Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 154: vivāhaḥ Die Hochzeit

Puṣkara behandelt die Heirat: Zahl der Frauen je Kaste, Handergreifung bzw. Ersatzriten bei ungleicher Kaste, die Bestandteile der Hochzeit, Wiederverheiratung in fünf Notlagen, Exogamieregeln, die acht Eheformen (hier Brāhma, Ārṣa, Prājāpatya, Āsura, Gāndharva, Rākṣasa, Paiśāca; die Daiva-Form fehlt), die Śacī-Verehrung sowie astrologische Bedingungen (verbotene Zeiten, Mondhäuser, Planetenstellungen). Das Kolophon hat den Druckfehler „satuḥpañcāśad-“; einige astrologische Angaben (V. 7, 17, 19) sind unsicher.

puṣkara uvāca | vipraś catasro vindeta bhāryāstisrastu bhūmipaḥ / dve ca vaiśyo yathākāmaṃ bhāryaikāmapi cāntyajaḥ //

Puṣkara sprach: Ein Brahmane mag vier Frauen nehmen, der König drei, der Vaiśya zwei nach Belieben, und der Niedrigstgeborene [nur] eine Frau.

Wort für Wort
vipraḥ catasraḥ vindeta
ein Brahmane nehme vier
bhāryāḥ tisraḥ bhūmipaḥ
der König drei Frauen
dve ca vaiśyaḥ
der Vaiśya zwei
bhāryām ekām antyajaḥ
der Niedrigstgeborene eine Frau

dharmakāryāṇi sarvāṇi na kāryāṇyasavarṇayā / pāṇirgrāhyaḥ savarṇāsu gṛhṇīyāt ksatriyā śaraṃ //

Alle religiösen Handlungen sind nicht mit einer Frau ungleicher Kaste zu vollziehen. Bei Frauen gleicher Kaste ist die Hand zu ergreifen; eine Kṣatriya-Frau ergreife einen Pfeil,

Wort für Wort
dharma-kāryāṇi sarvāṇi
alle religiösen Handlungen
na kāryāṇi asavarṇayā
nicht mit einer Frau ungleicher Kaste
pāṇiḥ grāhyaḥ savarṇāsu
bei Gleichkastigen ist die Hand zu ergreifen
gṛhṇīyāt kṣatriyā śaram
die Kṣatriya-Frau ergreife einen Pfeil

ksatriyā = kṣatriyā.

vaiśyā pratīdamādadyāddaśāṃ vai cāntyajā tathā / sakṛt kanyā pradātavyā haraṃstāṃ cauradaṇḍabhāk //

die Vaiśya-Frau nehme einen Treibstock, und ebenso die Śūdra-Frau den Saum [des Gewandes]. Ein Mädchen ist [nur] einmal zu vergeben; wer es [danach] fortnimmt, verfällt der Strafe eines Diebes.

Wort für Wort
vaiśyā pratodam ādadyāt
die Vaiśya-Frau nehme den Treibstock
daśām antyajā
die Śūdra-Frau den Saum
sakṛt kanyā pradātavyā
ein Mädchen ist einmal zu vergeben
haran
wer es fortnimmt
caura-daṇḍa-bhāk
verfällt der Diebesstrafe

pratīdam = pratodam.

apatyavikrayāsakte niṣkṛtir na vidhīyate / kanyādānaṃ śacīyogo vivāho 'tha caturthikā //

Für den, der dem Verkauf von Nachkommen ergeben ist, wird keine Sühne vorgeschrieben. Hingabe des Mädchens, Śacī-Verehrung [?], Hochzeit und dann die Feier der vierten [Nacht] –

Wort für Wort
apatya-vikraya-āsakte
beim dem Kinderverkauf Ergebenen
niṣkṛtiḥ na vidhīyate
wird keine Sühne vorgeschrieben
kanyā-dānam
Hingabe des Mädchens
śacī-yogaḥ
Śacī-Verehrung
caturthikā
die Feier der vierten (Nacht)

śacīyoga ist unsicher (Verehrung der Śacī, vgl. V. 12).

vivāhametat kathitaṃ nāmakarmacatuṣṭayaṃ / naṣṭe mṛte pravrajite klīve ca patite patau //

dies wird als Hochzeit genannt, eine Vierergruppe benannter Riten. Wenn der Gatte verschollen, gestorben, Wanderasket geworden, zeugungsunfähig oder [aus der Kaste] gefallen ist –

Wort für Wort
vivāham etat kathitam
dies wird als Hochzeit genannt
nāma-karma-catuṣṭayam
eine Vierergruppe benannter Riten
naṣṭe mṛte pravrajite
verschollen, gestorben, Wanderasket geworden
klībe ca patite patau
wenn der Gatte impotent oder gefallen ist

pañcasvāpatsu nārīṇāṃ patiranyo vidhīyate / mṛte tu devare deyāt tadabhāve yathecchayā //

in diesen fünf Notlagen wird den Frauen ein anderer Gatte vorgeschrieben. Ist er gestorben, gebe man sie dem Schwager; fehlt dieser, nach Belieben.

Wort für Wort
pañcasu āpatsu
in fünf Notlagen
nārīṇām patiḥ anyaḥ
den Frauen ein anderer Gatte
mṛte tu devare deyāt
ist er tot, gebe man sie dem Schwager
tat-abhāve yathā-icchayā
fehlt dieser, nach Belieben

pūrvātritayamāgneyaṃ vāyavyaṃ cottarātrayaṃ / rohiṇau ceti caraṇe bhagaṇaḥ śasyate sadā //

Die drei Pūrvā-[Mondhäuser], das Agni-[Mondhaus], das Vāyu-[Mondhaus], die drei Uttarā und Rohiṇī – diese Mondhausgruppe wird für die Handlung [?] stets gepriesen.

Wort für Wort
pūrvā-tritayam
die drei Pūrvā-Mondhäuser
āgneyam vāyavyam
das Agni- und das Vāyu-Mondhaus
uttarā-trayam
die drei Uttarā
rohiṇī
Rohiṇī
bha-gaṇaḥ śasyate sadā
die Mondhausgruppe wird stets gepriesen

caraṇe („beim Gang/Vollzug“) ist unklar; evtl. ist ein anderer Ritus gemeint.

naikagotrāntu varayennaikārṣeyāñca bhārgava / pitṛtaḥ saptamādūrdhvaṃ mātṛtaḥ pañcamāttathā //

Man wähle keine [Braut] desselben Gotra und keine von derselben Ṛṣi-Abstammung, o Bhārgava; [sondern nur] jenseits des siebten [Grades] von väterlicher und des fünften von mütterlicher Seite.

Wort für Wort
na eka-gotrām varayet
man wähle keine desselben Gotra
na eka-ārṣeyām
keine derselben Ṛṣi-Abstammung
bhārgava
o Bhārgava
pitṛtaḥ saptamāt ūrdhvam
väterlicherseits jenseits des siebten
mātṛtaḥ pañcamāt
mütterlicherseits (jenseits) des fünften

āhūya dānaṃ brāhmaḥ syāt kulaśīlayutāya tu / puruṣāṃstārayettajjo nityaṃ kanyapradānataḥ //

Die Gabe nach Einladung an einen mit guter Familie und gutem Charakter Versehenen ist die Brāhma-[Ehe]; der daraus Geborene rettet [die Ahnen-]Männer, dauerhaft, kraft der Hingabe des Mädchens.

Wort für Wort
āhūya dānam
Gabe nach Einladung
brāhmaḥ syāt
ist die Brāhma-(Ehe)
kula-śīla-yutāya
an einen mit Familie und Charakter Versehenen
puruṣān tārayet tat-jaḥ
der daraus Geborene rettet die Männer
kanyā-pradānataḥ
kraft der Hingabe des Mädchens

tathā gomithunādānādvivāhastvārṣa ucyate / prārthitā dīyate yasya prājāpatyaḥ sa dharmakṛt //

Ebenso heißt die Ehe durch Gabe eines Rinderpaares die Ārṣa-[Ehe]. Wenn sie [einem] auf dessen Bitte gegeben wird, ist es die Prājāpatya-[Ehe], die das Recht erfüllt.

Wort für Wort
go-mithuna-ādānāt
durch Gabe eines Rinderpaares
vivāhaḥ ārṣaḥ ucyate
heißt die Ehe Ārṣa
prārthitā dīyate
auf Bitten gegeben
prājāpatyaḥ
die Prājāpatya-(Ehe)
dharma-kṛt
das Recht erfüllend

śulkena cāsuro mando gāndharvo varaṇānmithaḥ / rākṣaso yuddhaharaṇāt paiśācaḥ kanyakācchalāt //

Durch Brautpreis [entsteht] die Āsura-[Ehe], die niedrige; die Gāndharva durch gegenseitige Wahl; die Rākṣasa durch Raub im Kampf; die Paiśāca durch Überlistung des Mädchens.

Wort für Wort
śulkena āsuraḥ mandaḥ
durch Brautpreis die Āsura, die niedrige
gāndharvaḥ varaṇāt mithaḥ
Gāndharva durch gegenseitige Wahl
rākṣasaḥ yuddha-haraṇāt
Rākṣasa durch Raub im Kampf
paiśācaḥ kanyakā-chalāt
Paiśāca durch Überlistung des Mädchens

vaivāhike 'hni kurvīta kumbhakāramṛdā śucīṃ / jalāśaye tu tāṃ pūjya vādyādyaiḥ strīṃ gṛhatrayet //

Am Hochzeitstag forme man aus Töpferton [eine Figur der] Śacī; nachdem man sie an einem Gewässer verehrt hat, führe man die Frau mit Musik usw. ins Haus.

Wort für Wort
vaivāhike ahni
am Hochzeitstag
kumbhakāra-mṛdā
mit Töpferton
śacīm kurvīta
man forme die Śacī
jala-āśaye pūjya
am Gewässer verehrt habend
vādya-ādyaiḥ
mit Musik usw.
strīm gṛham nayet
führe man die Frau ins Haus

śucīṃ wohl für śacīṃ; gṛhatrayet = gṛhaṃ nayet.

praśupte keśave naiva vivāhaḥ kārya eva hi / poṣe caitre kujadine riktāviṣṭitatho na ca //

Wenn Keśava schläft, darf keinesfalls eine Hochzeit vollzogen werden; auch nicht im Pauṣa oder Caitra, an einem Marstag (Dienstag), an einem Rikta-Mondtag oder bei Viṣṭi.

Wort für Wort
prasupte keśave
wenn Keśava schläft
na vivāhaḥ kāryaḥ
keine Hochzeit ist zu vollziehen
pauṣe caitre
im Pauṣa und Caitra
kuja-dine
am Marstag
riktā-viṣṭi
Rikta-Tithi und Viṣṭi

poṣe = pauṣe; riktāviṣṭitatho wohl riktāviṣṭitithau.

na śukrajīve 'stamite na śaśāṅke grahārdite / arkārkabhaumayukte bhe vyatīpātahate na hi //

nicht, wenn Venus oder Jupiter untergegangen sind, nicht, wenn der Mond von einem Planeten bedrängt ist, und nicht in einem Mondhaus, das mit Sonne, Saturn oder Mars verbunden oder durch Vyatīpāta getroffen ist.

Wort für Wort
na śukra-jīve astamite
nicht wenn Venus oder Jupiter untergegangen
śaśāṅke graha-ardite
wenn der Mond von einem Planeten bedrängt
arka-ārki-bhauma-yukte bhe
im mit Sonne, Saturn, Mars verbundenen Mondhaus
vyatīpāta-hate
durch Vyatīpāta getroffen

somyaṃ pitryañca vāyavyaṃ sāvitraṃ rohiṇī tathā / uttarātritayaṃ mūlaṃ maitraṃ pauṣṇaṃ vivāhabhaṃ //

Mṛgaśiras, Maghā, Svāti, Hasta, ebenso Rohiṇī, die drei Uttarā, Mūla, Anurādhā und Revatī sind die Hochzeitsmondhäuser.

Wort für Wort
saumyam pitryam
Mṛgaśiras (Soma), Maghā (Ahnen)
vāyavyam sāvitram
Svāti (Vāyu), Hasta (Savitṛ)
uttarā-tritayam mūlam
die drei Uttarā, Mūla
maitram pauṣṇam
Anurādhā (Mitra), Revatī (Pūṣan)
vivāha-bham
Hochzeitsmondhaus

Die Mondhäuser sind nach ihren Gottheiten benannt (saumya, pitrya, vāyavya, sāvitra, maitra, pauṣṇa).

mānuṣākhyas tathā lagno mānuṣākhyāṃśakaḥ śubhaḥ / tṛtīye ca tathā ṣaṣṭhe daśamaikādaśe 'ṣṭame //

Ebenso ist ein „menschlich“ genannter Aszendent und ein „menschlich“ genannter Teilabschnitt (aṃśa) heilvoll. Im dritten, ebenso im sechsten, zehnten, elften und achten [Haus]

Wort für Wort
mānuṣa-ākhyaḥ lagnaḥ
ein „menschlich“ genannter Aszendent
mānuṣa-ākhya-aṃśakaḥ
ein „menschlich“ genannter Teilabschnitt
śubhaḥ
heilvoll
tṛtīye ṣaṣṭhe
im dritten, sechsten
daśama-ekādaśe aṣṭame
im zehnten, elften, achten

arkārkicandatanayāḥ praśastā na kujo 'ṣṭamaḥ / saptāntyāṣṭamavargeṣu śeṣāḥ śastā grahottamāḥ //

sind Sonne, Saturn und der Sohn des Mondes (Merkur) günstig, Mars [aber] nicht im achten. Außer im siebten, im letzten und im achten [Haus] [?] sind die übrigen vorzüglichen Planeten günstig.

Wort für Wort
arka-ārki-candra-tanayāḥ
Sonne, Saturn, Mondsohn (Merkur)
praśastāḥ
günstig
na kujaḥ aṣṭamaḥ
Mars nicht im achten
sapta-antya-aṣṭama
siebtes, letztes, achtes
śeṣāḥ śastāḥ graha-uttamāḥ
die übrigen vorzüglichen Planeten sind günstig

candatanayāḥ = candratanayāḥ. saptāntyāṣṭamavargeṣu ist unklar (evtl. „-varjeṣu“).

teṣāmapi tathā madhyāt ṣaṣṭhaḥ śukro na śasyate / vaivāhike bhe kartavyā tathaiva ca caturthikā //

Unter diesen ist ferner Venus im sechsten nicht gepriesen. Im Hochzeitsmondhaus ist ebenso die Feier der vierten [Nacht] zu vollziehen.

Wort für Wort
teṣām api madhyāt
auch unter diesen
ṣaṣṭhaḥ śukraḥ na śasyate
Venus im sechsten wird nicht gepriesen
vaivāhike bhe
im Hochzeitsmondhaus
kartavyā caturthikā
die Feier der vierten (Nacht) ist zu vollziehen

na dātavyā grahāstatra caturādyāstathaikagāḥ / parvavarjaṃ striyaṃ gacchet satyā dattā sadā ratiḥ //

Dabei dürfen die Planeten nicht im vierten usw. [Haus] stehen, ebenso nicht [alle] in einem [Haus] vereint. Außer an den Knotentagen gehe man zur Frau; der Treuen ist stets Liebesfreude zu gewähren [?].

Wort für Wort
na dātavyāḥ grahāḥ
Planeten dürfen nicht stehen
catur-ādyāḥ
im vierten usw.
eka-gāḥ
in einem (Haus) vereint
parva-varjam
außer an Knotentagen
striyam gacchet
gehe man zur Frau

satyā dattā sadā ratiḥ ist unklar (evtl. satī / satyām).

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