Kapitel 309: tvaritāmantrādiḥ
Mantras und Weiteres zur Tvaritā
Beschreibung eines Vajra-Diagramms und der achtzehnarmigen Tvaritā; anschließend die verschlüsselte Herleitung (uddhāra) ihres Mantras aus einer phonetischen Anordnung des Alphabets, die Glieder-Mantras, die zehnsilbigen Botinnen-Mantras, Körperauflegungen mit Nektar-Visualisierung sowie die Mudrās. Mehrere Stellen (bes. Verse 7–8, 21–26, 28, 34) sind verderbt oder dunkel; Vers 19 ist ein überlanger Prosa-Mantrablock. Das Kolophon trägt im Digitalisat die Folgenummer {310}.
Agni sprach: Ich werde eine andere Tvaritā-Vidyā lehren, die Genuss und Erlösung gewährt. In einer mit Donnerkeilen (vajra) gefüllten „Burg“ [Diagramm], die mit farbigen Pulvern gezeichnet ist, soll man die Göttin verehren.
Im Inneren des Lotus, in den Haupt- und Zwischenrichtungen, soll man acht Donnerkeile zeichnen, einen Umgang, die Tore, die Torzierden und Nebenzierden; [dann] soll der Mensch der Śīghrā [der „Schnellen“, d.h. Tvaritā] gedenken.
Wort für Wort
padma-garbhe
im Inneren des Lotus
diś-vidikṣu
in Haupt- und Zwischenrichtungen
aṣṭau vajrāṇi
acht Donnerkeile
vīthikām
den Umgang
dvāra-śobhā-upaśobhām
Torzier und Nebenzier
śīghrām smaret
soll der Śīghrā gedenken
„śrīghraṃ“ als śīghrām (Name der Göttin) gedeutet.
Mit Schlangen geschmückt, mit Vajra-Ohrringen [?]; Schwert, Diskus, Keule der Reihe nach, Spieß, Pfeil, ebenso Speer und die Wunschgewährung [hält sie] mit den rechten Händen;
Wort für Wort
nāga-bhūṣām
mit Schlangen geschmückt
khaḍgam cakram gadām
Schwert, Diskus, Keule
śūlam śaram śaktim
Spieß, Pfeil, Speer
varadam
Wunschgewährung
dakṣiṇaiḥ karaiḥ
mit den rechten Händen
„vajrakuṇḍe“ vermutlich vajrakuṇḍalām; „karamāt“ zu kramāt gebessert.
Bogen, Schlinge, Pfeil, Glocke, den drohenden Zeigefinger, Muschel, Elefantenhaken, Schutzgeste und ebenso den Donnerkeil – [so ist sie], die auf der linken Seite Waffen hält.
Durch ihre Verehrung tritt Vernichtung der Feinde ein; man besiegt spielend ein Reich; man wird langlebig, gewinnt Wohlstand des Reiches und erlangt himmlische und andere Vollendungen.
Wort für Wort
pūjanāt śatru-nāśaḥ
durch Verehrung Feindesvernichtung
rāṣṭram jayati līlayā
besiegt spielend ein Reich
dīrgha-āyuḥ
langlebig
divya-ādi-siddhi-bhāk
himmlische usw. Vollendungen erlangend
„dīrghāyūrāṣṭrabhūtiḥ“ als dīrghāyuḥ rāṣṭrabhūtiḥ aufgelöst.
„Tala“ usw. – [so heißen] die sieben Unterwelten, die mit der Welt des Kālāgni enden; vom Oṃkāra und den Vokalen angefangen bis zu dem, was das Weltei (brahmāṇḍa) bezeichnet [?].
Wort für Wort
tala-iti
„Tala“ usw.
sapta-pātālāḥ
die sieben Unterwelten
kāla-agni-bhuvana-antakāḥ
bis zur Welt des Kālāgni
svarāt ārabhya
von den Vokalen an
brahmāṇḍa-vācakam
das Weltei bezeichnend
Kosmologische Zuordnung der Mantra-Laute; Sinn unsicher.
Vom Oṃkāra aus soll man das Wasser [?] kreisen lassen; dann [folgen] „Totalā, Tvaritā“. Ich werde die Anordnung (prastāva) erklären: Man soll die Gruppe der Vokale auf den Boden zeichnen.
Die „Gaumen“-Gruppe [als zweite] ist die k-Gruppe; die dritte ist die Zungen-Gaumen[-Gruppe] [c-Laute], die vierte die Gaumen-Zungenspitzen[-Gruppe] [ṭ-Laute], die fünfte die Zungen-Zahn[-Gruppe] [t-Laute].
Wort für Wort
tāluḥ vargaḥ
die Gaumen-Gruppe
ka-vargaḥ
die k-Gruppe
jihvā-tālukaḥ
Zunge-Gaumen
tālu-jihvā-agraḥ
Gaumen-Zungenspitze
jihvā-dantaḥ pañcamaḥ
Zunge-Zähne, die fünfte
Phonetische Gruppierung des Alphabets in acht Gruppen (varga); die erste ist die Vokalgruppe aus Vers 8.
Die sechste ist mit den Lippen (oṣṭhapuṭa) versehen [p-Laute], die gemischte Gruppe ist die siebte [Halbvokale]; die Zischlaute bilden die ś-Gruppe. Dann soll man den Mantra herausheben (uddhāra).
Wort für Wort
ṣaṣṭhaḥ oṣṭha-puṭa-sampannaḥ
die sechste mit den Lippen
miśra-vargaḥ saptamaḥ
die gemischte Gruppe als siebte
ūṣmāṇaḥ
die Zischlaute
śa-vargaḥ
die ś-Gruppe
uddharet manum
soll den Mantra herausheben
„aṣṭapuṭa“ zu oṣṭhapuṭa gebessert; „syācchvargastu“ als syāt śavargas tu.
Den letzten der Zischlaute [ha], auf dem sechsten Vokal [ū] stehend, mit Bindu [→ hūṃ]; den zweiten der Gaumen[k]-Gruppe [kha], mit dem elften Vokal [e] verbunden [→ khe];
Wort für Wort
ṣaṣṭha-svara-samārūḍham
auf dem sechsten Vokal stehend
ūṣmaṇa-antam
den letzten der Zischlaute
sa-bindukam
mit Bindu
tālu-varga-dvitīyam
den zweiten der Gaumengruppe
svara-ekādaśa-yojitam
mit dem elften Vokal verbunden
Silbenkodierung des Tvaritā-Mantras; Auflösung nach der Vokalreihe a ā i ī u ū ṛ ṝ ḷ ḹ e ai o au aṃ aḥ.
den ersten aus der Gaumen[k]-Gruppe [ka], mit dem elften Vokal verbunden, [und] den zweiten der Zischlaute [ṣa] soll man, nachdem man [es] betrachtet hat, darunter setzen [→ kṣe];
den zweiten der Zischlaute, mit dem sechzehnten Vokal [aḥ] verbunden; bei der Zungen-Zahn-Verbindung [t-Gruppe] soll man den ersten [ta] darunter setzen;
prathamaṃ pañcame yojyaṃ svarārdhenoddhṛtā ime / oṃkārādyā namontāś ca japet svāhāgnikāryake //
der erste ist mit dem fünften zu verbinden. Mit einem halben Vokal [?] sind diese herausgehoben. Mit Oṃ beginnend und mit namaḥ endend soll man sie murmeln, beim Feuerritus mit svāhā.
„oṃ hrīṃ hrūṃ hraḥ“ – das Herz; „hāṃ hṛś“ – so der Kopf; „hrīṃ jvala jvala“ (flamme, flamme) sei der Haarschopf; der Panzer – das Paar „hanu“ [?]; „hrīṃ śrīṃ kṣūṃ netratrayāya“ (den drei Augen) gilt als das Auge der Vidyā; „kṣauṃ haḥ khauṃ hūṃ phaṭ astrāya“ (der Waffe). Die geheimen Glieder soll man zuerst auflegen. Ich werde die Glieder der Tvaritā nennen – höre von mir die Glieder der Vidyā: Die erste und zweite [Silbe] heißen Herz, die dritte und vierte gelten als Kopf,
Wort für Wort
hṛdayam
das Herz
śiraḥ
der Kopf
kavacam
der Panzer
guhya-aṅgāni purā nyaset
die geheimen Glieder soll man zuerst auflegen
ādi-dvi hṛdayam
die ersten zwei: Herz
tri-catuḥ śiraḥ
drei und vier: Kopf
Überlanger Vers (Mantra-Prosa). „jjala“ zu jvala gebessert; „hanudvayam“ unklar.
„vaitālini“ (o Vetāla-Gefährtin) – zehnsilbig sollen sie sein; [alle] anderen soll man meiden wie Schlange und Stroh [?]. Bei der Auflegung beginnend mit dem Herzen am Anfang; in der Mitte soll der Weise [sie] auf die Augen legen.
pādādarabhya mūrdāntaṃ śira ārabhya pādayoḥ / aṅghrijānūruguhye ca nābhihṛtkaṇṭhadeśataḥ //
Von den Füßen beginnend bis zum Kopf, vom Kopf beginnend bis zu den Füßen: an Füßen, Knien, Oberschenkeln, Scham und von der Nabel-, Herz- und Halsgegend an.
vajramaṇḍalabūrdhe ca aghordhe cādivījataḥ / somarūpaṃ tato gāvaṃ dhārāmṛtasuvarṣiṇam //
Oberhalb und unterhalb des Vajra-Maṇḍala, vom ersten Bīja aus; dann [stelle man sich] die mondgestaltige Kuh [?] vor, die Ströme von Nektar herabregnen lässt,
Wort für Wort
vajra-maṇḍala-ūrdhve
oberhalb des Vajra-Maṇḍala
ādi-bījataḥ
vom ersten Bīja aus
soma-rūpam
mondgestaltig
dhārā-amṛta-suvarṣiṇam
Ströme von Nektar regnend
„gāvaṃ“ und „aghordhe“ verderbt; vermutlich gām bzw. adha ūrdhve.
die durch die Brahma-Öffnung [am Scheitel] eintritt – [so] soll sich der Adept [sie] vorstellen. An Kopf, Mund, Hals, Herz, Nabel, Scham, Oberschenkeln, Knien und Füßen
soll der Mantrakundige das erste Bīja auflegen, mit dem Zeigefinger usw., immer wieder. Oben der Mond, unten der Lotus, der Körper eine aus Bījas gebildete Gestalt –
yo jānāti na mṛtyuḥ syāttasya na vyādhayo jvarā / yajejjapettāṃ vinyasya dhyāyeddevīṃ śatāṣṭakam //
wer das weiß, für den gibt es keinen Tod, keine Krankheiten und keine Fieber. Man soll sie verehren und murmeln, nachdem man [sie] aufgelegt hat, und die Göttin meditieren – hundertacht Mal.
Ich werde die Mudrās nennen, beginnend mit Praṇītā; die Praṇītās gelten als fünffach. Nachdem man die Hände verflochten hat, soll man die beiden Daumen in die Mitte senken;
Oben aber zwischen den kleinen Fingern – die kennen die Zweimalgeborenen als die mit dem Bīja endende [?]; die Zeigefinger in der Mitte einsetzend, mehrfach aneinanderhaftend,
[das ist] Karālī, die große Mudrā, vom Mantrakundigen am Herzen anzuwenden. Wieder aber, wie zuvor gebunden, soll man den anliegenden Daumen hochheben:
aṅguṣṭhenākramet trīṇi triśūlañcordhvato bhavet / ekā tu madhyamordhvā tu śaktireva vidhīyate //
Mit dem Daumen soll man drei [Finger] niederdrücken: [nach oben gerichtet] sei es der Dreizack; ein einziger, der Mittelfinger, nach oben [gestreckt], wird als Speer (śakti) bestimmt.