Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 106: nagarādivāstu Der Baugrund für Städte und Häuser

Śiva beschreibt Anlage und Tore einer Stadt, die ungünstigen Stadtformen, die Ansiedlung von Berufsgruppen und Ständen nach Himmelsrichtungen, die Notwendigkeit von Tempeln zum Schutz der Stadt sowie die Raumverteilung im Haus und die Zahl der Haustypen nach Hallen und Veranden. Die Zahlenangaben V. 21–24 sind unklar; V. 24 ist ein Halbvers. Kolophon: āgeneye (Tippfehler für āgneye).

īśvara uvāca | nagarādikavāstuś ca vakṣye rājyādivṛddhaye / yojanaṃ yojanārdhaṃ vā tadarthaṃ sthānamāśrayet //

Īśvara sprach: Ich werde auch den Baugrund (vāstu) für Städte usw. darlegen, zum Gedeihen von Königreich usw. Man wähle dafür einen Platz von einem Yojana oder einem halben Yojana.

Wort für Wort
nagara-ādika-vāstuḥ
der Baugrund für Städte usw.
rājya-ādi-vṛddhaye
zum Gedeihen des Reiches usw.
yojanam yojana-ardham
ein Yojana oder ein halbes
sthānam āśrayet
wähle einen Platz

tadarthaṃ wohl tadarthe „dafür“.

abhyarcya vāstu nagaraṃ prākārādyantu kārayet / īśāditriṃśatpadake pūrvadvāraṃ ca sūryake //

Nachdem man den Vāstu verehrt hat, lasse man die Stadt mit Wall usw. errichten. In dem Plan von dreißig Feldern, bei Īśa beginnend [?], [lege man] das Osttor in das Sūrya-Feld,

Wort für Wort
abhyarcya vāstum
den Vāstu verehrt habend
nagaram prākāra-ādyam
die Stadt mit Wall usw.
kārayet
lasse errichten
pūrva-dvāram
das Osttor
sūryake
im Sūrya-Feld

vāstu = vāstuṃ; triṃśatpadake unklar.

gandharvābhyāṃ dakṣiṇe syādvāruṇye paścime tathā / saumyadvāraṃ saumyapade kāryā haṭṭāstu vistarāḥ //

im Süden bei den beiden Gandharva-[Feldern] [?], im Westen ebenso im Varuṇa-Feld, das Nordtor im Saumya-Feld. Die Marktstraßen seien breit angelegt,

Wort für Wort
gandharvābhyām dakṣiṇe
im Süden bei den Gandharva-Feldern
vāruṇye paścime
im Westen im Varuṇa-Feld
saumya-dvāram saumya-pade
das Nordtor im Saumya-Feld
haṭṭāḥ vistarāḥ
die Märkte breit

yenebhādi sukhaṃ gacchet kuryād dvāraṃ tu ṣaṭkaraṃ / chinnakarṇaṃ vibhinnañca candrārdhābhaṃ puraṃ na hi //

sodass Elefanten usw. bequem hindurchgehen können; das Tor mache man sechs Ellen [breit]. Eine Stadt mit abgeschnittenen Ecken, zerteilt oder halbmondförmig ist nicht [gut].

Wort für Wort
ibha-ādi sukham gacchet
Elefanten usw. gehen bequem
dvāram ṣaṭ-karam
das Tor sechs Ellen
chinna-karṇam
mit abgeschnittenen Ecken
vibhinnam
zerteilt
candra-ardha-ābham puram na
keine halbmondförmige Stadt

vajrasūcīmukhaṃ neṣṭaṃ sakṛd dvitrisamāgamaṃ / cāpābhaṃ vajranāgābhaṃ purārambhe hi śāntikṛt //

Eine donnerkeil- oder nadelspitzenförmige [Stadt] ist unerwünscht, [ebenso] ein ein-, zwei- oder dreifaches Zusammentreffen [von Straßen] [?]; bogenförmig, donnerkeil- oder schlangenförmig [?] – beim Beginn der Stadt[gründung] wirke man Befriedung.

Wort für Wort
vajra-sūcī-mukham
donnerkeil- oder nadelspitzenförmig
na iṣṭam
unerwünscht
sakṛt-dvi-tri-samāgamam
ein-, zwei-, dreifaches Zusammentreffen
cāpa-ābham
bogenförmig
pura-ārambhe śānti-kṛt
beim Stadtbeginn Befriedung

Vers unklar; welcher Formen empfohlen sind, bleibt offen.

prārcya viṣṇu harārkādīnnatvā dadyād baliṃ balī / āgneye svarṇakarmārān purasya viniveśayet //

Nachdem der Mächtige Viṣṇu, Hara, Arka usw. verehrt und sich verneigt hat, bringe er eine Opferspende dar. Im Südosten der Stadt siedle er Goldschmiede und Schmiede an,

Wort für Wort
prārcya viṣṇu-hara-arka-ādīn
Viṣṇu, Hara, Sonne usw. verehrt
natvā
verneigt habend
dadyāt balim
bringe Spende dar
āgneye
im Südosten
svarṇa-karmārān
Gold- und Metallschmiede

dakṣiṇe nṛtyavṛttīnāṃ veśyāstrīṇāṃ gṛhāṇi ca / naṭānāñcakrikādīnāṃ kaivartādeś ca nairṛte //

im Süden die Häuser derer, die vom Tanz leben, und der Hetären, im Südwesten [die] der Schauspieler, Töpfer [?] usw. und der Fischer usw.,

Wort für Wort
dakṣiṇe
im Süden
nṛtya-vṛttīnām
derer, die vom Tanz leben
veśyā-strīṇām
der Hetären
naṭānām cakrika-ādīnām
der Schauspieler, Töpfer usw.
kaivarta-ādeḥ nairṛte
der Fischer usw. im Südwesten

cakrika evtl. Töpfer oder Ölpresser.

rathānāmāyudhānāñca kṛpāṇāñca vāruṇe / śauṇḍikāḥ karmādhikṛtā vāyavye parikarmaṇaḥ //

[die Hersteller] von Wagen, Waffen und Schwertern im Westen; Branntweinhändler, Beamte und Bedienstete im Nordwesten;

Wort für Wort
rathānām āyudhānām
von Wagen, Waffen
kṛpāṇānām vāruṇe
von Schwertern im Westen
śauṇḍikāḥ
Branntweinhändler
karma-adhikṛtāḥ
Beamte
vāyavye parikarmaṇaḥ
Bedienstete im Nordwesten

vāruṇe metrisch unvollständig.

brāhmaṇā yatayaḥ siddhāḥ puṇyavantaś ca cottare / phalādyādivikrayiṇa īśāne ca vaṇigjanāḥ //

Brahmanen, Asketen, Vollendete und Verdienstvolle im Norden; die Verkäufer von Früchten usw. und die Kaufleute im Nordosten.

Wort für Wort
brāhmaṇāḥ yatayaḥ
Brahmanen, Asketen
siddhāḥ puṇyavantaḥ
Vollendete, Verdienstvolle
uttare
im Norden
phala-ādi-vikrayiṇaḥ
Verkäufer von Früchten usw.
īśāne vaṇij-janāḥ
im Nordosten Kaufleute

pūrvataś ca balādhyakṣā āgneye vividhaṃ balaṃ / strīṇāmādeśino dakṣe kāṇḍārānnairṛte nyaset //

Im Osten die Heerführer, im Südosten verschiedenartige Truppen; die Frauenaufseher im Süden; die Bogenschützen [?] setze man im Südwesten ein.

Wort für Wort
pūrvataḥ bala-adhyakṣāḥ
im Osten die Heerführer
vividham balam
verschiedenartige Truppen
strīṇām ādeśinaḥ
die Frauenaufseher
dakṣe
im Süden
kāṇḍārān nairṛte
Bogenschützen im Südwesten

kāṇḍārān unklar (Pfeilmacher/Bogenschützen?).

paścime ca mahāmātyān koṣapālāṃś ca kārukān / uttare daṇḍanāthāṃś ca nāyakadvijasaṅkulān //

Im Westen die hohen Minister, die Schatzhüter und die Handwerker; im Norden die Befehlshaber der Strafgewalt und [Viertel] voller Anführer und Brahmanen.

Wort für Wort
mahā-amātyān
hohe Minister
koṣa-pālān
Schatzhüter
kārukān
Handwerker
daṇḍa-nāthān
Befehlshaber der Strafgewalt
nāyaka-dvija-saṅkulān
voller Anführer und Brahmanen

pūrvataḥ kṣatriyān dakṣe vaiśyāñchūndrāṃś ca paścime / dikṣu vaidyān vājinaś ca balāni ca caturdiśaṃ //

Im Osten die Kṣatriyas, im Süden die Vaiśyas und im Westen die Śūdras; in den Richtungen Ärzte, Pferde und Truppen in allen vier Richtungen.

Wort für Wort
pūrvataḥ kṣatriyān
im Osten Kṣatriyas
dakṣe vaiśyān
im Süden Vaiśyas
śūdrān paścime
im Westen Śūdras
vaidyān vājinaḥ
Ärzte, Pferde
caturdiśam
in allen vier Richtungen

śūndrāṃś = śūdrāṃś.

pūrveṇa caraliṅgyādīñchmaśānādīni dakṣiṇe / paścime godhanādyañca kṛṣikartṝṃstathottare //

Im Osten die wandernden Zeichenträger [Anm.: Wanderasketen] usw., die Leichenstätten usw. im Süden, im Westen Rinderbesitz usw. und ebenso im Norden die Ackerbauern.

Wort für Wort
cara-liṅgi-ādīn
wandernde Zeichenträger usw.
śmaśāna-ādīni dakṣiṇe
Leichenstätten usw. im Süden
go-dhana-ādyam paścime
Rinderbesitz usw. im Westen
kṛṣi-kartṝn uttare
Ackerbauern im Norden

nyasenmlecchāṃś ca koṇeṣu grāmādiṣu tathā smṛtiṃ / śriyaṃ vaiśravaṇaṃ dvāri pūrve tau paśyatāṃ śriyaṃ //

Die Mlecchas (Fremden) setze man in die Ecken, ebenso in Dörfern usw. – so die Überlieferung. Śrī und Vaiśravaṇa [stelle man] am Osttor [auf]; die sie beide sehen, [erlangen] Glück [?].

Wort für Wort
mlecchān koṇeṣu
die Fremden in die Ecken
grāma-ādiṣu
in Dörfern usw.
śriyam vaiśravaṇam
Śrī und Vaiśravaṇa
dvāri pūrve
am Osttor
paśyatām śriyam
Glück den Sehenden

paśyatāṃ śriyaṃ unklar.

devādīnāṃ paścimataḥ pūrvāsyāni gṛhāṇi hi / pūrvataḥ paścimāsyāni dakṣiṇe cottarānanān //

Die Häuser der Götter usw. [liegen] im Westen, nach Osten gewandt, im Osten nach Westen gewandt, im Süden nach Norden gewandt.

Wort für Wort
deva-ādīnām
der Götter usw.
paścimataḥ pūrva-āsyāni
im Westen nach Osten gewandt
pūrvataḥ paścima-āsyāni
im Osten nach Westen gewandt
dakṣiṇe uttara-ānanān
im Süden nach Norden gewandt

nākeśaviṣṇvādidhāmāni rakṣārthaṃ nagarasya ca / nirdaivatantu nagaragrāmadurgagṛhādikaṃ //

[Man errichte] die Heiligtümer des Himmelsherrn (Indra), Viṣṇus usw. auch zum Schutz der Stadt. Eine Stadt, ein Dorf, eine Festung, ein Haus usw. ohne Gottheit

Wort für Wort
nāka-īśa-viṣṇu-ādi-dhāmāni
Heiligtümer Indras, Viṣṇus usw.
rakṣā-artham nagarasya
zum Schutz der Stadt
nirdaivatam
ohne Gottheit
nagara-grāma-durga-gṛha-ādikam
Stadt, Dorf, Festung, Haus usw.

bhujyate tat piśācādyai rogādyaiḥ paribhūyate / nagarādi sadaivaṃ hi jayadaṃ bhuktimuktidaṃ //

wird von Piśācas usw. heimgesucht und von Krankheiten usw. überwältigt. Eine Stadt usw., die stets mit einer Gottheit versehen ist, gewährt Sieg, Genuss und Erlösung.

Wort für Wort
bhujyate piśāca-ādyaiḥ
wird von Piśācas usw. genossen
roga-ādyaiḥ paribhūyate
von Krankheiten überwältigt
sa-daivam
mit Gottheit versehen
jaya-dam
Sieg gewährend
bhukti-mukti-dam
Genuss und Erlösung gewährend

sadaivaṃ = sa-daivaṃ („mit Gottheit“).

pūrvāyāṃ śrīgṛhaṃ proktamāgneyyāṃ vai mahānasaṃ / śanayaṃ dakṣiṇasyāntu nairṛtyāmāyudhāśrayaṃ //

Im Osten wird die Schatzkammer (śrīgṛha) gelehrt, im Südosten die Küche, im Süden das Schlafgemach, im Südwesten die Waffenkammer,

Wort für Wort
pūrvāyām śrī-gṛham
im Osten die Schatzkammer
āgneyyām mahānasam
im Südosten die Küche
śayanam dakṣiṇasyām
im Süden das Schlafgemach
nairṛtyām āyudha-āśrayam
im Südwesten die Waffenkammer

śanayaṃ = śayanaṃ.

bhojanaṃ paścimāyāntu vāyavyāṃ dhānyasaṅgrahaḥ / uttare dravyasaṃsthānamaiśānyāṃ devatāgṛhaṃ //

im Westen der Speiseraum, im Nordwesten der Getreidespeicher, im Norden der Aufbewahrungsort der Güter, im Nordosten das Götterhaus.

Wort für Wort
bhojanam paścimāyām
im Westen der Speiseraum
vāyavyām dhānya-saṅgrahaḥ
im Nordwesten der Getreidespeicher
uttare dravya-saṃsthānam
im Norden der Güterort
aiśānyām devatā-gṛham
im Nordosten das Götterhaus

catuḥśālaṃ triśālaṃ vā dviśālaṃ caikaśālakaṃ / catuḥśālagṛhāṇāntu śālālindakabhedataḥ //

[Es gibt Häuser] mit vier, drei, zwei oder einer Halle. Bei den Vier-Hallen-Häusern [ergeben sich] nach den Unterschieden der Hallen und Veranden (alinda)

Wort für Wort
catuḥ-śālam tri-śālam
mit vier, drei Hallen
dvi-śālam eka-śālakam
mit zwei, einer Halle
catuḥ-śāla-gṛhāṇām
der Vier-Hallen-Häuser
śālā-alindaka-bhedataḥ
nach Hallen und Veranden

śatadvayantu jāyante pañcāśat pañca teṣvapi / triśālāni tu catvāri dviśālāni tu pañcadhā //

zweihundert [Varianten], und unter ihnen auch fünfundfünfzig [?]; Drei-Hallen-Häuser aber [gibt es] vier, Zwei-Hallen-Häuser fünferlei,

Wort für Wort
śata-dvayam jāyante
zweihundert entstehen
pañcāśat pañca
fünfundfünfzig
tri-śālāni catvāri
vier Drei-Hallen-Häuser
dvi-śālāni pañcadhā
Zwei-Hallen-Häuser fünferlei

Zahlenangabe unklar (200 und 55 oder 255?).

ekaśālāni catvāri ekālindāni vacmi ca / aṣṭāviṃśadalindāni gṛhāṇi nagarāṇi ca //

Ein-Hallen-Häuser vier; und ich nenne auch die mit einer Veranda. Häuser und Städte [?] mit achtundzwanzig Veranden [?],

Wort für Wort
eka-śālāni catvāri
vier Ein-Hallen-Häuser
eka-alindāni vacmi
ich nenne die mit einer Veranda
aṣṭāviṃśat
achtundzwanzig
alindāni gṛhāṇi
Häuser mit Veranden

aṣṭāviṃśadalindāni unklar.

caturbhiḥ saprabhiś caiva pañcapañcāśadeva tu / ṣaḍalindāni viṃśaiva aṣṭābhirviṃśa eva hi //

mit vier und mit sieben [Veranden] fünfundfünfzig, mit sechs Veranden zwanzig, mit acht zwanzig –

Wort für Wort
caturbhiḥ saptabhiḥ
mit vier, mit sieben
pañca-pañcāśat
fünfundfünfzig
ṣaṭ-alindāni
mit sechs Veranden
viṃśa
zwanzig
aṣṭābhiḥ
mit acht

saprabhiḥ wohl saptabhiḥ.

aṣṭālindaṃ bhavedevaṃ nagarādau gṛhāṇi hi //

so ergibt sich das Haus mit acht Veranden; [dies sind] die Häuser in Städten usw.

Wort für Wort
aṣṭa-alindam
mit acht Veranden
bhavet evam
ergibt sich so
nagara-ādau
in Städten usw.
gṛhāṇi
die Häuser

Halbvers.

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