Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 203: narakasvarūpam Das Wesen der Höllen

Agni schildert Tod, Wanderung zum Totengott Yama und die Strafen in den einzelnen Höllen, wobei jedem Vergehen (Kuh- und Brahmanenmord, Diebstahl, Ehebruch, Meineid usw.) ein bestimmter Höllenort zugeordnet wird. Zum Schluss wird festgestellt, dass Monatsfastende sowie Hüter des Ekādaśī- und Bhīṣmapañcaka-Gelübdes nicht in die Hölle gelangen. Vers 20 ist nur ein Halbvers; mehrere Höllennamen und Vergehen sind durch Verschreibungen unsicher (u. a. narakāndave, kācabhakṣī, medinaḥ).

agnir uvāca | puṣpādyaiḥ pūjanādviṣṇor na yāti narakāndave / āyuṣo 'nte naraḥ prāṇairanicchannapi mucyate //

Agni sprach: Durch Verehrung Viṣṇus mit Blumen und dergleichen gelangt man gewiss nicht in die Höllen. Am Ende der Lebenszeit wird der Mensch, auch wenn er es nicht will, von den Lebenshauchen getrennt.

Wort für Wort
puṣpa-ādyaiḥ pūjanāt
durch Verehrung mit Blumen usw.
na yāti narakān
gelangt nicht in die Höllen
āyuṣaḥ ante
am Ende der Lebenszeit
anicchan api
auch wenn er nicht will
prāṇaiḥ mucyate
wird von den Lebenshauchen getrennt

narakāndave ist verderbt; wohl narakān dhruvam o. ä. ('gewiss nicht in die Höllen').

jalamagnirviṣaṃ śastraṃ kṣudvyādhiḥ patanaṃ gireḥ / nimittaṃ kiñcidāsādya dehī prāṇairvimucyate //

Wasser, Feuer, Gift, Waffe, Hunger, Krankheit, Sturz von einem Berg – auf irgendeinen Anlass treffend wird der Verkörperte von den Lebenshauchen getrennt.

Wort für Wort
jalam agniḥ viṣam śastram
Wasser, Feuer, Gift, Waffe
kṣut vyādhiḥ
Hunger, Krankheit
patanaṃ gireḥ
Sturz vom Berg
nimittam āsādya
auf einen Anlass treffend
dehī
der Verkörperte

anyaccharīramādatte yātanīyaṃ svakarmabhiḥ / bhuṅkte 'tha pāpakṛt duḥkhaṃ sukhaṃ dharmāya saṅgataḥ //

Er nimmt einen anderen Körper an, der gemäß seinen eigenen Taten zu peinigen ist; der Übeltäter erfährt dann Leid, wer mit dem Recht [dharma] verbunden ist, Glück.

Wort für Wort
anyat śarīram ādatte
nimmt einen anderen Körper an
yātanīyam
zu peinigen
sva-karmabhiḥ
gemäß den eigenen Taten
pāpa-kṛt
der Übeltäter
dharmāya saṅgataḥ
mit dem Recht verbunden

nīyate yamadūtaistu yamaṃ prāṇibhayaṅkaraiḥ / kupathe dakṣiṇadvāri dharmikaḥ paścimādibhiḥ //

Er wird von den Boten Yamas, die den Lebewesen Furcht einflößen, zu Yama geführt – [der Sünder] auf schlechtem Weg zum südlichen Tor, der Gerechte durch das westliche und die übrigen.

Wort für Wort
yama-dūtaiḥ
von Yamas Boten
prāṇi-bhayaṃkaraiḥ
den Lebewesen Furcht einflößend
ku-pathe
auf schlechtem Weg
dakṣiṇa-dvāri
zum südlichen Tor
dhārmikaḥ
der Gerechte

yamājñaptaiḥ kiṅkaraistu pātyate narakeṣu ca / svarge tu nīyate dharmād vasiṣṭhādyuktisaṃśrayāt //

Von den Dienern, die Yama beauftragt hat, wird [der Sünder] in die Höllen gestürzt; in den Himmel aber wird [der Mensch] aufgrund seines Rechtwandels geführt, weil er sich an die Worte Vasiṣṭhas und anderer gehalten hat.

Wort für Wort
yama-ājñaptaiḥ kiṅkaraiḥ
von Yama beauftragten Dienern
pātyate
wird gestürzt
svarge nīyate
wird in den Himmel geführt
dharmāt
aufgrund des Rechts
vasiṣṭha-ādi-ukti-saṃśrayāt
durch Befolgen der Worte Vasiṣṭhas usw.

goghātī tu mahāvīcyāṃ varṣalakṣantu pīḍyate / āmakumbhe mahādīpte brahmahā bhūmihārakaḥ //

Der Kuhmörder wird in [der Hölle] Mahāvīci hunderttausend Jahre lang gequält; im glühend heißen Āmakumbha [Anm.: 'ungebrannter Topf'] der Brahmanenmörder; der Landräuber

Wort für Wort
go-ghātī
der Kuhmörder
mahā-vīcyām
in Mahāvīci
varṣa-lakṣam
hunderttausend Jahre
āma-kumbhe mahā-dīpte
im glühenden Āmakumbha
brahma-hā
der Brahmanenmörder

mahāpralayakaṃ yāvadraurave pīḍyate śanaiḥ / strībālavṛddhahantā tu yāvadindrāś caturdaśa //

wird bis zur großen Weltauflösung langsam in Raurava gequält. Wer Frauen, Kinder und Greise tötet, [wird gequält,] solange vierzehn Indras [regieren],

Wort für Wort
bhūmi-hārakaḥ
der Landräuber
mahā-pralayakam yāvat
bis zur großen Weltauflösung
raurave
in Raurava
strī-bāla-vṛddha-hantā
Mörder von Frauen, Kindern, Greisen
yāvat indrāḥ caturdaśa
solange vierzehn Indras

mahārauravake raudre gṛhakṣetrādidīpakaḥ / dahyate kalpamekaṃ sa caurastāmisrake patet //

im schrecklichen Mahāraurava. Wer Häuser, Felder und dergleichen in Brand steckt, wird ein Weltzeitalter [kalpa] lang verbrannt. Der Dieb fällt in Tāmisra

Wort für Wort
mahā-rauravake raudre
im schrecklichen Mahāraurava
gṛha-kṣetra-ādi-dīpakaḥ
Brandstifter von Häusern, Feldern usw.
dahyate kalpam ekam
wird ein Kalpa verbrannt
cauraḥ
der Dieb
tāmisrake patet
fällt in Tāmisra

naikakalpantu śūlādyairbhidyate yamakiṅkaraiḥ / mahātāmisrake sarpajalaukādyaiś ca pīḍyate //

und wird mehr als ein Weltzeitalter lang von den Dienern Yamas mit Spießen und dergleichen durchbohrt. In Mahātāmisra werden durch Schlangen, Blutegel und dergleichen gequält,

Wort für Wort
na eka-kalpam
nicht nur ein Kalpa
śūla-ādyaiḥ bhidyate
wird mit Spießen usw. durchbohrt
mahā-tāmisrake
in Mahātāmisra
sarpa-jalaukā-ādyaiḥ
durch Schlangen, Blutegel usw.
pīḍyate
wird gequält

yāvadbhūmirmātṛhādyā asipatravane 'sibhiḥ / naikakalpantu narake karambhavālukāsu ca //

solange die Erde besteht, die Muttermörder und dergleichen; im Asipatravana [Anm.: 'Schwertblätterwald'] mit Schwertern mehr als ein Weltzeitalter lang in der Hölle, und in den Karambhavālukās [Anm.: 'Glutsand'-Hölle]

Wort für Wort
yāvat bhūmiḥ
solange die Erde [besteht]
mātṛ-hā-ādyāḥ
Muttermörder usw.
asi-patra-vane
im Schwertblätterwald
asibhiḥ
mit Schwertern
karambha-vālukāsu
im Glutsand

yena dagdho janastatra dahyate vālukādibhiḥ / kākole kṛmiviṣṭhāśī ekākī miṣṭabhojanaḥ //

wird, wer einen Menschen verbrannt hat, dort mit Sand und dergleichen verbrannt. In Kākola isst Würmer und Kot, wer allein Süßes verzehrt.

Wort für Wort
yena dagdhaḥ janaḥ
wer einen Menschen verbrannt hat
vālukā-ādibhiḥ
mit Sand usw.
kākole
in Kākola
kṛmi-viṣṭhā-āśī
Würmer und Kot essend
ekākī miṣṭa-bhojanaḥ
allein Süßes essend

kuṭṭale mūtraraktāśī pañcayajñakriyojjhitaḥ / sudurgandhe raktabhojī bhaveccābhakṣyabhakṣyakaḥ //

In Kuṭṭala trinkt Harn und Blut, wer die Verrichtung der fünf [großen] Opfer unterlassen hat; in Sudurgandha wird zum Bluttrinker, wer Unessbares isst.

Wort für Wort
kuṭṭale
in Kuṭṭala
mūtra-rakta-āśī
Harn und Blut genießend
pañca-yajña-kriyā-ujjhitaḥ
die fünf Opfer unterlassend
sudurgandhe
in Sudurgandha
abhakṣya-bhakṣyakaḥ
Unessbares essend

tailapāke tu tilavat pīḍyate parapīḍakaḥ / tailapāke tu pacyeta śaraṇāgataghātakaḥ //

In Tailapāka wird, wer andere quält, wie Sesam gepresst; in Tailapāka wird gekocht, wer einen Schutzsuchenden tötet.

Wort für Wort
taila-pāke
in Tailapāka ('Ölkochen')
tilavat pīḍyate
wird wie Sesam gepresst
para-pīḍakaḥ
wer andere quält
pacyeta
wird gekocht
śaraṇa-āgata-ghātakaḥ
Mörder eines Schutzsuchenden

nirucchāse dānanāśī rasavikrayako 'dhvare / nāmnā vajrakavāṭena mahāpāte tadānṛtī //

In Nirucchvāsa [gerät], wer Gaben vernichtet; wer beim Opfer Säfte verkauft, in [die Hölle] namens Vajrakavāṭa; in Mahāpāta sodann der Lügner.

Wort für Wort
nirucchvāse
in Nirucchvāsa ('ohne Atem')
dāna-nāśī
Vernichter von Gaben
rasa-vikrayakaḥ adhvare
Saftverkäufer beim Opfer
vajra-kavāṭena
Vajrakavāṭa ('Diamanttür')
anṛtī
der Lügner

nirucchāse für nirucchvāse.

mahājvāle pāpabuddhiḥ krakace 'gamyagāminaḥ / saṅkarī guḍapāke ca pratudet paramarmanut //

In Mahājvāla der Übelgesinnte; in Krakaca die, die zu verbotenen [Frauen] gehen; wer Kastenmischung herbeiführt, in Guḍapāka; in Pratuda, wer die Lebensstellen anderer verletzt.

Wort für Wort
mahā-jvāle
in Mahājvāla
pāpa-buddhiḥ
der Übelgesinnte
krakace
in Krakaca ('Säge')
agamya-gāminaḥ
die zu Verbotenen gehen
para-marma-nut
wer die Lebensstellen anderer verletzt

pratudet ist wohl als pratude (Lokativ, Höllenname) zu lesen.

kṣārahrade prāṇihantā kṣuradhāre ca bhūmihṛt / ambarīṣe gosvarṇahṛd drumacchidvajraśastrake //

In Kṣārahrada der Tiermörder und in Kṣuradhāra der Landräuber; in Ambarīṣa, wer Kühe oder Gold raubt; in Vajraśastraka, wer Bäume fällt.

Wort für Wort
kṣāra-hrade
im Ätzlaugensee
prāṇi-hantā
Mörder von Lebewesen
kṣura-dhāre
in Kṣuradhāra ('Messerschneide')
go-svarṇa-hṛt
Kuh- oder Golddieb
druma-chit
Baumfäller

madhuhartā parītāpe kālasūtre parārthahṛt / kaśmale 'tyantamāṃsāśī ugragandhe hy apiṇḍadaḥ //

Der Honigdieb in Parītāpa; in Kālasūtra, wer das Gut anderer raubt; in Kaśmala, wer übermäßig Fleisch isst; in Ugragandha, wer keine Totenklöße spendet.

Wort für Wort
madhu-hartā
Honigdieb
parītāpe
in Parītāpa
kāla-sūtre
in Kālasūtra
atyanta-māṃsa-āśī
übermäßiger Fleischesser
apiṇḍa-daḥ
wer keine Totenklöße spendet

durdhare tu kācabhakṣī vandigrāharatāś ca ye / mañjuṣe narake lohe 'pratiṣṭhe śrutinindakaḥ //

In Durdhara aber der Bestechliche [?] und die, die sich am Festsetzen von Gefangenen ergötzen; in der eisernen Hölle Mañjuṣa [?]; in Apratiṣṭha der Schmäher der heiligen Offenbarung.

Wort für Wort
durdhare
in Durdhara
lañca-bhakṣī
der Bestechliche [?]
bandi-grāha-ratāḥ
am Festsetzen von Gefangenen Ergötzte
mañjuṣe lohe
in der eisernen Mañjuṣa
śruti-nindakaḥ
Schmäher der Offenbarung

kācabhakṣī ist wohl für lañcabhakṣī (Bestechung nehmend) verschrieben [?]; die Zuordnung zu Mañjuṣa ist unklar.

pūtivaktre kūṭasākṣī pariluṇṭhe dhanāpahā / bālastrīvṛddhaghātī ca karāle brāhmaṇārtikṛt //

In Pūtivaktra der falsche Zeuge; in Pariluṇṭha, wer Reichtum raubt; und wer Kinder, Frauen und Greise tötet und wer Brahmanen quält, in Karāla.

Wort für Wort
pūti-vaktre
in Pūtivaktra ('Faulmaul')
kūṭa-sākṣī
der falsche Zeuge
dhana-apahā
Räuber von Reichtum
karāle
in Karāla
brāhmaṇa-ārti-kṛt
wer Brahmanen quält

vilepe madyapo vipro mahātāmre tu medinaḥ //20 //

In Vilepa der Brahmane, der Rauschtrank trinkt; in Mahātāmra die Zwietrachtstifter [?].

Wort für Wort
vilepe
in Vilepa
madya-paḥ vipraḥ
der Rauschtrank trinkende Brahmane
mahā-tāmre
in Mahātāmra
bhedinaḥ
die Zwietrachtstifter [?]

Nur ein Halbvers überliefert; medinaḥ ist wohl für bhedinaḥ verschrieben [?].

tathākramya pāradārān jvalantīmāyasīṃ śilāṃ / śālmalākhye tamāliṅgen nārī bahunaraṅgamā //

Ebenso [lässt man] die Ehebrecher eine glühende eiserne Platte besteigen; in [der Hölle] namens Śālmala muss die Frau, die mit vielen Männern verkehrt, jenen [glühenden Baum] umarmen.

Wort für Wort
ākramya
besteigend
pāradārān
die Ehebrecher
jvalantīm āyasīṃ śilām
die glühende Eisenplatte
śālmala-ākhye
in der Śālmala genannten
bahu-naraṃ-gamā
mit vielen Männern verkehrend

Das Objekt von āliṅget (tam) ist nicht genannt; vermutlich der glühende Śālmali-Baum.

āsphoṭajihvoddharaṇaṃ strīkṣaṇān netrabhedanaṃ / aṅgārarāśau kṣipyante mātṛputryādigāminaḥ //

Den Prahlern wird die Zunge herausgerissen, denen, die [fremde] Frauen [lüstern] ansehen, werden die Augen ausgestochen; auf einen Haufen glühender Kohlen werden geworfen, die mit Mutter, Tochter und dergleichen verkehren.

Wort für Wort
āsphoṭa-jihvā-uddharaṇam
Zungenausreißen für Prahler [?]
strī-īkṣaṇān
die Frauen ansehen
netra-bhedanam
Ausstechen der Augen
aṅgāra-rāśau
auf einen Kohlenhaufen
mātṛ-putrī-ādi-gāminaḥ
die mit Mutter, Tochter usw. verkehren

āsphoṭa ('Armklatschen') als Prahlerei gedeutet [?].

caurāḥ kṣuraiś ca bhidyante svamāṃsāśī ca māṃsabhuk / māsopavāsakartā vai na yāti narakannaraḥ //

Diebe werden mit Schermessern zerschnitten, und wer Fleisch isst, muss sein eigenes Fleisch essen. Wer aber das Monatsfasten vollzieht, gelangt nicht in die Hölle,

Wort für Wort
caurāḥ kṣuraiḥ bhidyante
Diebe werden mit Messern zerschnitten
sva-māṃsa-āśī
sein eigenes Fleisch essend
māṃsa-bhuk
der Fleischesser
māsa-upavāsa-kartā
wer das Monatsfasten vollzieht
na yāti narakam
gelangt nicht in die Hölle

ekādaśīvratakaro bhīṣmapañcakasad vratī //

[ebenso] wer das Ekādaśī-Gelübde vollzieht und wer das Bhīṣmapañcaka-Gelübde recht hält.

Wort für Wort
ekādaśī-vrata-karaḥ
wer das Gelübde am elften Tag hält
bhīṣma-pañcaka
Bhīṣmapañcaka
sat-vratī
der rechte Gelübdehalter

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