Kapitel 54: liṅgamānādikathanam
Darlegung der Maße usw. des Liṅga
Der Erhabene erläutert die Materialien des Liṅga (Salz, Butterschmalz, Stoff, Ton, Holz, Stein, Perlen, Metalle, Quecksilber) und ihre Wirkungen, die Größenklassen beweglicher und feststehender Liṅgas (insgesamt 108), die Āya-Rechnung, die Typen Āḍhya, Anāḍhya, Surejya, Tulya und Vardhamāna, die Kopfformen sowie die Proportionen der vier-, drei- und eingesichtigen Mukhaliṅgas. Das Kolophon nennt das Kapitel abweichend 'vyaktāvyaktalakṣaṇa' (Kennzeichen des manifesten und unmanifesten [Liṅga]). Der Text ist in den technisch-mathematischen Partien (bes. V. 14-31, 40-47) stark verderbt; mehrere Zahlenangaben und Typennamen sind unsicher.
Der Erhabene sprach: Ich will auf andere Weise [das Thema] der Maße usw. des Liṅga darlegen; höre! Ich will [zunächst] das aus Salz gefertigte Liṅga nennen; das aus Butterschmalz gefertigte mehrt die Einsicht.
Zum Wohlergehen [dient] das Liṅga aus Stoff; dieses Liṅga gilt als nur für den Augenblick bestimmt. Das tönerne ist gebrannt oder ungebrannt; besser als das ungebrannte ist das gebrannte.
tato dārumayaṃ puṇyaṃ dārujāt śailajaṃ varaṃ / śailādvaraṃ tu muktājaṃ tato lauhaṃ suvarṇajaṃ //
Danach ist das hölzerne verdienstvoll; besser als das hölzerne ist das steinerne; besser aber als das steinerne ist das aus Perlen; danach [folgen] das metallene und das goldene.
Das silberne, das kupferne und das messingene werden als Genuss und Erlösung gewährend gepriesen; das aus Zinn [?] gefertigte und das Quecksilber-Liṅga sind vorzüglich und gewähren Genuss und Erlösung.
Wort für Wort
rājatam
silbern
tāmram
kupfern
paittalam
aus Messing
bhukti-mukti-dam
Genuss und Erlösung gebend
raṅgajam
aus Zinn (raṅga) gefertigt
rasa-liṅgam
Quecksilber-Liṅga
raṅga wohl 'Zinn'; die Bedeutung ist nicht ganz sicher.
Das aus Quecksilber gefertigte und das, welches Quecksilber, Metalle usw. und Edelsteine im Inneren birgt, soll [Gedeihen] mehren. Ein Maß usw. ist nicht erforderlich bei einem [Liṅga], das von Siddhas usw. aufgestellt wurde, und bei einem selbstentstandenen.
Wort für Wort
rasajam
aus Quecksilber
rasa-loha-ādi-ratna-garbham
Quecksilber, Metalle usw. und Edelsteine im Inneren tragend
Und im Vāma-[System] [?] richtet sich die Anlage von Sockel und Tempel für diese nach Belieben. Man verehre [den Gott] als im Sonnenbild befindlich [oder] im Spiegel widergespiegelt.
Wort für Wort
vāme
im Linken / im Vāma-[Kult]
sva-icchayā
nach eigenem Belieben
pīṭha-prāsāda-kalpanā
Anlage von Sockel und Tempel
sūrya-bimba-stham
im Sonnenbild befindlich
darpaṇe prati-bimbitam
im Spiegel widergespiegelt
vāme ist mehrdeutig (linksseitig bzw. im Vāma-Kult); 'vimba' = bimba.
Hara ist überall verehrungswürdig; im Liṅga aber geschieht die vollständige Verehrung. Das steinerne [Liṅga] ist nach dem Maß 'von einer Hand an aufwärts' [bemessen], ebenso auch das hölzerne.
Das bewegliche [Liṅga] wird nach dem Aṅgula-Maß [bemessen]; [das feststehende] beruht auf [den Maßen von] Tür, Cella und Hand. Ein Hausliṅga soll von einem Aṅgula bis zu fünfzehn Aṅgulas [groß] sein.
Wort für Wort
calam
beweglich
aṅgula-mānena
nach dem Fingerbreit-Maß
dvāra-garbha-karaiḥ
nach Tür, Cella und Hand
gṛha-liṅgam
Hausliṅga
yāvat pañcadaśa-aṅgulam
bis zu fünfzehn Aṅgulas
pañcaśāṅgulaṃ wohl verschrieben für pañcadaśāṅgulaṃ (vgl. V. 12).
Nach dem Türmaß ist es dreifach, nach dem Cellamaß neunfach; nach dem neunfach [gestuften] Cellamaß [bemessen] soll man das Liṅga auch im Tempel verehren.
Wort für Wort
dvāra-mānāt
nach dem Türmaß
tri-saṅkhyākam
dreizählig
navadhā
neunfach
garbha-mānataḥ
nach dem Maß der Cella
dhāmni
im Tempel
pūjayet
soll verehren
Die Wiederholung 'navadhā garbhamānena' ist auffällig; vielleicht ist im zweiten Fall hastamānena (Handmaß) zu lesen.
Aus großen Edelsteinen [sei das Liṅga] sechs Aṅgulas, aus anderen Edelsteinen neun Aṅgulas; das aus einer Goldmasse gefertigte Liṅga [habe] zwölf, [die Liṅgas] aus den übrigen [Stoffen] fünfzehn.
ṣoḍaśāṃśe ca vedāṃśe yugaṃ luptvordhvadeśataḥ / dvātriṃśatṣoḍaśāṃśāṃś ca koṇayostu vilopayet //
Bei [einer Einteilung in] sechzehn Teile und in vier Teile nehme man vier [Teile] vom oberen Bereich weg; und an den beiden Ecken soll man zweiunddreißig [bzw.] sechzehn Teile [?] abtragen.
Wort für Wort
ṣoḍaśa-aṃśe
bei sechzehn Teilen
veda-aṃśe
bei vier Teilen (Veda = 4)
yugam luptvā
vier (yuga) wegnehmend
ūrdhva-deśataḥ
vom oberen Bereich
koṇayoḥ
an den beiden Ecken
vilopayet
soll abtragen
Technische Anweisung zur Formung des beweglichen Liṅga; Zahlenangaben im Text unklar.
Durch Einsetzen von vier [Teilen] entsteht der Hals, ebenso [der Rest] mit zwanzig [bzw.] dreimal vier [Teilen] [?]; wenn beide Seiten abgetragen sind, wird das bewegliche Liṅga vorzüglich.
Die Tür [bemisst sich] nach dem Tempel mit vier, sechs und acht Teilen, der Reihe nach vom geringsten [Maß] an. Unterhalb der Höhe der Tür soll das Liṅga sein, der Reihe nach um ein Viertel vermindert.
evaṃ syurnava sūtrāṇi bhūtasūtraiś ca madhyamaṃ / dvyantaro vāmavāmañca liṅgānāṃ dīrghatā nava //
So ergeben sich neun Schnüre; mit der fünften Schnur [ergibt sich] das mittlere [Liṅga]; mit einem Zwischenraum von zwei [Schnüren] jeweils nach links [?]: die Längen der Liṅgas sind neun.
Von einer Hand an wächst [das Maß] um je eine Hand, bis es neun Hände sind. Das Liṅga ist niedrig, mittel oder hoch, dreifach, und jede Stufe wiederum dreifach.
ekaikaliṅgamadhyeṣu trīṇi trīṇi ca pādaśaḥ / liṅgāni ghaṭayeddhīmān ṣaṭsu cāṣṭottareṣu ca //
Zwischen je einem Liṅga lasse der Kluge jeweils drei [weitere] Liṅgas in Viertelschritten bilden, [und zwar] bei den sechs und bei den [Maßen] über acht [?].
Aus dem Längenmaß des feststehenden [Liṅga], das auf Tür, Cella und Hand beruht, [ergeben sich die Arten] Bhāgeśa [?], Amīśa [?], Devejya und das 'Tulya' Genannte.
Wort für Wort
sthira-dīrgha-prameyāt
aus dem Längenmaß des festen
dvāra-garbha-kara-ātmikā
auf Tür, Cella und Hand beruhend
deva-ijyam
von Göttern verehrt
tulya-saṃjñitam
'gleich' genannt
bhāgeśa und amīśa wohl verderbt; nach V. 27 wären āḍhya und anāḍhya zu erwarten, devejya entspricht surejya.
Vier Formen des Liṅga soll man nach dem Durchmesser bestimmen. Nachdem man die Länge mit dem Āya-[Maß] in Übereinstimmung gebracht hat, fertige man das Liṅga dreigestaltig.
Wort für Wort
catvāri liṅga-rūpāṇi
vier Liṅga-Formen
viṣkambheṇa
nach dem Durchmesser
lakṣayet
soll bestimmen
dīrgham āya-anvitam
die Länge mit dem Āya versehen
tri-rūpakam
dreigestaltig
āya: architektonische Proportionsrechnung zur Ermittlung glückbringender Maße.
caturaṣṭāṣṭavṛttañca tattvatrayaguṇātmakaṃ / liṅgānāmīpsitaṃ dairghyaṃ tena kṛtvāṅgulāni vai //
[Es sei] viereckig, achteckig und rund, aus der Dreiheit der Prinzipien und der Guṇas bestehend. Hat man die gewünschte Länge der Liṅgas damit in Aṅgulas gebracht,
Wort für Wort
catur-aṣṭa-aṣṭa-vṛttam
vier-, achtkantig und rund
tattva-traya-guṇa-ātmakam
aus Prinzipien-Dreiheit und Guṇas bestehend
īpsitam dairghyam
die gewünschte Länge
kṛtvā aṅgulāni
in Aṅgulas gebracht
caturaṣṭāṣṭavṛtta wohl für caturasra-aṣṭāsra-vṛtta (Brahmā-, Viṣṇu-, Rudra-Teil).
so teile man die Zahl durch die mit Dhvaja beginnenden Āyas, durch die Töne [?], durch die Elemente oder durch die Feuer; der Rest dieser Aṅgulas zeige Glück oder Unglück an.
dhvajādyā dhvajasiṃhebhavṛṣāḥ jyeṣṭhāḥ pare śubhāḥ / svareṣu ṣaḍjagāndhārapañcamāḥ śubhadāyakāḥ //
Unter den mit Dhvaja beginnenden [Āyas] sind Dhvaja, Siṃha, Ibha und Vṛṣa die besten, die übrigen [nicht] glückbringend [?]. Unter den Tönen bringen Ṣaḍja, Gāndhāra und Pañcama Glück.
Unter den Elementen ist die Erde glückbringend, unter den Feuern das Āhavanīya. Wenn man die Hälfte der genannten Länge der Reihe nach durch acht Teile geteilt hat,
so ergibt sich mit sechs, fünf Teilen, einem Sechstel, einem Drittel mehr und fünf die Viereckigkeit (der quadratische Querschnitt) von Āḍhya, Anāḍhya, Surejya, Arka [?] und Tulya.
Wort für Wort
rasa-bhūta-aṃśa
sechs (rasa), fünf (bhūta) Teile
ṣaṣṭha-aṃśa
ein Sechstel
tri-aṃśa-adhika
ein Drittel mehr
śaraiḥ
mit fünf (śara = 5)
āḍhya-anāḍhya-surejya-tulyānām
von Āḍhya, Anāḍhya, Surejya, Tulya
caturasratā
Viereckigkeit
arka in der Typenreihe unklar (vielleicht verderbt).
Das fünfte heißt Vardhamāna, wegen der Zunahme des Umfangs gegenüber dem Durchmesser. Hierbei gibt es in zweifacher Weise viele Unterarten; sie werden nach Viśvakarman dargelegt werden.
Wort für Wort
pañcamam
das fünfte
vardhamāna-ākhyam
Vardhamāna genannt
vyāsāt nāha-pravṛddhitaḥ
wegen der Zunahme des Umfangs gegenüber dem Durchmesser
Von Āḍhya usw. [gibt es] nach der Dicke drei Arten; das Abgetragene [?] davon ist achtfach; dreifach nach der Hand; und das Jina Genannte, verbunden mit dem Sarvasama.
Wort für Wort
āḍhya-ādīnām
von Āḍhya usw.
tridhā sthaulyāt
dreifach nach der Dicke
aṣṭadhā
achtfach
hastāt
nach der Hand
jina-ākhyam
Jina (= 24) genannt
sarvasamena
mit dem Allgleichen
yavadhūtaṃ verderbt (vielleicht yad avadhūtam); Vers insgesamt schwer verständlich.
pañcaviṃśatiliṅgāni nādye devārcite tathā / pañcasaptabhirekatvājjinair bhaktair bhavanti hi //
Fünfundzwanzig Liṅgas [gibt es] beim Anāḍhya [?] und ebenso beim Devārcita; durch Zusammenfassung [und] Teilung durch fünf, sieben und vierundzwanzig entstehen sie.
Deren Ecken soll man mittels der Schnüre an den Ecken und Halbecken ermitteln; nachdem man die Breite bestimmt hat, setze man die Mitte [fest] oder von der Mitte aus drei [Teile].
Über der Teilung ist [der Teil] achtkantig, sechzehnkantig ist der Śiva-Teil. [Entsprechend gilt]: vom Fuß bis zum Knie ist Brahmā, bis zum Nabel Viṣṇu,
bis zum Scheitel der Herr der Wesen [Śiva] – beim manifesten, beim unmanifesten und beim beides besitzenden [Liṅga]. Bei der Anordnung der fünf Liṅgas heißt der Kopf rund.
Wort für Wort
mūrdha-antaḥ
bis zum Scheitel
bhūta-bhāga-īśaḥ
der Herr der Wesen [?]
vyakte avyakte ca
beim manifesten und beim unmanifesten
tadvati
beim beides besitzenden
pañca-liṅga-vyavasthāyām
bei der Anordnung der fünf Liṅgas
śiraḥ vartulam
der Kopf ist rund
bhūtabhāgeśa: vielleicht 'Herr des Wesens-Teils'; Bezug auf den Rudra-Teil.
[Der Kopf] ist schirmförmig, hahnförmig oder hat die Gestalt der jungen Mondsichel. Nach den vier Unterarten eines jeden will ich die Frucht gemäß den Unterschieden der Wünsche nennen.
catvāri tatra sūtrāṇi bhāgabhāgānupātanāt / puṇḍarīkantu bhāgena viśālākhyaṃ vilopanāt //
Dort [entstehen] vier Schnüre durch Fallenlassen Teil um Teil. [Die Kopfform heißt] Puṇḍarīka bei [Abtragen von] einem Teil, Viśāla durch [weiteres] Abtragen,
Śrīvatsa durch Abtragen von drei, Śatrukṛt durch Abtragen von vier [Teilen]. Beim Sarvasama ist der Kopf [in dieser Art] der beste; beim nach den Göttern benannten [Liṅga] ist er hahnförmig.
Beim aus vier Teilen bestehenden Liṅga [entsteht] Trapuṣa durch Abtragen von zwei. [Dies] ist als Kopf des Anāḍhya [?] genannt; höre [nun] den Halbmond-Kopf.
aṃśāt prānte yugāṃśaiś ca tvekāhānyāmṛtākṣakaṃ / pūrṇabālendukumudaṃ dvitrivedakṣayāt kramāt //
Am Rand, vom [ersten] Teil aus mit vier Teilen: bei Wegfall eines [Teils] Amṛtākṣa; Pūrṇa, Bālendu und Kumuda durch Wegfall von zwei, drei und vier, der Reihe nach.
Wort für Wort
aṃśāt prānte
vom Teil aus am Rand
yuga-aṃśaiḥ
mit vier Teilen
eka-hānyām
bei Wegfall eines
amṛtākṣakam
Amṛtākṣa
pūrṇa-bālendu-kumudam
Pūrṇa, Bālendu, Kumuda
dvi-tri-veda-kṣayāt
durch Wegfall von zwei, drei, vier
ṛtākṣakaṃ wohl als amṛtākṣakaṃ (nach ekahānyām) zu lesen.
[Es gibt Liṅgas] mit vier, drei und einem Gesicht; höre nun vom Gesichts-Liṅga. Der Verehrungsteil ist so auszuführen, dass er nach Mūrti-, Agni- und Pada-[Zahlen] eingeteilt ist [?].
Wort für Wort
catuḥ-triḥ-eka-vadanam
vier-, drei-, eingesichtig
mukha-liṅgam
Gesichts-Liṅga
pūjā-bhāgam
den Verehrungsteil
prakartavyam
ist auszuführen
mūrti-agni-pada-kalpitam
nach Mūrti (8), Agni (3) und Feldern eingeteilt
Die Zahlwörter mūrti (8) und agni (3) ergeben vielleicht 24 Felder.
Nachdem man wie zuvor zwölf Teile beiseitegelassen hat, gestalte man sechs Stellen aus: die Erhebung des Kopfes ist zu machen, [dann] die Stirn, danach die Nase,
Mund, Kinn [und] Hals, mit je vier Teilen [bzw.] mit zwei [und] zwei [?]; nachdem man mit beiden Händen eine Knospe geformt hat, gemäß dem Maß des Bildes.
Gegenüber jedem Gesicht ist [der Vorsprung] gleich zu machen, [nämlich] ein Achtel der Breite. Das vierköpfige habe ich dargelegt; nun wird das dreigesichtige genannt, höre!
Bei diesem soll man Stirn usw. um ein Viertel des Ohres größer angeben [?]; die beiden Arme sind mit vier Teilen zu machen, nach hinten (Westen) kräftig [ausgebildet].
Ein Hervortreten der Gesichter um ein Sechstel der Breite ist angemessen. [Der Kopf] aller Gesichts-Liṅgas ist gurkenförmig (Trapuṣa) oder hahnförmig (Kukkuṭa).