Kapitel 101: prāsādapratiṣṭhā
Die Weihe des Tempels
Beschreibung der Belebung (caitanya) des Tempelbaus: Aufstellung eines Weihekruges, Übertragung des vom Lehrer durch Atemtechnik aufgenommenen Lebensprinzips in den Krug, Einsetzen der Tattvas, Adern, Winde, Organe und Gottheiten, dann Aufstellen am Tempel. Das Kolophon nennt das Kapitel prāsādakṛtyapratiṣṭhā. Der Text ist stark verderbt (z.B. īavara, katamoddbhataṃ, nyastaratrādi, viyaset, praokṣaṇaṃ).
īavara uvāca | prāsādasthāpanaṃ vakṣye taccaitanyaṃ svayogataḥ / śukanāśāsamāptau tu pūrvavedyāś ca madhyataḥ //
Īśvara sprach: Ich werde die Installation des Tempels darlegen, [nämlich] seine Beseelung durch die eigene Yoga-[Kraft]. Wenn die Śukanāsā [Anm.: der vorspringende Giebel des Tempelturms] vollendet ist, [ist] in der Mitte des vorderen Altars [?] …
Wort für Wort
prāsāda-sthāpanam
Installation des Tempels
tat-caitanyam
dessen Beseelung
sva-yogataḥ
durch eigenen Yoga
śukanāsā-samāptau
bei Vollendung der Śukanāsā
pūrva-vedyāḥ madhyataḥ
in der Mitte des vorderen Altars
Sprecherangabe verderbt: īavara für īśvara. pūrvavedyāś ca madhyataḥ syntaktisch unklar.
nachdem auf dem Lotus, von der Trägerkraft (ādhāraśakti) an, mit dem Praṇava [alles] aufgelegt ist, [stelle man] einen aus Gold usw. gefertigten [Krug] [?], mit den fünf Kuhprodukten (pañcagavya) versehen,
Wort für Wort
ādhāra-śaktitaḥ
von der Trägerkraft an
padme vinyaste
nachdem auf dem Lotus aufgelegt ist
praṇavena
mit Oṃ
svarṇa-ādye
aus Gold usw.
pañcagavyena saṃyutam
mit Pañcagavya versehen
katamoddbhataṃ verderbt; wohl kalaśodbhavaṃ o.ä. („aus Gold usw. gefertigter Krug“).
einen Krug mit Honig und Milch, in den die Fünfergruppe der Edelsteine usw. gelegt ist, mit Kranz und Gewand, mit Duftstoff bestrichen und mit duftenden Blumen geschmückt,
und [mit] Sprossen des Mangobaums usw.; der Kundige lege auch das zu Tuende auf [?]. Mit der Einatmung (pūraka) aufnehmend, nachdem er seinen Leib [durch Auflegung der Mantras] vollständig gemacht hat,
sarvātmabhinnātmānaṃ svāṇunā svāntamārutaḥ / ājñayā bodhayecchambhau recakena tato guruḥ //
erwecke der Lehrer das mit dem All-Selbst nicht verschiedene Selbst mit seinem eigenen Aṇu [Anm.: Seelenmantra], den Wind im Inneren, auf Befehl [Śivas] in Śambhu; dann mit der Ausatmung (recaka)
Wort für Wort
sarva-ātma-abhinna-ātmānam
das vom All-Selbst nicht verschiedene Selbst
sva-aṇunā
mit dem eigenen Aṇu
sva-anta-mārutaḥ
mit dem Wind im Inneren
bodhayet śambhau
erwecke in Śambhu
recakena
mit der Ausatmung
Konstruktion unsicher; sarvātmabhinnātmānaṃ wohl sarvātma-abhinna-ātmānam.
dvādaśāntāt samādāya sphuradvahnikaṇopamaṃ / nikṣipet kumbhagarbhe ca nyastatantrātivāhikaṃ //
nachdem er es aus dem Dvādaśānta [Anm.: Punkt zwölf Finger über dem Scheitel] aufgenommen hat, gleich einem sprühenden Feuerfunken, lege er es in das Innere des Kruges, [versehen] mit dem aufgelegten feinen Transportleib (ātivāhika) [?].
Die zehn Adern (nāḍī), die zehn Lebenswinde, die dreizehn Organe und deren Herrscher verbinde er [damit], [angerufen] mit ihren eigenen Namen, beginnend mit dem Praṇava.
vermöge ihres Ursache-Seins für ihre eigene Wirkung die Regentinnen von Māyā und Raum [?], die Vidyeśas als Antreiber, Śambhu und den Alldurchdringenden, mit guten Verschlüssen [?],
aṅgāni ca vinikṣipya nirundhyādrodhamudrā / suvarṇādyudbhavaṃ yadvā puruṣaṃ puruṣānugaṃ //
und nachdem er die Glieder[-Mantras] eingelegt hat, verschließe er [den Krug] mit der Sperr-Geste (rodhamudrā). Oder [er nehme] eine aus Gold usw. entstandene Puruṣa-Figur, die dem Puruṣa entspricht,
Wort für Wort
aṅgāni vinikṣipya
die Glieder eingelegt habend
nirundhyāt
verschließe
rodha-mudrā(yā)
mit der Sperr-Geste
suvarṇa-ādi-udbhavam
aus Gold usw. entstanden
puruṣam puruṣa-anugam
einen Puruṣa, dem Puruṣa entsprechend
rodhamudrā: metrisch/grammatisch für rodhamudrayā.
und lege mit dem Śiva-Mantra [Śiva] in ihn als alldurchdringend auf. Zur Herbeiführung der Gegenwart [des Gottes vollziehe er] Opfer, Besprengung, Berührung, Rezitation,
Wort für Wort
śiva-mantreṇa
mit dem Śiva-Mantra
vyāpakatvena
als alldurchdringend
sannidhānāya
zur Vergegenwärtigung
homam prokṣaṇam
Opfer, Besprengung
sparśanam japam
Berührung, Rezitation
viyaset: Tippfehler für vinyaset; praokṣaṇaṃ für prokṣaṇaṃ.
die Erweckung der Gegenwart – all dies gemäß der Dreiteilung; nachdem er so verfahren hat, lege er ihn am Ende der Prakṛti [Anm.: vermutlich ein Bauabschnitt des Tempels] in den Krug.