Kapitel 90: abhiṣekādikathanaṃ
Darlegung der Weihebesprengung (Abhiṣeka) und anderem
Beschreibung der Abhiṣeka-Weihe, durch die ein Schüler zum Ācārya (Guru) erhoben wird: Aufstellung von neun Krügen mit den acht Meeren und den acht Vidyeśvaras, Reinigung und Bad des Schülers, Einkleidung, Übergabe der Insignien und der Lehrbefugnis, Mitteilung an Śiva. Abschließend Hinweis auf die Besprengung für Könige mit dem Astrarāja-Mantra. Mehrere Stellen (V. 9, 16, 17) sind verderbt.
Īśvara sprach: Nachdem man Śiva verehrt hat, vollziehe man für den Schüler usw. zum Heil die Weihebesprengung (abhiṣeka). Neun Krüge stelle man der Reihe nach in den Richtungen auf, beginnend mit der des Īśa (Nordosten).
In diese soll man das Salzmeer, das Milchmeer, das Dickmilchmeer, das Ghee-Meer, [das Meer von] Zuckerrohr[saft], von Kādambarī (Rauschtrank), von Süßwasser und von Molke – diese acht Meere
Wort für Wort
kṣāra-udam kṣīra-udam
Salzmeer, Milchmeer
dadhi-udam ghṛta-sāgaram
Dickmilchmeer, Gheemeer
ikṣu-kādambarī
Zuckerrohrsaft, Rauschtrank
svādu-mastu-udān
Süßwasser- und Molkemeer
aṣṭa-sāgarān
die acht Meere
svādumastūdān: wohl svādūda (Süßwasser) und mastūda (Molke); Abgrenzung unsicher.
In die Mitte setze man Śiva und [als Meer reines Wasser?] und den Śiva-Mantra. In dem im Bereich des Richtungsherrn [Īśa] vom Opferplatz errichteten Badepavillon
Wort für Wort
madhye śivam samudram
in der Mitte Śiva und das Meer
śiva-mantram vinyaset
soll den Śiva-Mantra einsetzen
yāga-ālayāt dig-īśasya
vom Opferplatz in Richtung des Richtungsherrn
racite snāna-maṇḍape
im errichteten Badepavillon
samudram „das Meer“ im mittleren Krug ist unbestimmt. yāgālayān wohl yāgālayāt „vom Opferhaus aus“.
kuryāt karadvayāyāmāṃ vedīmaṣṭāṅgulocchritāṃ / śrīparṇādyāsane tatra vinyasyānantamānasaṃ //
mache man einen Altar von zwei Ellen Ausdehnung und acht Fingern Höhe. Dort auf einem Sitz aus Śrīparṇa[-Holz] usw., nachdem man [den Sitz] Ananta im Geist eingesetzt hat,
Wort für Wort
kara-dvaya-āyāmām
von zwei Ellen Ausdehnung
vedīm aṣṭa-aṅgula-ucchritām
einen acht Finger hohen Altar
śrīparṇa-ādi-āsane
auf einem Sitz aus Śrīparṇa usw.
vinyasya ananta
Ananta einsetzend
anantamānasam: wohl „Ananta [als Sitzgottheit] im Geist“ [?].
setze man den Schüler mit nach Osten gewandtem Gesicht nieder, mache ihn durch Mantra-Auflegung ganz (sakalīkaraṇa) und verehre ihn. Mit Kugeln aus saurem Reiswasser (kāñjika), gekochtem Reis, Erde, Asche, Dūrvā-Gras und Kuhdung,
siddhārthadadhitoyaiś ca kuryānnirmañchanaṃ tataḥ / kṣārodānukrameṇātha hṛdā vidyeśaśambaraiḥ //
mit Senfkörnern, Dickmilch und Wasser vollziehe man dann das Abwischen/Umschwenken (nirmañchana). Darauf [soll man] in der Reihenfolge vom Salzmeer an, mit dem Herz[-Mantra] [und den Mantras] der Vidyeśas, mit den Wassern
Wort für Wort
siddhārtha-dadhi-toyaiḥ
mit Senf, Dickmilch, Wasser
nirmañchanam
das Abwischen/Umschwenken
kṣāra-uda-anukrameṇa
in der Folge vom Salzmeer an
hṛdā vidyeśa-śambaraiḥ
mit Herzmantra und den Wassern der Vidyeśas
nirmañchana: Reinigungsritus des Abwischens bzw. Umschwenkens von Substanzen über dem Körper. śambara „Wasser“.
Rosenkranz, Buch usw. [übergebe man ihm] und die Befugnis zu den Śiva-[Riten] usw.: „Weihe, Auslegung, Installation usw. sind von heute an von dir, mit Kenntnis [der Sache],
Wort für Wort
akṣa-mālām pustaka-ādi
Rosenkranz, Buch usw.
śivaka-ādi-adhikārakam
Befugnis zu den Śiva-Riten usw.
dīkṣā-vyākhyā-pratiṣṭhā-ādyam
Weihe, Auslegung, Installation usw.
adya-prabhṛti tvayā
von heute an durch dich
śivakādyadhikārakam: Befugnis zu Śiva-Handlungen [?].
nach sorgfältiger Prüfung zu vollziehen“ – so verkünde man den Befehl. Nachdem man dann den Schüler gegrüßt [bzw. ihn hat grüßen lassen] und sich vor Maheśvara niedergeworfen hat,
mache man zur Abwehr der Flammen der Hindernisse [?] folgende Mitteilung: „Zum Zweck der Weihebesprengung bin ich von dir in der Gestalt des Guru beauftragt worden;
Wort für Wort
vighna-jvālā-apanoda-artham
zur Abwehr der Hindernisflammen
vijñāpanām
die Mitteilung
abhiṣeka-artham ādiṣṭaḥ
zur Weihebesprengung beauftragt
tvayā guru-mūrtinā
von dir in Gurugestalt
vighnajvālāpanodārtham: „zur Beseitigung der Hindernis-Glut“ [?].
Dann gebe man die Vollspende und setze den Schüler zur eigenen Rechten. Die an der rechten Hand des Schülers befindlichen Finger, vom Daumen an, der Reihe nach
lāñchayedupabaddhāya dagdhadarbhāgraśambaraiḥ / kusumāni kare datvā praṇāmaṃ kārayedamuṃ //
bezeichne man für den [nun daran] Gebundenen [?] mit den Wassern verbrannter Darbha-Spitzen. Nachdem man ihm Blumen in die Hand gegeben hat, lasse man ihn Verneigung erweisen
vor dem Krug, dem Feuer, Śiva und sich selbst; danach trete er in seine Aufgabe ein: „Die Schüler sind von dir zu begnaden, nachdem sie nach der Lehre wohl geprüft worden sind.“
Für Könige und ebenso für Menschen usw. [erlangt man] durch die Weihebesprengung das Erwünschte; [mit] „āṃ śrāṃ śrauṃ paśuṃ hūṃ phaṭ“ – durch die Besprengung mit dem König der Waffen[-Mantras].
Wort für Wort
bhūpavat mānava-ādīnām
wie für Könige, so für Menschen usw.
abhiṣekāt abhīpsitam
durch die Besprengung das Erwünschte
astra-rāja-abhiṣekataḥ
durch die Besprengung mit dem Waffenkönig
bhūpavan wohl bhūpavat „wie für Könige“. astrarāja: wohl der Pāśupata-Astra-Mantra.