Kapitel 79: pavitrārohaṇavidhiḥ
Die Vorschrift über die Darbringung der Pavitras
Die eigentliche Darbringung der Pavitras am Morgen: an Sonne, Tür, Krug, Śiva und die Tattva-Ebenen (Ātman, Vidyā, Śiva) mit Mantras, Bittgebet um Vervollständigung aller Riten, Übernahme einer Observanz, Feueropfer, Ehrung des Lehrers, Abnahme der Pavitras und Übergabe der Reste an Caṇḍa. Titel im Kolophon: pavitrārohaṇam. V. 8-9 sind wiederholend und schwer abzugrenzen; V. 35 und 37 enthalten unsichere Lesarten.
Īśvara sprach: Dann, am Morgen aufgestanden, gebadet und gesammelt, nachdem er Dämmerungsandacht und Verehrung vollzogen hat, trete der Mantrakundige in die Opferhalle ein,
tato visarjya deveśaṃ nirmālyamapanīya ca / pūrvavad bhūtale śuddhekṛtvāhnikamatha dvayaṃ //
Dann entlasse er den Herrn der Götter, entferne die Opferreste, und vollziehe wie zuvor auf gereinigtem Boden die tägliche [Verehrung], dann beides [Anm.: wohl tägliche und gelegentliche Verehrung]:
„Oṃ, was von dir, o Gott, der du aus der Zeit bestehst, für mein Ritual angewiesen wurde – was getan, mühsam getan, ausgelassen, getan, verborgen, was [auch immer] getan wurde –
Wort für Wort
kālātmanā tvayā
von dir, der Zeit-Gestalt
yat diṣṭam
was angewiesen
māmake vidhau
in meinem Ritual
kliṣṭam
mangelhaft
samutsṛṣṭam
ausgelassen
guptam
verborgen
kliṣṭa: mangelhaft/mit Mühe getan; Aufzählung stark wiederholend.
das alles, ob mangelhaft oder unmangelhaft, getan, fehlerhaft [oder] ungeweiht, sei durch dieses Pavitra, Śambhu, nach deinem Willen ganz [vollständig].
Oṃ, vervollständige das Opfergelübde; dem Herrn der Observanzen svāhā!“ Im Ātmatattva, das mit der Prakṛti endet [und] vom Lotusgeborenen (Brahmā) behütet wird,
mūlaṃ layāntamuccārya pavitreṇārcayecchivaṃ / vidyātattve ca vidyānte viṣṇukāraṇapālite //
spreche er das auf „laya“ endende Grundmantra aus und verehre Śiva mit dem Pavitra; im Vidyātattva, das mit der Vidyā endet [und] von Viṣṇu als Ursache behütet wird,
spreche das auf „laya“ endende Grundmantra aus und gebe das Gaṅgāvatāraka. Mit Ātman, Vidyā und Śiva ist das Pavitra für die nach Erlösung Strebenden verkündet;
für die nach Genuss Strebenden ist es der Reihe nach mit Śiva, Tattva und Ātman [d.h. in umgekehrter Folge] bestimmt. Ihr Mantra spreche er auf svāhā oder auf namaḥ endend aus.
„Oṃ hāṃ, dem Herrn des Ātmatattva, dem Śiva svāhā! Oṃ hāṃ, dem Herrn des Vidyātattva, dem Śiva svāhā! Oṃ hauṃ, dem Herrn des Śivatattva, dem Śiva svāhā! Oṃ hauṃ, dem Herrn aller Tattvas, dem Śiva svāhā!“ Nachdem er sich beim Gaṅgāvatāra verneigt hat, bitte er ihn mit hohlen Händen: „Du bist die Zuflucht aller Wesen, du bist der Bestand im Beweglichen und Unbeweglichen.
ekībhavatu tat sarvaṃ tavājñāsūtragumphitaṃ / japaṃ nivedya devasya bhaktyā stotraṃ vidhāya ca //
das alles möge eins werden, aufgereiht am Faden deines Befehls.“ Nachdem er dem Gott das Murmeln dargebracht und mit Hingabe einen Lobgesang vollzogen hat,
Nachdem er sich verneigt und den Herrn um Verzeihung gebeten hat, gehe der Gelübdetreue zur Grube; ebenso [lege er] auf den im Feuer befindlichen Śiva vier Pavitras
Nachdem er eingetreten ist und Śiva gepriesen hat, bitte er ihn unter Verneigung um Verzeihung; nachdem er die Sühneopferung vollzogen und Milchreis geopfert hat
[und] langsam die Vollspende gegeben hat, entlasse er den im Feuer befindlichen Śiva. Nachdem er die Opferung mit den Vyāhṛtis vollzogen hat, schließe er das Feuer mit der Niṣṭhurā[-Mudrā] ein.
Auf das Siddhānta-Buch lege er ein Pavitra von passendem Maß. „Oṃ hāṃ bhūḥ svāhā! Oṃ hāṃ bhuvaḥ svāhā! Oṃ hāṃ svaḥ svāhā! Oṃ hāṃ bhūr bhuvaḥ svaḥ svāhā!“ – so vollzieht er die Opferung mit den Vyāhṛtis; nachdem er die vier Spenden gegeben hat:
„Oṃ hāṃ, dem Agni svāhā! Oṃ hāṃ, dem Soma svāhā! Oṃ hāṃ, Agni und Soma svāhā! Oṃ hāṃ, dem Agni Sviṣṭakṛt svāhā!“ Nachdem er den Lehrer wie Śiva mit einer Fülle von Kleidern, Schmuck usw. verehrt hat – vollständig und fruchtbringend ist das jährliche Ritualwerk usw. dessen,
mit dem der Lehrer recht zufrieden ist – so hat der höchste Herr gesprochen. Nachdem er so dem Lehrer ein bis zum Herzen herabhängendes Pavitra umgelegt hat
Nachdem er am Morgen mit Hingabe Bad usw. vollzogen hat, nehme er die Pavitras von Śambhu ab; nachdem er ihn mit den acht Blumen verehrt hat, entlasse er ihn.
Dann, nachdem er die Sühne mit dem Astra geopfert hat, bringe er die Vollspende dar. Der nach Genuss Strebende vollziehe dann die Übergabe der Handlung an Śiva:
Den im Feuer befindlichen Śiva verbinde er durch Kanalverbindung mit Śiva [im Maṇḍala]; die Gesamtheit des Feuers lege er ins Herz und entlasse das Feuer.
Nachdem er den Mund gespült hat und hineingegangen ist, verbinde er die im Krug befindlichen Umhüllungen [?] mit Śiva und entlasse [sie] unter Abbitte mit „Verzeih!“.
Nachdem er die Welthüter usw. entlassen und vom Herrn das Pavitra genommen hat, [soll er,] wenn ein Caṇḍeśvara vorhanden ist, die Verehrung vollziehen und ein Pavitra geben
Nachdem er so dem Herrn der Götter Kunde gegeben, sich verneigt und [ihn] gepriesen hat, entlasse er ihn. Rein, nachdem die Opferreste beseitigt sind, bade er Śiva und verehre ihn. Selbst wenn er fünf Yojanas entfernt weilt, [bringe er] das Pavitra in die Nähe des Lehrers.
Wort für Wort
iti vijñāpya
so kundtuend
natvā stutvā
sich verneigend, preisend
tyaktanirmālyakaḥ
nachdem die Reste entfernt sind
pañcayojanasaṃsthaḥ api
selbst fünf Yojanas entfernt
gurusannidhau
in der Nähe des Lehrers
Vers mit drei Halbversen; der letzte Halbvers ist elliptisch.