Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 379: advaitabrahmavijñānam Die Erkenntnis des zweitlosen Brahman

Agni erzählt die Geschichte Bharatas: Wegen seiner Anhänglichkeit an ein Reh als Reh wiedergeboren, lebt er danach als scheinbar stumpfsinniger Brahmane und muss die Sänfte eines Königs tragen; auf dessen Tadel antwortet er mit einer Lehre über die Nichtigkeit der Unterscheidungen „ich“ und „du“ und das eine Selbst. Eingeschoben ist das Gespräch zwischen Ṛtu (sonst Ṛbhu) und seinem Schüler Nidāgha, das die Zweitlosigkeit veranschaulicht; der König erlangt die Erlösung. Die Sprecherzuweisungen im Ṛtu-Nidāgha-Teil (V. 47–62) sind im Text verworren, und mehrere Wörter sind verschrieben (u. a. V. 1 bhavato für bharato, V. 4, 15, 45).

agnir uvāca | advaitabrahmavijñānaṃ vakṣye yadbhavato 'gadat / śālagrāne tapaś cakre vāsudevārcanādikṛt //

Agni sprach: Ich werde die Erkenntnis des zweitlosen Brahman darlegen, die Bharata verkündet hat. In Śālagrāma übte er Askese und vollzog die Verehrung Vāsudevas usw.

Wort für Wort
advaita-brahma-vijñānam
die Erkenntnis des zweitlosen Brahman
yat bharataḥ agadat
die Bharata verkündete
śālagrāme
in Śālagrāma
tapaḥ cakre
übte Askese
vāsudeva-arcana-ādi-kṛt
die Verehrung Vāsudevas usw. vollziehend

bhavato 'gadat wohl für bharato 'gadat; śālagrāne für śālagrāme.

mṛgasaṅgāmmṛgo bhūtvā hy antakāle smaran mṛgaṃ / jātismaro mṛgastyaktvā dehaṃ yogātsvato 'bhavat //

Durch Anhänglichkeit an ein Reh wurde er, da er in der Todesstunde des Rehs gedachte, [selbst] zum Reh. Als Reh, das sich an seine frühere Geburt erinnerte, gab er den Körper durch Yoga auf und wurde [wieder ein Brahmane] aus eigener Kraft [?].

Wort für Wort
mṛga-saṅgāt
durch Anhänglichkeit an ein Reh
mṛgaḥ bhūtvā
zum Reh geworden
anta-kāle smaran mṛgam
in der Todesstunde des Rehs gedenkend
jāti-smaraḥ
sich an die frühere Geburt erinnernd
tyaktvā deham yogāt
den Körper durch Yoga aufgebend

yogātsvato 'bhavat: Konstruktion unklar.

advaitabrahmabhūtaś ca jaḍavallokamācarat / kṣattāsau vīrarājasya viṣṭiyogamamanyata //

Zum zweitlosen Brahman geworden, wandelte er wie ein Stumpfsinniger in der Welt. Der Kämmerer des Königs Vīra [Anm.: gemeint wohl der König von Sauvīra] hielt ihn für tauglich zum Frondienst.

Wort für Wort
advaita-brahma-bhūtaḥ
zum zweitlosen Brahman geworden
jaḍavat lokam ācarat
wandelte wie ein Stumpfsinniger in der Welt
kṣattā
der Kämmerer
vīra-rājasya
des Königs Vīra
viṣṭi-yogam amanyata
hielt ihn für tauglich zum Frondienst

uvāha śivikrāmasya kṣatturvacanacoditaḥ / gṛhīto viṣṭinā jñānī uvāhātmakṣayāya taṃ //

Vom Wort des Kämmerers angetrieben, trug er die Sänfte des [Königs]; vom Frondienst ergriffen, trug der Wissende ihn, um sein [Karma] zu tilgen.

Wort für Wort
uvāha śibikām asya
trug seine Sänfte
kṣattuḥ vacana-coditaḥ
vom Wort des Kämmerers angetrieben
gṛhītaḥ viṣṭinā
vom Frondienst ergriffen
jñānī
der Wissende
ātma-kṣayāya
zur Tilgung seines [Karmas]

śivikrāmasya: lies śibikām asya.

yayau jaḍagatiḥ paścāt ye tvanye tvaritaṃ yayuḥ / śīghrān śīghragatīn dṛṣṭvā aśīghraṃ taṃ nṛpo 'bravīt //

Er ging hinterher im Gang eines Stumpfsinnigen, während die anderen eilig gingen. Als der König die Schnellen mit ihrem schnellen Gang sah, sprach er zu dem, der nicht schnell war:

Wort für Wort
yayau jaḍa-gatiḥ paścāt
ging im Gang eines Stumpfen hinterher
anye tvaritam yayuḥ
die anderen gingen eilig
śīghrān śīghra-gatīn dṛṣṭvā
die Schnellen mit schnellem Gang sehend
aśīghram tam nṛpaḥ abravīt
sprach der König zu dem Langsamen

rājovāca | kiṃ śrānto 'syalpamadhvānaṃ tvayoḍhā śivikā mama / kimāyāsasaho na tvaṃ pīvānasi nirīkṣyase //

Der König sprach: „Bist du müde? Nur einen kurzen Weg hast du meine Sänfte getragen. Kannst du keine Mühe ertragen? Du siehst doch kräftig aus.“

Wort für Wort
kim śrāntaḥ asi
bist du müde?
alpam adhvānam
einen kurzen Weg
tvayā ūḍhā śibikā mama
meine Sänfte ist von dir getragen
āyāsa-sahaḥ
Mühe ertragend
pīvā asi nirīkṣyase
du erscheinst kräftig, feist

brāhmaṇa uvāca | nāhaṃ pīvānna vaiṣoḍhā śivikā bhavato mayā / na śrānto 'smi na vāyāso voḍhavyo 'si mahīpate //

Der Brahmane sprach: „Ich bin nicht kräftig, noch ist deine Sänfte von mir getragen worden; ich bin nicht müde, noch habe ich Mühe; du bist nicht [von mir] zu tragen, o Herr der Erde.“

Wort für Wort
na aham pīvā
ich bin nicht feist
na vā ūḍhā śibikā
noch ist die Sänfte getragen
na śrāntaḥ asmi
ich bin nicht müde
na vā āyāsaḥ
noch [ist] Mühe
voḍhavyaḥ
zu tragen

vaiṣoḍhā: lies vā ūḍhā.

bhūmau pādayugantasthau jaṅghe pādadvaye sthite / urū jaṅghādvayāvasthau tadādhāraṃ tathodaram //

„Auf dem Boden stehen die beiden Füße, auf den beiden Füßen stehen die Unterschenkel, die Oberschenkel stehen auf den beiden Unterschenkeln, und auf diesen ruht der Bauch;

Wort für Wort
bhūmau pāda-yugam
auf dem Boden das Fußpaar
jaṅghe pāda-dvaye sthite
die Unterschenkel stehen auf den Füßen
ūrū jaṅghā-dvaya-avasthau
die Oberschenkel auf den Unterschenkeln
tat-ādhāram udaram
der darauf ruhende Bauch

vakṣaḥsthalaṃ tathā vāhū skandhau codarasaṃsthitau / skandhasthiteyaṃ śivikā mama bhāvo 'tra kiṃ kṛtaḥ //

die Brust, die Arme und die Schultern ruhen auf dem Bauch; auf den Schultern liegt diese Sänfte – was ist daran mein Anteil?

Wort für Wort
vakṣaḥ-sthalam
die Brust
bāhū skandhau
die Arme, die Schultern
udara-saṃsthitau
auf dem Bauch ruhend
skandha-sthitā iyam śibikā
diese Sänfte liegt auf den Schultern
mama bhāvaḥ atra kim
was ist hier mein Anteil?

vāhū für bāhū.

śivikāyāṃ sthitañcedaṃ dehaṃ tvadupalakṣitaṃ / tatra tvamahamapyatra procyate cedamanyathā //

Und dieser Körper, der in der Sänfte sitzt, ist als ‚du‘ bezeichnet; dort ‚du‘, hier ‚ich‘ – und dies wird [dem Sachverhalt] zuwider ausgesprochen.

Wort für Wort
śibikāyām sthitam
in der Sänfte sitzend
deham tvat-upalakṣitam
der als „du“ bezeichnete Körper
tatra tvam aham api atra
dort du, hier ich
procyate idam anyathā
dies wird anders ausgesprochen

ahaṃ tvañca tathānye ca bhūtairuhyāma pārthiva / guṇapravāhapatito guṇavargo hi yātyayaṃ //

Ich und du und die anderen werden von den Elementen getragen, o König; die Menge der Guṇas, in den Strom der Guṇas gefallen, bewegt sich fort.

Wort für Wort
aham tvam ca tathā anye
ich, du und die anderen
bhūtaiḥ uhyāmaḥ
wir werden von den Elementen getragen
guṇa-pravāha-patitaḥ
in den Strom der Guṇas gefallen
guṇa-vargaḥ yāti
die Menge der Guṇas bewegt sich fort

karmavaśyā guṇāś caite sattvādyāḥ pṛthivīpate / avidyāsañcitaṃ karma taccāśeṣeṣu jantuṣu //

Und diese Guṇas, Sattva usw., stehen unter der Macht des Karmas, o Herr der Erde; das Karma ist durch Unwissenheit angehäuft, und zwar in allen Lebewesen.

Wort für Wort
karma-vaśyāḥ guṇāḥ
die Guṇas stehen unter der Macht des Karmas
sattva-ādyāḥ
Sattva usw.
avidyā-sañcitam karma
durch Unwissenheit angehäuftes Karma
aśeṣeṣu jantuṣu
in allen Lebewesen

ātmā śuddho 'kṣaraḥ śānto nirguṇaḥ prakṛteḥ paraḥ / pravṛddhyapacayau nāsya ekasyākhilajantuṣu //

Das Selbst ist rein, unvergänglich, ruhig, ohne Guṇas, jenseits der Urnatur; für es, das eine in allen Lebewesen, gibt es weder Zunahme noch Abnahme.

Wort für Wort
ātmā śuddhaḥ akṣaraḥ śāntaḥ
das Selbst ist rein, unvergänglich, ruhig
nirguṇaḥ prakṛteḥ paraḥ
ohne Guṇas, jenseits der Prakṛti
pravṛddhi-apacayau na asya
es hat weder Zunahme noch Abnahme
ekasya akhila-jantuṣu
des einen in allen Lebewesen

yadā nopacayastasya yadā nāpacayo nṛpa / tadā pīvānasīti tvaṃ kayā yuktyā tvayeritaṃ //

Wenn es für es weder Zunahme noch Abnahme gibt, o König, mit welcher Begründung hast du dann gesagt: ‚Du bist kräftig‘?

Wort für Wort
yadā na upacayaḥ
wenn es keine Zunahme gibt
na apacayaḥ
keine Abnahme
pīvā asi iti
„du bist feist“
kayā yuktyā
mit welcher Begründung
tvayā īritam
von dir gesagt

bhūjaṅghāpādakaṭyūrujaṭharādiṣu saṃsthitā / śivikeyaṃ tathā skandhe tadā bhāvaḥsamastvayā //

Diese Sänfte ruht auf Boden, Unterschenkeln, Füßen, Hüfte, Oberschenkeln, Bauch usw. und ebenso auf der Schulter; dann ist die Last [für mich] die gleiche wie für dich [?].

Wort für Wort
bhū-jaṅghā-pāda-kaṭi-ūru-jaṭhara-ādiṣu
auf Boden, Unterschenkel, Füßen, Hüfte, Oberschenkeln, Bauch usw.
saṃsthitā śibikā iyam
ruht diese Sänfte
skandhe
auf der Schulter
bhāraḥ samaḥ tvayā
die Last ist gleich wie bei dir

tadā bhāvaḥsamastvayā wohl für tathā bhāraḥ samas tvayā.

tadanyajantubhirbhūpa śivikotthānakarmaṇā / śailadravyagṛhotthopi pṛthivīsambhavopi vā //

Ebenso [trägt sie] durch das Werk des Hebens der Sänfte [jeder] mit anderen Lebewesen, o König, [ob die Last] aus Stein, Holz oder Hausrat entstanden oder erdhaft ist.

Wort für Wort
tat anya-jantubhiḥ
ebenso mit anderen Lebewesen
śibikā-utthāna-karmaṇā
durch das Werk des Hebens der Sänfte
śaila-dravya
Stein-Material
gṛha-utthaḥ
aus einem Haus entstanden
pṛthivī-sambhavaḥ
aus der Erde entstanden

Vers syntaktisch lose; Sinn: die Last ist ein Erdstoff wie jeder andere [?].

yathā puṃsaḥ pṛthagbhāvaḥ prākṛtaiḥ karaṇair nṛpa / soḍhavyaḥ sa mahābhāraḥ kataro nṛpate mayā //

Wie der Puruṣa von den natürlichen Werkzeugen verschieden ist, o König – welche große Last ist dann von mir zu tragen, o Herr?

Wort für Wort
yathā puṃsaḥ pṛthak-bhāvaḥ
wie die Verschiedenheit des Puruṣa
prākṛtaiḥ karaṇaiḥ
von den natürlichen Werkzeugen
voḍhavyaḥ
zu tragen
mahā-bhāraḥ
große Last
kataraḥ mayā
welche von mir

soḍhavyaḥ wohl für voḍhavyaḥ.

yaddravyā śivikā ceyaṃ taddravyo bhūtasaṃgrahaḥ / bhavato me 'khilasyāsya samatvenopavṛṃhitaḥ //

Aus welchem Stoff diese Sänfte ist, aus demselben Stoff besteht die Ansammlung der Elemente [Anm.: der Körper] – deine, meine und die dieses ganzen [Gefolges] –, in gleicher Weise gebildet.“

Wort für Wort
yat-dravyā śibikā
aus welchem Stoff die Sänfte ist
tat-dravyaḥ bhūta-saṃgrahaḥ
aus diesem Stoff die Ansammlung der Elemente
bhavataḥ me akhilasya asya
deine, meine und dieses ganzen
samatvena upabṛṃhitaḥ
gleichermaßen gebildet

tacchrutvovāca rājā taṃ gṛhītvāṅghrī kṣamāpya ca / prasādaṃ kuru tyaktvemāṃ śivikāṃ brūhi śṛṇvate / yo bhavān yannimittaṃ vā yadāgamanakāraṇam //

Als der König das gehört hatte, ergriff er seine Füße, bat ihn um Verzeihung und sprach zu ihm: „Sei gnädig! Verlass diese Sänfte und sage mir, der ich zuhöre, wer du bist, weswegen [du hier bist] und was der Grund deines Kommens ist.“

Wort für Wort
tat śrutvā uvāca rājā
als der König das hörte, sprach er
gṛhītvā aṅghrī
die Füße ergreifend
kṣamāpya
um Verzeihung bittend
prasādam kuru
sei gnädig
yat-āgamana-kāraṇam
was der Grund des Kommens ist

brāhmaṇa uvāca | śrūyatāṃ kohamityetadvaktuṃ naiva ca śakyate / upabhoganimittañca sarvatrāgamanakriyā //

Der Brahmane sprach: „Höre: ‚Wer bin ich‘ – das lässt sich nicht sagen. Und der Anlass des Kommens ist überall das Genießen [der Früchte].

Wort für Wort
śrūyatām
höre
kaḥ aham iti etat
„wer bin ich“ – dies
vaktum na eva śakyate
lässt sich nicht sagen
upabhoga-nimittam
um des Genießens willen
āgamana-kriyā
die Handlung des Kommens

sukhaduḥkhopabhogau tu tau deśādyupapādakau / dharmādharmodbhavau bhoktuṃ janturdeśādimṛcchati //

Das Genießen von Glück und Leid – diese beiden führen zu Ort usw.; um die aus Recht und Unrecht entstandenen [Früchte] zu genießen, geht das Lebewesen an einen Ort usw.“

Wort für Wort
sukha-duḥkha-upabhogau
das Genießen von Glück und Leid
deśa-ādi-upapādakau
zu Ort usw. führend
dharma-adharma-udbhavau
aus Recht und Unrecht entstanden
bhoktum
um zu genießen
jantuḥ deśa-ādim ṛcchati
das Lebewesen geht an einen Ort usw.

rajovāca | yo 'sti sohamiti brahman kathaṃ vaktuṃ na śakyate / ātmanyeṣu na doṣāya śabdohamiti yo dvija //

Der König sprach: „Wer ist, der ist ‚ich‘ – wie kann man das nicht sagen, o Brahmane? Beim Selbst ist dieses Wort ‚ich‘ doch nicht fehlerhaft, o Zweimalgeborener.“

Wort für Wort
yaḥ asti saḥ aham iti
wer ist, der ist „ich“
katham vaktum na śakyate
wie kann man es nicht sagen
ātmani eṣaḥ
beim Selbst dieses
na doṣāya
nicht fehlerhaft
śabdaḥ aham iti
das Wort „ich“

rajovāca für rājovāca.

brāhmaṇa uvāca | śabdohamiti doṣāya nātmanyeṣa tathaiva tat / anātmanyātmavijñānaṃ śabdo vā bhrāntilakṣaṇaḥ //

Der Brahmane sprach: „Das Wort ‚ich‘ führt zum Fehler; beim Selbst trifft es nicht so zu [?]. Das Erkennen des Selbst im Nichtselbst – oder [eben dieses] Wort – ist das Kennzeichen des Irrtums.

Wort für Wort
śabdaḥ aham iti doṣāya
das Wort „ich“ führt zum Fehler
na ātmani
nicht beim Selbst
anātmani ātma-vijñānam
Erkennen des Selbst im Nichtselbst
bhrānti-lakṣaṇaḥ
Kennzeichen des Irrtums

Erster Halbvers schwer konstruierbar.

yadā samastadeheṣu pumāneko vyavasthitaḥ / tadā hi ko bhavān kohamityetadviphalaṃ vacaḥ //

Wenn in allen Körpern der eine Puruṣa weilt, dann ist die Rede ‚Wer bist du, wer bin ich?‘ sinnlos.

Wort für Wort
samasta-deheṣu
in allen Körpern
pumān ekaḥ vyavasthitaḥ
weilt der eine Puruṣa
kaḥ bhavān kaḥ aham
wer bist du, wer bin ich
viphalam vacaḥ
sinnlose Rede

tvaṃ rājā śivikā ceyaṃ vayaṃ vāhāḥ puraḥsarāḥ / ayañca bhavato loko na sadetannṛpocyate //

‚Du bist der König, dies ist die Sänfte, wir sind die Träger, die Vorausgehenden, und dies sind deine Leute‘ – dies, o König, wird nicht als wahr bezeichnet.

Wort für Wort
tvam rājā
du bist der König
śibikā ca iyam
und dies die Sänfte
vayam vāhāḥ puraḥsarāḥ
wir die Träger, die Vorausgehenden
bhavataḥ lokaḥ
deine Leute
na sat etat
dies ist nicht wahr

vṛkṣāddāru tataśceyaṃ śivikā tvadadhiṣṭhitā / kā vṛkṣasaṃjñā jātasya dārusaṃjñātha vā nṛpa //

Aus dem Baum [entsteht] das Holz, und daraus diese Sänfte, auf der du sitzt. Welcher Name [gilt] für das Entstandene: ‚Baum‘ oder ‚Holz‘, o König?

Wort für Wort
vṛkṣāt dāru
aus dem Baum das Holz
tataḥ ca iyam śibikā
und daraus diese Sänfte
tvat-adhiṣṭhitā
auf der du sitzt
vṛkṣa-saṃjñā
die Bezeichnung „Baum“
dāru-saṃjñā
die Bezeichnung „Holz“

vṛkṣārūḍho mahārājo nāyaṃ vadati cetanaḥ / na ca dāruṇi sarvastvāṃ bravīti śivikāgataṃ //

‚Der Großkönig ist auf einen Baum gestiegen‘, sagt kein vernünftiger [Mensch]; und niemand sagt, du seiest auf dem Holz, wenn du in der Sänfte sitzt.

Wort für Wort
vṛkṣa-ārūḍhaḥ mahārājaḥ
der Großkönig ist auf einen Baum gestiegen
na ayam vadati cetanaḥ
das sagt kein Vernünftiger
na ca dāruṇi
und nicht auf dem Holz
śibikā-gatam
in der Sänfte befindlich

śivikādārusaṅghāto racanāsthitisaṃsthitaḥ / anviṣyatāṃ nṛpaśreṣṭha tadbhede śivikā tvayā //

Die Sänfte ist eine Ansammlung von Hölzern, die durch ihre Anordnung Bestand hat; suche, o bester König, die Sänfte, wenn diese zerlegt ist!

Wort für Wort
śibikā dāru-saṅghātaḥ
die Sänfte ist eine Ansammlung von Hölzern
racanā-sthiti-saṃsthitaḥ
durch die Anordnung bestehend
anviṣyatām
suche
tat-bhede
wenn diese zerlegt ist

pumān strī gaurayaṃ vājī kuñcaro vihagastaruḥ / deheṣu lokasaṃjñeyaṃ vijñeyā karmahetuṣu //

Mann, Frau, Kuh, dieses Pferd, Elefant, Vogel, Baum – diese weltliche Benennung von Körpern ist als in den Karma-Ursachen [begründet] zu erkennen.

Wort für Wort
pumān strī gauḥ
Mann, Frau, Kuh
vājī kuñjaraḥ
Pferd, Elefant
vihagaḥ taruḥ
Vogel, Baum
deheṣu loka-saṃjñā
die weltliche Benennung der Körper
karma-hetuṣu
in den Karma-Ursachen

jihvā bravītyahamiti dantauṣṭhau tālukaṃ nṛpa / ete nāhaṃ yataḥ sarve vāṅnipādanahetavaḥ //

Die Zunge sagt ‚ich‘, [ebenso] Zähne, Lippen und Gaumen, o König; doch diese alle sind nicht ‚ich‘, da sie [nur] Ursachen der Hervorbringung der Rede sind.

Wort für Wort
jihvā bravīti aham iti
die Zunge sagt „ich“
danta-oṣṭhau tālukam
Zähne, Lippen, Gaumen
ete na aham
diese sind nicht ich
vāk-niṣpādana-hetavaḥ
Ursachen der Hervorbringung der Rede

nipādana für niṣpādana.

kiṃ hetubhirvadatyeṣā vāgevāhamiti svayaṃ / tathāpi vāṅnāhametaduktaṃ mithyā na yujyate //

Sagt die Rede selbst etwa durch [diese] Ursachen ‚ich‘? Und doch ist die Rede nicht dieses ‚ich‘; [so] ist es nicht angemessen, das Gesagte für falsch [zu halten] [?].

Wort für Wort
kim hetubhiḥ vadati
spricht sie durch die Ursachen?
vāk eva aham iti svayam
die Rede selbst „ich“
vāk na aham
die Rede ist nicht „ich“
mithyā na yujyate
falsch ist nicht angemessen

Zweiter Halbvers unklar.

piṇḍaḥ pṛthag yataḥ puṃsaḥ śiraḥpāyvādilakṣaṇaḥ / tato 'hamiti kutraitāṃ saṃjñāṃ rājan karomyahaṃ //

Da der Körper, gekennzeichnet durch Kopf, After usw., vom Puruṣa verschieden ist, worauf soll ich dann, o König, diese Bezeichnung ‚ich‘ anwenden?

Wort für Wort
piṇḍaḥ
der Körper
pṛthak yataḥ puṃsaḥ
da vom Puruṣa verschieden
śiraḥ-pāyu-ādi-lakṣaṇaḥ
durch Kopf, After usw. gekennzeichnet
kutra etām saṃjñām
worauf diese Bezeichnung
karomi aham
soll ich anwenden

yadanyo 'sti paraḥ kopi mattaḥ pārthivasattama / tadeṣohamayaṃ cānyo vaktum evamapīṣyate //

Wenn es irgendeinen anderen gibt, der von mir verschieden ist, o bester der Könige, dann könnte man wohl auch sagen: ‚Dies bin ich, und jener ist ein anderer.‘

Wort für Wort
yat anyaḥ asti paraḥ kaḥ api
wenn es irgendeinen anderen gibt
mattaḥ
von mir verschieden
eṣaḥ aham ayam ca anyaḥ
dies bin ich, und jener ist ein anderer
vaktum iṣyate
kann man sagen

paramārthabhedo na nago na paśurnaca pādapaḥ / śarīrāś ca vibhedāś ca ya ete karmayonayaḥ //

Im höchsten Sinn gibt es keine Unterscheidung: weder Berg noch Tier noch Baum. Die Körper und ihre Unterschiede – diese sind aus dem Karma geboren.

Wort für Wort
paramārtha-bhedaḥ na
im höchsten Sinn keine Unterscheidung
na nagaḥ na paśuḥ
weder Berg noch Tier
na ca pādapaḥ
noch Baum
śarīrāḥ vibhedāḥ ca
die Körper und Unterschiede
karma-yonayaḥ
aus dem Karma geboren

yastu rājeti yalloke yacca rājabhaṭātmakam / taccānyacca nṛpetthantu na sat samyaganāmayaṃ //

Was in der Welt ‚König‘ [heißt] und was aus König und Soldaten besteht, das und anderes, o König, ist so nicht wirklich und nicht fehlerfrei [?].

Wort für Wort
yaḥ tu rājā iti
was „König“ [heißt]
rāja-bhaṭa-ātmakam
aus König und Soldaten bestehend
tat ca anyat ca
das und anderes
na sat
nicht wirklich
samyak anāmayam
recht, fehlerfrei

anāmayaṃ („gesund, fehlerfrei“) im Kontext auffällig.

tvaṃ rājā sarvalokasya pituḥ putro riporipuḥ / patnyāḥ patiḥ pitā sūnoḥ kastvāṃ bhūpa vadāmyahaṃ //

Du bist der König der ganzen Welt, des Vaters Sohn, des Feindes Feind, der Gattin Gatte, des Sohnes Vater – als was soll ich dich bezeichnen, o König?

Wort für Wort
rājā sarva-lokasya
König der ganzen Welt
pituḥ putraḥ
des Vaters Sohn
ripoḥ ripuḥ
des Feindes Feind
patnyāḥ patiḥ pitā sūnoḥ
der Gattin Gatte, des Sohnes Vater
kaḥ tvām vadāmi
als was soll ich dich bezeichnen

tvaṃ kimetacchiraḥ kinnu śirastava tathodaraṃ / kimu pādādikaṃ tvaṃ vai tavaitat kiṃ mahīpate //

Bist du dieser Kopf, oder ist der Kopf der deine, ebenso der Bauch? Bist du die Füße usw., oder sind sie die deinen, o Herr der Erde?

Wort für Wort
tvam kim etat śiraḥ
bist du dieser Kopf?
śiraḥ tava
der Kopf ist deiner
udaram
der Bauch
pāda-ādikam
Füße usw.
tava etat kim
ist dies deines?

samastāvayebhyastvaṃ pṛthagbhūto vyavasthitaḥ / kohamityatra nipuṇaṃ bhūtvā cintaya pārthiva / tacchratvovāca rājā tamavadhūtaṃ dvijaṃ hariṃ //

Von allen Gliedern verschieden stehst du da; denke, o König, gründlich darüber nach: ‚Wer bin ich?‘“ Als der König das gehört hatte, sprach er zu jenem Avadhūta, dem Brahmanen, [der] Hari [war]:

Wort für Wort
samasta-avayavebhyaḥ
von allen Gliedern
pṛthak-bhūtaḥ vyavasthitaḥ
verschieden dastehend
kaḥ aham iti
„wer bin ich“
nipuṇam bhūtvā cintaya
denke gründlich nach
avadhūtam dvijam
den Avadhūta, den Brahmanen

tacchratvovāca für tacchrutvovāca; samastāvayebhyas für samastāvayavebhyas.

rajovāca | śreyo 'rthamudyataḥ praṣṭuṃ kapilarṣimahaṃ dvija / tasyāṃśaḥ kapilarṣestvaṃ mat kṛte jñānado bhuvi / jñānavīcyudacheryasmādyacchreyastacca me vada //

Der König sprach: „Um des Heiles willen hatte ich mich aufgemacht, den Weisen Kapila zu befragen, o Brahmane. Du bist ein Teil jenes Weisen Kapila, [der] um meinetwillen auf Erden als Spender der Erkenntnis [erschienen ist]. Da [du] ein Ozean mit Wogen der Erkenntnis [bist], so sage mir, was das Heil ist.“

Wort für Wort
śreyaḥ-artham udyataḥ
um des Heiles willen aufgebrochen
praṣṭum kapila-ṛṣim
den Weisen Kapila zu befragen
tasya aṃśaḥ
ein Teil von ihm
jñāna-daḥ bhuvi
Spender der Erkenntnis auf Erden
jñāna-vīci-udadheḥ
vom Ozean mit Wogen der Erkenntnis

rajovāca für rājovāca; jñānavīcyudacher wohl für jñānavīcyudadher.

brāhmaṇa uvāca | bhūyaḥ pṛcchasi kiṃ śreyaḥ paramārthanna pṛcchasi / śreyāṃsyaparamārthāni aśeṣāṇyeva bhūpate //

Der Brahmane sprach: „Wiederum fragst du, was das Heil sei; nach dem höchsten Ziel (Paramārtha) fragst du nicht. Alle Heilsgüter sind ohne Ausnahme nicht das höchste Ziel, o König.

Wort für Wort
bhūyaḥ pṛcchasi kim śreyaḥ
wiederum fragst du, was das Heil sei
paramārtham na pṛcchasi
nach dem höchsten Ziel fragst du nicht
śreyāṃsi aparamārthāni
die Heilsgüter sind nicht das höchste Ziel
aśeṣāṇi eva
ohne Ausnahme

devatārādhanaṃ kṛtvā dhanasampattimicchati / putrānicchati rājyañca śreyastasyaiva kiṃ nṛpa //

Hat einer eine Gottheit verehrt, so wünscht er sich den Besitz von Reichtum, er wünscht sich Söhne und ein Königreich – was ist da für ihn das [wahre] Heil, o König?

Wort für Wort
devatā-ārādhanam kṛtvā
eine Gottheit verehrt habend
dhana-sampattim icchati
wünscht Besitz von Reichtum
putrān icchati rājyam ca
wünscht Söhne und ein Königreich
śreyaḥ tasya eva kim
was ist für ihn das Heil?

vivekinastu saṃyogaḥ śreyo yaḥ paramātmanaḥ / yajñādikā kriyā na syāt nāsti dravyopapattitā //

Für den Unterscheidenden aber ist das Heil die Verbindung mit dem höchsten Selbst. Opferhandlungen usw. sind es nicht; es gibt kein Erlangen [des Heils] durch Güter.

Wort für Wort
vivekinaḥ tu
für den Unterscheidenden aber
saṃyogaḥ paramātmanaḥ
Verbindung mit dem höchsten Selbst
yajña-ādikā kriyā na
Opferhandlung usw. nicht
na asti dravya-upapattitā
kein Erlangen durch Güter

paramārthātmanoryogaḥ paramārtha itīṣyate / eko vyāpī samaḥ śuddho nirguṇaḥ prakṛteḥ paraḥ //

Die Verbindung von höchstem Ziel und Selbst gilt als das höchste Ziel. Das Selbst ist eines, alldurchdringend, gleich, rein, ohne Guṇas, jenseits der Urnatur, ...

Wort für Wort
paramārtha-ātmanoḥ yogaḥ
Verbindung von höchstem Ziel und Selbst
paramārthaḥ iti iṣyate
gilt als höchstes Ziel
ekaḥ vyāpī samaḥ śuddhaḥ
eins, durchdringend, gleich, rein
nirguṇaḥ prakṛteḥ paraḥ
ohne Guṇas, jenseits der Prakṛti

janmavṛddhyādirahita ātmā sarvagato 'vyayaḥ / paraṃ jñānamayo 'saṅgī guṇajātyādibhirvibhuḥ //

... frei von Geburt, Wachstum usw., allgegenwärtig, unvergänglich, ganz aus höchster Erkenntnis bestehend, ohne Verbindung mit Guṇa, Gattung usw., allmächtig.

Wort für Wort
janma-vṛddhi-ādi-rahitaḥ
frei von Geburt, Wachstum usw.
sarva-gataḥ avyayaḥ
allgegenwärtig, unvergänglich
param jñāna-mayaḥ
aus höchster Erkenntnis bestehend
asaṅgī guṇa-jāti-ādibhiḥ
ohne Verbindung mit Guṇa, Gattung usw.
vibhuḥ
allmächtig

nidādhaṛtusaṃvādaṃ vadāmi dvija taṃ śṛṇu / ṛturbrahmasuto jñānī tacchiṣyo 'bhūt pulastyajaḥ //

Ich erzähle [dir] das Gespräch zwischen Nidāgha und Ṛtu; höre es, o Zweimalgeborener. Ṛtu, der Sohn Brahmās, war ein Wissender; sein Schüler war der Sohn des Pulastya.

Wort für Wort
nidāgha-ṛtu-saṃvādam
das Gespräch zwischen Nidāgha und Ṛtu
vadāmi
ich erzähle
ṛtuḥ brahma-sutaḥ jñānī
Ṛtu, Brahmās Sohn, ein Wissender
tat-śiṣyaḥ abhūt
sein Schüler war
pulastya-jaḥ
der Sohn des Pulastya

nidādha für nidāgha; ṛtu steht hier wohl für den sonst Ṛbhu genannten Lehrer. Die Anrede dvija an den König ist auffällig.

nidāghaḥ prāptavidyo 'smānnagare vai pure sthitaḥ / devikāyāstaṭe tañca tarkayāmāsa vai ṛtuḥ //

Nidāgha, der von ihm das Wissen erlangt hatte, wohnte in einer Stadt, am Ufer der Devikā; und Ṛtu gedachte seiner.

Wort für Wort
nidāghaḥ prāpta-vidyaḥ
Nidāgha, der das Wissen erlangt hatte
asmāt
von ihm
nagare sthitaḥ
wohnte in einer Stadt
devikāyāḥ taṭe
am Ufer der Devikā
tarkayāmāsa
gedachte seiner

divye varṣasahasre 'gānnidāghamavalokituṃ / nidāgho vaiśvadevānte bhuktvānnaṃ śiṣyamabravīt / bhuktante tṛptirutpannā tuṣṭidā sākṣayā yataḥ //

Nach tausend göttlichen Jahren ging er hin, um Nidāgha zu besuchen. Nach der Vaiśvadeva-Opfergabe, als [der Gast] die Speise gegessen hatte, sprach Nidāgha zu ihm [Text: zum Schüler]: „Ist nach dem Mahl Sättigung eingetreten, die Befriedigung schenkt, da sie unvergänglich ist?“

Wort für Wort
divye varṣa-sahasre
nach tausend göttlichen Jahren
agāt nidāgham avalokitum
ging, um Nidāgha zu besuchen
vaiśvadeva-ante
nach dem Vaiśvadeva-Opfer
bhukta-ante tṛptiḥ utpannā
ist nach dem Mahl Sättigung eingetreten
tuṣṭi-dā sa-akṣayā
Befriedigung schenkend, unvergänglich

śiṣyam passt nicht (der Gast ist der Lehrer); bhuktante für bhuktānte.

ṛtur uvāca | kṣudasti yasya bhute 'nne tuṣṭirbrāhmaṇa jāyate / na me kṣudabhavattṛptiṃ kasmāttvaṃ paripṛcchasi //

Ṛtu sprach: „Wer Hunger hat, dem entsteht Zufriedenheit, wenn die Speise gegessen ist, o Brahmane. Ich hatte keinen Hunger; warum fragst du [mich] nach Sättigung?

Wort für Wort
kṣut asti yasya
wer Hunger hat
bhukte anne
wenn die Speise gegessen ist
tuṣṭiḥ jāyate
entsteht Zufriedenheit
na me kṣut abhavat
ich hatte keinen Hunger
tṛptim kasmāt paripṛcchasi
warum fragst du nach Sättigung

kṣuttṛṣṇe dehadharmākhye na mamaite yato dvija / pṛṣṭohaṃ yattvayā brūyāṃ tṛptirastye va me sadā //

Hunger und Durst heißen Eigenschaften des Körpers; da sie nicht die meinen sind, o Zweimalgeborener, [und] da du mich fragst, will ich sagen: Sättigung ist mir immer.

Wort für Wort
kṣut-tṛṣṇe
Hunger und Durst
deha-dharma-ākhye
Eigenschaften des Körpers genannt
na mama ete
diese sind nicht mein
pṛṣṭaḥ aham yat tvayā
da ich von dir gefragt bin
tṛptiḥ asti eva me sadā
Sättigung ist mir immer

pumān sarvagato vyāpī ākāśavadayaṃ yataḥ / ato 'haṃ pratyagātmāsmītyetadarthe bhavet kathaṃ //

Da dieser Puruṣa allgegenwärtig und alldurchdringend ist wie der Raum, bin ich daher das innere Selbst – wie könnte da diese [Frage] einen Sinn haben [?]

Wort für Wort
pumān sarva-gataḥ vyāpī
der Puruṣa ist allgegenwärtig, durchdringend
ākāśavat
wie der Raum
aham pratyak-ātmā asmi
ich bin das innere Selbst
etat arthe bhavet katham
wie könnte dies Sinn haben

Zweiter Halbvers syntaktisch unsicher.

so 'haṃ gantā na cāgantā naikadeśaniketanaḥ / tvaṃ cānyo na bhavennāpi nānyastvatto 'smi vā pyahaṃ //

Ich bin weder einer, der geht, noch einer, der kommt, noch wohne ich an einem [bestimmten] Ort; auch bist du kein anderer, noch bin ich ein anderer als du.

Wort für Wort
saḥ aham gantā na
ich bin kein Gehender
na ca āgantā
und kein Kommender
na eka-deśa-niketanaḥ
nicht an einem Ort wohnend
tvam ca anyaḥ na
du bist kein anderer
na anyaḥ tvattaḥ asmi
ich bin kein anderer als du

mṛṇmayaṃ hi gṛhaṃ yadvanmṛdāliptaṃ sthirībhavet / pārthivo 'yaṃ tathā dehaḥ pārthivaiḥ paramāṇubhiḥ //

Wie ein Haus aus Lehm, mit Lehm bestrichen, fest wird, so [wird] dieser erdhafte Körper durch erdhafte Atome [gefestigt].

Wort für Wort
mṛṇmayam gṛham
ein Haus aus Lehm
mṛdā āliptam
mit Lehm bestrichen
sthirī-bhavet
wird fest
pārthivaḥ ayam dehaḥ
dieser erdhafte Körper
pārthivaiḥ paramāṇubhiḥ
durch erdhafte Atome

ṛturasmi tavācāryaḥ prajñādānāya te dvija / ihāgato 'haṃ yāsyāmi paramārthastavoditaḥ //

Ich bin Ṛtu, dein Lehrer; um dir Einsicht zu schenken, bin ich hierher gekommen, o Zweimalgeborener, und ich werde [wieder] gehen. Das höchste Ziel ist dir [nun] verkündet:

Wort für Wort
ṛtuḥ asmi tava ācāryaḥ
ich bin Ṛtu, dein Lehrer
prajñā-dānāya te
um dir Einsicht zu schenken
iha āgataḥ
hierher gekommen
yāsyāmi
ich werde gehen
paramārthaḥ tava uditaḥ
das höchste Ziel ist dir verkündet

ekamevamidaṃ viddhi na bhedaḥ sakalaṃ jagat / vāsudevābhidheyasya svarūpaṃ paramātmanaḥ //

Erkenne dies als eines; es gibt keine Verschiedenheit: Die ganze Welt ist die eigene Gestalt des höchsten Selbst, das Vāsudeva genannt wird.“

Wort für Wort
ekam evam idam viddhi
erkenne dies so als eines
na bhedaḥ
keine Verschiedenheit
sakalam jagat
die ganze Welt
vāsudeva-abhidheyasya
des Vāsudeva Genannten
svarūpam paramātmanaḥ
die eigene Gestalt des höchsten Selbst

ṛturvarṣasahasrānte punastannagaraṃ yayau / nidāghaṃ nagaraprānte ekānte sthitamabravīt / ekānte sthīyate kasmānnidāghaṃ ṛturabravīt //

Nach [weiteren] tausend Jahren ging Ṛtu wieder zu jener Stadt. Er sprach Nidāgha an, der am Rand der Stadt abseits stand: „Warum stehst du abseits?“, so sprach Ṛtu zu Nidāgha.

Wort für Wort
varṣa-sahasra-ante
nach tausend Jahren
punaḥ tat nagaram yayau
ging wieder zu jener Stadt
nagara-prānte
am Rand der Stadt
ekānte sthitam
abseits stehend
kasmāt sthīyate
warum stehst du

nidāgha uvāca | bho vipra janasaṃvādo mahāneṣa nareśvara / pravivīkṣya puraṃ ramyaṃ tenātra sthīyate mayā //

Nidāgha sprach: „O Brahmane, hier ist ein großes Gedränge von Leuten; der König will in die schöne Stadt einziehen; deshalb stehe ich hier.“

Wort für Wort
bho vipra
o Brahmane
jana-saṃbādhaḥ mahān
großes Gedränge von Leuten
nara-īśvaraḥ
der König
pravivikṣuḥ puram ramyam
will in die schöne Stadt einziehen
tena atra sthīyate mayā
deshalb stehe ich hier

janasaṃvādo wohl für janasaṃbādho; pravivīkṣya wohl für pravivikṣuḥ.

ṛtur uvāca | narādhipo 'tra katamaḥ katamaścetaro janaḥ / kathyatāṃ me dvijaśreṣṭha tvamabhijño dvijottama //

Ṛtu sprach: „Welcher ist hier der König, und welches sind die anderen Leute? Sag es mir, o bester der Zweimalgeborenen, denn du bist kundig.“

Wort für Wort
nara-adhipaḥ atra katamaḥ
welcher ist hier der König
katamaḥ ca itaraḥ janaḥ
und welches die anderen Leute
kathyatām me
sag es mir
tvam abhijñaḥ
du bist kundig

yo 'yaṃ gajendramunmattamadriśṛṅgasamutthitaṃ / adhirūḍho narendro 'yaṃ parivārastathetaraḥ //

[Nidāgha sprach:] „Der da auf dem brünstigen Elefantenfürsten sitzt, der sich wie ein Berggipfel erhebt, der ist der König; das Gefolge sind die anderen.“

Wort für Wort
gaja-indram unmattam
den brünstigen Elefantenfürsten
adri-śṛṅga-samutthitam
wie ein Berggipfel sich erhebend
adhirūḍhaḥ
bestiegen habend
nara-indraḥ ayam
dies ist der König
parivāraḥ tathā itaraḥ
das Gefolge sind die anderen

Sprecherangabe fehlt im Text.

gajo yo 'yamadho brahmannuparyeṣa sa bhūpatiḥ / ṛturāha gajaḥ ko 'tra rājā cāha nidāghakaḥ //

„Was unten ist, ist der Elefant, o Brahmane; oben ist jener, der König.“ Ṛtu sprach: „Was ist hier der Elefant und [was] der König?“ Da sprach Nidāgha:

Wort für Wort
gajaḥ yaḥ ayam adhaḥ
was unten ist, ist der Elefant
upari eṣaḥ bhūpatiḥ
oben ist der König
ṛtuḥ āha
Ṛtu sprach
gajaḥ kaḥ atra rājā ca
was ist hier Elefant und König
āha nidāghakaḥ
Nidāgha sprach

ṛturnidāgha ārūḍho dṛṣṭāntaṃ paśya vāhanaṃ / uparyahaṃ yathā rājā tvamadhaḥ kuñjaro yathā //

Nidāgha stieg auf Ṛtu [und sprach]: „Sieh das Beispiel, das Reittier: Ich bin oben wie der König, du bist unten wie der Elefant.“

Wort für Wort
ṛtuḥ nidāgha-ārūḍhaḥ
Ṛtu von Nidāgha bestiegen
dṛṣṭāntam paśya
sieh das Beispiel
vāhanam
das Reittier
upari aham yathā rājā
oben ich wie der König
tvam adhaḥ kuñjaraḥ yathā
du unten wie der Elefant

Wörtlich: „Ṛtu [war] von Nidāgha bestiegen.“

ṛtuḥ prāha nidāghantaṃ katamastvāmahaṃ vade / ukto nidāghastannatvā prāha me tvaṃ gururdhruvam //

Ṛtu sprach zu Nidāgha: „Welchen [von uns beiden] soll ich dann als dich bezeichnen [und welchen als mich]?“ So angesprochen, verneigte sich Nidāgha und sprach: „Du bist gewiss mein Lehrer;

Wort für Wort
katamaḥ tvām aham vade
welchen soll ich als dich bezeichnen
uktaḥ nidāghaḥ
so angesprochen, Nidāgha
tam natvā
sich vor ihm verneigend
me tvam guruḥ dhruvam
du bist gewiss mein Lehrer

nānyasmāddvaitasaṃskārasaṃskṛtaṃ mānasaṃ tathā / ṛtuḥ prāha nidāghantaṃ brahmajñānāya cāgataḥ / paramārthaṃ sārabhūtamadvaitaṃ darśitaṃ mayā //

denn von keinem anderen [könnte] ein so von den Prägungen der Zweiheit geformter Geist [zurechtgebracht werden] [?].“ Ṛtu sprach zu Nidāgha: „Um [dir] die Brahman-Erkenntnis [zu bringen], bin ich gekommen; das höchste Ziel, das Wesenhafte, die Zweitlosigkeit, habe ich dir gezeigt.“

Wort für Wort
na anyasmāt
von keinem anderen
dvaita-saṃskāra-saṃskṛtam mānasam
der von Zweiheitsprägungen geformte Geist
brahma-jñānāya ca āgataḥ
zur Brahman-Erkenntnis gekommen
paramārtham sāra-bhūtam
das höchste Ziel, das Wesenhafte
advaitam darśitam mayā
die Zweitlosigkeit habe ich gezeigt

Erster Halbvers elliptisch.

brāhmaṇa uvāca | nidāgho 'pyupadeśena tenādvaitaparo 'bhavat / sarvabhūtānyabhedena dadṛśe sa tadātmani //

Der Brahmane sprach: Auch Nidāgha wurde durch diese Unterweisung der Zweitlosigkeit ergeben; alle Wesen sah er da ohne Verschiedenheit in [seinem] Selbst.

Wort für Wort
upadeśena tena
durch diese Unterweisung
advaita-paraḥ abhavat
wurde der Zweitlosigkeit ergeben
sarva-bhūtāni abhedena
alle Wesen ohne Verschiedenheit
dadṛśe tadā ātmani
sah er da im Selbst

avāpa muktiṃ jñānātsa tathā tvaṃ muktimāpsyasi / ekaḥ samastaṃ tvañcāhaṃ viṣṇuḥ sarvagato yataḥ //

Er erlangte durch Erkenntnis die Befreiung; ebenso wirst auch du die Befreiung erlangen. Einer ist das Ganze, du und ich, da Viṣṇu allgegenwärtig ist.

Wort für Wort
avāpa muktim jñānāt
erlangte die Befreiung durch Erkenntnis
tathā tvam muktim āpsyasi
so wirst du die Befreiung erlangen
ekaḥ samastam
einer ist das Ganze
tvam ca aham
du und ich
viṣṇuḥ sarva-gataḥ yataḥ
da Viṣṇu allgegenwärtig ist

pītanīlādibhedena yathaikaṃ dṛśyate nabhaḥ / bhrāntidṛṣṭibhirātmāpi tathaikaḥ sa pṛthak pṛthak //

Wie der eine Himmel durch Unterscheidungen wie gelb, blau usw. [verschieden] gesehen wird, so [erscheint] auch das Selbst, obgleich eines, den vom Irrtum [getrübten] Blicken gesondert.

Wort für Wort
pīta-nīla-ādi-bhedena
durch Unterschiede wie gelb, blau usw.
ekam dṛśyate nabhaḥ
wird der eine Himmel gesehen
bhrānti-dṛṣṭibhiḥ
für vom Irrtum getrübte Blicke
ātmā api ekaḥ
auch das Selbst, obgleich eines
pṛthak pṛthak
gesondert

agnir uvāca | muktiṃ hy avāpa bhavato jñānasāreṇa bhūpatiḥ / saṃsārājñānavṛkṣārijñānaṃ brahmeti cintaya //

Agni sprach: Durch das Wesentliche der Erkenntnis von jenem [Bharata] erlangte der König die Befreiung. Bedenke: Die Erkenntnis, die Feindin des Baumes aus Saṃsāra und Unwissenheit, ist Brahman.

Wort für Wort
muktim avāpa
erlangte die Befreiung
jñāna-sāreṇa
durch das Wesentliche der Erkenntnis
bhūpatiḥ
der König
saṃsāra-ajñāna-vṛkṣa-ari
Feind des Baumes aus Saṃsāra und Unwissenheit
jñānam brahma iti cintaya
bedenke: Erkenntnis ist Brahman

bhavato wohl für bharatāt (vgl. V. 1).

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