Kapitel 322: ṣaḍaṅgānyaghorāstrāṇi
Die sechs Glieder und die Aghora-Waffen[-Mantras]
Das Kapitel ist eine Sammlung von Mantras für Befriedung, Gedeihen, Unterwerfung und Schutz: Haṃsa- und Kālī-Formeln, ein „Mantrakönig“ gegen Feinde und Diebe (mit einem Reiskorn-Gottesurteil gegen Diebe), eine Durgā- und eine Kṣetrapāla-Formel gegen Plagegeister, Räucherwerk und Stirnzeichen zur Betörung, Mittel zur Erlangung eines Sohnes, Mṛtyuñjaya- und Mṛtasañjīvanī-Formeln sowie die fünf Brahman-Mantras (Īśāna, Tatpuruṣa, Aghora, Vāmadeva, Sadyojāta) und die Glieder-Mantras. Viele Verse sind mit Prosamantras vermischt; der Text der Mantras ist stellenweise verderbt (z. B. ganṅe, dhoraharebhyaḥ, nyāsādhradaṃ).
Īśvara sprach: Durch den Mantra „oṃ hrūṃ haṃsa“ werden Tod, Krankheit usw. bezwungen; mit hunderttausend Spenden von Dūrvā-Gras bewirke man Befriedung und Gedeihen.
Wort für Wort
iti mantreṇa
durch diesen Mantra
mṛtyu-roga-ādi
Tod, Krankheit usw.
śāsyati
wird bezwungen
lakṣa-āhutibhiḥ dūrvābhiḥ
mit hunderttausend Dūrvā-Spenden
śāntim puṣṭim prasādhayet
bewirke Befriedung und Gedeihen
haṃsa+iti: das „+“ ist eine Sandhi-Markierung der Digitalisierung.
Oder auch allein mit dem Praṇava oder mit der Māyā[-Silbe hrīṃ], Sechsgesichtiger, [erreicht man] die Befriedung der himmlischen, luftraumlichen und irdischen [Unheilszeichen] und beim Unheilszeichen an Bäumen.
„Oṃ, Verehrung dir, erhabene Gaṅgā [?], Kālī, Kālī, Mahākālī, Mahākālī, die du Fleisch und Blut verzehrst, Rot-Schwarz-Gesichtige, bringe die Menschen in [meine] Gewalt, svāhā.“ Hat man [dies] hunderttausendmal gemurmelt und ein Zehntel geopfert, wird man zum Vollbringer aller Handlungen; man bringt Śakra und die anderen [Götter] in seine Gewalt – was wäre da erst von diesen Menschen zu reden!
Wort für Wort
māṃsa-śoṇita-bhojane
die du Fleisch und Blut verzehrst
rakta-kṛṣṇa-mukhi
Rot-Schwarz-Gesichtige
vaśam ānaya mānuṣān
bring die Menschen in Gewalt
lakṣam japtvā
hunderttausendmal gemurmelt habend
daśa-aṃśena hutvā
ein Zehntel geopfert habend
kā kathā
was ist da zu reden
ganṅe wohl für gaṅge; ka kathā für kā kathā; das oṃ vor lakṣaṃ ist wohl Rest der Mantra-Abgrenzung.
[Diese] Zauberformel (vidyā) bewirkt Unsichtbarkeit, betört und lähmt [jṛmbhaṇī]; sie bringt die Feinde in Gewalt und verwirrt den Verstand der Feinde.
In allen großen Gefahren ist seiner, des von Hara verehrten, zu gedenken. Nach hunderttausendfachem Murmeln [folgt] ein Opfer mit Sesam; [dann] gelingt er. Höre [nun] den „Retter“ (uddharaka):
„Oṃ hale śūle, komm! Bei der Wahrheit Brahmās, bei der Wahrheit Viṣṇus, bei der Wahrheit Rudras, schütze mich, dem Herrn der Rede (vāceśvara) svāhā.“ Weil sie aus der Not (durga) hinüberrettet, darum gilt Durgā als die Heilvolle (śivā). „Oṃ Caṇḍakapālinī, die Zähne kiṭi kiṭi kṣiṭi kṣiṭi, im Verborgenen phaṭ hrīṃ“ – mit diesem Mantrakönig wasche man Reiskörner,
Wort für Wort
brahma-satyena
bei der Wahrheit Brahmās
rakṣa mām
schütze mich
durgāt tārayate
sie rettet aus der Not
durgā śivā matā
Durgā gilt als die Heilvolle
mantra-rājena
mit diesem Mantrakönig
kṣālayitvā taṇḍulān
Reiskörner gewaschen habend
hale śūle: Anrufungen, Bedeutung unsicher; kiṭi/kṣiṭi lautmalerisch („2“ = Wiederholung).
die dreißigmal [mit dem Mantra] besprochen sind, und lasse sie [von den Verdächtigen, Anm.: im Diebstahlsordal] kauen; [bei wem] weiße, durch die Zähne zermahlene Pulver herausfallen, [der ist] damit als rein [erwiesen].
Wort für Wort
triṃśat-vārān japtāni
dreißigmal besprochen
caureṣu pradāpayet
gebe sie den (verdächtigen) Dieben
dantaiḥ cūrṇāni śuklāni
mit den Zähnen zermahlene weiße Pulver
patitāni
herausgefallen
śuddhaye
zur Reinigung (als Unschuldsbeweis)
vārāni für vārān; Deutung als Gottesurteil gegen Diebe aus dem Zusammenhang.
„Oṃ, du mit flammenden Augen, strahlend von der Last gelbbrauner Flechten, Vertreiber, Schrecken der drei Welten, Schrecken, Schrecken; zerreiße, zerreiße (dara); lass umherirren, lass umherirren; ākaṭṭa, ākaṭṭa [?]; brich, brich; zerknicke, zerknicke; brenne, brenne; koche, koche! So befiehlt Siddharudra: Ist der Plagegeist (graha) auch in die Himmelswelt, in die Götterwelt oder in Gärten, Lustorte und Berge gegangen, so werde ich ihn doch zurückholen. Nimm, nimm das Opfer, ich gebe es dir, svāhā.“ – Hat man dem Kṣetrapāla das Opfer gegeben, geht der Plagegeist hinweg [?]; die Feinde gehen zugrunde, in der Schlacht [erfolgt] Vernichtung der Feindesscharen.
Nakha [Duftstoff] und Devadāru zu gleichen Teilen gemacht: dann [ergibt dies] ein Räucherwerk; mit Honig vermischt, durch Beräuchern von Körper, Kleidern usw.
ist es günstig bei Rechtsstreit, beim Betören von Frauen, bei Zank und Hader, bei der Werbung um ein Mädchen und für Glück – mit dem Māyā-Mantra besprochen.
[Mit] hrīṃ: Gorocanā, Nāga-Blüten, Safran und Realgar (manaḥśilā) – wer [damit] auf der Stirn ein Zeichen (tilaka) macht, wen er anblickt, der wird ihm untertan.
durch Trinken von Palāśa-Samen erlangt man ebenso einen Sohn. „Oṃ, erhebe dich, Cāmuṇḍā, lähme, lähme (jambhaya), betöre, betöre, bringe den N. N. in [meine] Gewalt, bringe [ihn], svāhā“ – dies ist die sechsundzwanzig[silbige] vollkommene Formel. Eine Frau[enfigur] aus Flussufer-Lehm
Wort für Wort
pālāśa-bīja-pānena
durch Trinken von Palāśa-Samen
labheta putrakam
erlange einen Sohn
uttiṣṭha cāmuṇḍe
erhebe dich, Cāmuṇḍā
amukam vaśam ānaya
bring den N. N. in Gewalt
siddha-vidyā
vollkommene Formel
nadī-tīra-mṛdā striyam
eine Frau aus Flussufer-Lehm
lameta für labheta; amuka = „der N. N.“ (Platzhalter für den Namen).
forme man, schreibe mit Stechapfelsaft (unmatta) den Namen auf ein Arka-Blatt, lasse dann Harn und murmle [die Formel]; [so] zieht man jene Frau herbei.
„Oṃ kṣuṃ saḥ vaṣaṭ“ – [dies ist] der Mahāmṛtyuñjaya-Mantra; durch Murmeln und Opfer schafft er Gedeihen. „Oṃ haṃsaḥ hrūṃ hūṃ sa hraḥ sauṃḥ“ – die [Formel] Mṛtasañjīvanī (Totenbelebende), achtsilbig, bewirkt Sieg in der Schlacht.
Oberherr des Brahman, Brahman, Śiva, Sadāśiva sei mir [gnädig].“ „Oṃ, den Tatpuruṣa wollen wir erkennen, über Mahādeva wollen wir nachsinnen; dazu möge uns Rudra antreiben.“ „Oṃ, den Nicht-Schrecklichen (aghora) und den Schrecklichen, den Schrecklich-Schrecklichen überall,
sarvebhyo namaste rudrarūpebhyaḥ / oṃ vāmadevāya namo jyeṣṭhāya namaḥ rudrāya namaḥ / kālāya namaḥ kalavikaraṇāya namo balavikaraṇāya namo balapramathanāya namaḥ / sarvabhūtadamanāya namo manonmānāya namaḥ oṃ sadyojātaṃ pravakṣyāmi sadyojātāya vai namaḥ / bhave bhave 'nādibhave bhajasva māṃ bhavodbhava //
allen [deinen] Rudra-Gestalten sei Verehrung.“ „Oṃ, dem Vāmadeva Verehrung, dem Jyeṣṭha Verehrung, dem Rudra Verehrung, dem Kāla Verehrung, dem Kalavikaraṇa Verehrung, dem Balavikaraṇa Verehrung, dem Balapramathana Verehrung, dem Bezwinger aller Wesen Verehrung, dem Manonmana Verehrung.“ „Oṃ, den Sadyojāta will ich verkünden [?]; dem Sadyojāta sei Verehrung; in Geburt um Geburt, [nicht] in anfangsloser Geburt [?] – wende dich mir zu, Ursprung des Werdens.“
Wort für Wort
namaḥ te rudra-rūpebhyaḥ
Verehrung deinen Rudra-Gestalten
vāmadevāya namaḥ
dem Vāmadeva Verehrung
sarva-bhūta-damanāya
dem Bezwinger aller Wesen
sadyojātāya vai namaḥ
dem Sadyojāta sei Verehrung
bhave bhave
in Geburt um Geburt
bhajasva mām bhava-udbhava
wende dich mir zu, Ursprung des Werdens
pravakṣyāmi steht, wo sonst prapadyāmi („nehme Zuflucht“) üblich ist; 'nādibhave wohl für nātibhave („nicht in übermäßiger Geburt“); manonmāna für manonmana.
Ich verkünde die fünf Brahman[-Mantras] und die sechs Glieder, Genuss und Erlösung gewährend: „Oṃ, Verehrung dem höchsten Selbst, dem Höchsten, dem Wunschgewährenden, dem höchsten Herrn, dem Yoga, dem aus Yoga Entsprungenen, dem alles Bewirkenden; wirke, wirke; Wahrhafter, Wahrhafter; Seiender, Seiender; Ursprung des Werdens, Vāmadeva, alle Angelegenheiten Bewirkender, Sündenbeschwichtiger, Sadāśiva, sei gnädig, Verehrung sei dir, svāhā“ – [dies ist] das Herz[-Mantra], alle Ziele gewährend, mit siebzig Silben. „Oṃ śivaḥ śivāya namaḥ śivaḥ“ [Anm.: wohl das Haupt]. „Oṃ hṛdaye jvālini svāhā“ (Oṃ, im Herzen, o Flammende, svāhā) – die Haarlocke (śikhā). „Oṃ, Śiva-Wesenhafter, Großglanz, Allwissender, Herr, wende herbei (āvartaya), großer Schrecklicher, Panzer, Gelbbrauner, Verehrung; großer Panzer, auf Śivas Befehl binde, binde das Herz, wirble, wirble, zermalme, zermalme, Träger des feinen Donnerkeils, du mit der Donnerkeilschlinge, mit Bogen-, Donnerkeil- und Blitz-Donnerkeil-Leib, dringe in meinen Leib ein und lähme, lähme alle Bösen, hūṃ“ – der Panzer[-Mantra] hat hundertfünf Silben.
Wort für Wort
pañca-brahma-aṅga-ṣaṭkam
die fünf Brahman und die sechs Glieder
namaḥ paramātmane
Verehrung dem höchsten Selbst
hṛdayam sarva-artha-dam
das Herz, alle Ziele gewährend
saptati-akṣara-saṃyutam
mit siebzig Silben
mama śarīram anupraviśya
in meinen Leib eindringend
kavacam śatam pañca-akṣara-adhikam
der Panzer: hundert und fünf Silben
Die Silbenzahlen stimmen mit dem überlieferten Wortlaut nicht genau überein; die Glieder „Haupt“ und „Auge“/„Waffe“ sind nicht ausdrücklich benannt.