Kapitel 31: mārjanavidhānam
Die Vorschrift für die Abwischung (Apamārjana) mit Kuśa-Gras
Agni lehrt ein Schutz- und Heilritual, bei dem der Kranke unter Rezitation von Anrufungen an Viṣṇus Erscheinungsformen (Varāha, Narasiṃha, Vāmana u. a.) mit Kuśa-Halmen „abgewischt“ wird. Aufgezählt werden Fieberarten, Krankheiten, Gifte und dämonische Ergreifer (Grahas), die dadurch vertrieben werden sollen; den Abschluss bilden Wahrheitsakte und Schutzformeln für alle Richtungen. Der Kolophon nennt das Kapitel „kuśāpamārjanam“. V. 37 ist nur ein Halbvers; mehrere Stellen sind verderbt (z. B. haragrīva, samāsyāya, krūrabhṛta).
Agni sprach: Ich will den Schutz für sich selbst und für andere darlegen, der „Abwischung“ (mārjana) heißt, durch den der Mensch von Leiden befreit wird und Glück erlangen möge.
Oṃ, Verehrung dem höchsten Wesen (paramārtha), dem Puruṣa, dem Großen Selbst, dem Gestaltlosen und Vielgestaltigen, dem Alldurchdringenden, dem höchsten Selbst,
niṣkalmaṣāya śuddhāya dhyānayogaratāya ca / namaskṛtya pravakṣyāmi yat tatsidhyatu me vacaḥ //
dem Makellosen, Reinen, an Meditation und Yoga Erfreuten – nachdem ich ihm Verehrung erwiesen habe, will ich sprechen: Möge mein Wort, was immer es sei, in Erfüllung gehen.
Dem Varāha, dem Nṛsiṃha, dem Vāmana, o großer Weiser, – nachdem ich ihnen Verehrung erwiesen habe, will ich sprechen: Möge mein Wort, was immer es sei, in Erfüllung gehen.
Wort für Wort
varāhāya
dem Eber
nṛsiṃhāya
dem Mannlöwen
vāmanāya
dem Zwerg
mahāmune
o großer Weiser
namaskṛtya pravakṣyāmi
nach der Verehrung werde ich sprechen
mahāmune: Vokativ (Anrede an den Hörer, wohl Vasiṣṭha) mitten in einer Dativreihe; evtl. für mahāmunaye „dem großen Weisen“.
trivikramāya rāmāya vaikuṇṭhāya narāya ca / namaskṛtya pravakṣyāmi yattat sidhyatu me vacaḥ //
Dem Trivikrama, dem Rāma, dem Vaikuṇṭha und dem Nara – nachdem ich ihnen Verehrung erwiesen habe, will ich sprechen: Möge mein Wort, was immer es sei, in Erfüllung gehen.
parābhidhyānasahitaiḥ prayuktañcābhicārakam / gadasparśamahārogaprayogaṃ jarayā jara //
und den Schadenszauber, der mit feindseligen Absichten anderer angewandt wurde, und die Anwendung von Krankheitsberührung und schwerer Krankheit – lass es durch Verfall vergehen [?].
Wort für Wort
para-abhidhyāna-sahitaiḥ
mit feindseligen Absichten anderer
prayuktam ca abhicārakam
und angewandten Schadenszauber
gada-sparśa
Berührung mit Krankheit (bzw. Gift)
mahā-roga-prayogam
Anwendung schwerer Krankheit
jarayā jara
lass durch Verfall vergehen
jarayā jara „lass durch Verfall zerfallen“ (Imperativ von jṝ), Sinn unsicher. gada wohl „Krankheit“ (oder für gara „Gift“).
Verehrung dem, dessen Gewand gelb und rein ist wie Lotusstaubfäden, dem Diskusträger, der seinen Diskus auf die Schultern der großen Feinde [des Hara?] geschleudert hat.
Wort für Wort
kamala-kiñjalka-pīta
gelb wie Lotusstaubfäden
nirmala-vāsase
dem mit reinem Gewand
mahā-hara-ripu-skandha
Schultern der großen Feinde [?]
sṛṣṭa-cakrāya
dem, der den Diskus geschleudert hat
cakriṇe
dem Diskusträger
mahāhararipu- unklar; evtl. „der großen Feinde, die (alles) rauben“ oder verderbt (etwa für mahāsuraripu).
Verehrung dem, der die Erde auf seinem Hauer emporgehoben trägt, der die drei Veden zur Gestalt hat, dem großen Opfer-Eber, der auf dem Schoß der Windungen Śeṣas ruht.
taptahāṭakakeśāgrajvalatpāvakalocana / vajrādhikanakhasparśaṃ divyasiṃha namostu te //
O göttlicher Löwe, dessen Haarspitzen wie glühendes Gold und dessen Augen wie loderndes Feuer sind, dessen Krallenberührung härter ist als der Donnerkeil – Verehrung sei dir!
kāśyapāyātihrasvāya ṛgyajuḥsāmabhūṣita / tubhyaṃ vāmanarūpāyākramate gāṃ namo namaḥ //
Dir, dem Sohn Kaśyapas, dem überaus Kleinen, du mit Ṛg-, Yajur- und Sāmaveda Geschmückter, dir in Zwergengestalt, der die Erde durchschreitet, Verehrung, Verehrung!
O Narasiṃha, der „Schreckliche“ Genannte, lodernd vom Feuer an den Rändern deiner Zähne, zerbrich, zerbrich mit deinem Gebrüll die Übel dieses (Menschen), o Vernichter des Leids!
das aus den Doṣas entstandene, das aus ihrem Zusammentreffen entstandene und ebenso das von außen kommende Fieber – bringe es rasch zur Ruhe, o Govinda; schneide, schneide seinen Schmerz ab!
Krankheiten des Afters, der Nase und der Füße, Hautkrankheiten (kuṣṭha) sowie Auszehrung, Gelbsucht und ähnliche Krankheiten und die überaus schlimmen Harnruhrleiden (prameha),
ye vātaprabhavā rogā ye ca pittasamudbhavāḥ / kaphodbhavāś ca ye kecit ye cānye sānnipātikāḥ //
die Krankheiten, die aus Vāta entstehen, die aus Pitta hervorgehen, alle, die aus Kapha entstehen, und die anderen, die aus dem Zusammentreffen (der Doṣas) entstehen,
Gift, sei es unbeweglich (pflanzlich-mineralisch), beweglich (tierisch) oder künstlich zubereitet, Gift aus Zähnen, aus Krallen oder aus dem Luftraum entstanden,
und das von Spinnen und dergleichen herrührende und jedes andere Leid bringende Gift – das alles möge Janārdana, wenn er gepriesen wird, bei diesem (Menschen) zur Ruhe bringen.
vṛddhāś ca ye grahāḥ kecidye ca bālagrahāḥ kvacit / narasiṃhasya te dṛṣṭyā dagdhā ye cāpi yauvane //
Welche Grahas es auch für die Alten gibt und welche Kinder-Grahas irgendwo, und welche es auch in der Jugend gibt – sie sind vom Blick Narasiṃhas verbrannt.
ye rogā ye mahotpātā yadviṣaṃ ye mahāgrahāḥ / yāni ca krūrabhṛtāni grahapīḍāś ca dāruṇāḥ //
Welche Krankheiten, welche großen Unheilserscheinungen, welches Gift, welche großen Grahas, welche grausamen Geister und schrecklichen Heimsuchungen durch Grahas es gibt,
Wort für Wort
ye rogāḥ
welche Krankheiten
mahā-utpātāḥ
große Unheilserscheinungen
yat viṣam
welches Gift
krūra-bhūtāni
grausame Geister
graha-pīḍāḥ dāruṇāḥ
schreckliche Plagen durch Ergreifer
krūrabhṛtāni verderbt für krūrabhūtāni „grausame Geister“.
kṣiptvā sudarśanañ cakraṃ jvālāmālātibhīṣaṇam / sarvaduṣṭopaśamanaṃ kuru devavarācyuta //
Schleudere den Diskus Sudarśana, der durch seine Flammenkränze überaus furchterregend ist, und bewirke die Befriedung alles Bösen, o bester der Götter, Acyuta!
yathā viṣṇurjagatsarvaṃ sadevāsuramānuṣaṃ / tena satyena duṣṭāni śamamasya vrajantu vai //
So wie Viṣṇu die ganze Welt samt Göttern, Asuras und Menschen [Anm.: ist bzw. durchdringt; Verb fehlt] – durch diese Wahrheit mögen die Übel dieses (Menschen) zur Ruhe kommen.
Wort für Wort
yathā viṣṇuḥ
so wie Viṣṇu
jagat sarvam
die ganze Welt
sa-deva-asura-mānuṣam
mit Göttern, Asuras und Menschen
tena satyena
durch diese Wahrheit
śamam vrajantu
mögen zur Ruhe kommen
Elliptischer Satz (Wahrheitsakt, satyakriyā); zu ergänzen etwa „ist“.
paramātmā yathā viṣṇurvedānteṣu ca gīyate / tena satyena sakalaṃ duṣṭamasya praśāmyatu //
So wie Viṣṇu in den Upaniṣaden (vedānta) als das höchste Selbst besungen wird – durch diese Wahrheit möge alles Böse dieses (Menschen) zur Ruhe kommen.
Friede sei und Heil sei, das Böse dieses (Menschen) möge zur Ruhe kommen! Mit den Kuśa-Halmen, die aus dem Leib Vāsudevas hervorgegangen sind, habe ich es abgerieben.
Wort für Wort
śāntiḥ astu śivam ca astu
Friede sei und Heil sei
duṣṭam asya praśāmyatu
sein Böses möge sich legen
vāsudeva-śarīra-utthaiḥ
aus dem Leib Vāsudevas entstanden
kuśaiḥ
mit Kuśa-Halmen
nirmathitam mayā
von mir abgerieben
nirmathita „ausgerieben, zerrieben“: das Übel ist durch das Bestreichen mit Kuśa-Gras beseitigt.
Die Abwischung ist eine Waffe, die alle Krankheiten und dergleichen abwehrt: „Dieser Kuśa ist Hari, ist Viṣṇu; deine Krankheiten sind von mir vernichtet.“
Wort für Wort
apamārjanakam
die Abwischung
śastram
Waffe (bzw. Lehre)
sarva-roga-ādi-vāraṇam
alle Krankheiten usw. abwehrend
ayam hariḥ kuśaḥ viṣṇuḥ
dieser Kuśa ist Hari, ist Viṣṇu
hatāḥ rogāḥ mayā tava
deine Krankheiten sind von mir vernichtet
śastraṃ „Waffe“; evtl. für śāstraṃ „Lehre, Vorschrift“.