Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 214: mantramāhātmyam Die Größe der Mantras

Agni erklärt das System der Körperkanäle (nāḍī) und der zehn Lebenswinde mit ihren Funktionen, überträgt Kalenderbegriffe (Finsternis, Sonnenwende, Schaltmonat) auf Atemvorgänge und beschreibt die drei Phasen der Atemzügelung sowie die unwillkürliche Ajapā-Gāyatrī (Haṃsa) mit 21 600 Atemzügen täglich. Es folgen die Lehre vom Prāsāda-Mantra (kurz/lang/gedehnt und deren Wirkungen) und die Anforderungen an einen Lehrer. Kopftitel mantramāhatmyakathanaṃ, Kolophon mantramāhātmyaṃ; mehrere Schreibfehler der Digitalisierung (z. B. ūrdvaṃ, vettya.asau) und unklare Stellen (V. 12, 17, 33).

agnir uvāca | nāḍīcakraṃ pravakṣyāmi yajjñānāj jñāyate hariḥ / nābheradhastādyat kandamaṅkurāstatra nirgatāḥ //

Agni sprach: Ich werde das Rad der Kanäle (nāḍīcakra) darlegen, durch dessen Kenntnis Hari erkannt wird. Unterhalb des Nabels ist eine Knolle (kanda); von dort sind Sprossen ausgegangen.

Wort für Wort
nāḍī-cakram
das Rad der Kanäle
yat-jñānāt
durch dessen Kenntnis
jñāyate hariḥ
wird Hari erkannt
nābheḥ adhastāt
unterhalb des Nabels
kandam
Knolle, Wurzelknoten
aṅkurāḥ nirgatāḥ
Sprossen sind ausgegangen

dvāsaptatisahasrāṇi nābhimadhye vyavasthitāḥ / tiryagūrdhvamadhaś caiva vyāptantābhiḥ samantataḥ //

Zweiundsiebzigtausend [Kanäle] sind in der Mitte des Nabels angeordnet; quer, nach oben und nach unten ist [der Körper] von ihnen ringsum durchdrungen.

Wort für Wort
dvāsaptati-sahasrāṇi
zweiundsiebzigtausend
nābhi-madhye
in der Mitte des Nabels
tiryak ūrdhvam adhaḥ
quer, nach oben, nach unten
vyāptam tābhiḥ
von ihnen durchdrungen
samantataḥ
ringsum

cakravatsaṃsthitā hy etāḥ pradhānā daśanāḍayaḥ / iḍā ca piṅgalā caiva susumṇā ca tathaiva ca //

Sie sind wie ein Rad angeordnet; die wichtigsten [unter ihnen] sind zehn Kanäle: Iḍā, Piṅgalā und ebenso Suṣumṇā,

Wort für Wort
cakravat saṃsthitāḥ
wie ein Rad angeordnet
pradhānāḥ
die wichtigsten
daśa nāḍayaḥ
zehn Kanäle
iḍā piṅgalā
Iḍā und Piṅgalā
suṣumṇā
Suṣumṇā

susumṇā Schreibvariante für suṣumṇā.

gāndhārī hastijihvā ca pṛthā caiva yathā tathā / alambuṣā huhuś caiva śaṅkhinī daśamī smṛtā //

Gāndhārī, Hastijihvā und ebenso Pṛthā, Alambuṣā und Huhu; Śaṅkhinī gilt als die zehnte.

Wort für Wort
gāndhārī hastijihvā
Gāndhārī, Hastijihvā
pṛthā
Pṛthā
alambuṣā huhuḥ
Alambuṣā, Huhu
śaṅkhinī daśamī
Śaṅkhinī als zehnte
smṛtā
gilt als

daśa prāṇavahā hy etā nāḍayaḥ parikīrtitāḥ / prāṇo 'pānaḥ samānaś ca udāno vyāna eva ca //

Diese zehn Kanäle werden als Träger des Lebenshauchs (prāṇa) bezeichnet. Prāṇa, Apāna, Samāna, Udāna und Vyāna,

Wort für Wort
daśa prāṇa-vahāḥ
zehn Träger des Lebenshauchs
parikīrtitāḥ
werden bezeichnet
prāṇaḥ apānaḥ
Prāṇa, Apāna
samānaḥ udānaḥ
Samāna, Udāna
vyānaḥ
Vyāna

nāgaḥ kūrmo 'tha kṛkaro devadatto dhanañjayaḥ / prāṇastu prathamo vāyurdaśānāmapi sa prabhuḥ //

Nāga, Kūrma, Kṛkara, Devadatta und Dhanañjaya [sind die zehn Winde]. Prāṇa aber ist der erste Wind; er ist der Herr auch der [übrigen] zehn.

Wort für Wort
nāgaḥ kūrmaḥ
Nāga, Kūrma
kṛkaraḥ devadattaḥ
Kṛkara, Devadatta
dhanañjayaḥ
Dhanañjaya
prathamaḥ vāyuḥ
der erste Wind
daśānām api prabhuḥ
Herr auch der zehn

prāṇaḥ prāṇayate prāṇaṃ visargāt pūraṇaṃ prati / nityamāpūrayatyeṣa prāṇināmurasi sthitaḥ //

Der Prāṇa belebt den Lebenshauch, vom Ausstoßen bis zum Einfüllen [des Atems]; im Brustkorb der Lebewesen befindlich, füllt er [sie] beständig.

Wort für Wort
prāṇayate prāṇam
belebt den Lebenshauch
visargāt pūraṇam prati
vom Ausstoßen zum Füllen
nityam āpūrayati
füllt beständig
prāṇinām
der Lebewesen
urasi sthitaḥ
in der Brust befindlich

niḥśvāsocchvāsakāsaistu prāṇo jīvasamāśritaḥ / prayāṇaṃ kurute yasmāttasmāt prāṇaḥ prakīrtitaḥ //

Durch Aus- und Einatmen und Husten bewirkt der an die Einzelseele gebundene Prāṇa das Fortbewegen (prayāṇa); deshalb heißt er Prāṇa.

Wort für Wort
niḥśvāsa-ucchvāsa-kāsaiḥ
durch Aus-, Einatmen und Husten
jīva-samāśritaḥ
an die Seele gebunden
prayāṇam kurute
bewirkt das Fortgehen
tasmāt
deshalb
prakīrtitaḥ
wird genannt

Volksetymologie prāṇa < prayāṇa.

adho nayatyapānastu āhārañca nṛṇāmadhaḥ / mūtraśukravaho vāyurapānastena kīrtitaḥ //

Der Apāna aber führt nach unten und führt die Nahrung der Menschen nach unten; der Wind, der Harn und Samen trägt, wird deshalb Apāna genannt.

Wort für Wort
adhaḥ nayati
führt nach unten
āhāram
die Nahrung
nṛṇām
der Menschen
mūtra-śukra-vahaḥ
Harn und Samen tragend
tena kīrtitaḥ
deshalb genannt

pītabhakṣitamāghrātaṃ raktapittakaphānilaṃ / samannayati gātreṣu samāno nāma mārutaḥ //

Das Getrunkene, Gegessene und Gerochene, Blut, Galle, Schleim und Wind führt der Wind namens Samāna in den Gliedern zusammen.

Wort für Wort
pīta-bhakṣita-āghrātam
Getrunkenes, Gegessenes, Gerochenes
rakta-pitta-kapha-anilam
Blut, Galle, Schleim, Wind
samannayati
führt zusammen
gātreṣu
in den Gliedern
samānaḥ nāma mārutaḥ
der Wind namens Samāna

spandayatyadharaṃ vaktraṃ netrarāgaprakopanaṃ / udvejayati marmāṇi udāno nāma mārutaḥ //

Er lässt die Unterlippe [?] zucken, erregt die Rötung der Augen und setzt die Lebenspunkte (marman) in Unruhe: [das ist] der Wind namens Udāna.

Wort für Wort
spandayati
lässt zucken
adharam vaktram
die Unterlippe (den unteren Mund)
netra-rāga-prakopanam
die Augenrötung erregend
udvejayati marmāṇi
beunruhigt die Lebenspunkte
udānaḥ
Udāna

adharaṃ vaktraṃ wörtlich „den unteren Mund“, wohl Lippen/Kiefer.

vyāno vināmayatyaṅgaṃ vyāno vyādhiprakopanaḥ / pratidānaṃ tathā kaṇṭhādvyāpānādvyāna ucyate //

Der Vyāna beugt den Körper; der Vyāna erregt Krankheiten; ebenso das Zurückgeben aus der Kehle [?]; weil er [den Körper] durchdringt (vyāpana), heißt er Vyāna.

Wort für Wort
vināmayati aṅgam
beugt den Körper
vyādhi-prakopanaḥ
Krankheiten erregend
pratidānam kaṇṭhāt
Zurückgeben aus der Kehle
vyāpanāt
wegen des Durchdringens
vyānaḥ ucyate
heißt Vyāna

pratidānaṃ tathā kaṇṭhāt unklar (Erbrechen/Aufstoßen?). vyāpānāt wohl für vyāpanāt.

udgāre nāga ity uktaḥ kūrmaśconmīlane sthitaḥ / kṛkaro bhakṣaṇe caiva devadatto vijṛmbhite //

Beim Aufstoßen heißt [der Wind] Nāga; Kūrma ist beim Öffnen [der Augen] tätig, Kṛkara beim Essen, Devadatta beim Gähnen.

Wort für Wort
udgāre
beim Aufstoßen
unmīlane
beim Öffnen der Augen
bhakṣaṇe
beim Essen
vijṛmbhite
beim Gähnen
sthitaḥ
tätig, befindlich

dhanañjayaḥ sthito ghoṣe mṛtasyāpi na muñcati / jīvaḥ prayāti daśadhā nāḍīcakraṃ hi tena tat //

Dhanañjaya befindet sich im Laut; er verlässt selbst den Toten nicht. Die Lebensseele bewegt sich auf zehnfache Weise; deshalb ist dies das Rad der Kanäle.

Wort für Wort
dhanañjayaḥ ghoṣe
Dhanañjaya im Laut
mṛtasya api
auch des Toten
na muñcati
verlässt nicht
jīvaḥ prayāti daśadhā
die Seele bewegt sich zehnfach
tena
deshalb

saṅkrāntirviṣuvañcaiva ahorātrāyanāni ca / adhimāsa ṛṇañcaiva ūnarātra dhanantathā //

Sonneneintritt (saṅkrānti), Tagundnachtgleiche, Tag und Nacht und die Sonnenläufe (ayana), Schaltmonat, Schuld, ausgelassener Tag (ūnarātra) und ebenso Gewinn [finden sich im Körper]:

Wort für Wort
saṅkrāntiḥ viṣuvam
Sonneneintritt, Tagundnachtgleiche
ahorātra-ayanāni
Tag und Nacht, Sonnenläufe
adhimāsaḥ
Schaltmonat
ṛṇam
Schuld
ūnarātram dhanam
ausgelassener Tag, Gewinn

Die kalendarischen Begriffe werden im Folgenden auf Atemvorgänge übertragen; ūnarātra für ūnarātraṃ.

ūnarātraṃ bhaveddhikkā adhimāso vijṛmbhikā / ṛṇañcātra bhavet kāso niśvāso dhanamucyate //

Der ausgelassene Tag ist [hier] der Schluckauf, der Schaltmonat das Gähnen; die Schuld ist hier der Husten, das Ausatmen wird Gewinn genannt.

Wort für Wort
ūnarātram hikkā
ausgelassener Tag = Schluckauf
adhimāsaḥ vijṛmbhikā
Schaltmonat = Gähnen
ṛṇam kāsaḥ
Schuld = Husten
niḥśvāsaḥ
Ausatmen
dhanam ucyate
heißt Gewinn

uttaraṃ dakṣiṇaṃ jñeyaṃ vāmaṃ dakṣiṇasañjñitaṃ / madhye tu viṣuvaṃ proktaṃ puṭadvayaviniḥsmṛtaṃ //

Der nördliche [Sonnenlauf] ist als der rechte [Atem] zu kennen, der linke wird der südliche genannt [?]; in der Mitte aber heißt es Tagundnachtgleiche, [wenn der Atem] aus beiden Nasenlöchern austritt.

Wort für Wort
uttaram
der nördliche (Lauf)
dakṣiṇam jñeyam
ist als der rechte zu kennen
vāmam dakṣiṇa-sañjñitam
der linke heißt der südliche
madhye viṣuvam
in der Mitte Tagundnachtgleiche
puṭa-dvaya-viniḥsṛtam
aus beiden Nasenlöchern austretend

Zuordnung links/rechts zu Nord/Süd im Wortlaut widersprüchlich wirkend; wörtlich übersetzt. viniḥsmṛtaṃ wohl für viniḥsṛtaṃ.

saṅkrāntiḥ punarasyaiva svasthānāt sthānayogataḥ / susumṇā madhyame hy aṅge iḍā vāme pratiṣṭhitā //

Der Sonneneintritt aber ist bei eben diesem [Atem] der Übergang von seinem eigenen Ort zu einem [anderen] Ort. Die Suṣumṇā [liegt] im mittleren Teil des Körpers, die Iḍā ist links verankert,

Wort für Wort
saṅkrāntiḥ
Sonneneintritt
sva-sthānāt
von seinem eigenen Ort
sthāna-yogataḥ
durch Verbindung mit einem (anderen) Ort
madhyame aṅge
im mittleren Körperteil
iḍā vāme pratiṣṭhitā
Iḍā links verankert

piṅgalā dakṣiṇe vipra ūrdhvaṃ prāṇo hy ahaḥ smṛtaṃ / apāno rātrirevaṃ syādeko vāyurdaśātmakaḥ //

die Piṅgalā rechts, o Brahmane. Der aufwärts [gehende] Prāṇa gilt als Tag, der Apāna ebenso als Nacht: [so] ist der eine Wind zehnfach.

Wort für Wort
piṅgalā dakṣiṇe
Piṅgalā rechts
ūrdhvam prāṇaḥ
der aufwärts gehende Prāṇa
ahaḥ smṛtam
gilt als Tag
apānaḥ rātriḥ
Apāna = Nacht
ekaḥ vāyuḥ daśa-ātmakaḥ
ein Wind, zehnfach

āyāmo dehamadhyasthaḥ somagrahaṇamiṣyate / dehātitattvamāyāmaṃ ādityagrahaṇaṃ viduḥ //

Die im Innern des Körpers befindliche Zurückhaltung [des Atems] (āyāma) gilt als Mondfinsternis; die Zurückhaltung jenseits des Körperprinzips kennt man als Sonnenfinsternis.

Wort für Wort
āyāmaḥ
Zurückhaltung (des Atems)
deha-madhya-sthaḥ
im Innern des Körpers
soma-grahaṇam
Mondfinsternis
deha-ati-tattvam
jenseits des Körperprinzips
āditya-grahaṇam
Sonnenfinsternis

udaraṃ pūrayettāvadvāyunā yāvadīpsitaṃ / prāṇāyāmī bhavedeṣa pūrakā dehapūrakaḥ //

Man fülle den Bauch mit Luft, so viel man möchte: das ist die Atemzügelung (prāṇāyāma) namens Pūraka, die den Körper füllt.

Wort für Wort
udaram pūrayet
fülle den Bauch
vāyunā
mit Luft
yāvat īpsitam
so viel man wünscht
pūrakaḥ
Pūraka, das Einfüllen
deha-pūrakaḥ
den Körper füllend

prāṇāyāmī und pūrakā wohl für prāṇāyāmo bzw. pūrakaḥ.

pidhāya sarvadvārāṇi niśvāsocchvāsavarjitaḥ / sampūraṇakumbhavattiṣṭhet prāṇāyāmaḥ sa kumbhakaḥ //

Nachdem man alle Tore [des Körpers] verschlossen hat, ohne Aus- und Einatmen, verharre man wie ein ganz gefüllter Krug: diese Atemzügelung ist der Kumbhaka.

Wort für Wort
pidhāya sarva-dvārāṇi
alle Tore verschlossen habend
niḥśvāsa-ucchvāsa-varjitaḥ
ohne Aus- und Einatmen
sampūrṇa-kumbhavat
wie ein voller Krug
tiṣṭhet
verharre
kumbhakaḥ
Kumbhaka, das Anhalten

muñcedvāyuṃ tatastūrdhvaṃ śvāsenaikena mantravit / ucchvāsayogayuktaś ca vāyumūrdvaṃ virecayet //

Danach lasse der Mantrakundige die Luft mit einem einzigen Atemzug nach oben frei; mit dem Ausatmen verbunden stoße er die Luft nach oben aus [Anm.: das ist der Recaka].

Wort für Wort
muñcet vāyum
lasse die Luft frei
śvāsena ekena
mit einem Atemzug
mantra-vit
der Mantrakundige
ucchvāsa-yoga-yuktaḥ
mit dem Ausatmen verbunden
virecayet
stoße aus

ūrdvaṃ Tippfehler für ūrdhvaṃ.

uccarati svayaṃ yasmāt svadehāvasthitaḥ śivaḥ / tasmāt tattvavidāñcaiva sa eva japa uccyate //

Weil Śiva, im eigenen Körper wohnend, von selbst [den Atem als Laut] hervorbringt, deshalb heißt eben dies für die Kenner der Wahrheit „Rezitation“ (japa).

Wort für Wort
uccarati svayam
bringt von selbst hervor
sva-deha-avasthitaḥ
im eigenen Körper wohnend
śivaḥ
Śiva
tattva-vidām
für die Wahrheitskenner
japaḥ ucyate
heißt Rezitation

uccyate Schreibfehler für ucyate.

ayute dve sahasraikaṃ ṣaṭśatāni tathaiva ca / ahorātreṇa yogīndro japasaṅkhyāṃ karoti saḥ //

Zwei Ayuta, eintausend und ebenso sechshundert [= 21 600] – diese Zahl an Rezitationen vollzieht der Fürst der Yogis in einem Tag und einer Nacht.

Wort für Wort
ayute dve
zwei Ayuta (20 000)
sahasra-ekam
eintausend
ṣaṭ-śatāni
sechshundert
ahorātreṇa
in Tag und Nacht
japa-saṅkhyām
die Zahl der Rezitationen

ajapā nāma gāyatrī brahmaviṣṇumaheśvarī / ajapāṃ japate yastāṃ punarjanma na vidyate //

[Das ist] die Gāyatrī namens Ajapā („nicht Rezitierte“), die Brahmā, Viṣṇu und Maheśvara angehört; wer diese Ajapā rezitiert, für den gibt es keine Wiedergeburt.

Wort für Wort
ajapā nāma
namens Ajapā
gāyatrī
Gāyatrī
brahma-viṣṇu-maheśvarī
Brahmā, Viṣṇu, Maheśvara zugehörig
japate
rezitiert
punar-janma na vidyate
gibt es keine Wiedergeburt

candrāgniravisaṃyuktā ādyā kuṇḍalinī matā / hṛtpradeśe tu sā jñeyā aṅkurākārasaṃsthitā //

Mit Mond, Feuer und Sonne verbunden gilt die uranfängliche Kuṇḍalinī; im Bereich des Herzens ist sie zu kennen, in Gestalt eines Sprosses befindlich.

Wort für Wort
candra-agni-ravi-saṃyuktā
mit Mond, Feuer, Sonne verbunden
ādyā kuṇḍalinī
die uranfängliche Kuṇḍalinī
hṛt-pradeśe
im Herzbereich
jñeyā
zu kennen
aṅkura-ākāra-saṃsthitā
in Gestalt eines Sprosses

sṛṣṭinyāso bhavettatra sa vai sargāvalambanāt / sravantaṃ cintayettasminnamṛtaṃ sāttvikottamaḥ //

Dort findet die Schöpfungs-Auflegung (sṛṣṭinyāsa) statt, weil sie sich auf die Schöpfung stützt; der Beste unter den Sattva-Menschen stelle sich in ihr strömenden Nektar vor.

Wort für Wort
sṛṣṭi-nyāsaḥ
Schöpfungs-Auflegung
sarga-avalambanāt
wegen der Stütze auf die Schöpfung
sravantam amṛtam
strömenden Nektar
cintayet
stelle sich vor
sāttvika-uttamaḥ
der beste Sattva-Mensch

dehasthaḥ sakalo jñeyo niṣphalo dehavarjitaḥ / haṃsahaṃseti yo brūyāddhaṃso devaḥ sadāśivaḥ //

Als im Körper befindlich ist er als „mit Teilen“ (sakala) zu kennen, als vom Körper frei als „teillos“ (niṣkala). Wer „haṃsa, haṃsa“ spricht – [dieser] Haṃsa ist der Gott Sadāśiva.

Wort für Wort
deha-sthaḥ
im Körper befindlich
sakalaḥ
mit Teilen
niṣkalaḥ
teillos
deha-varjitaḥ
vom Körper frei
haṃsaḥ devaḥ sadāśivaḥ
Haṃsa ist der Gott Sadāśiva

tileṣu ca yathā tailaṃ puṣpe gandhaḥ samaśritaḥ / puruṣasya tathā dehe sa vāhyābhyantarāṃ sthitaḥ //

Wie das Öl in den Sesamkörnern, wie der Duft in der Blüte enthalten ist, so wohnt er im Körper des Menschen, außen und innen.

Wort für Wort
tileṣu tailam
Öl in Sesamkörnern
puṣpe gandhaḥ
Duft in der Blüte
puruṣasya dehe
im Körper des Menschen
bāhya-abhyantare
außen und innen
sthitaḥ
befindlich

samaśritaḥ für samāśritaḥ; vāhyābhyantarāṃ für bāhyābhyantare.

brahmaṇo hṛdaye sthānaṃ kaṇṭhe viṣṇuḥ samāśritaḥ / tālumadhye sthito rudro lalāṭe tu maheśvaraḥ //

Brahmās Sitz ist im Herzen, Viṣṇu wohnt in der Kehle, Rudra befindet sich in der Mitte des Gaumens, Maheśvara aber auf der Stirn.

Wort für Wort
brahmaṇaḥ hṛdaye sthānam
Brahmās Sitz im Herzen
kaṇṭhe viṣṇuḥ
Viṣṇu in der Kehle
tālu-madhye rudraḥ
Rudra in der Gaumenmitte
lalāṭe
auf der Stirn
maheśvaraḥ
Maheśvara

prāṇāgrantu śivaṃ vidyāttasyānte tu parāparaṃ / pañcadhā sakalaḥ prokto viparītastu niṣphalaḥ //

An der Spitze des Atems erkenne man Śiva, an dessen Ende aber den Höheren-und-Niederen (parāpara). Fünffach wird der „mit Teilen“ genannt, umgekehrt aber [ist er] „teillos“.

Wort für Wort
prāṇa-agram
die Spitze des Atems
śivam vidyāt
erkenne Śiva
tasya ante
an dessen Ende
para-aparam
den Höheren-und-Niederen
pañcadhā sakalaḥ
fünffach der mit Teilen
viparītaḥ niṣkalaḥ
umgekehrt der Teillose

prāsādaṃ nādamutthāpya śatatantu japedyadi / ṣaṇmāsātsiddhimāpnoti yogayukto na saṃśayaḥ //

Wenn man den Prāsāda[-Mantra] als Nāda erhebt und ihn hundert Fäden [lang?] rezitiert, erlangt man innerhalb von sechs Monaten, dem Yoga hingegeben, die Vollendung – kein Zweifel.

Wort für Wort
prāsādam
den Prāsāda(-Mantra)
nādam utthāpya
als Nāda erhoben habend
śata-tantu
hundert Fäden
ṣaṇ-māsāt
innerhalb von sechs Monaten
siddhim āpnoti
erlangt Vollendung

prāsāda: Bezeichnung des Śiva-Keimmantras. śatatantu „hundert Fäden“ unklar (hundertmal? bis zur hundertsten Stufe?).

gamāgamasya jñānena sarvapāpakṣayo bhavet / aṇimādiguṇaiśvaryaṃ ṣaḍbhirmāsair avāpnuyāt //

Durch die Kenntnis des Gehens und Kommens [des Atems] geschieht die Vernichtung aller Sünden; die Herrschaft über die Eigenschaften wie Winzigkeit (aṇimā) erlangt man in sechs Monaten.

Wort für Wort
gama-āgamasya jñānena
durch Kenntnis von Gehen und Kommen
sarva-pāpa-kṣayaḥ
Vernichtung aller Sünden
aṇimā-ādi-guṇa-aiśvaryam
Herrschaft über Kräfte wie Winzigkeit
ṣaḍbhiḥ māsaiḥ
in sechs Monaten
avāpnuyāt
erlangt

sthūlaḥ sūkṣmaḥ paraśceti prāsādaḥ kathito mayā / hrasvo dīrghaḥ plutaśceti prāsādaṃ lakṣayettridhā //

Grob, fein und höchst – so ist der Prāsāda von mir erklärt worden. Kurz, lang und gedehnt (pluta) – so kennzeichne man den Prāsāda dreifach.

Wort für Wort
sthūlaḥ sūkṣmaḥ paraḥ
grob, fein, höchst
kathitaḥ mayā
von mir erklärt
hrasvaḥ dīrghaḥ plutaḥ
kurz, lang, gedehnt
lakṣayet
kennzeichne
tridhā
dreifach

hrasvo dahati pāpāni dīrgho mokṣaprado bhavet / āpyāyane plutaśceti mūrdhni vinduvibhūṣitaḥ //

Der kurze verbrennt die Sünden, der lange verleiht Erlösung, der gedehnte [dient] der Stärkung (āpyāyana) – [jeweils] oben mit dem Punkt (bindu) geschmückt.

Wort für Wort
hrasvaḥ dahati pāpāni
der kurze verbrennt Sünden
dīrghaḥ mokṣa-pradaḥ
der lange gewährt Erlösung
āpyāyane plutaḥ
der gedehnte zur Stärkung
mūrdhni
oben (auf dem Kopf)
bindu-vibhūṣitaḥ
mit dem Punkt geschmückt

vinduvibhūṣitaḥ für bindu°.

ādāvante ca hrasvasya phaṭkāro māraṇe hitaḥ / ādāvante ca hṛdayamākṛṣṭau samprakīrtitam //

Am Anfang und Ende des kurzen [gesetzt] ist die Silbe phaṭ zum Töten geeignet; am Anfang und Ende [gesetzt] wird das „Herz“[-Wort] für das Herbeiziehen gelehrt.

Wort für Wort
ādau ante ca
am Anfang und Ende
phaṭ-kāraḥ
die Silbe phaṭ
māraṇe hitaḥ
zum Töten geeignet
hṛdayam
das Herz(-Mantra)
ākṛṣṭau
für das Herbeiziehen

hṛdaya bezeichnet das Herz-Mantra (namaḥ).

devasya dakṣiṇāṃ mūrtiṃ pañcalakṣaṃ sthito japet / japānte ghṛtahomastu daśasāhasriko bhavet //

Die „rechte Gestalt“ (dakṣiṇāmūrti) des Gottes rezitiere man, standhaft verweilend, fünfhunderttausend Mal; am Ende der Rezitation [folge] ein Butterschmalzopfer von zehntausend [Spenden].

Wort für Wort
devasya dakṣiṇām mūrtim
die rechte (südliche) Gestalt des Gottes
pañca-lakṣam
fünfhunderttausendmal
sthitaḥ japet
verweilend rezitiere
japa-ante
am Ende der Rezitation
ghṛta-homaḥ daśa-sāhasrikaḥ
Butteropfer von zehntausend

evamāpyāyito mantro vaśyoccāṭādi kārayet / ūrdhve śūnyamadhaḥ śūnyaṃ madhye śūnyaṃ nirāmayaṃ //

So gestärkt bewirkt der Mantra Unterwerfung, Vertreibung und dergleichen. Oben leer, unten leer, in der Mitte leer, frei von Leiden –

Wort für Wort
āpyāyitaḥ mantraḥ
der gestärkte Mantra
vaśya-uccāṭa-ādi
Unterwerfung, Vertreibung usw.
kārayet
bewirkt
ūrdhve śūnyam adhaḥ śūnyam
oben leer, unten leer
nirāmayam
frei von Leiden

triśūnyaṃ yo vijānāti mucyate 'sau dhruvaṃ dvijaḥ / prāsādaṃ yo na jānāti pañcamantramahātanuṃ //

der Zweimalgeborene, der die dreifache Leere kennt, wird gewiss erlöst. Wer den Prāsāda nicht kennt, den großen Leib der fünf Mantras,

Wort für Wort
tri-śūnyam
die dreifache Leere
vijānāti
kennt
mucyate dhruvam
wird gewiss erlöst
prāsādam na jānāti
kennt den Prāsāda nicht
pañca-mantra-mahā-tanum
den großen Leib der fünf Mantras

aṣṭatriṃśatkalāyuktaṃ na sa ācārya ucyate / tathoṅkārañca gāyatrīṃ rudrādīn vettya.asau guruḥ //

der mit achtunddreißig Teilen (kalā) verbunden ist, der wird nicht Lehrer (ācārya) genannt. Wer ebenso den Laut Oṃ, die Gāyatrī, Rudra und die übrigen kennt, der ist ein Guru.

Wort für Wort
aṣṭa-triṃśat-kalā-yuktam
mit 38 Teilen verbunden
na ācāryaḥ ucyate
wird nicht Lehrer genannt
oṅkāram
den Laut Oṃ
gāyatrīm
die Gāyatrī
vetti asau guruḥ
wer kennt, ist Guru

vettya.asau Digitalisierungsfehler für vetty asau.

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