Kapitel 6: śrīrāmāvatāravarṇanaṃ
Beschreibung der Herabkunft des erhabenen Rāma (Ayodhyākāṇḍa)
Nārada fährt mit dem Rāmāyaṇa fort: Daśarathas Plan der Thronfolgerweihe, Mantharās Intrige und Kaikeyīs zwei Wünsche, Rāmas Auszug mit Sītā und Lakṣmaṇa bis Citrakūṭa, Daśarathas Tod nach Erzählung der Yajñadatta-Geschichte, Bharatas Rückkehr und seine Herrschaft mit Rāmas Sandalen in Nandigrāma. Das Kolophon nennt das Kapitel „ayodhyākāṇḍavarṇana“. Vers 49 hat drei Halbverse.
guṇānurāgādrājye tvaṃ prajābhirabhiṣecitaḥ / manasāhaṃ prabhāte te yauvarājyaṃ dadāmi ha //
Aus Zuneigung zu deinen Tugenden wirst du von den Untertanen zur Herrschaft geweiht [gewünscht]; in Gedanken [beschlossen] gebe ich dir morgen früh die Würde des Thronfolgers.
Wort für Wort
guṇa-anurāgāt
aus Zuneigung zu (deinen) Tugenden
rājye abhiṣecitaḥ
zur Herrschaft geweiht
prajābhiḥ
von den Untertanen
prabhāte
am Morgen
yauvarājyam dadāmi
ich gebe die Thronfolgerwürde
abhiṣecitaḥ hier im Sinn von „zur Weihe bestimmt“.
pitrādivacanaṃ śrutvā tathetyuktvā sa rāghavaḥ / sthito devārcanaṃ kṛtvā kauśalyāyai nivedya tat //
Als Rāghava die Worte des Vaters und der übrigen gehört hatte, sagte er ‚So sei es‘, verrichtete die Götterverehrung, teilte es Kauśalyā mit und verweilte [dort].
Der König sprach zu Vasiṣṭha und den übrigen: ‚Für die Weihe Rāmas zur Herrschaft sollen die Zurüstungen bereitet werden‘, und nachdem er das gesagt hatte, ging er zu Kaikeyī.
Wegen einer Verfehlung war sie [einst] von Rāma an den Füßen gepackt und geschleift worden; aus dieser Feindschaft wünschte sie Rāmas Verbannung in den Wald.
das Königsgeschlecht aber, Kaikeyī, wird an Bharata vorbeigehen. Einst, im Kampf zwischen Göttern und Asuras, als die Götter von Śambara geschlagen wurden,
ging dein Gatte nachts dorthin und wurde von dir durch [deine] Wissenskunst gerettet. Damals gewährte er [dir] zwei Wünsche; fordere diese jetzt vom König ein:
Du, die [meine] Gattin, bist die Todesnacht; Bharata ist kein solcher Sohn. Herrsche als Witwe über das Reich, wenn ich gestorben und der Sohn fortgegangen ist!‘
Wort für Wort
bhāryā kālarātrī
die Gattin (als) Todesnacht
na īdṛśaḥ sutaḥ
kein solcher Sohn
praśādhi
regiere
vidhavā rājyam
als Witwe das Reich
mṛte mayi gate sute
wenn ich tot und der Sohn fort ist
kālarātrī: die Nacht der Weltvernichtung, Bild des Verderbens.
Durch die Fessel der Wahrhaftigkeit gebunden, rief er Rāma herbei und sprach: ‚Ich bin von Kaikeyī betrogen worden, Rāma; setze mich fest und übe die Herrschaft aus!
[Sonst] musst du im Wald wohnen, und Bharata, [der Sohn] Kaikeyīs, wird König.‘ [Rāma] verneigte sich vor dem Vater und vor Kaikeyī, umschritt sie rechtsherum,
gab er den Brahmanen sowie den Armen und Schutzlosen Geschenke und zog, [begleitet] von den Müttern und den kummervollen Brahmanen usw., aus der Stadt.
uṣitvā tamasātīre rātrau paurān vihāya ca / prabhāte tamapaśyanto 'yodhyāṃ te punarāgatāḥ //
Nachdem er am Ufer der Tamasā übernachtet und in der Nacht die Städter zurückgelassen hatte, kehrten diese am Morgen, da sie ihn nicht sahen, nach Ayodhyā zurück.
lakṣmaṇaḥ sa guho rātrau cakraturjāgaraṃ hi tau / sumantraṃ sarathaṃ tyaktvā prātar nāvātha jāhnavīṃ //
Lakṣmaṇa und Guha, diese beiden, hielten in der Nacht Wache. Am Morgen ließ er Sumantra mit dem Wagen zurück, und dann [überquerten sie] mit dem Boot die Jāhnavī [Gaṅgā].
Der Krähe, die sie mit den Krallen zerkratzte, schoss er mit der Grashalm-Waffe (Aiṣika) ein Auge aus; sie ließ die Götter [als Helfer] fahren und nahm Zuflucht [bei ihm].
Als Rāma in den Wald gegangen war, erzählte der König am sechsten Tag in der Nacht der Kauśalyā eine alte Geschichte, wie einst [jemand] aus Unwissenheit getötet worden war:
‚In meiner Jugend, am Ufer der Śarayū, [traf ich] den Knaben Yajñadatta durch einen Schuss nach dem Geräusch, als er mit einem Krug ein Geräusch machte. Dessen Vater
Wort für Wort
kaumāre
in der Jugend
śarayū-tīre
am Ufer der Śarayū
yajñadatta-kumārakaḥ
der Knabe Yajñadatta
śabda-bhedāt
durch Schießen nach dem Laut
kumbhena śabdam kurvan
mit dem Krug Lärm machend
śabdabheda: Schießen auf ein Geräusch hin, ohne das Ziel zu sehen.
verfluchte [mich], klagend mit der Mutter, von Kummer ergriffen und immer wieder weinend: „Ohne den Sohn werden wir beide sterben, und auch du wirst aus Kummer sterben.“‘
‚Des Sohnes beraubt, daran denkend, [tritt] aus Kummer mein Tod [ein], Kauśalyā.‘ Nachdem der König die Geschichte erzählt und ‚Ach Rāma!‘ gerufen hatte, ging er in den Himmel ein.
Da weinten Männer und Frauen. Bharata wurde dann samt Śatrughna von Vasiṣṭha und den übrigen eilends aus dem Königshaus [seines Oheims] in die Stadt geholt.
Nachdem er den Vater, der in einem Ölbottich lag, am Ufer der Sarayū bestattet hatte, wurde er von Vasiṣṭha und den anderen Leuten aufgefordert: ‚Übe die Herrschaft aus!‘ Er sprach:
Zur Herrschaft werde ich nicht kommen; um der Wahrhaftigkeit willen trage ich Rindengewand und Flechtenhaar.‘ Von Rāma angewiesen, ging Bharata und blieb, der Starke, in Nandigrāma; Ayodhyā verlassend, verehrte er jene Sandalen und schützte das Reich.
Wort für Wort
rājyāya na āyāsyāmi
zur Herrschaft werde ich nicht kommen
satyāt
um der Wahrheit willen
cīra-jaṭā-dharaḥ
Rindengewand und Flechten tragend
nandigrāme sthitaḥ
in Nandigrāma weilend
pāduke pūjya
die Sandalen verehrend
rājyam apālayat
schützte das Reich
Vers mit drei Halbversen; rājyāyāhannayāsyāmi = rājyāya ahaṃ na āyāsyāmi.