Kapitel 338: śṛṅgārādirasanirūpaṇam
Darlegung der Rasas, beginnend mit dem Erotischen
Agni leitet den Rasa metaphysisch als Aufscheinen der Wonne des Brahman her und entwickelt aus Ichbewusstsein und Liebe das Erotische als Grund-Rasa, aus dem die übrigen Rasas hervorgehen. Es folgen Definitionen der dauerhaften, unwillkürlichen und vorübergehenden Gefühlszustände, der Anregungsfaktoren (vibhāva) mit den Helden-, Nebenhelden- und Heldinnentypen sowie der Folgeerscheinungen (anubhāva) mit den männlichen und weiblichen Ausdrucksqualitäten und den zwölf Arten sprachlicher Äußerung. Einzelne Definitionen (Verse 16, 28, 31, 40, 50) sind im Wortlaut entstellt.
Agni sprach: Das Unvergängliche, das höchste Brahman, das ewige, ungeborene, alldurchdringende, nennen sie in den Upaniṣaden (vedānta) das Eine, das Bewusstsein, das Licht, den Herrn.
ādyastasya vikāro yaḥ so 'haṅkāra iti smṛtaḥ / tato 'bhimānastatredaṃ samāptaṃ bhuvanatrayaṃ //
Seine erste Umbildung ist das, was als Ichbewusstsein (ahaṅkāra) überliefert ist; daraus [entsteht] die Ich-Bezogenheit (abhimāna), in der diese dreifache Welt beschlossen ist.
abhimānādratiḥ sā ca paripoṣamupeyuṣī / vyabhicāryādisāmānyāt śṛṅgāra iti gīyate //
Aus der Ich-Bezogenheit [entsteht] die Liebe (rati); wenn diese zur vollen Entfaltung gelangt, wird sie wegen ihrer Gemeinsamkeit mit den vorübergehenden Gefühlen (vyabhicārin) usw. 'Śṛṅgāra' (das Erotische) genannt.
Wort für Wort
ratiḥ
Liebe, Lust
paripoṣam upeyuṣī
zur vollen Entfaltung gelangt
vyabhicāri-ādi-sāmānyāt
wegen Gemeinsamkeit mit den vorübergehenden Gefühlen usw.
Dessen Abarten sind beliebig die anderen, das Komische usw., in vielfacher Weise, jeweils gekennzeichnet durch die Entfaltung, die aus der Besonderheit ihres jeweiligen dauerhaften Gefühls usw. hervorgeht.
Wort für Wort
tad-bhedāḥ
seine Abarten
hāsya-ādyāḥ
das Komische usw.
anekaśaḥ
vielfach
sthāyi-viśeṣa-uttha
aus der Besonderheit des dauerhaften Gefühls entstanden
sva-lakṣaṇāḥ
mit eigenem Merkmal
'svasvasthādi…parighoṣa' wohl für 'svasvasthāyi…paripoṣa'.
Aus der Abfolge der Guṇas Sattva usw. entstehen sie aus dem höchsten Selbst. Aus Leidenschaft (rāga) entsteht das Erotische, aus Schärfe (taikṣṇya) entsteht das Grausige (raudra);
das Heroische gilt als aus Standhaftigkeit (avaṣṭambha) geboren, das Ekelhafte als aus dem Zusammenziehen (saṅkoca) entsprungen. Aus dem Erotischen entsteht das Komische, aus dem Grausigen der Rasa des Mitleids;
ekelhaft, wunderbar und friedvoll genannt [sind die Rasas]; von Natur aus [gibt es] vier Rasas. Wie das Glück (Lakṣmī) ohne Freigebigkeit, so glänzt die Rede nicht ohne Rasa.
śṛṅgārī cet kaviḥ kāvye jātaṃ rasamayaṃ jagat / sa cet kavirvītarāgo nīrasaṃ vyaktameva tat //
Ist der Dichter erotisch gestimmt, so wird die Welt in der Dichtung voller Rasa; ist dieser Dichter frei von Leidenschaft, so ist sie offenkundig ohne Rasa.
na bhāvahīno 'sti raso na bhāvo rasavarjitaḥ / bhāvayanti rasānebhirbhāvyante ca rasā iti //
Es gibt keinen Rasa ohne Gefühl (bhāva) und kein Gefühl ohne Rasa. Sie bringen die Rasas zum Dasein (bhāvayanti), und durch sie werden die Rasas zum Dasein gebracht – daher [der Name bhāva].
Die dauerhaften Gefühle (sthāyin) sind acht, mit der Liebe an der Spitze; die mit Erstarrung (stambha) beginnenden sind vorübergehend (vyabhicārin). Das Erleben von Angenehmem bei geneigtem Gemüt gilt als Liebe (rati).
Die Weitung des Geistes durch Freude usw. heißt Lachen (hāsa); die Verzagtheit des Herzens durch den Anblick von Absonderlichem usw. nennt man Furcht (bhaya).
jugupsā ca padārthānāṃ nindā daurbhāgyavāhināṃ / vismayo 'tiśayenārthadarśanāccittavistṛtiḥ //
Abscheu (jugupsā) ist das Tadeln von Dingen, die Unglück bringen; Staunen (vismaya) ist die Weitung des Gemüts durch den Anblick eines außerordentlichen Gegenstands.
Die acht [Zustände], die mit der Erstarrung beginnen, [entstehen] aus dem Sattva, [nicht] aus Rajas und Tamas [?]. Erstarrung (stambha) ist die Hemmung der Bewegung, hervorgerufen durch Furcht, Leidenschaft usw.
Schweiß (sveda) ist Körperwasser, entstanden aus innerer Erregung, verbunden mit Anstrengung, Leidenschaft usw.; das Sträuben der Härchen (pulakodgama) ist ein inneres Aufwallen des Körpers durch Freude usw.
Das Stocken der Rede, entstanden aus Freude usw. [oder] Furcht usw., ist das Brechen der Stimme (svarabheda). Die Verzagtheit des Gemüts durch Verlust des Geliebten usw. betrachtet man als Kummer (śoka).
Ein aus Erregung des Herzens entstandenes Schwanken heißt Zittern (vepathu); Verfärbung (vaivarṇya) ist ein Umschlagen der Gesichtsfarbe, entstanden aus Niedergeschlagenheit usw.
Verdruss des Gemüts durch Leidenschaftslosigkeit usw. wird Weltüberdruss (nirveda) genannt; die aus Seelenpein usw. entstandene Mattigkeit, die den Körper betrifft, ist Erschlaffung (glāni).
śaṅkāniṣṭāgamotprekṣā syādasūyā ca matsaraḥ / madirādyupayogotthaṃ manaḥsaṃmohanaṃ madaḥ //
Besorgnis (śaṅkā) ist das Vorausahnen des Eintreffens von Unerwünschtem; Missgunst (asūyā) ist Neid; die durch Genuss von Rauschtrank usw. entstandene Verwirrung des Geistes ist Rausch (mada).
Die innere, aus dem Körper aufsteigende Ermüdung, die aus einem Übermaß an Tätigkeit entsteht, ist Erschöpfung (śrama); die Abneigung des Gemüts gegen erotische und andere Tätigkeiten heißt Trägheit (ālasya).
Niedergeschlagenheit (dainya) ist Abfall von der inneren Festigkeit; Sorge (cintā) ist das Nachsinnen über eine Sache; das Nichterkennen der Mittel zu dem, was zu tun ist, heißt Verblendung (moha).
Erinnerung (smṛti) ist das Widerspiegeln eines erfahrenen Gegenstands; Einsicht (mati) ist die Bestimmung einer Sache, herbeigeführt durch Erkenntnis der Wahrheit.
Scham (vrīḍā) ist eine gewisse Zusammenziehung des Gemüts, entstanden aus Zuneigung usw.; Unbeständigkeit (capalatā) ist Unstetigkeit; Freude (harṣa) ist Heiterkeit des Gemüts.
āveśaś ca pratīkāraḥ śayo vaidhuryamātmanaḥ / kartavye pratibhābhraṃśo jaḍatetyabhidhīyate //
Erregung (āveśa) ist die Absicht zur Abwehr [?] [und] Verstörtheit des Selbst; das Versagen der Eingebung bei dem, was zu tun ist, wird Stumpfheit (jaḍatā) genannt.
Wort für Wort
āveśaḥ
Erregung
pratīkāra
Abwehr, Vergeltung
vaidhuryam ātmanaḥ
Verstörtheit des Selbst
pratibhā-bhraṃśaḥ
Versagen der Eingebung
jaḍatā
Stumpfheit
'pratīkāraḥ śayo' wohl für 'pratīkārāśayo'; Deutung unsicher.
Gefasstheit (dhṛti) ist das Gedeihen im Wohlstand, gemehrt durch das Erlangen des Erwünschten; Hochmut (garva) ist Geringschätzung anderer [und] Vorstellung eigener Überlegenheit.
Verzagtheit (viṣāda) ist die Vereitelung eines gewünschten Gegenstands durch Schicksal usw.; Sehnsucht (autsukya) ist ein unsteter Zustand aus Verlangen, weil das Gewünschte nicht erlangt ist.
Starre von Geist und Sinnen, ein unbeweglicher Zustand, ist Epilepsie (apasmāra); Schrecken (trāsa) ist Furcht vor Bedrängnis usw. im Kampf; … (vīpsā) ist ein Aufschrecken des Gemüts [?].
Wort für Wort
staimityam
Starre
apasmāraḥ
Epilepsie, Fallsucht
acalā sthitiḥ
unbeweglicher Zustand
trāsaḥ
Schrecken
citta-camatkṛtiḥ
Aufschrecken des Gemüts
'vīpsā' passt nicht in die Reihe der Gefühlszustände; vielleicht entstellt.
Unmut (amarṣa) ist das Nichtbesänftigen des Zorns; Erwachen (prabodha) ist das Aufkommen des Bewusstseins; Verstellung (avahittha) ist ein Verbergen, das sich auf Gebärden und Aussehen erstreckt.
Heftigkeit (ugratā) nennt man schwere Grobheit in Wort und Strafe aus Zorn; Erwägung (ūha) ist Überlegung (vitarka); Krankheit (vyādhi) ist Beeinträchtigung von Geist und Körper.
Wahnsinn (unmāda) ist zusammenhangloses Reden usw. durch Liebesleidenschaft usw.; die Klärung der Trübung des Gemüts durch Erkenntnis der Wahrheit usw. ist die höchste Ruhe (śama).
Wort für Wort
anibaddha-pralāpa
zusammenhangloses Reden
unmādaḥ
Wahnsinn
madana-ādibhiḥ
durch Liebesleidenschaft usw.
cetaḥ-kaṣāyaḥ
Trübung des Gemüts
śamaḥ
Ruhe
'cetaḥkaṣāyo paramaḥ' wohl für 'cetaḥkaṣāyopaśamaḥ' o. ä.
kavibhiryojanīyā vai bhāvāḥ kāvyādike rasāḥ / vibhāvyate hi ratyādiryatra yena vibhāvyate //
Die Dichter sollen die Gefühle und Rasas in Dichtung usw. einsetzen. Das, wodurch Liebe usw. [im Zuschauer] zur Erscheinung gebracht werden (vibhāvyate), —
— heißt Anregungsfaktor (vibhāva); er ist zweifach und besteht aus Stütze (ālambana) und Anfachung (uddīpana). [Das], worauf gestützt diese Gruppe von Gefühlen, Liebe usw., entsteht,
ist der Stützen-Vibhāva (ālambanavibhāva); er besteht im Helden usw. Der standhaft-erhabene (dhīrodātta), der standhaft-ungestüme (dhīroddhata), der standhaft-verspielte (dhīralalita)
und der standhaft-ruhige (dhīrapraśānta): so gilt der Held als vierfach. [In der Liebe] werden [ferner] der ergebene (anukūla), der höfliche (dakṣiṇa), der falsche (śaṭha) und der dreiste (dhṛṣṭa) angeführt.
Der Pīṭhamarda ist wohlversorgt und begütert; der Viṭa ist im Freudenviertel zu Hause; der Vidūṣaka ist der Spaßmacher. Die Heldinnen des Helden sind acht [?]:
Wort für Wort
sambalakaḥ
wohlversorgt (mit Wegzehrung)
śrīmān
begütert
tad-veśa-jaḥ
im Freudenviertel zu Hause
vaihasikaḥ
Spaßmacher
nāyikāḥ
Heldinnen
'tvaṣṭanāyakanāyikāḥ' in der Deutung unsicher (wohl 'tv aṣṭa nāyaka-nāyikāḥ').
svakīyā parakīyā ca punarbhūriti kauśikāḥ / sāmānyā na punarbhūrirityādyā bahubhedataḥ //
die eigene (svakīyā), die fremde (parakīyā) und die Wiederverheiratete (punarbhū) – so die Kauśikas; die allgemeine (sāmānyā) [Hetäre], nicht die Wiederverheiratete – so andere [Lehrer]; [es gibt sie] in vielen Unterarten.
Die vierundsechzig Künste sind zweifach: mit Handlungen usw. und mit Gesang usw.; Gaukelei und auch die Erinnerung an sie sind meist Anlass zum Lachen [?].
Die aus Erinnerung, Wunsch, Abneigung und Bemühung [hervorgehende] Tätigkeit von Geist, Rede, Verstand und Körper, [ausgelöst] durch die Gefühle des Stützen-Vibhāva mit geweckten Eindrücken, —
ārambha eva viduṣāmanubhāva iti smṛtaḥ / sa cānubhūyate cātra bhavatyuta nirucyate //
— eben diese Tätigkeit (ārambha) gilt bei den Kundigen als Folgeerscheinung (anubhāva); sie wird hier [nach]erlebt (anubhūyate), oder sie entsteht [nachträglich] – so wird sie erklärt.
Verachtung des Niedrigen, Wetteifer mit den Höchsten, Tapferkeit und Tüchtigkeit usw. als Ursache: als geistige Eigenschaft ist das Glanz (śobhā), so wie ein Haus glänzt.
Festigkeit und Tiefe: das sind die zwölf genannten [Ausdrucks]faktoren der Frauen. Hāva ist ein Bhāva [in Gestalt von] Anmut (vilāsa); Bhāva ist etwas leicht aus Freude Entstandenes [?].
Saṃdeśa die Übermittlung einer Nachricht, Nirdeśa die Darlegung, Atideśa [die Übertragung] zur Angabe des Wesentlichen, Apadeśa die Beschreibung von etwas anderem,
upadeśaś ca śikṣāvāk vyājoktirvyapadeśakaḥ / bodhāya eṣa vyāpāraḥsubuddhyārambha iṣyate / tasya bhedāstrayaste ca rītivṛttipravṛttayaḥ //
Upadeśa die belehrende Rede, Vyapadeśa die Rede unter einem Vorwand. Diese auf Verstehen gerichtete Tätigkeit gilt als verstandesmäßige Regung (buddhyārambha); ihre drei Arten sind Stil (rīti), Darstellungsweise (vṛtti) und Verhaltensart (pravṛtti).