Kapitel 86: vidyāviśodhanavidhānaṃ
Vorschrift für die Reinigung der Vidyā-Kalā
Das Kapitel beschreibt die Reinigung der dritten Kalā, der Vidyā: ihre sieben Tattvas, sechs Silben, 21 Padas, 25 Rudras/Welten sowie Nāḍīs, Winde, Sinne und Zustand (Tiefschlaf) mit Rudra als Ursachengottheit; das Ritual verläuft analog zu Kap. 85. Die Pada-Formel und die Rudranamen (V. 4–7) sind teils verderbt; V. 4 enthält das sinnlose „atha kaśyape“, V. 8 ist unklar.
Īśvara sprach: Nun soll man die Verbindung der Vidyā [-Kalā] mit der vorhergehenden Kalā wie zuvor vollziehen; nachdem man [das] getan hat, beschreibe [man] das Tattva [usw.], nämlich wie folgt:
oṃ hoṃ kṣīmiti sandhānaṃ rāgś ca śuddhavidyā ca niyatiḥ kalayā saha / kālo mayā tathāvidyā tattvānāmiti saptakaṃ //
„oṃ hoṃ kṣīṃ“ – [das ist] die Verbindung[sformel]. Rāga (Leidenschaft), Śuddhavidyā (reines Wissen), Niyati (Bestimmung) zusammen mit Kalā, Kāla (Zeit), Māyā und ebenso Avidyā – dies ist die Siebenergruppe der Tattvas.
Wort für Wort
sandhānam
die Verbindungsformel
rāgaḥ śuddhavidyā niyatiḥ
Leidenschaft, reines Wissen, Bestimmung
kalayā saha kālaḥ māyā
mit Kalā, Zeit, Māyā
avidyā
Nichtwissen
tattvānām saptakam
Siebenergruppe der Tattvas
rāgś ca lies rāgaś ca; kṣīm iti als „kṣīṃ“ aufgefasst.
„oṃ namaḥ śivāya sarvaprabhave haṃ śivāya īśānamūrdhāya tatpuruṣavaktrāya aghorahṛdayāya vāmadevaguhyāya sadyojātamūrtaye oṃ namo namo guhyātiguhyāya goptre anidhāya sarvādhipāya jyotirūpāya prameśvārāya bhavena oṃ vyoma“ [Anm.: „Oṃ, Verehrung dem Śiva, dem Ursprung von allem; haṃ, dem Śiva, dem Īśāna als Haupt, dem Tatpuruṣa als Antlitz, dem Aghora als Herz, dem Vāmadeva als Geheimteil, dem Sadyojāta als Gestalt; oṃ, Verehrung, Verehrung dem Geheimsten des Geheimen, dem Hüter, dem Endlosen, dem Herrn über alles, dem Lichtgestaltigen, dem höchsten Herrn … oṃ, Äther“]. Nun [wird] die Gestalt der Rudras und der Welten [genannt] [?]: Der erste sei Vāmadeva, danach Sarvabhavodbhava,
Wort für Wort
guhya-ati-guhyāya
dem Geheimsten des Geheimen
goptre
dem Hüter
jyotiḥ-rūpāya
dem Lichtgestaltigen
rudrāṇām bhuvanānām svarūpam
die Gestalt der Rudras und Welten
prathamaḥ vāmadevaḥ
der erste ist Vāmadeva
anidhāya wohl anidhanāya; prameśvārāya wohl parameśvarāya; bhavena unklar. „atha kaśyape“ ist sinnlos, wohl verderbt aus „atha kathyate“ („nun wird genannt“).
Der Zustand hier ist der Tiefschlaf (suṣupti), die Ursache[ngottheit] ist der Gott Rudra. Alles in der Vidyā Befindliche, die Welten usw., soll man vergegenwärtigen.
Dort [vollzieht man] das Schlagen, das Spalten, das Eintreten und auch das Ablösen; heranziehend soll man das Ergreifen vollziehen, mit dem Vidyā[-Mantra] aus der Herzgegend,
Wort für Wort
tāḍanam chedanam
Schlagen, Spalten
praveśam yojanam
Eintreten, (Ab)lösen
ākṛṣya grahaṇam kuryāt
heranziehend soll man ergreifen
hṛt-pradeśataḥ
aus der Herzgegend
yojanam hier im Sinne von viyojanam „Ablösen“ (vgl. 87.7).
ātmanyāropya saṅgṛhya kalāṃ kuṇḍe niveśayet / rudraṃ kāraṇamāvāhya vijñāpya ca śiśuṃ prati //
es in sich selbst aufnehmen und, nachdem man die Kalā ergriffen hat, sie in die Feuergrube (kuṇḍa) setzen; Rudra, die Ursache, herbeirufen und [ihm] hinsichtlich des Kindes (des Schülers) Mitteilung machen.
Nachdem man die Herbeirufung der Eltern vollzogen hat, soll man das Kind auf das Herz schlagen, mit dem vorigen Mantra [in es] eintreten und [es] in das eigene Selbst einfügen,
es herausziehen, nehmen und nach der zuvor genannten Regel in das Selbst einfügen; mit der linken [Mudrā] soll man es, nachdem man es vom Dvādaśānta genommen hat, in den Schoß einfügen.
kurvīta dehasampattiṃ janmādhikārameva ca / bhogaṃ layantathā śrotaḥśuddhitattvaviśodhanaṃ //
Man vollziehe die Entstehung des Körpers, die Geburt und die Befugnis, den Genuss, die Auflösung, ebenso die Reinigung der Kanäle (srotas) und die Reinigung der Tattvas.
Zur Beseitigung der Fesselbindung durch Mala, Karma usw. insgesamt soll man, nachdem man die Sühne nach Vorschrift vollzogen hat, hundert Opfergaben darbringen.
Mit dem Waffen[-Mantra] [bewirke man] die Lockerung der Fesseln, die Verhüllung der Mala-Kraft, ihr Durchschneiden, Zermalmen und ebenso das Formen zur Kugel,
Wort für Wort
astreṇa pāśa-śaithilyam
mit dem Waffenmantra Lockerung der Fesseln
mala-śaktim tirohitām
die verhüllte Mala-Kraft
chedanam mardanam
Durchschneiden, Zermalmen
vartulī-karaṇam
Formen zur Kugel
tirohitām wohl im Sinne von tirodhānam „Verhüllung“ (vgl. 87.14).
das Verbrennen, das Nichtmehrsein ihrer Keime [?]; dann ist die Sühne genannt; die Herbeirufung der Rudrāṇī [?], die Verehrung, die Übergabe von Form und Geruch.
Wort für Wort
dāham
das Verbrennen
tad-aṅkura-abhāvam
Nichtsein ihrer Keime [?]
prāyaścittam
Sühne
rūpa-gandha-samarpaṇam
Übergabe von Form und Geruch
tad-akṣara-abhāvam wohl für tad-aṅkura-abhāvam „Nichtsein ihrer Keime“ (vgl. 85.26). rudrāṇyāvāhanam: wohl Herbeirufung Rudras (vgl. V. 19).
„oṃ hrīṃ, Form und Geruch als Entgelt nimm, o Rudra, svāhā.“ Nachdem man Śambhus Befehl verkündet und Rudra, die Ursache, entlassen und das Bewusstsein [des Schülers] in sich gebracht hat, soll man es in den Fesselfaden setzen.
Nachdem man den Tropfen auf das Haupt [des Schülers] gesetzt hat, entlasse man dann die Eltern und bringe nach Vorschrift die Vollspende dar, die sämtliche Vorschriften vervollständigt.
Nach der zuvor genannten Regel ist in der Vidyā das Schlagen usw. zu vollziehen; der Unterschied liegt jedoch im eigenen Bīja – so ist die Vidyā gereinigt.