Kapitel 376: brahmajñānam
Die Erkenntnis des Brahman
Agni weist in Stufen nach, dass weder Körper, Sinne, Geist, Verstand, Lebenshauch noch Ichmacher das Selbst sind, und lehrt eine Kontemplation zu Beginn des Samādhi: Entstehung der Elemente aus Brahman, grober, feiner und Ursachenkörper samt den Zuständen Wachen (Viśva), Traum (Taijasa) und Tiefschlaf (Prājña) und ihre Zuordnung zu den Lauten a, u, m des Oṃ. Das Kapitel schließt mit Identitätsformeln („Ich bin Brahman“). Einige Wörter sind verschrieben (u. a. V. 11 jñāna- für ajñāna-, V. 14, V. 21 bandha- für buddha-).
Agni sprach: Ich werde die Brahman-Erkenntnis darlegen, zur Befreiung von Saṃsāra und Unwissenheit. [Wer erkennt:] „Dieses Selbst ist das höchste Brahman; das bin ich“, der wird befreit.
Der Körper ist nicht das Selbst, weil er sichtbar ist, wie ein Topf usw. Im Tiefschlaf und im Tod wird gewiss erkannt, dass das Selbst vom Körper verschieden ist.
dehaḥ sa cedavyavaharedvikāryādisannibhaḥ / cakṣurādīnīndriyāṇi nātmā vai karaṇaṃ tvataḥ //
Wäre er [der Körper das Selbst], so würde er [auch im Tod noch] handeln [?]; [doch er] gleicht dem, was Umwandlung usw. unterliegt. Die Sinne wie das Auge sind nicht das Selbst, denn sie sind Instrumente.
Wort für Wort
dehaḥ sa cet
wenn er der Körper wäre
vyavaharet
würde er handeln
vikārya-ādi-sannibhaḥ
dem Umzuwandelnden gleich
cakṣuḥ-ādīni indriyāṇi
die Sinne wie das Auge
karaṇam tu ataḥ
denn sie sind Instrument
Erster Halbvers schwer verständlich; Übersetzung sinngemäß.
mano dhīrapi ātmā na dīpavat karaṇaṃ tvataḥ / prāṇo 'pyātmā na bhavati suṣupte citprabhāvataḥ //
Auch Geist (Manas) und Verstand (Dhī) sind nicht das Selbst, denn sie sind wie eine Lampe [bloß] Instrumente. Auch der Lebenshauch ist nicht das Selbst, weil im Tiefschlaf [das Selbst sich] durch die Wirkung des Bewusstseins [kundtut] [?].
Im Wachen und im Traum wird das Bewusstsein wegen der Vermischung [mit dem Lebenshauch] nicht [gesondert] erkannt; denn im Tiefschlaf wird der Lebenshauch als erkenntnislos erkannt.
ato nātmendriyaṃ tasmādintriyādikamātmanaḥ / ahaṅkāro 'pi naivātmā dehavadvyabhicārataḥ //
Daher ist kein Sinn das Selbst; folglich gehören die Sinne usw. dem Selbst [an]. Auch der Ichmacher (Ahaṅkāra) ist keineswegs das Selbst, weil er wie der Körper unbeständig ist.
uktebhyo vyatirikto 'yamātmā sarvahṛdi sthitaḥ / sarvadraṣṭā ca bhoktā ca naktamujjvaladīpavat //
Von den genannten [Dingen] verschieden ist dieses Selbst, das in allen Herzen weilt, Zuschauer von allem und Genießer, wie eine in der Nacht hell brennende Lampe.
... aus dem Feuer die Wasser, aus dem Wasser die Erde. Daraus [entstand] der feine Körper aus den nicht fünffach gemischten Elementen; aus diesen gingen dann die fünffach gemischten hervor.
Nachdem man den groben Körper meditiert hat, stelle man sich seine Auflösung im Brahman vor. Die fünffach gemischten Elemente und ihr Produkt heißen Virāṭ.
Wer sich damit identifiziert, heißt Viśva; diese Dreiheit ist der Laut „a“. Die nicht fünffach gemischten Elemente und ihr Produkt heißen Liṅga (feiner Körper).
Der Traum, aus den Eindrücken des Wachens entstanden, ist eine Vorstellung mit Sinnesobjekten als Inhalt. Das Selbst, das sich damit identifiziert, ist Taijasa, da [der Traum] nicht aus den grob entfalteten [Elementen] besteht [?].
sthūlasūkṣmaśarīrākhyadvayasyaikaṃ hi kāraṇaṃ / ātmā jñānañca sābhāsaṃ tadadhyāhṛtamucyate //
Die eine Ursache des Paares, das grober und feiner Körper heißt, ist die Unwissenheit des Selbst samt dem [darin fallenden] Widerschein; sie heißt das Unentfaltete [?].
Wort für Wort
sthūla-sūkṣma-śarīra-ākhya-dvayasya
des Paares aus grobem und feinem Körper
ekam kāraṇam
die eine Ursache
ātma-ajñānam
die Unwissenheit des Selbst
sa-ābhāsam
samt Widerschein
tat ucyate
das heißt
ātmā jñānañca wohl für ātmājñānaṃ ca; adhyāhṛtam vielleicht für avyākṛtam.
na sannāsanna sadasadetatsāvayavaṃ na tat / nirgatāvayavaṃ neti nābhinnaṃ bhinnameva ca //
Es ist weder seiend noch nichtseiend noch seiend-und-nichtseiend; es ist nicht mit Teilen versehen und nicht teillos, nicht nicht-verschieden und nicht verschieden, ...
bhinnābhinnaṃ hy anirvācyaṃ bandhasaṃsārakārakaṃ / ekaṃ sa brahma vijñānāt prāptaṃ naiva ca karmabhiḥ //
... [nicht] verschieden-und-nicht-verschieden: fürwahr unaussprechlich, die Ursache von Bindung und Saṃsāra. Das eine Brahman wird durch Erkenntnis erlangt, keineswegs durch Werke.
Das völlige Einziehen der Sinne in ihre Ursache ist der Tiefschlaf, der Ruheort der Buddhi. Wer sich mit diesem Zweifachen [dem Ursachenleib und dem Tiefschlaf] identifiziert, ...
prājña ātmā trayañcaitat makāraḥ praṇavaḥ smṛtaḥ / akāraś ca ukāro 'sau makāro hy ayameva ca //
... ist das Selbst als Prājña; und diese Dreiheit ist der Laut „m“. Der Praṇava (Oṃ) gilt als [aus a, u, m bestehend]: jener [Viśva] ist das „a“, jener [Taijasa] das „u“, und dieser [Prājña] das „m“.
ayamātmā parambrahma tad brahma tvamasīti ca / guruṇā bodhito jīvo hy ahaṃ brahmāsmi vāhyataḥ //
„Dieses Selbst ist das höchste Brahman“ und „Das Brahman bist du“ – vom Lehrer [so] belehrt, [erkennt] die Seele: „Ich bin Brahman“, [auch] nach außen hin [?].
so 'sāvādityapuruṣaḥ so 'sāvahamakhaṇḍa oṃ / mucyate 'sārasaṃsārādbrahmajño brahma tadbhavet //
„Er, jener Puruṣa in der Sonne, er, jener bin ich, der Ungeteilte, oṃ.“ Der Brahman-Kenner wird aus dem wesenlosen Saṃsāra befreit; er wird zu jenem Brahman.