Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 100: dvārapratiṣṭhā Die Weihe des Tores

Śiva (Īśvara) beschreibt die Weihe der Tür- bzw. Torteile eines Tempels: Reinigung, Auflegen der Prinzipien (tattva) auf die Torteile, Schutzbündel aus Pflanzen an der Schwelle, Opfer und Opferlohn. Der Titel lautet im Kopf dvārapratiṣṭhākathanaṃ, im Kolophon dvārapratiṣṭhā. Mehrere Stellen (Pflanzenliste V. 4–5, talpādīn V. 8) sind textlich unsicher.

īśvara uvāca | dvārāśritapratiṣṭhāyā vakṣyāmi vidhimapyatha / dvārāṅgāni kaṣāyādyaiḥ saṃskṛtya śayane nyaset //

Īśvara sprach: Nun werde ich auch die Vorschrift für die Weihe der zum Tor gehörigen [Teile] darlegen. Nachdem man die Torbestandteile mit (Pflanzen-)Absuden und dergleichen gereinigt hat, lege man sie auf das [Weihe-]Lager.

Wort für Wort
dvāra-āśrita-pratiṣṭhāyāḥ
der Weihe des zum Tor Gehörigen
vidhim
die Vorschrift
dvāra-aṅgāni
die Torbestandteile
kaṣāya-ādyaiḥ
mit Absuden usw.
saṃskṛtya
nachdem man geweiht/gereinigt hat
śayane nyaset
lege auf das Lager

mūlamadhyāgrabhāgeṣu trayamātmādiseśvaraṃ / vinyasya sanniveśyātha hutvā japtvātra rūpataḥ //

An Wurzel-, Mittel- und Spitzenteil lege man die Dreiheit, beginnend mit dem Ātman, samt dem Herrn (Īśvara) auf [Anm.: die Prinzipien ātma-, vidyā- und śiva-tattva]; dann setze man [das Tor] ein, nachdem man hierbei der Form gemäß geopfert und [Mantras] gemurmelt hat.

Wort für Wort
mūla-madhya-agra-bhāgeṣu
an Wurzel-, Mittel- und Spitzenteil
trayam ātma-ādi
die Dreiheit, beginnend mit dem Ātman
sa-īśvaram
samt dem Herrn
sanniveśya
nachdem man eingesetzt hat
hutvā japtvā
geopfert und rezitiert habend

rūpataḥ „der Gestalt/Form nach“ im Kontext unklar.

dvārādatho yajedvāstuntatraivānantamantritaḥ / ratnādipañcakaṃ nyasya śāntihomaṃ vidhāya ca //

Dann verehre man vom Tor aus den Vāstu[-Geist] ebendort, [ihn] mit dem Ananta-[Mantra] geweiht habend [?]; man lege die Fünfergruppe der Edelsteine usw. nieder und vollziehe das Befriedungsopfer.

Wort für Wort
dvārāt
vom Tor aus
yajet vāstum
verehre den Vāstu
ananta-mantritaḥ
mit Ananta(-Mantra) geweiht
ratna-ādi-pañcakam
die Fünfergruppe Edelsteine usw.
śānti-homam
Befriedungsopfer

anantamantritaḥ: vermutlich „mit dem Ananta-Mantra besprochen“.

yavasiddhārthakākrāntā ṛddhivṛddhimahātilāḥ / gomṛtsarṣaparāgendramohanīlakṣaṇāmṛtāḥ //

Gerste, weißer Senf, Ākrāntā, Ṛddhi, Vṛddhi, großer Sesam, Kuhdung-Erde [?], Senf, Blütenstaub [?], Indra[-Kraut ?], Mohanī, Lakṣaṇā, Amṛtā,

Wort für Wort
yava
Gerste
siddhārthaka
weißer Senf
ṛddhi-vṛddhi
die Heilpflanzen Ṛddhi und Vṛddhi
mahā-tilāḥ
großer Sesam
sarṣapa
Senf
amṛtāḥ
Amṛtā (Guḍūcī)

Pflanzenliste, Abgrenzung der Komposita teils unsicher (gomṛt, parāga, indra).

rocanā rug vaco dūrvā prāsādadhaś ca poṭalīṃ / prakṛtyodumbare baddhvā rakṣārthaṃ praṇavena tu //

Rocanā, Ruk [Anm.: wohl Kuṣṭha], Vacā und Dūrvā-Gras – [daraus] schnüre man unterhalb des Tempels [?] ein Bündel, binde es an die Schwelle (udumbara) und zwar zum Schutz, mit dem Praṇava (Oṃ).

Wort für Wort
rocanā
Gorocanā (gelbes Pigment)
vacaḥ
Kalmus (vacā)
dūrvā
Dūrvā-Gras
poṭalīm prakṛtya
ein Bündel gemacht habend
udumbare baddhvā
an die Schwelle gebunden
rakṣā-artham praṇavena
zum Schutz, mit Oṃ

prāsādadhaś ca: evtl. „unterhalb des Tempels“; udumbara hier wohl ‚Türschwelle‘ (oder Holz des Feigenbaums).

dvāramuttarataḥ kiñcidāśritaṃ sanniveśayet / ātmatattvamadho nyasya vidyātattvañca śākhayoḥ //

Das Tor setze man etwas nach Norden anliegend [?] ein; unten lege man das Ātman-Prinzip (ātmatattva) auf, an den beiden Türpfosten das Wissens-Prinzip (vidyātattva),

Wort für Wort
dvāram
das Tor
uttarataḥ kiñcit
etwas nach Norden
sanniveśayet
setze ein
ātma-tattvam adhaḥ
das Ātman-Prinzip unten
vidyā-tattvam śākhayoḥ
das Wissens-Prinzip an den beiden Pfosten

śivamakāśadeśe ca vyāpakaṃ sarvamaṅgale / tato maheśanāthaṃ ca vinyasenmūlamantrataḥ //

und Śiva an der Raumstelle [Anm.: der Öffnung oben], als alldurchdringend im ganzen Glückbringenden [?]; danach lege man Maheśanātha mit dem Wurzelmantra auf.

Wort für Wort
śivam ākāśa-deśe
Śiva an der Raumstelle
vyāpakam
alldurchdringend
mahā-īśa-nātham
den großen Herrn
vinyaset
lege auf
mūla-mantrataḥ
mit dem Wurzelmantra

sarvamaṅgale unklar: Lokativ „im Ganz-Glückbringenden“ oder Vokativ an die Göttin?

dvārāśritāṃś ca talpādīn kṛtayuktaiḥ svanāmabhiḥ / juhuyācchatamardhaṃ vā dviguṇaṃ śaktitothavā //

Und die zum Tor gehörigen [Gottheiten], die am Lager usw. [?], [verehre man] mit ihren eigenen, [mit Oṃ usw.] versehenen Namen; man opfere hundert[mal] oder die Hälfte oder das Doppelte, nach Vermögen.

Wort für Wort
dvāra-āśritān
die zum Tor Gehörigen
talpa-ādīn
Lager usw.
sva-nāmabhiḥ
mit den eigenen Namen
juhuyāt śatam
opfere hundert
ardham dviguṇam vā
die Hälfte oder das Doppelte
śaktitaḥ
nach Vermögen

talpādīn unklar; evtl. Teile des Torbaus.

nyūnādidoṣamoṣārthaṃ hetito juhuyāccchataṃ / digbalimpūrvavaddhutvā pradadyāddakṣiṇādikaṃ //

Zur Beseitigung von Fehlern wie Unvollständigkeit opfere man hundert[mal] mit dem Waffen-[Mantra] [Anm.: hetitaḥ = mit der Waffe, d.h. dem Astra-Mantra]; nachdem man die Richtungsopfer wie zuvor dargebracht hat, gebe man den Opferlohn usw.

Wort für Wort
nyūna-ādi-doṣa
Fehler wie Mangelhaftigkeit
moṣa-artham
zur Beseitigung
hetitaḥ
mit dem Waffen(mantra)
dig-balim
Richtungsopfer
pradadyāt dakṣiṇā-ādikam
gebe Opferlohn usw.

juhuyāccchataṃ: Digitalisierungsfehler für juhuyāc chataṃ.

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