Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 153: brahmacaryāśramadharmaḥ Die Pflichten des Brahmacārin-Stadiums

Puṣkara behandelt die Lebenszyklusriten von der Empfängnis über Puṃsavana, Scheitelziehen, Geburtsritual und Namengebung bis zur Tonsur und Einführung (upanayana) mit Altersgrenzen, Gürtel, Fell, Stab und Kleidung, sowie die Pflichten des vedischen Schülers bis zum Abschlussbad bzw. lebenslangen Brahmacarya. Die Vorlage wiederholt V. 4cd/5ab (Dittographie in V. 5–6); die letzte Einheit ist als „0“ (= 17cd) gezählt.

puṣkara uvāca | dharmamāśramiṇāṃ vakṣye bhuktimuktipradaṃ śṛṇu / ṣoḍaśartuniśā strīṇāmādyastisrastu garhitāḥ //

Puṣkara sprach: Ich werde die Pflicht derer in den Lebensstadien darlegen, die Genuss und Erlösung gewährt; höre! Sechzehn sind die Nächte der fruchtbaren Zeit der Frauen; die ersten drei davon aber sind getadelt.

Wort für Wort
dharmam āśramiṇām vakṣye
ich werde die Pflicht der Āśrama-Angehörigen darlegen
bhukti-mukti-pradam
Genuss und Erlösung gewährend
ṣoḍaśa ṛtu-niśāḥ strīṇām
sechzehn Nächte der fruchtbaren Zeit der Frauen
ādyāḥ tisraḥ tu garhitāḥ
die ersten drei sind getadelt

vrajedyugmāsu putrārthī karmādhānikamiṣyate / garbhasya spaṣṭatājñāne savanaṃ spandanāt purā //

An den geraden [Nächten] gehe der Sohnbegehrende [zu ihr]; [so] wird der Empfängnisritus verlangt. Wenn die Schwangerschaft deutlich erkannt ist, [vollziehe man] das Puṃsavana vor der Regung [der Frucht].

Wort für Wort
vrajet yugmāsu
er gehe (zu ihr) an den geraden (Nächten)
putra-arthī
der Sohnbegehrende
garbhādhānikam iṣyate
der Empfängnisritus wird verlangt
garbhasya spaṣṭatā-jñāne
bei deutlicher Erkenntnis der Schwangerschaft
savanam spandanāt purā
das (Puṃ)savana vor der Regung

karmādhānikam wohl für garbhādhānikam.

ṣaṣṭhe 'ṣṭame vā sīmantaṃ putrīyaṃ nāmabhaṃ śubhaṃ / acchinnanāḍyāṃ kartavyaṃ jātakarma vicakṣaṇaiḥ //

Im sechsten oder achten [Monat das] Scheitelziehen, unter einem heilvollen Mondhaus mit männlichem Namen. Solange die Nabelschnur nicht durchtrennt ist, haben die Kundigen das Geburtsritual zu vollziehen.

Wort für Wort
ṣaṣṭhe aṣṭame vā
im sechsten oder achten (Monat)
sīmantam
das Scheitelziehen
pum-nāma-bhe śubhe
unter einem heilvollen Mondhaus mit männlichem Namen
acchinna-nāḍyām
bei nicht durchtrennter Nabelschnur
jāta-karma
das Geburtsritual

putrīyaṃ nāmabhaṃ wohl für puṃnāmabhe.

aśauce tu vyatikrānte nāmakarma vidhīyate / śarmāntaṃ brāhmasyoktaṃ varmāntaṃ kṣatriyasya tu //

Ist die Zeit der Unreinheit aber vorüber, wird die Namengebung vorgeschrieben: für den Brahmanen wird ein auf -śarman endender [Name] genannt, für den Kṣatriya aber ein auf -varman endender;

Wort für Wort
aśauce vyatikrānte
wenn die Unreinheit vorüber ist
nāma-karma vidhīyate
die Namengebung wird vorgeschrieben
śarma-antam brāhmaṇasya
auf -śarman endend für den Brahmanen
varma-antam kṣatriyasya
auf -varman endend für den Kṣatriya

brāhmasya = brāhmaṇasya.

guptadāsātmakaṃ nāma praśastaṃ vaiśyaśūdrayoḥ / śarmāntaṃ brahmaṇasyoktaṃ varmāntaṃ kṣatriyasya ca //

für Vaiśya und Śūdra ist ein aus -gupta [bzw.] -dāsa bestehender Name empfohlen. Für den Brahmanen wird ein auf -śarman endender genannt, für den Kṣatriya ein auf -varman endender;

Wort für Wort
gupta-dāsa-ātmakam nāma
ein aus -gupta/-dāsa bestehender Name
praśastam
empfohlen
vaiśya-śūdrayoḥ
für Vaiśya und Śūdra
śarma-antam brāhmaṇasya
auf -śarman endend für den Brahmanen

Der zweite Halbvers wiederholt V. 4cd (Dittographie der Vorlage).

guptadāsātmakaṃ nāma praśastaṃ vaiśyaśūdrayoḥ / bālaṃ nivedayedbhartre tava putro 'yamityuta //

für Vaiśya und Śūdra ist ein aus -gupta [bzw.] -dāsa bestehender Name empfohlen. Das Kind übergebe man dem Gatten [mit den Worten]: „Dies ist dein Sohn.“

Wort für Wort
gupta-dāsa-ātmakam nāma
ein aus -gupta/-dāsa bestehender Name
bālam nivedayet
das Kind übergebe man
bhartre
dem Gatten
tava putraḥ ayam iti
„dies ist dein Sohn“

Der erste Halbvers wiederholt V. 5ab.

yathākulantu cūḍākṛd brāhmaṇasyopanāyanaṃ / garbhāṣṭame 'ṣṭame vābde garbhādekādaśe nṛpe //

Die Tonsur [geschehe] gemäß Familienbrauch; die Einführung (upanayana) des Brahmanen im achten Jahr ab der Empfängnis oder im achten Jahr [ab der Geburt], beim König im elften ab der Empfängnis,

Wort für Wort
yathā-kulam
gemäß Familienbrauch
cūḍā-kṛt
die Tonsur
brāhmaṇasya upanāyanam
die Einführung des Brahmanen
garbha-aṣṭame aṣṭame vā abde
im achten Jahr ab Empfängnis oder im achten Jahr
garbhāt ekādaśe nṛpe
beim König im elften ab Empfängnis

garbhāttu dvādaśe vaiśye ṣoḍaśābdādito na hi / muñjānāṃ valkalānāntu kramānmaujjyāḥ prakīrtitāḥ //

beim Vaiśya aber im zwölften ab der Empfängnis; nicht aber über das sechzehnte Jahr hinaus. Die Gürtel werden der Reihe nach aus Muñja-Gras [und] Bastfasern [bestehend] genannt.

Wort für Wort
garbhāt dvādaśe vaiśye
beim Vaiśya im zwölften ab Empfängnis
ṣoḍaśa-abdāt
über das sechzehnte Jahr
muñjānām valkalānām
aus Muñja-Gras und Bast
kramāt maujjyaḥ
der Reihe nach die Gürtel

Die Aufzählung der Gürtelmaterialien ist unvollständig.

mārgavaiyādhravāstāni carmāṇi vratacāriṇāṃ / parṇapippalavilvānāṃ kramāddaṇḍāḥ prakīrtitāḥ //

Die Felle der Gelübdeträger sind der Reihe nach vom Hirsch, vom Tiger und vom Bock; die Stäbe werden der Reihe nach aus Palāśa, Pippala und Bilva genannt.

Wort für Wort
mārga-vaiyāghra-bāstāni
vom Hirsch, Tiger und Bock
carmāṇi vrata-cāriṇām
die Felle der Gelübdeträger
parṇa-pippala-bilvānām
aus Palāśa, Pippala und Bilva
kramāt daṇḍāḥ
der Reihe nach die Stäbe

mārgavaiyādhravāstāni = mārgavaiyāghrabāstāni.

keśadeśalalāṭāsyatulyāḥ proktāḥ krameṇa tu / avakrāḥ satvacaḥ sarve nāvipluṣṭāstu daṇḍakāḥ //

Sie werden der Reihe nach als [in der Länge] bis zum Haar, zur Stirn und zum Mund reichend bezeichnet; alle Stäbe sind gerade, mit Rinde und nicht [vom Feuer] versengt.

Wort für Wort
keśa-deśa-lalāṭa-āsya-tulyāḥ
bis zu Haar, Stirn und Mund reichend
krameṇa
der Reihe nach
avakrāḥ
gerade
sa-tvacaḥ
mit Rinde
na avipluṣṭāḥ
nicht versengt

vāsopavīte kārpāsakṣaumorṇānāṃ yathākramaṃ / ādimadhyāvasāneṣu bhavacchabdopalakṣitaṃ //

Kleidung und heilige Schnur [sind] der Reihe nach aus Baumwolle, Leinen und Wolle. [Die Almosenbitte] ist am Anfang, in der Mitte bzw. am Ende durch das Wort „bhavat“ gekennzeichnet.

Wort für Wort
vāsa-upavīte
Kleidung und heilige Schnur
kārpāsa-kṣauma-ūrṇānām
aus Baumwolle, Leinen, Wolle
ādi-madhya-avasāneṣu
am Anfang, in der Mitte, am Ende
bhavat-śabda-upalakṣitam
durch das Wort „bhavat“ gekennzeichnet

prathamaṃ tatra bhhikṣeta yatra bhikṣā dhruvaṃ bhavet / strīṇāmamantratastāni vivāhastu samantrakaḥ //

Zuerst bettle er dort, wo ihm gewiss ein Almosen zuteilwird. Bei Frauen [vollzieht man] diese [Riten] ohne Mantras, die Hochzeit aber mit Mantras.

Wort für Wort
prathamam tatra bhikṣeta
zuerst bettle er dort
bhikṣā dhruvam bhavet
wo gewiss ein Almosen sein wird
strīṇām amantrataḥ
bei Frauen ohne Mantras
vivāhaḥ tu samantrakaḥ
die Hochzeit aber mit Mantras

bhhikṣeta = bhikṣeta.

upanīya guruḥ śiṣyaṃ sikṣayecchaucamāditaḥ / ācāramagnikāryaṃ ca sandhyopāsanameva ca //

Hat der Lehrer den Schüler eingeführt, lehre er ihn zuerst die Reinheit, den rechten Wandel, den Feuerdienst und die Dämmerungsandacht.

Wort für Wort
upanīya guruḥ śiṣyam
der Lehrer, den Schüler eingeführt habend
śikṣayet śaucam āditaḥ
lehre zuerst die Reinheit
ācāram agni-kāryam
Wandel und Feuerdienst
sandhyā-upāsanam
Dämmerungsandacht

sikṣayet = śikṣayet.

āyuṣyaṃ prāṅmukho bhuṅkte yaśasyaṃ dakṣiṇāmukhaḥ / śriyaṃ pratyaṅmukhī bhuṅkte ṛtaṃ bhuṅkte udaṅmukhaḥ //

Nach Osten gewandt isst man Langlebigkeit, nach Süden gewandt Ruhm; nach Westen gewandt isst man Glück, nach Norden gewandt isst man Wahrheit.

Wort für Wort
āyuṣyam prāṅ-mukhaḥ bhuṅkte
nach Osten gewandt isst man Langlebigkeit
yaśasyam dakṣiṇā-mukhaḥ
nach Süden Ruhm
śriyam pratyaṅ-mukhaḥ
nach Westen Glück
ṛtam udaṅ-mukhaḥ
nach Norden Wahrheit

sāyaṃ prātaś ca juhuyān nāmedhyaṃ vyastahastakaṃ / madhu māṃsa janaiḥ sārdhaṃ gītaṃ nṛtyañca vai tyajet //

Abends und morgens opfere er; nichts Unreines [opfere er] und nicht mit getrennten Händen [?]. Honig, Fleisch, Umgang mit Leuten, Gesang und Tanz meide er,

Wort für Wort
sāyam prātaḥ ca juhuyāt
abends und morgens opfere er
na amedhyam
nichts Unreines
madhu māṃsa
Honig, Fleisch
janaiḥ sārdham
Umgang mit Leuten
gītam nṛtyam tyajet
Gesang und Tanz meide er

vyastahastakam ist unklar.

hiṃsāmparāpavādaṃ ca aślīlaṃ ca viśeṣataḥ / daṇḍādi dhārayennaṣṭamapsu kṣiptvānyadhāraṇaṃ //

Gewalt, üble Nachrede über andere und besonders Unanständiges. Stab usw. trage er; ist er verloren [oder beschädigt], werfe er ihn ins Wasser und trage einen anderen.

Wort für Wort
hiṃsām para-apavādam
Gewalt, üble Nachrede über andere
aślīlam viśeṣataḥ
besonders Unanständiges
daṇḍa-ādi dhārayet
Stab usw. trage er
naṣṭam apsu kṣiptvā
den verlorenen ins Wasser werfend
anya-dhāraṇam
einen anderen tragen

vedasvīkaraṇaṃ kṛtvā srāyādvai dattadakṣiṇaḥ //

Hat er sich den Veda angeeignet, nehme er das Abschlussbad, nachdem er den Lehrerlohn gegeben hat.

Wort für Wort
veda-svīkaraṇam kṛtvā
nachdem er sich den Veda angeeignet hat
snāyāt
er nehme das Abschlussbad
datta-dakṣiṇaḥ
den Lehrerlohn gegeben habend

srāyāt = snāyāt.

17cd /. naiṣṭhiko brahmacārī vā dehāntaṃ nivasedgurau //

Oder er wohne als lebenslanger (naiṣṭhika) Brahmacārin bis zum Ende seines Leibes beim Lehrer.

Wort für Wort
naiṣṭhikaḥ brahmacārī
lebenslanger Brahmacārin
deha-antam
bis zum Ende des Leibes
nivaset gurau
wohne er beim Lehrer

Diese Einheit ist in der Vorlage als „17cd“ markiert, gehört also als zweite Vershälfte zu V. 17.

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