Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 311: tvaritāvidyā Die Tvaritā-Vidyā

Lehre von der Permutation (prastāva) der Vidyā-Silben im Neunfelderquadrat, aus der viele Mantras abgeleitet werden. Es folgen magische Diagramme auf Schädelschale, Leichentuch, Wand oder Birkenrinde zu Anziehung, Lähmung, Tötung, Heilung und Schutz sowie ein Schutzamulett. Einige Verse (4, 20, 21, 23) sind dunkel oder verderbt; das Kolophon trägt die Folgenummer {312}.

agnir uvāca | vidyāprastāvamākhyāsye dharmakāmādisiddhidam / navakoṣṭhavibhāgena vidyābhedañca vindati //

Agni sprach: Ich werde die Anordnung (prastāva) der Vidyā darlegen, die Vollendung in Dharma, Kāma usw. gewährt. Durch Einteilung in neun Felder erkennt man auch die Abwandlungen der Vidyā.

Wort für Wort
vidyā-prastāvam ākhyāsye
ich werde die Anordnung der Vidyā darlegen
dharma-kāma-ādi-siddhi-dam
Vollendung in Dharma, Kāma usw. gewährend
nava-koṣṭha-vibhāgena
durch Einteilung in neun Felder
vidyā-bhedam vindati
erkennt die Abwandlungen der Vidyā

anulomavilomena samastavyastayogataḥ / karṇāvikarṇayogena ata ūrdhvaṃ vibhāgaśaḥ //

in direkter und umgekehrter Reihenfolge, durch Verbindung im Ganzen und einzeln, durch Verbindung nach Diagonale und Nicht-Diagonale [?], danach [auch] abschnittsweise,

Wort für Wort
anuloma-vilomena
in direkter und umgekehrter Folge
samasta-vyasta-yogataḥ
im Ganzen und einzeln verbunden
karṇa-vikarṇa-yogena
nach Diagonale und Nicht-Diagonale
vibhāgaśaḥ
abschnittsweise

„karṇāvikarṇa“ vermutlich diagonal/nicht diagonal im Neunfelderquadrat.

tritrikeṇa ca yogena devyā sannaddhavigrahaḥ / jānāti siddhidānmantrān prastāvānnirgatān bahūn //

und durch Verbindung in Dreiergruppen – [wer so], den Körper mit der Göttin gerüstet, [vorgeht], erkennt viele Vollendung gewährende Mantras, die aus der Anordnung hervorgegangen sind.

Wort für Wort
tri-trikeṇa yogena
durch Verbindung in Dreiergruppen
devyā sannaddha-vigrahaḥ
den Körper mit der Göttin gerüstet
siddhi-dān mantrān
Vollendung gewährende Mantras
prastāvāt nirgatān bahūn
viele aus der Anordnung hervorgegangene

śāstre śāstre smṛtā mantrāḥ prayogāstatra durlabhāḥ / guruḥ syāt prathamo varṇaḥ pūrvedyurna ca varṇyate //

In jedem Lehrbuch sind Mantras überliefert, [doch] ihre Anwendungen sind dort schwer zu finden. Der erste Buchstabe gilt als „schwer“ (guru) [?] und wird tags zuvor nicht beschrieben [?].

Wort für Wort
śāstre śāstre
in jedem Lehrbuch
smṛtāḥ mantrāḥ
sind Mantras überliefert
prayogāḥ durlabhāḥ
die Anwendungen schwer zu finden
guruḥ prathamaḥ varṇaḥ
der erste Buchstabe ist schwer/ehrwürdig

Zweite Vershälfte unklar.

prastāve tatra caikārṇā dvyarṇāstryarṇādayo 'bhavan / tiryagūrdhvagatā rekhāś caturaś caturo bhajet //

In dieser Anordnung entstanden Einsilbige, Zweisilbige, Dreisilbige usw. Querliegende und aufwärts gerichtete Linien soll man je vier ziehen.

Wort für Wort
eka-arṇāḥ dvi-arṇāḥ
einsilbige, zweisilbige
tri-arṇa-ādayaḥ abhavan
dreisilbige usw. entstanden
tiryak-ūrdhva-gatāḥ rekhāḥ
quer und aufwärts verlaufende Linien
caturaḥ caturaḥ bhajet
je vier ziehen

nava koṣṭhā bhavantyevaṃ madhyadeśe tathā imān / pradakṣiṇena saṃsthāpya prastāvaṃ bhedayettataḥ //

So entstehen neun Felder; und in der Mitte soll man diese [Silben] rechtsherum aufstellen und dann die Anordnung aufgliedern.

Wort für Wort
nava koṣṭhāḥ bhavanti
neun Felder entstehen
madhya-deśe
in der Mitte
pradakṣiṇena saṃsthāpya
rechtsherum aufstellend
prastāvam bhedayet
die Anordnung aufgliedern

prastāvakramayogena prastāvaṃ yastu vindati / karamuṣṭisthitāstasya sādhakasya hi siddhayaḥ //

Wer durch die Abfolge der Anordnung die Anordnung erkennt, dem Adepten liegen die Vollendungen [gleichsam] in der geballten Faust.

Wort für Wort
prastāva-krama-yogena
durch die Abfolge der Anordnung
yaḥ vindati
wer erkennt
kara-muṣṭi-sthitāḥ
in der geballten Faust liegend
sādhakasya siddhayaḥ
die Vollendungen des Adepten

trailokyaṃ pādamūle syānnavakhaṇḍāṃ bhuvaṃ labhet / kapāle tu samālikhya śivatattvaṃ samantataḥ //

Die drei Welten liegen ihm zu Füßen; er erlangt die neunteilige Erde. Hat man auf einer Schädelschale ringsum das Śiva-Prinzip gezeichnet

Wort für Wort
trailokyam pāda-mūle
die drei Welten zu Füßen
nava-khaṇḍām bhuvam labhet
erlangt die neunteilige Erde
kapāle samālikhya
auf einer Schädelschale gezeichnet
śiva-tattvam samantataḥ
ringsum das Śiva-Prinzip

śmaśānakarpaṭe vātha vāhyaṃ niṣkramya mantravit / tasya madhye likhennāma karṇikopari saṃsthitam //

oder auf einem Leichentuch vom Verbrennungsplatz, nach außen hinausgehend, soll der Mantrakundige in dessen Mitte den Namen schreiben, auf die Samenkapsel gesetzt.

Wort für Wort
śmaśāna-karpaṭe
auf einem Leichentuch
bāhyam niṣkramya
nach außen hinausgehend
tasya madhye likhet nāma
in dessen Mitte den Namen schreiben
karṇikā-upari saṃsthitam
auf die Samenkapsel gesetzt

tāpayetkhādirāṅgārair bhūrjamākramya pādayoḥ / saptāhādānayet sarvaṃ trelokyaṃ sacarācaram //

Mit Khadira-Kohlen soll man [es] erhitzen, die Birkenrinde mit den Füßen niedertretend; in sieben Tagen zieht man die ganzen drei Welten mit allem Beweglichen und Unbeweglichen herbei.

Wort für Wort
tāpayet khādira-aṅgāraiḥ
mit Khadira-Kohlen erhitzen
bhūrjam ākramya pādayoḥ
die Birkenrinde mit den Füßen niedertretend
saptāhāt ānayet
in sieben Tagen herbeiziehen
sa-cara-acaram
mit Beweglichem und Unbeweglichem

„trelokyaṃ“ zu trailokyaṃ.

vajrasampuṭagarbhe tu dvādaśāre tu lekhayet / madhye garbhagataṃ nāma sadāśivavidarbhitam //

Im Inneren eines Vajra-Paares, in einem zwölfspeichigen [Rad] soll man schreiben lassen, in der Mitte den im Inneren befindlichen Namen, mit Sadāśiva umschlossen.

Wort für Wort
vajra-sampuṭa-garbhe
im Inneren eines Vajra-Paares
dvādaśa-are
im zwölfspeichigen
madhye garbha-gatam nāma
in der Mitte den inneren Namen
sadāśiva-vidarbhitam
mit Sadāśiva umschlossen

vidarbhita: mit einem Mantra silbenweise durchsetzt/umschlossen.

kuḍye phalakake vātha śilāpaṭṭe haridrayā / mukhastambhaṃ gatistambhaṃ sainyastambhantu jāyate //

[Schreibt man es] auf eine Wand, ein Brett oder eine Steinplatte mit Gelbwurz, entsteht Lähmung des Mundes, Lähmung der Bewegung, Lähmung des Heeres.

Wort für Wort
kuḍye phalakake
auf Wand oder Brett
śilā-paṭṭe haridrayā
auf Steinplatte mit Gelbwurz
mukha-stambham
Lähmung des Mundes
gati-stambham
Lähmung der Bewegung
sainya-stambham
Lähmung des Heeres

viṣaraktena saṃlikhya śmaśāne karpare budhaḥ / ṣaṭkoṇaṃ daṇḍamākrāntaṃ samantācchaktiyojitam //

Mit Gift und Blut soll der Kundige auf dem Verbrennungsplatz auf eine Scherbe ein Sechseck zeichnen, vom Stab durchzogen und ringsum mit der Śakti versehen.

Wort für Wort
viṣa-raktena saṃlikhya
mit Gift und Blut gezeichnet
śmaśāne karpare
auf dem Verbrennungsplatz auf einer Scherbe
ṣaṭ-koṇam
ein Sechseck
daṇḍam ākrāntam
vom Stab durchzogen
śakti-yojitam
mit Śakti versehen

mārayedacirādeṣa śmaśāne nihataṃ ripuṃ / chedaṃ karoti rāṣṭrasya cakramadhye nyasedripuṃ //

Dieses tötet in Kürze den Feind, der auf dem Verbrennungsplatz [symbolisch] erschlagen wurde. Es bewirkt die Spaltung eines Reiches; in die Mitte des Rades soll man den Feind [d.h. seinen Namen] legen.

Wort für Wort
mārayet acirāt
tötet in Kürze
śmaśāne nihatam ripum
den auf dem Verbrennungsplatz erschlagenen Feind
chedam rāṣṭrasya
Spaltung des Reiches
cakra-madhye nyaset ripum
den Feind in die Radmitte legen

cakradhārāṅgatāṃ śaktiṃ ripunāmnā ripuṃ haret / tārkṣyeṇaiva tu vījena khaḍgamadhye tu lekhayet //

Die Śakti an der Radschneide – mit dem Namen des Feindes rafft man den Feind hinweg. Mit dem Tārkṣya[Garuḍa]-Bīja aber soll man in der Mitte eines Schwertes schreiben

Wort für Wort
cakra-dhārā-aṅgatām śaktim
die Śakti an der Radschneide
ripu-nāmnā ripum haret
mit dem Namen des Feindes den Feind hinwegraffen
tārkṣyeṇa bījena
mit dem Garuḍa-Bīja
khaḍga-madhye lekhayet
in die Schwertmitte schreiben

vidarbharipunāmātha śmaśānāṅgāralekhitam / saptāhātsādhayeddeśaṃ tāḍayet pretabhasmanā //

den [damit] umschlossenen Namen des Feindes, mit Kohle vom Verbrennungsplatz geschrieben; in sieben Tagen unterwirft man ein Land; man soll [es] mit Leichenasche schlagen.

Wort für Wort
vidarbha-ripu-nāma
den umschlossenen Feindesnamen
śmaśāna-aṅgāra-lekhitam
mit Verbrennungsplatzkohle geschrieben
saptāhāt sādhayet deśam
in sieben Tagen ein Land unterwerfen
tāḍayet preta-bhasmanā
mit Leichenasche schlagen

bhedane chedane caiva māraṇeṣu śivo bhavet / tārakaṃ netramuddiṣṭaṃ śāntipuṣṭau niyojayet //

Beim Spalten, Zerschneiden und Töten sei [die Silbe] Śiva [einzusetzen]; der Tāraka ist als Auge bezeichnet – bei Befriedung und Gedeihen soll man ihn anwenden.

Wort für Wort
bhedane chedane
beim Spalten, Zerschneiden
māraṇeṣu śivaḥ
beim Töten Śiva
tārakam netram uddiṣṭam
der Tāraka gilt als Auge
śānti-puṣṭau niyojayet
bei Befriedung und Gedeihen anwenden

dahanādiprayogoyaṃ śākinīñcaiva karpayet / madhyādivāruṇīṃ yāvadvakratuṇḍasamanvitaḥ //

Dies ist die Anwendung für Brennen usw.; und man soll die Śākinī herausziehen. Von der Mitte bis zum Westen, mit Vakratuṇḍa versehen,

Wort für Wort
dahana-ādi-prayogaḥ
Anwendung für Brennen usw.
śākinīm karṣayet
die Śākinī herausziehen
madhya-ādi vāruṇīm yāvat
von der Mitte bis zum Westen
vakratuṇḍa-samanvitaḥ
mit Vakratuṇḍa versehen

„karpayet“ zu karṣayet gebessert.

kuṣṭādyā vyādhayo ye tu nāśayettānna saṃśayaḥ / madhyādiuttarāntantu karālībandhanājjapet //

vernichtet man zweifellos Krankheiten wie Aussatz usw.; von der Mitte bis zum Norden soll man mit dem Karālī-Griff murmeln.

Wort für Wort
kuṣṭha-ādyāḥ vyādhayaḥ
Krankheiten wie Aussatz
nāśayet na saṃśayaḥ
vernichtet zweifellos
madhya-ādi uttara-antam
von der Mitte bis zum Norden
karālī-bandhanāt japet
mit dem Karālī-Griff murmeln

„kuṣṭādyā“ zu kuṣṭhādyā.

rakṣayedātmano vidyāṃ prativādī yadā śivaḥ / vāruṇyādi tato nyasya jvarakāśavināśanam //

Man schützt die eigene Vidyā, wenn der Gegner Śiva [?] …; vom Westen an aufgelegt: Vernichtung von Fieber und Husten.

Wort für Wort
rakṣayet ātmanaḥ vidyām
die eigene Vidyā schützen
prativādī
der Gegner
vāruṇī-ādi nyasya
vom Westen an aufgelegt
jvara-kāsa-vināśanam
Vernichtung von Fieber und Husten

„prativādī yadā śivaḥ“ unklar. „kāśa“ zu kāsa.

saumyādi madhyamāntantu gurutvaṃ jāyate vaṭe / pūrvādi madhyamāntantu laghutvaṃ kurute kṣaṇāt //

Vom Norden bis zur Mitte: Schwere entsteht beim Banyan [?]; vom Osten bis zur Mitte bewirkt es sofort Leichtigkeit.

Wort für Wort
saumya-ādi madhyama-antam
vom Norden bis zur Mitte
gurutvam jāyate
Schwere entsteht
pūrva-ādi
vom Osten an
laghutvam kurute kṣaṇāt
bewirkt sofort Leichtigkeit

„vaṭe“ unklar (evtl. bei einer Kugel/einem Gegenstand).

bhūrje rocanayā likhya etadvajrākulaṃ puram / kramasthair mantravījaistu rakṣāṃ deheṣu kārayet //

Hat man diese vajragefüllte Burg mit Gorocanā auf Birkenrinde gezeichnet, soll man mit den in Reihenfolge stehenden Mantra-Bījas Schutz an den Körpern bewirken.

Wort für Wort
bhūrje rocanayā likhya
auf Birkenrinde mit Gorocanā gezeichnet
vajra-ākulam puram
die vajragefüllte Burg
krama-sthaiḥ mantra-bījaiḥ
mit den geordneten Mantra-Bījas
rakṣām deheṣu kārayet
Schutz an den Körpern bewirken

veṣṭitā bhāvahemnā ca rakṣeyaṃ mṛtyunāśinī / vighnapāpāridamanī saubhāgyāyuḥpradā dhṛtā //

Umwickelt mit … Gold [?] und getragen, ist dieses Amulett todvernichtend, bezwingt Hindernisse, Sünde und Feinde und verleiht Glück und langes Leben.

Wort für Wort
veṣṭitā hemnā
mit Gold umwickelt
rakṣā iyam mṛtyu-nāśinī
dieses Amulett ist todvernichtend
vighna-pāpa-ari-damanī
Hindernisse, Sünde, Feinde bezwingend
saubhāgya-āyuḥ-pradā dhṛtā
getragen Glück und Leben gewährend

„bhāvahemnā“ unklar.

dyūte reṇe ca jayadā śakrasainye na saṃśayaḥ / bandhyānāṃ putradā hy eṣā cintāmaṇirivāparā //

Beim Würfelspiel und im Kampf verleiht es Sieg, selbst gegen Indras Heer, zweifellos; unfruchtbaren Frauen schenkt es Söhne – wie ein zweiter Wunschjuwel.

Wort für Wort
dyūte raṇe
im Würfelspiel und Kampf
jaya-dā
Sieg verleihend
śakra-sainye
gegen Indras Heer
bandhyānām putra-dā
Unfruchtbaren Söhne gebend
cintāmaṇiḥ iva aparā
wie ein zweiter Wunschjuwel

„reṇe“ zu raṇe gebessert.

sādhayet pararāṣṭrāṇi rājyañca pṛthivīṃ jayet / phaṭ strīṃ kṣeṃ hūṃ lakṣajapyādyakṣādirvaśago bhavet //

Fremde Reiche soll man [damit] unterwerfen, die Königsherrschaft [erlangen] und die Erde erobern. „phaṭ strīṃ kṣeṃ hūṃ“ – durch hunderttausendfaches Murmeln werden Yakṣas usw. untertan.

Wort für Wort
sādhayet para-rāṣṭrāṇi
fremde Reiche unterwerfen
pṛthivīm jayet
die Erde erobern
lakṣa-japyāt
durch hunderttausendfaches Murmeln
yakṣa-ādiḥ vaśa-gaḥ
Yakṣas usw. untertan

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