt Erlösung, eine aus den [Perlen, die] aus Rudras Augen [entsprungen sind, Anm.: Rudrākṣa] ... [?]. Ein Rudrākṣa von der Größe einer Dhātrī-Frucht (Amla) ist daher der beste.

Wort für Wort
sphāṭikam bhūti-dam
aus Bergkristall Wohlstand gebend
kauśam mukti-dam
aus Kuśa Erlösung gebend
rudra-netra-jam
aus Rudras Augen entsprungen
dhātrī-phala-pramāṇena
von der Größe einer Dhātrī-Frucht
rudrākṣam uttamam
der Rudrākṣa ist der beste

dhādhī- für dhātrī-; nach rudranetrajaṃ fehlt eine Wirkungsangabe (muktidam bezieht sich vielleicht auf beide).

sameruṃ meruhīnaṃ vā sūtraṃ japyantu mānasam / anāmāṅguṣṭhamākramya japaṃ bhāṣyantu kārayet //

Die Schnur [sei] mit Meru [Hauptperle] oder ohne Meru; das Murmeln geistig. Indem man mit dem Daumen den Ringfinger berührt [?], lasse man das hörbare (bhāṣya) Murmeln vollziehen.

Wort für Wort
sa-merum meru-hīnam vā
mit oder ohne Meru
sūtram
die Schnur
japyam tu mānasam
das Murmeln geistig
anāmā-aṅguṣṭham ākramya
Ringfinger und Daumen fassend
japam bhāṣyam kārayet
das hörbare Murmeln vollziehen

tarjanyaṅguṣṭhamākramya na meruṃ laṅghyejjape / pramādāt patite sūtre japtavyantu śatadvayam //

Mit Zeigefinger und Daumen fassend [?]; beim Murmeln überschreite man den Meru nicht. Fällt die Schnur aus Unachtsamkeit herab, so sind zweihundert [Wiederholungen] zu murmeln.

Wort für Wort
tarjanī-aṅguṣṭham ākramya
Zeigefinger und Daumen fassend
na merum laṅghayet jape
beim Murmeln überschreite den Meru nicht
pramādāt patite sūtre
fällt die Schnur aus Unachtsamkeit
japtavyam
ist zu murmeln
śata-dvayam
zweihundert

sarvavādyamayī ghaṇṭā tasyā vādanamarthakṛt / gośakṛnmūtravalmīkamṛttikābhasmavāribhiḥ //

Die Glocke besteht aus allen Musikinstrumenten; ihr Anschlagen bringt Nutzen. Mit Kuhdung, Kuhharn, Ameisenhügelerde, Asche und Wasser

Wort für Wort
sarva-vādya-mayī ghaṇṭā
die Glocke besteht aus allen Instrumenten
tasyāḥ vādanam
ihr Anschlagen
artha-kṛt
Nutzen bringend
go-śakṛt-mūtra
Kuhdung und Kuhharn
valmīka-mṛttikā-bhasma-vāribhiḥ
mit Ameisenhügelerde, Asche und Wasser

vesmāyatanaliṅgādeḥ kāryamevaṃ viśodhanam / skando namaḥ śivāyeti mantraḥ sarvārthasādhakaḥ //

ist so die Reinigung von Haus, Tempel, Liṅga usw. vorzunehmen. Skanda, „namaḥ śivāya“ – dieser Mantra verwirklicht alle Ziele.

Wort für Wort
veśma-āyatana-liṅga-ādeḥ
von Haus, Tempel, Liṅga usw.
kāryam evam viśodhanam
so ist die Reinigung vorzunehmen
skanda
o Skanda
namaḥ śivāya iti mantraḥ
der Mantra namaḥ śivāya
sarva-artha-sādhakaḥ
alle Ziele verwirklichend

vesma- für veśma-.

gītaḥ pañcākṣaro vede loke gītaḥṣaḍakṣaraḥ / omityante sthitaḥ śambhurmudrārthaṃ vaṭavījavat //

Im Veda wird er als fünfsilbig besungen, in der Welt als sechssilbig besungen. Im „oṃ“ [das] am Ende [?] steht, ist Śambhu [enthalten], zum Zweck der Besiegelung (mudrā), wie [der Baum] im Banyan-Samen.

Wort für Wort
gītaḥ pañca-akṣaraḥ vede
im Veda als fünfsilbig besungen
loke ṣaṭ-akṣaraḥ
in der Welt als sechssilbig
om iti
im oṃ
sthitaḥ śambhuḥ
steht Śambhu
vaṭa-bījavat
wie im Banyan-Samen

omityante: oṃ steht beim Sechssilbler eigentlich am Anfang; Sinn unsicher.

kramānnamaḥ śivāyeti īśānādyāni vai viduḥ / ṣaḍakṣarasya sūtrasya bhāṣyadvidyākadambakaṃ //

Der Reihe nach kennt man [die Silben] „namaḥ śivāya“ als Īśāna usw. [die fünf Brahman-Gesichter]. [Zu] dem Sūtra des Sechssilbigen [gibt es] eine Fülle von Kommentar[en] und Wissen.

Wort für Wort
kramāt namaḥ śivāya iti
der Reihe nach namaḥ śivāya
īśāna-ādyāni viduḥ
kennt man als Īśāna usw.
ṣaṭ-akṣarasya sūtrasya
des Sūtras des Sechssilbigen
bhāṣya
Kommentar
vidyā-kadambakam
Fülle von Wissen

bhāṣyadvidyā- wohl für bhāṣyaṃ vidyā-.

yadoṃnamaḥ śivāyeti etāvat paramaṃ padam / anena pūjayelliṅgaṃ liṅge yasmāt sthitaḥ śivaḥ //

Was „oṃ namaḥ śivāya“ ist – so viel ist der höchste Stand. Mit ihm verehre man das Liṅga, weil Śiva im Liṅga weilt

Wort für Wort
yat om namaḥ śivāya iti
was oṃ namaḥ śivāya ist
etāvat paramam padam
so viel ist der höchste Stand
anena pūjayet liṅgam
mit ihm verehre das Liṅga
liṅge yasmāt sthitaḥ śivaḥ
weil Śiva im Liṅga weilt

anugrahāya lokānāṃ dharmakāmārthamuktidaḥ / yo na pūjayate liṅganna sa dharmādibhājanaṃ //

zur Gnade für die Welten, Dharma, Kāma, Artha und Erlösung gewährend. Wer das Liṅga nicht verehrt, ist kein Gefäß für Dharma usw.

Wort für Wort
anugrahāya lokānām
zur Gnade für die Welten
dharma-kāma-artha-mukti-daḥ
Dharma, Kāma, Artha und Erlösung gewährend
yaḥ na pūjayate liṅgam
wer das Liṅga nicht verehrt
na sa dharma-ādi-bhājanam
ist kein Gefäß für Dharma usw.

liṅgārcanādbhuktimuktiryāvajjīvamato yajet / varaṃ prāṇaparityāgo bhuñjītāpūjya naiva taṃ //

Durch Liṅga-Verehrung [kommen] Genuss und Erlösung; darum verehre man es, solange man lebt. Besser ist es, das Leben aufzugeben – keinesfalls esse man, ohne es verehrt zu haben.

Wort für Wort
liṅga-arcanāt bhukti-muktiḥ
durch Liṅga-Verehrung Genuss und Erlösung
yāvat-jīvam ataḥ yajet
darum verehre man lebenslang
varam prāṇa-parityāgaḥ
besser die Aufgabe des Lebens
bhuñjīta apūjya na eva
man esse keinesfalls ohne Verehrung

rudrasya pūjanādrudro viṣṇuḥ syādviṣṇupūjanāt / sūryaḥ syāt suryapūjātaḥ śaktyādiḥ śaktipūjanāt //

Durch Verehrung Rudras wird man Rudra, durch Verehrung Viṣṇus Viṣṇu, durch Verehrung Sūryas Sūrya, durch Verehrung der Śakti Śakti usw.

Wort für Wort
rudrasya pūjanāt rudraḥ
durch Verehrung Rudras Rudra
viṣṇuḥ syāt viṣṇu-pūjanāt
durch Viṣṇu-Verehrung wird man Viṣṇu
sūryaḥ sūrya-pūjātaḥ
durch Sūrya-Verehrung Sūrya
śakti-ādiḥ śakti-pūjanāt
durch Śakti-Verehrung Śakti usw.

suryapūjā für sūryapūjā.

sarvayajñatapodāne tīrthe vedeṣu yat phalaṃ / tat phalaṃ koṭiguṇitaṃ sthāpya liṅgaṃ labhennaraḥ //

Die Frucht, die in allen Opfern, Askesen und Gaben, an Pilgerorten und in den Veden liegt – diese Frucht, verzehnmillionenfacht, erlangt ein Mann, wenn er ein Liṅga aufstellt.

Wort für Wort
sarva-yajña-tapaḥ-dāne
in allen Opfern, Askesen und Gaben
tīrthe vedeṣu
an Pilgerorten und in den Veden
tat phalam koṭi-guṇitam
diese Frucht zehnmillionenfach
sthāpya liṅgam
ein Liṅga aufgestellt habend
labhet naraḥ
erlangt der Mann

trisandhyaṃ yorcayelliṅgaṃ kṛtvā vilvena pārthivam / śataikādaśikaṃ yāvat kulamuddhṛtya nākabhāk //

Wer dreimal täglich ein Liṅga aus Erde verehrt, das er gemacht hat, mit Bilva[-Blättern], rettet sein Geschlecht bis zu hundertundelf [Generationen] und gelangt in den Himmel.

Wort für Wort
tri-sandhyam
dreimal täglich
yaḥ arcayet liṅgam
wer ein Liṅga verehrt
bilvena pārthivam
aus Erde, mit Bilva
śata-ekādaśikam kulam uddhṛtya
hundertelf Geschlechter rettend
nāka-bhāk
am Himmel Anteil habend

yorcayel- für yo 'rcayel-; vilvena für bilvena.

bhaktyā vittānusāreṇa kuryāt prasādasañcayam / alpe mahati vā tulyaphalamāḍhyadaridrayoḥ //

Mit Hingabe, nach Maßgabe seines Vermögens, errichte man eine Anzahl von Tempeln; ob klein oder groß – gleich ist die Frucht für den Reichen und den Armen.

Wort für Wort
bhaktyā vitta-anusāreṇa
mit Hingabe, nach Vermögen
prāsāda-sañcayam kuryāt
errichte eine Anzahl Tempel
alpe mahati vā
ob klein oder groß
tulya-phalam
gleich die Frucht
āḍhya-daridrayoḥ
für Reichen und Armen

prasāda für prāsāda.

bhāgadvayañca dharmārthaṃ kalpayejjīvanāya ca / dhanasya bhāgamekantuanityaṃ jīvitaṃ yataḥ //

Zwei Teile [des Vermögens] bestimme man für den Dharma, einen Teil des Reichtums aber für den Lebensunterhalt, weil das Leben unbeständig ist.

Wort für Wort
bhāga-dvayam dharma-artham
zwei Teile für den Dharma
kalpayet
bestimme man
jīvanāya
für den Lebensunterhalt
dhanasya bhāgam ekam
einen Teil des Reichtums
anityam jīvitam yataḥ
weil das Leben unbeständig ist

trisaptakulamuddhṛtya devāgārakṛdarthabhāk / mṛtkāṣṭheṣṭakaśailādyaiḥ kramāt koṭiguṇaṃ phalam //

Wer ein Götterhaus baut, rettet dreimal sieben Geschlechter und erlangt sein Ziel; mit Lehm, Holz, Ziegeln, Stein usw. [steigt] die Frucht der Reihe nach um das Zehnmillionenfache.

Wort für Wort
tri-sapta-kulam uddhṛtya
dreimal sieben Geschlechter rettend
deva-āgāra-kṛt
wer ein Götterhaus baut
artha-bhāk
das Ziel erlangend
mṛt-kāṣṭha-iṣṭaka-śaila-ādyaiḥ
mit Lehm, Holz, Ziegeln, Stein usw.
kramāt koṭi-guṇam phalam
der Reihe nach zehnmillionenfache Frucht

aṣṭeṣṭakasurāgārakārī svargamavāpnuyāt / pāṃśunā krīḍamānopi devāgārakṛdarthabhāk //

Wer ein Götterhaus aus acht Ziegeln errichtet, gelangt in den Himmel; selbst wer im Spiel mit Staub ein Götterhaus baut, erlangt das Ziel.

Wort für Wort
aṣṭa-iṣṭaka-sura-āgāra-kārī
wer ein Götterhaus aus acht Ziegeln baut
svargam avāpnuyāt
gelangt in den Himmel
pāṃśunā krīḍamānaḥ api
selbst im Spiel mit Staub
deva-āgāra-kṛt
ein Götterhaus bauend
artha-bhāk
das Ziel erlangend

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