Kapitel 379: advaitabrahmavijñānam
Die Erkenntnis des zweitlosen Brahman
Agni erzählt die Geschichte Bharatas: Wegen seiner Anhänglichkeit an ein Reh als Reh wiedergeboren, lebt er danach als scheinbar stumpfsinniger Brahmane und muss die Sänfte eines Königs tragen; auf dessen Tadel antwortet er mit einer Lehre über die Nichtigkeit der Unterscheidungen „ich“ und „du“ und das eine Selbst. Eingeschoben ist das Gespräch zwischen Ṛtu (sonst Ṛbhu) und seinem Schüler Nidāgha, das die Zweitlosigkeit veranschaulicht; der König erlangt die Erlösung. Die Sprecherzuweisungen im Ṛtu-Nidāgha-Teil (V. 47–62) sind im Text verworren, und mehrere Wörter sind verschrieben (u. a. V. 1 bhavato für bharato, V. 4, 15, 45).
Agni sprach: Ich werde die Erkenntnis des zweitlosen Brahman darlegen, die Bharata verkündet hat. In Śālagrāma übte er Askese und vollzog die Verehrung Vāsudevas usw.
Wort für Wort
advaita-brahma-vijñānam
die Erkenntnis des zweitlosen Brahman
yat bharataḥ agadat
die Bharata verkündete
śālagrāme
in Śālagrāma
tapaḥ cakre
übte Askese
vāsudeva-arcana-ādi-kṛt
die Verehrung Vāsudevas usw. vollziehend
bhavato 'gadat wohl für bharato 'gadat; śālagrāne für śālagrāme.
Durch Anhänglichkeit an ein Reh wurde er, da er in der Todesstunde des Rehs gedachte, [selbst] zum Reh. Als Reh, das sich an seine frühere Geburt erinnerte, gab er den Körper durch Yoga auf und wurde [wieder ein Brahmane] aus eigener Kraft [?].
advaitabrahmabhūtaś ca jaḍavallokamācarat / kṣattāsau vīrarājasya viṣṭiyogamamanyata //
Zum zweitlosen Brahman geworden, wandelte er wie ein Stumpfsinniger in der Welt. Der Kämmerer des Königs Vīra [Anm.: gemeint wohl der König von Sauvīra] hielt ihn für tauglich zum Frondienst.
Er ging hinterher im Gang eines Stumpfsinnigen, während die anderen eilig gingen. Als der König die Schnellen mit ihrem schnellen Gang sah, sprach er zu dem, der nicht schnell war:
brāhmaṇa uvāca | nāhaṃ pīvānna vaiṣoḍhā śivikā bhavato mayā / na śrānto 'smi na vāyāso voḍhavyo 'si mahīpate //
Der Brahmane sprach: „Ich bin nicht kräftig, noch ist deine Sänfte von mir getragen worden; ich bin nicht müde, noch habe ich Mühe; du bist nicht [von mir] zu tragen, o Herr der Erde.“
„Auf dem Boden stehen die beiden Füße, auf den beiden Füßen stehen die Unterschenkel, die Oberschenkel stehen auf den beiden Unterschenkeln, und auf diesen ruht der Bauch;
Und diese Guṇas, Sattva usw., stehen unter der Macht des Karmas, o Herr der Erde; das Karma ist durch Unwissenheit angehäuft, und zwar in allen Lebewesen.
Diese Sänfte ruht auf Boden, Unterschenkeln, Füßen, Hüfte, Oberschenkeln, Bauch usw. und ebenso auf der Schulter; dann ist die Last [für mich] die gleiche wie für dich [?].
Wort für Wort
bhū-jaṅghā-pāda-kaṭi-ūru-jaṭhara-ādiṣu
auf Boden, Unterschenkel, Füßen, Hüfte, Oberschenkeln, Bauch usw.
saṃsthitā śibikā iyam
ruht diese Sänfte
skandhe
auf der Schulter
bhāraḥ samaḥ tvayā
die Last ist gleich wie bei dir
tadā bhāvaḥsamastvayā wohl für tathā bhāraḥ samas tvayā.
Ebenso [trägt sie] durch das Werk des Hebens der Sänfte [jeder] mit anderen Lebewesen, o König, [ob die Last] aus Stein, Holz oder Hausrat entstanden oder erdhaft ist.
Wort für Wort
tat anya-jantubhiḥ
ebenso mit anderen Lebewesen
śibikā-utthāna-karmaṇā
durch das Werk des Hebens der Sänfte
śaila-dravya
Stein-Material
gṛha-utthaḥ
aus einem Haus entstanden
pṛthivī-sambhavaḥ
aus der Erde entstanden
Vers syntaktisch lose; Sinn: die Last ist ein Erdstoff wie jeder andere [?].
Aus welchem Stoff diese Sänfte ist, aus demselben Stoff besteht die Ansammlung der Elemente [Anm.: der Körper] – deine, meine und die dieses ganzen [Gefolges] –, in gleicher Weise gebildet.“
tacchrutvovāca rājā taṃ gṛhītvāṅghrī kṣamāpya ca / prasādaṃ kuru tyaktvemāṃ śivikāṃ brūhi śṛṇvate / yo bhavān yannimittaṃ vā yadāgamanakāraṇam //
Als der König das gehört hatte, ergriff er seine Füße, bat ihn um Verzeihung und sprach zu ihm: „Sei gnädig! Verlass diese Sänfte und sage mir, der ich zuhöre, wer du bist, weswegen [du hier bist] und was der Grund deines Kommens ist.“
sukhaduḥkhopabhogau tu tau deśādyupapādakau / dharmādharmodbhavau bhoktuṃ janturdeśādimṛcchati //
Das Genießen von Glück und Leid – diese beiden führen zu Ort usw.; um die aus Recht und Unrecht entstandenen [Früchte] zu genießen, geht das Lebewesen an einen Ort usw.“
rajovāca | yo 'sti sohamiti brahman kathaṃ vaktuṃ na śakyate / ātmanyeṣu na doṣāya śabdohamiti yo dvija //
Der König sprach: „Wer ist, der ist ‚ich‘ – wie kann man das nicht sagen, o Brahmane? Beim Selbst ist dieses Wort ‚ich‘ doch nicht fehlerhaft, o Zweimalgeborener.“
Der Brahmane sprach: „Das Wort ‚ich‘ führt zum Fehler; beim Selbst trifft es nicht so zu [?]. Das Erkennen des Selbst im Nichtselbst – oder [eben dieses] Wort – ist das Kennzeichen des Irrtums.
tvaṃ rājā śivikā ceyaṃ vayaṃ vāhāḥ puraḥsarāḥ / ayañca bhavato loko na sadetannṛpocyate //
‚Du bist der König, dies ist die Sänfte, wir sind die Träger, die Vorausgehenden, und dies sind deine Leute‘ – dies, o König, wird nicht als wahr bezeichnet.
Die Zunge sagt ‚ich‘, [ebenso] Zähne, Lippen und Gaumen, o König; doch diese alle sind nicht ‚ich‘, da sie [nur] Ursachen der Hervorbringung der Rede sind.
Sagt die Rede selbst etwa durch [diese] Ursachen ‚ich‘? Und doch ist die Rede nicht dieses ‚ich‘; [so] ist es nicht angemessen, das Gesagte für falsch [zu halten] [?].
Wenn es irgendeinen anderen gibt, der von mir verschieden ist, o bester der Könige, dann könnte man wohl auch sagen: ‚Dies bin ich, und jener ist ein anderer.‘
Von allen Gliedern verschieden stehst du da; denke, o König, gründlich darüber nach: ‚Wer bin ich?‘“ Als der König das gehört hatte, sprach er zu jenem Avadhūta, dem Brahmanen, [der] Hari [war]:
Wort für Wort
samasta-avayavebhyaḥ
von allen Gliedern
pṛthak-bhūtaḥ vyavasthitaḥ
verschieden dastehend
kaḥ aham iti
„wer bin ich“
nipuṇam bhūtvā cintaya
denke gründlich nach
avadhūtam dvijam
den Avadhūta, den Brahmanen
tacchratvovāca für tacchrutvovāca; samastāvayebhyas für samastāvayavebhyas.
rajovāca | śreyo 'rthamudyataḥ praṣṭuṃ kapilarṣimahaṃ dvija / tasyāṃśaḥ kapilarṣestvaṃ mat kṛte jñānado bhuvi / jñānavīcyudacheryasmādyacchreyastacca me vada //
Der König sprach: „Um des Heiles willen hatte ich mich aufgemacht, den Weisen Kapila zu befragen, o Brahmane. Du bist ein Teil jenes Weisen Kapila, [der] um meinetwillen auf Erden als Spender der Erkenntnis [erschienen ist]. Da [du] ein Ozean mit Wogen der Erkenntnis [bist], so sage mir, was das Heil ist.“
Wort für Wort
śreyaḥ-artham udyataḥ
um des Heiles willen aufgebrochen
praṣṭum kapila-ṛṣim
den Weisen Kapila zu befragen
tasya aṃśaḥ
ein Teil von ihm
jñāna-daḥ bhuvi
Spender der Erkenntnis auf Erden
jñāna-vīci-udadheḥ
vom Ozean mit Wogen der Erkenntnis
rajovāca für rājovāca; jñānavīcyudacher wohl für jñānavīcyudadher.
Der Brahmane sprach: „Wiederum fragst du, was das Heil sei; nach dem höchsten Ziel (Paramārtha) fragst du nicht. Alle Heilsgüter sind ohne Ausnahme nicht das höchste Ziel, o König.
Hat einer eine Gottheit verehrt, so wünscht er sich den Besitz von Reichtum, er wünscht sich Söhne und ein Königreich – was ist da für ihn das [wahre] Heil, o König?
Für den Unterscheidenden aber ist das Heil die Verbindung mit dem höchsten Selbst. Opferhandlungen usw. sind es nicht; es gibt kein Erlangen [des Heils] durch Güter.
Die Verbindung von höchstem Ziel und Selbst gilt als das höchste Ziel. Das Selbst ist eines, alldurchdringend, gleich, rein, ohne Guṇas, jenseits der Urnatur, ...
... frei von Geburt, Wachstum usw., allgegenwärtig, unvergänglich, ganz aus höchster Erkenntnis bestehend, ohne Verbindung mit Guṇa, Gattung usw., allmächtig.
Ich erzähle [dir] das Gespräch zwischen Nidāgha und Ṛtu; höre es, o Zweimalgeborener. Ṛtu, der Sohn Brahmās, war ein Wissender; sein Schüler war der Sohn des Pulastya.
Wort für Wort
nidāgha-ṛtu-saṃvādam
das Gespräch zwischen Nidāgha und Ṛtu
vadāmi
ich erzähle
ṛtuḥ brahma-sutaḥ jñānī
Ṛtu, Brahmās Sohn, ein Wissender
tat-śiṣyaḥ abhūt
sein Schüler war
pulastya-jaḥ
der Sohn des Pulastya
nidādha für nidāgha; ṛtu steht hier wohl für den sonst Ṛbhu genannten Lehrer. Die Anrede dvija an den König ist auffällig.
Nach tausend göttlichen Jahren ging er hin, um Nidāgha zu besuchen. Nach der Vaiśvadeva-Opfergabe, als [der Gast] die Speise gegessen hatte, sprach Nidāgha zu ihm [Text: zum Schüler]: „Ist nach dem Mahl Sättigung eingetreten, die Befriedigung schenkt, da sie unvergänglich ist?“
Wort für Wort
divye varṣa-sahasre
nach tausend göttlichen Jahren
agāt nidāgham avalokitum
ging, um Nidāgha zu besuchen
vaiśvadeva-ante
nach dem Vaiśvadeva-Opfer
bhukta-ante tṛptiḥ utpannā
ist nach dem Mahl Sättigung eingetreten
tuṣṭi-dā sa-akṣayā
Befriedigung schenkend, unvergänglich
śiṣyam passt nicht (der Gast ist der Lehrer); bhuktante für bhuktānte.
ṛtur uvāca | kṣudasti yasya bhute 'nne tuṣṭirbrāhmaṇa jāyate / na me kṣudabhavattṛptiṃ kasmāttvaṃ paripṛcchasi //
Ṛtu sprach: „Wer Hunger hat, dem entsteht Zufriedenheit, wenn die Speise gegessen ist, o Brahmane. Ich hatte keinen Hunger; warum fragst du [mich] nach Sättigung?
kṣuttṛṣṇe dehadharmākhye na mamaite yato dvija / pṛṣṭohaṃ yattvayā brūyāṃ tṛptirastye va me sadā //
Hunger und Durst heißen Eigenschaften des Körpers; da sie nicht die meinen sind, o Zweimalgeborener, [und] da du mich fragst, will ich sagen: Sättigung ist mir immer.
Da dieser Puruṣa allgegenwärtig und alldurchdringend ist wie der Raum, bin ich daher das innere Selbst – wie könnte da diese [Frage] einen Sinn haben [?]
so 'haṃ gantā na cāgantā naikadeśaniketanaḥ / tvaṃ cānyo na bhavennāpi nānyastvatto 'smi vā pyahaṃ //
Ich bin weder einer, der geht, noch einer, der kommt, noch wohne ich an einem [bestimmten] Ort; auch bist du kein anderer, noch bin ich ein anderer als du.
Ich bin Ṛtu, dein Lehrer; um dir Einsicht zu schenken, bin ich hierher gekommen, o Zweimalgeborener, und ich werde [wieder] gehen. Das höchste Ziel ist dir [nun] verkündet:
Nach [weiteren] tausend Jahren ging Ṛtu wieder zu jener Stadt. Er sprach Nidāgha an, der am Rand der Stadt abseits stand: „Warum stehst du abseits?“, so sprach Ṛtu zu Nidāgha.
yo 'yaṃ gajendramunmattamadriśṛṅgasamutthitaṃ / adhirūḍho narendro 'yaṃ parivārastathetaraḥ //
[Nidāgha sprach:] „Der da auf dem brünstigen Elefantenfürsten sitzt, der sich wie ein Berggipfel erhebt, der ist der König; das Gefolge sind die anderen.“
gajo yo 'yamadho brahmannuparyeṣa sa bhūpatiḥ / ṛturāha gajaḥ ko 'tra rājā cāha nidāghakaḥ //
„Was unten ist, ist der Elefant, o Brahmane; oben ist jener, der König.“ Ṛtu sprach: „Was ist hier der Elefant und [was] der König?“ Da sprach Nidāgha:
Ṛtu sprach zu Nidāgha: „Welchen [von uns beiden] soll ich dann als dich bezeichnen [und welchen als mich]?“ So angesprochen, verneigte sich Nidāgha und sprach: „Du bist gewiss mein Lehrer;
denn von keinem anderen [könnte] ein so von den Prägungen der Zweiheit geformter Geist [zurechtgebracht werden] [?].“ Ṛtu sprach zu Nidāgha: „Um [dir] die Brahman-Erkenntnis [zu bringen], bin ich gekommen; das höchste Ziel, das Wesenhafte, die Zweitlosigkeit, habe ich dir gezeigt.“
Der Brahmane sprach: Auch Nidāgha wurde durch diese Unterweisung der Zweitlosigkeit ergeben; alle Wesen sah er da ohne Verschiedenheit in [seinem] Selbst.
Wie der eine Himmel durch Unterscheidungen wie gelb, blau usw. [verschieden] gesehen wird, so [erscheint] auch das Selbst, obgleich eines, den vom Irrtum [getrübten] Blicken gesondert.
Agni sprach: Durch das Wesentliche der Erkenntnis von jenem [Bharata] erlangte der König die Befreiung. Bedenke: Die Erkenntnis, die Feindin des Baumes aus Saṃsāra und Unwissenheit, ist Brahman.