Kapitel 214: mantramāhātmyam
Die Größe der Mantras
Agni erklärt das System der Körperkanäle (nāḍī) und der zehn Lebenswinde mit ihren Funktionen, überträgt Kalenderbegriffe (Finsternis, Sonnenwende, Schaltmonat) auf Atemvorgänge und beschreibt die drei Phasen der Atemzügelung sowie die unwillkürliche Ajapā-Gāyatrī (Haṃsa) mit 21 600 Atemzügen täglich. Es folgen die Lehre vom Prāsāda-Mantra (kurz/lang/gedehnt und deren Wirkungen) und die Anforderungen an einen Lehrer. Kopftitel mantramāhatmyakathanaṃ, Kolophon mantramāhātmyaṃ; mehrere Schreibfehler der Digitalisierung (z. B. ūrdvaṃ, vettya.asau) und unklare Stellen (V. 12, 17, 33).
Agni sprach: Ich werde das Rad der Kanäle (nāḍīcakra) darlegen, durch dessen Kenntnis Hari erkannt wird. Unterhalb des Nabels ist eine Knolle (kanda); von dort sind Sprossen ausgegangen.
Zweiundsiebzigtausend [Kanäle] sind in der Mitte des Nabels angeordnet; quer, nach oben und nach unten ist [der Körper] von ihnen ringsum durchdrungen.
Der Vyāna beugt den Körper; der Vyāna erregt Krankheiten; ebenso das Zurückgeben aus der Kehle [?]; weil er [den Körper] durchdringt (vyāpana), heißt er Vyāna.
Wort für Wort
vināmayati aṅgam
beugt den Körper
vyādhi-prakopanaḥ
Krankheiten erregend
pratidānam kaṇṭhāt
Zurückgeben aus der Kehle
vyāpanāt
wegen des Durchdringens
vyānaḥ ucyate
heißt Vyāna
pratidānaṃ tathā kaṇṭhāt unklar (Erbrechen/Aufstoßen?). vyāpānāt wohl für vyāpanāt.
dhanañjayaḥ sthito ghoṣe mṛtasyāpi na muñcati / jīvaḥ prayāti daśadhā nāḍīcakraṃ hi tena tat //
Dhanañjaya befindet sich im Laut; er verlässt selbst den Toten nicht. Die Lebensseele bewegt sich auf zehnfache Weise; deshalb ist dies das Rad der Kanäle.
saṅkrāntirviṣuvañcaiva ahorātrāyanāni ca / adhimāsa ṛṇañcaiva ūnarātra dhanantathā //
Sonneneintritt (saṅkrānti), Tagundnachtgleiche, Tag und Nacht und die Sonnenläufe (ayana), Schaltmonat, Schuld, ausgelassener Tag (ūnarātra) und ebenso Gewinn [finden sich im Körper]:
Wort für Wort
saṅkrāntiḥ viṣuvam
Sonneneintritt, Tagundnachtgleiche
ahorātra-ayanāni
Tag und Nacht, Sonnenläufe
adhimāsaḥ
Schaltmonat
ṛṇam
Schuld
ūnarātram dhanam
ausgelassener Tag, Gewinn
Die kalendarischen Begriffe werden im Folgenden auf Atemvorgänge übertragen; ūnarātra für ūnarātraṃ.
Der nördliche [Sonnenlauf] ist als der rechte [Atem] zu kennen, der linke wird der südliche genannt [?]; in der Mitte aber heißt es Tagundnachtgleiche, [wenn der Atem] aus beiden Nasenlöchern austritt.
Wort für Wort
uttaram
der nördliche (Lauf)
dakṣiṇam jñeyam
ist als der rechte zu kennen
vāmam dakṣiṇa-sañjñitam
der linke heißt der südliche
madhye viṣuvam
in der Mitte Tagundnachtgleiche
puṭa-dvaya-viniḥsṛtam
aus beiden Nasenlöchern austretend
Zuordnung links/rechts zu Nord/Süd im Wortlaut widersprüchlich wirkend; wörtlich übersetzt. viniḥsmṛtaṃ wohl für viniḥsṛtaṃ.
Der Sonneneintritt aber ist bei eben diesem [Atem] der Übergang von seinem eigenen Ort zu einem [anderen] Ort. Die Suṣumṇā [liegt] im mittleren Teil des Körpers, die Iḍā ist links verankert,
Die im Innern des Körpers befindliche Zurückhaltung [des Atems] (āyāma) gilt als Mondfinsternis; die Zurückhaltung jenseits des Körperprinzips kennt man als Sonnenfinsternis.
pidhāya sarvadvārāṇi niśvāsocchvāsavarjitaḥ / sampūraṇakumbhavattiṣṭhet prāṇāyāmaḥ sa kumbhakaḥ //
Nachdem man alle Tore [des Körpers] verschlossen hat, ohne Aus- und Einatmen, verharre man wie ein ganz gefüllter Krug: diese Atemzügelung ist der Kumbhaka.
muñcedvāyuṃ tatastūrdhvaṃ śvāsenaikena mantravit / ucchvāsayogayuktaś ca vāyumūrdvaṃ virecayet //
Danach lasse der Mantrakundige die Luft mit einem einzigen Atemzug nach oben frei; mit dem Ausatmen verbunden stoße er die Luft nach oben aus [Anm.: das ist der Recaka].
uccarati svayaṃ yasmāt svadehāvasthitaḥ śivaḥ / tasmāt tattvavidāñcaiva sa eva japa uccyate //
Weil Śiva, im eigenen Körper wohnend, von selbst [den Atem als Laut] hervorbringt, deshalb heißt eben dies für die Kenner der Wahrheit „Rezitation“ (japa).
[Das ist] die Gāyatrī namens Ajapā („nicht Rezitierte“), die Brahmā, Viṣṇu und Maheśvara angehört; wer diese Ajapā rezitiert, für den gibt es keine Wiedergeburt.
sṛṣṭinyāso bhavettatra sa vai sargāvalambanāt / sravantaṃ cintayettasminnamṛtaṃ sāttvikottamaḥ //
Dort findet die Schöpfungs-Auflegung (sṛṣṭinyāsa) statt, weil sie sich auf die Schöpfung stützt; der Beste unter den Sattva-Menschen stelle sich in ihr strömenden Nektar vor.
Als im Körper befindlich ist er als „mit Teilen“ (sakala) zu kennen, als vom Körper frei als „teillos“ (niṣkala). Wer „haṃsa, haṃsa“ spricht – [dieser] Haṃsa ist der Gott Sadāśiva.
An der Spitze des Atems erkenne man Śiva, an dessen Ende aber den Höheren-und-Niederen (parāpara). Fünffach wird der „mit Teilen“ genannt, umgekehrt aber [ist er] „teillos“.
prāsādaṃ nādamutthāpya śatatantu japedyadi / ṣaṇmāsātsiddhimāpnoti yogayukto na saṃśayaḥ //
Wenn man den Prāsāda[-Mantra] als Nāda erhebt und ihn hundert Fäden [lang?] rezitiert, erlangt man innerhalb von sechs Monaten, dem Yoga hingegeben, die Vollendung – kein Zweifel.
Wort für Wort
prāsādam
den Prāsāda(-Mantra)
nādam utthāpya
als Nāda erhoben habend
śata-tantu
hundert Fäden
ṣaṇ-māsāt
innerhalb von sechs Monaten
siddhim āpnoti
erlangt Vollendung
prāsāda: Bezeichnung des Śiva-Keimmantras. śatatantu „hundert Fäden“ unklar (hundertmal? bis zur hundertsten Stufe?).
Durch die Kenntnis des Gehens und Kommens [des Atems] geschieht die Vernichtung aller Sünden; die Herrschaft über die Eigenschaften wie Winzigkeit (aṇimā) erlangt man in sechs Monaten.
Der kurze verbrennt die Sünden, der lange verleiht Erlösung, der gedehnte [dient] der Stärkung (āpyāyana) – [jeweils] oben mit dem Punkt (bindu) geschmückt.
ādāvante ca hrasvasya phaṭkāro māraṇe hitaḥ / ādāvante ca hṛdayamākṛṣṭau samprakīrtitam //
Am Anfang und Ende des kurzen [gesetzt] ist die Silbe phaṭ zum Töten geeignet; am Anfang und Ende [gesetzt] wird das „Herz“[-Wort] für das Herbeiziehen gelehrt.
Die „rechte Gestalt“ (dakṣiṇāmūrti) des Gottes rezitiere man, standhaft verweilend, fünfhunderttausend Mal; am Ende der Rezitation [folge] ein Butterschmalzopfer von zehntausend [Spenden].
aṣṭatriṃśatkalāyuktaṃ na sa ācārya ucyate / tathoṅkārañca gāyatrīṃ rudrādīn vettya.asau guruḥ //
der mit achtunddreißig Teilen (kalā) verbunden ist, der wird nicht Lehrer (ācārya) genannt. Wer ebenso den Laut Oṃ, die Gāyatrī, Rudra und die übrigen kennt, der ist ein Guru.
Wort für Wort
aṣṭa-triṃśat-kalā-yuktam
mit 38 Teilen verbunden
na ācāryaḥ ucyate
wird nicht Lehrer genannt
oṅkāram
den Laut Oṃ
gāyatrīm
die Gāyatrī
vetti asau guruḥ
wer kennt, ist Guru
vettya.asau Digitalisierungsfehler für vetty asau.