Kapitel 260: sāmavidhānam
Die Anwendung des Sāmaveda (Sāmavidhāna)
Puṣkara nennt Sāman-Saṃhitās, Gruppen (gaṇa) und einzelne Sāmans mit ihren Wirkungen bei Murmeln und Opfer, dazu einen Siegesritus mit Teigfiguren und die Opferstoffe für Frieden und Schadenzauber. Die Eingabe hat keinen Kapiteltitel; das Kolophon nennt irrig „atharvavidhāna“ und die Kapitelzahl 261, obwohl der Inhalt das Sāmavidhāna ist (Titel hier nach dem Inhalt, vgl. V. 1). Die Einheiten umfassen je zwei Ślokas; offenbar sind Zeilen zweier Textreihen ineinandergeschoben (die Liste der achtzehn Śāntis in V. 6–9 unterbricht die Sāman-Anweisungen), und in V. 25 steht die Versziffer mitten im Text.
Puṣkara sprach: Das Yajurvidhāna ist erklärt; ich werde [nun] die Anwendung der Sāmans verkünden. Wer die Vaiṣṇavī-Saṃhitā murmelt und [mit ihr] opfert, hat an allen Wünschen teil. Wer die Gruppe (gaṇa) Śāntātīya opfert, erlangt Frieden.
Wort für Wort
yajurvidhānam kathitam
das Yajurvidhāna ist erklärt
sāmnām vidhānakam
die Anwendung der Sāmans
saṃhitām vaiṣṇavīm japtvā
die Vaiṣṇavī-Saṃhitā murmelnd
śāntātīyam gaṇam hutvā
die Gruppe Śāntātīya opfernd
śāntim āpnoti
erlangt Frieden
yujurvidhānaṅ für yajurvidhānam. Die Einheit umfasst zwei Ślokas.
Wer die Chāndasī-Saṃhitā richtig murmelt, erfreut Śaṅkara. Wer die Skandī- und die Paitryā-Saṃhitā murmelt, erlangt Gnade. Wer die Heilmittel-Gruppe (bhaiṣajya) opfert, beseitigt alle Krankheiten. Wer die Gruppe Trisaptīya opfert, wird von allen Sünden befreit.
yata indra bhajāmahe hiṃsādoṣavināśanaṃ / avakīrṇī mucyate ca agnistigmeti vai japan / kvacinnāpnoti ca bhayaṃ hutvā caivābhayaṅgaṇaṃ / na kvacijjāyate rāma gaṇaṃ hutvā parājitaṃ //
„yata indra bhajāmahe“ vernichtet die Schuld der Verletzung (hiṃsā). Wer sein Keuschheitsgelübde gebrochen hat (avakīrṇin), wird befreit, wenn er „agnis tigmena“ murmelt. Wer die Gruppe Abhaya opfert, gerät nirgends in Gefahr. Wer die Gruppe Aparājita opfert, o Rāma, wird nirgends [besiegt] [?].
Wort für Wort
yataḥ indra bhajāmahe
„wovor, Indra, wir uns fürchten“
hiṃsā-doṣa-vināśanam
die Schuld der Verletzung vernichtend
avakīrṇī mucyate
der Gelübdebrecher wird befreit
abhayam gaṇam
die Gruppe Abhaya
aparājitam gaṇam
die Gruppe Aparājita
Im letzten Pāda fehlt ein Prädikat wie parājitaḥ; parājitam wohl für aparājitam (Name der Gruppe).
Als alle Sünde fortnehmend ist „pari … toyam“ [?] und „tāsu“ [?] zu kennen. Wer Unverkäufliches verkauft hat, murmle „ghṛtavatī“. Wer die Gruppe Āyuṣya opfert, wehrt vorzeitigen Tod ab. Wer die Gruppe Svastyayana opfert, erlangt überall Heil.
„ayā no deva savitar“ [?] ist als böse Träume vernichtend zu kennen. Wer mit dem Spruch „abodhy agniḥ“ vorschriftsgemäß Schmalz [opfert], o Rāma, und ebenso [mit] der Gruppe Śarmavarma, erlangt Verbindung mit dem Heil. Wer die Gruppe Vāstoṣpatya opfert, beseitigt die Mängel der Baustelle.
Nachdem man mit dem Rest des Schmalzes besprengt hat, wird das Binden eines Gürtels (mekhalā) empfohlen für Frauen, deren Leibesfrüchte abgehen, o Bester der Bhṛgus. Ebenso beseitigt man durch Opfer der Gruppe Raudra alle Übel. Mit diesen [Gruppen], zehnfach [wiederholt], opfernd, [vollzieht man] die achtzehn Befriedungen (śānti):
Wort für Wort
abhyukṣya ghṛta-śeṣeṇa
mit dem Schmalzrest besprengt habend
mekhalā-bandhaḥ
das Binden eines Gürtels
garbhāṇi patanti
die Leibesfrüchte fallen ab
raudra-gaṇam
die Gruppe Raudra
aṣṭādaśasu śāntiṣu
bei den achtzehn Befriedungen
Die zweite Hälfte leitet die Liste der achtzehn Śāntis ein, die in V. 7–9 jeweils im zweiten Śloka fortgesetzt wird; die Quelle scheint zwei Textreihen ineinandergeschoben zu haben.
Unmittelbar nach der Geburt binde man dem Kind ein Amulett um; mit diesem [Spruch] „somaṃ rājānam“ wird es von Krankheiten befreit. [Die achtzehn Befriedungen sind:] die Vaiṣṇavī, Aindrī, Brāhmī und Raudrī, ebenso die Vāyavyā, Vāruṇī, Kauverī und Bhārgavī,
Wer das Schlangen-Sāman anwendet, gerät nicht in Gefahr durch Schlangenbiss. [Ebenso?] ein Brahmane, der tausendfach „mādya tvā vādyata“ [?] opfert. [Weiter:] die Prājāpatyā, Tvāṣṭrī, Kaumārī, die dem Feuer geweihte (Āgneyī), die Mārudgaṇā, die Gāndhārī und unter den Befriedungen die Nairṛtī,
Wort für Wort
sarpa-sāma prayuñjānaḥ
das Schlangen-Sāman anwendend
na sarpa-jam bhayam
keine Gefahr durch Schlangen
hutvā vipraḥ sahasraśaḥ
ein Brahmane tausendfach opfernd
prājāpatyā tvāṣṭrī kaumārī
(die Śāntis) Prajāpatis, Tvaṣṭṛs, Kumāras
mārudgaṇā gāndhārī nairṛtī
(die) der Marut-Scharen, der Gandharven, Nirṛtis
sarpajambhayaṃ wohl für sarpajaṃ bhayam. mādya tvā vādyata verderbt; der Satz bleibt ohne Prädikat. śāntair für śāntiṣu.
Wer ein Śatāvarī-Amulett umbindet, gerät nicht in Gefahr durch Waffen. Wer mit „dīrghatamaso 'rkaḥ“ opfert, erlangt viel Speise. Die Āṅgirasī, die Yāmyā und die Pārthivī Befriedung gewähren alle Wünsche. „yas tvā mṛtyuḥ“, gemurmelt, vernichtet den Tod.
Wort für Wort
śatāvarī-maṇim baddhvā
ein Śatāvarī-Amulett umbindend
na śastrataḥ bhayam
keine Gefahr durch Waffen
dīrghatamasaḥ arkaḥ
„das Lied des Dīrghatamas“
āṅgirasī yāmyā pārthivī
(die Śāntis) der Aṅgiras, Yamas, der Erde
yaḥ tvā mṛtyuḥ
„der Tod, der dich …“
Mit Āṅgirasī, Yāmyā, Pārthivī ist die Zahl von achtzehn Śāntis erreicht. śatāvarimaṇibaddhvā für śatāvarīmaṇiṃ baddhvā.
svamadhyāyantīti japanna mriyeta pipāsayā / tvamimā oṣadhī hy etajjaptvā vyādhiṃ na vāpnuyāt / suparṇastveti hutvā ca bhujagair naiva bādhyate / indreṇa dattamityetat sarvakāmakarambhavet //
Wer „svam adhyāyanti“ [?] murmelt, stirbt nicht vor Durst. Wer „tvam imā oṣadhīḥ“ murmelt, verfällt keiner Krankheit. Wer mit „suparṇas tvā“ opfert, wird von Schlangen nicht bedrängt. „indreṇa dattam“ erfüllt alle Wünsche.
Wer auf dem Weg das Devavrata [-Sāman] murmelt, wird von Gefahren befreit. „yad indro munaye tvā“, geopfert, mehrt das Glück. „indreṇa dattam“ vernichtet alle Bedrängnis. Der Spruch „imā devī …“ [?] ist der beste Bringer allen Friedens.
Wort für Wort
pathi devavratam japtvā
auf dem Weg das Devavrata murmelnd
yat indraḥ munaye tvā
„als Indra dich dem Weisen“
saubhāgya-vardhanam
Glück mehrend
sarva-bādhā-vināśanam
alle Bedrängnis vernichtend
sarva-śānti-karaḥ paraḥ
bester Bringer allen Friedens
indreṇa dattam erscheint schon in V. 10 mit anderer Wirkung.
„bhago na citraḥ“ ist so [als Spruch beim] Salben der Augen (añjana) heilsam; es mehrt das Glück, o Rāma, darüber ist nicht nachzugrübeln. „devā marutaḥ“ erfüllt alle Wünsche. „yamasya lokāt“ ist die beste Stillung böser Träume.
Wort für Wort
bhagaḥ na citraḥ
„wie Bhaga leuchtend“
netrayoḥ añjanam hitam
Salben der Augen heilsam
devāḥ marutaḥ
„ihr Götter, Maruts“
yamasya lokāt
„aus Yamas Welt“
duḥsvapna-śamanam param
beste Stillung böser Träume
netrayo rañjanam = netrayor añjanam („Salben der Augen“); kārya für kāryā.
japendreti vargañca tathā saunbhāgyavardhanaṃ / pari priyā hi vaḥ kāriḥ kāmyāṃ saṃśrāvayet striyaṃ / indraś ca pañcabaṇijeti hutaṃ strīṇāṃ saubhāgyavardhanaṃ / kāmo me vājīti hutaṃ strīṇāṃ saubhāgyavardhanaṃ //
Ebenso mehrt die Gruppe „japendra“ [?] das Glück. [Mit] „pari priyā hi vaḥ kāriḥ“ lasse man die begehrte Frau [den Vers] hören. „indraś ca pañca vaṇijaḥ“ [?], geopfert, mehrt das Glück der Frauen. „kāmo me vājī“, geopfert, mehrt das Glück der Frauen.
Wort für Wort
vargam
die Gruppe
kāmyām saṃśrāvayet striyam
lasse die begehrte Frau hören
strīṇām saubhāgya-vardhanam
das Glück der Frauen mehrend
kāmaḥ me vājī
„mein Verlangen, das kraftvolle“
saunbhāgya für saubhāgya. japendreti und pañcabaṇijeti unklar. Der Schluss der zwei letzten Pādas ist identisch.
[Dann] begehrt sie ihn, o Rāma; darüber ist nicht nachzugrübeln. Das Rathantara und das Vāmadevya [-Sāman] mehren den brahmanischen Glanz. [Mit] „tubhyam eva javīman“ [?] sollen zehntausend [Spenden] geopfert werden. „agne gobhir naḥ“ ist das beste Mittel zur Mehrung der Einsicht.
Wort für Wort
sā tam kāmayate
sie begehrt ihn
rathantaram vāmadevyam
das Rathantara, das Vāmadevya
brahma-varcasa-vardhanam
brahmanischen Glanz mehrend
ayutam hutam bhavet
zehntausend seien geopfert
medhā-vṛddhi-karam param
bestes Mittel zur Mehrung der Einsicht
javīmannityayutam unklar; gobhinna für gobhir naḥ.
Man gebe dem Kind täglich in Schmalz getränktes Kalmus-Pulver zu essen. Wer „indram id gāthinaḥ“ murmelt, wird einer, der Gehörtes behält (śrutidhara). „dhruvaṃ dhruveṇa“, geopfert, verschafft eine [feste] Stellung. „alakta-jīva…“ [?] mit „śunam“ [?] verschafft Gewinn im Ackerbau.
Wort für Wort
prāśayet bālakam
man gebe dem Kind zu essen
vacā-cūrṇam ghṛta-plutam
Kalmuspulver in Schmalz
indram it gāthinaḥ
„Indra (preisen) die Sänger“
śruti-dharaḥ
das Gehörte behaltend
sthāna-lābha-karam
eine Stellung verschaffend
kṛṣi-lābha-karam
Gewinn im Ackerbau verschaffend
alaktajīveti śunā unklar; śunā vielleicht für śunam (Pflugsegen).
Wer opfert und das Rathantara murmelt, erlangt zweifellos einen Sohn. Der Spruch „mayi śrīḥ“ ist zur Mehrung des Glücks zu murmeln. „ahaṃ te bhagnaḥ“ [?] mehrt das Glück. „ye me pāśāḥ“ ist ebenso Ursache der Befreiung aus Fesseln.
Wer beständig das Achter (aṣṭaka) des Vairūpa [-Sāman] anwendet, erlangt Glück; wer sieben Achter anwendet, erlangt alle Wünsche. Mit „śapantv aham“ [?] vernichte man durch Opfer und Murmeln die Feinde. „tvam uttamam“ mehrt Ruhm und Einsicht.
Wer beständig abends und morgens unermüdlich mit „gavyeṣuṇā“ die Kühe verehrt, bei dem bleiben sie stets im Haus. „yathā mṛgam“ mehrt das Glück der Frauen. „yena ceha…“ [?] verschafft Empfängnis.
Einen Droṇa Gerste, mit Schmalz bestrichen, [opfere man] mit „vāta ā vātu bheṣajam“; damit beseitigt man vorschriftsgemäß alle Zauberei (māyā). „ayaṃ te yoniḥ“ verschafft einen Sohn. „śivaḥ śivābhiḥ“ mehrt das Glück.
Wer mit „pra devo dāsena“ [?] Sesam opfert, zerschneidet Zauberwerk (kārmaṇa). „abhi tvā pūrvapītaye“ [wird] mit dem Vaṣaṭ-Ruf versehen [geopfert]. „bṛhaspatir naḥ paripātu“ ist ein Heilsspruch auf dem Weg. „muñcāmi tvā“ wird als Abwehr vorzeitigen Todes genannt.
Wort für Wort
tilān hutvā
Sesam opfernd
kārmaṇa-kṛntanam
Zauberwerk zerschneidend
abhi tvā pūrvapītaye
„dich zum ersten Trunk“
vaṣaṭkāra-samanvitam
mit dem Vaṣaṭ-Ruf versehen
bṛhaspatiḥ naḥ paripātu
„Bṛhaspati schütze uns ringsum“
muñcāmi tvā
„ich befreie dich“
Beim zweiten Pratīka ist die Wirkung nicht angegeben.
Tausend Vāsaka-Brennhölzer, geopfert, verleihen Sieg im Kampf. Der Kundige mache schöne Figuren von Elefanten, Pferden und Männern aus Teig. Wer das Atharvaśiras studiert, wird von allen Sünden befreit. Vorwiegend nach den Sprüchen [geordnet] ist dir [hier] einiges an Ritual genannt.
Wort für Wort
vāsaka-idhma-sahasram
tausend Vāsaka-Brennhölzer
yuddhe jaya-pradam
im Kampf Sieg verleihend
hasti-aśva-puruṣān piṣṭa-mayān
Elefanten, Pferde, Männer aus Teig
atharvaśirasaḥ adhyetā
wer das Atharvaśiras studiert
prādhānyena mantrāṇām
vorwiegend nach den Sprüchen
Der erste Śloka gehört zum Siegesritus (V. 22–24), der zweite zum Abschluss des Sāmavidhāna.
Auf die Feinde und deren Anführer zielend, [nehme er] gut gedünstete, vorzügliche Teigfiguren und schneide sie mit einem Messer stückweise auf. Die Brennhölzer von opfertauglichen Bäumen sind die erste Opfergabe, ebenso Schmalz, Reis und weißer Senf,
abhi tvā śūra ṇonumo mantreṇānena mantravit / kṛtvā sarṣapatailāktān krodhena juhuyāttataḥ / akṣatāni tilāś caiva dadhikṣīre ca bhārgava / darbhāstathaiva dūrvāś ca vilvāni kamalāni ca //
mit diesem Spruch „abhi tvā śūra nonumaḥ“ opfere der Spruchkundige sie dann zornig, nachdem er sie mit Senföl bestrichen hat. Unenthülste Körner, Sesam, Sauermilch und Milch, o Bhārgava, Darbha-Gras, ebenso Dūrvā-Gras, Bilva-Früchte und Lotusblüten,
Hat der Kundige diese Handlung vollzogen, erlangt er Sieg im Kampf. Das Gāruḍa, das Vāmadevya, das Rathantara und das Bṛhadratha [-Sāman] … Diese Opferstoffe nennt man insgesamt Frieden und Gedeihen bewirkend. Öl, Körnchen [?], o Pflichtkundiger, schwarzer Senf, Blut, Gift,
Wort für Wort
jayam āpnuyāt
er erlange Sieg
gāruḍam vāmadevyam
das Gāruḍa, das Vāmadevya
rathantara-bṛhadrathau
Rathantara und Bṛhadratha
śānti-puṣṭi-karāṇi dravyāṇi
Frieden und Gedeihen bewirkende Stoffe
tailam rājikā rudhiram viṣam
Öl, schwarzer Senf, Blut, Gift
Der Satz mit den vier Sāmans bleibt ohne Prädikat (Fortsetzung in V. 25a). kaṇāni unsicher.
[jene Sāmans] werden ohne Zweifel als alle Sünde beschwichtigend genannt. Dornige Brennhölzer verwende man bei Schadenzaubern. Wer Seher, Gottheit, Metrum und Verwendung (viniyoga) kennt, vollziehe [die Handlung].
Wort für Wort
sarva-pāpa-praśamanāḥ
alle Sünde beschwichtigend
samidhaḥ kaṇṭaka-upetāḥ
dornige Brennhölzer
abhicāreṣu yojayet
verwende man bei Schadenzaubern
ārṣam daivatam chandaḥ
Seher, Gottheit, Metrum
viniyoga-jñaḥ ācaret
der Verwendungskundige vollziehe
Im Sanskrit-Text steht mitten in der Einheit die Versziffer „//25“; der Vers ist also aus zwei Hälften zusammengesetzt.