Kapitel 3: kūrmāvatāravarṇanaṃ
Beschreibung der Schildkröten-Herabkunft
Das Quirlen des Milchozeans: Viṣṇu trägt als Schildkröte den Berg Mandara; Śiva trinkt das Gift Hālāhala, Lakṣmī, Dhanvantari und der Nektar steigen empor. Viṣṇu betört als Frau die Daityas, Rāhu wird enthauptet; anschließend verfällt Śiva der Frauengestalt Viṣṇus. Verderbte Stellen: janmādyāḥ (Vers 12, wohl jambhādyāḥ), śriye 'surāḥ (Vers 3).
Agni sprach: „Ich werde die Schildkröten-Herabkunft darlegen, deren Anhören Sünden vernichtet. Einst, im Kampf zwischen Göttern und Asuras, wurden die Götter von den Daityas besiegt
und waren damals durch den Fluch des Durvāsas ihres Glanzes (Śrī) beraubt. Nachdem sie Viṣṇu, der im Milchozean weilt, gepriesen hatten, sprachen sie: ‚Schütze [uns] vor dem Asura!‘
Hari sprach zu Brahmā und den übrigen: ‚Schließt ein Bündnis mit den Asuras, um den Milchozean zu quirlen, zur Gewinnung des Nektars und um des Glanzes (Śrī) willen, o Götter [?].
Wort für Wort
sandhim kurvantu
sie sollen ein Bündnis schließen
asuraiḥ
mit den Asuras
kṣīra-abdhi-mathana-artham
zum Quirlen des Milchozeans
amṛta-artham
um des Nektars willen
śriye
für Śrī/Glanz
śriye 'surāḥ: mit Avagraha als asurāḥ zu lesen, ergibt aber keinen glatten Satz; hier als Vokativ surāḥ „o Götter“ übersetzt.
arayo 'pi hi sandheyāḥ sati kāryārthagaurave / yuṣmānamṛtabhājo hi kārayāmi na dānavān //
Auch mit Feinden soll man ja ein Bündnis schließen, wenn Gewicht der Sache und des Zweckes es erfordert. Euch mache ich zu Teilhabern am Nektar, nicht die Dānavas.
Nachdem sie die von Viṣṇu genannte Vereinbarung mit den Daityas getroffen hatten, kamen sie zum Milchozean. Dann begannen sie zu quirlen; wo der Schwanz war, dort [standen] die Götter.
phaṇiniḥśvāsasantaptā hariṇāpyāyitāḥ surāḥ / mathyamāne 'rṇave so 'drir anādhāro hy apo 'viśat //
Die Götter, versengt vom Schnauben der Schlange, wurden von Hari erquickt. Als der Ozean gequirlt wurde, versank der Berg, da er keine Stütze hatte, im Wasser.
Von Hara [Śiva] im Hals festgehalten, wurde er daraufhin der ‚Blauhalsige‘ (Nīlakaṇṭha). Dann entstanden die Göttin Vāruṇī, der Pārijāta[-Baum], der Kaustubha[-Edelstein],
die Kühe und die göttlichen Apsaras; die Göttin Lakṣmī ging zu Hari. Alle Götter, die sie erblickten und priesen, wurden [wieder] mit Glanz ausgestattet.
Die Daityas, Jambha und die übrigen, nahmen den Nektar aus seiner Hand, gaben den Göttern die Hälfte [?] und gingen davon. Da nahm Viṣṇu Frauengestalt an.
Wort für Wort
tat-karāt
aus seiner Hand
surebhyaḥ ardham pradāya
den Göttern die Hälfte gebend (?)
gṛhītvā jagmuḥ
nahmen und gingen
jambha-ādyāḥ
Jambha usw. (Konjektur)
strī-rūpa-dhṛk
Frauengestalt annehmend
janmādyāḥ wohl verderbt für jambhādyāḥ „Jambha usw.“; surebhyo 'rdhaṃ pradāya bleibt inhaltlich unklar.
Als die Daityas sie, mit Schönheit begabt, erblickten, sprachen sie betört: ‚Werde [unsere] Gattin, nimm den Nektar und lass uns trinken, Schöngesichtige!‘
‚So sei es‘, sprach Hari, nahm ihn von ihnen und ließ die Götter trinken. Rāhu, der die Gestalt des Mondes angenommen hatte, wurde beim Trinken von Sonne und Mond angezeigt.
Wort für Wort
tathā iti uktvā
‚so sei es‘ sagend
apāyayat surān
ließ die Götter trinken
candra-rūpa-dharaḥ
Mondgestalt tragend
piban
trinkend
arka-indunā arpitaḥ
von Sonne und Mond verraten
candrarūpadharaḥ: vielleicht verderbt für eine Göttergestalt; arpitaḥ hier „angezeigt, verraten“.
hariṇāpyariṇā cchinnaṃ sa rāhustacchiraḥ pṛthak / kṛpayāmaratānnītaṃ varadaṃ harimabravīt //
Von Hari mit dem Diskus abgeschlagen, war jenes Haupt des Rāhu abgetrennt. Aus Gnade zur Unsterblichkeit gebracht, sprach es zu Hari, dem Gnadengewährer:
rāhurmattastu candrārkau prāpsyete grahaṇaṃ grahaḥ / tasmin kale ca yaddānaṃ dāsyante syāt tadakṣayaṃ //
‚Durch mich, Rāhu, sollen Mond und Sonne die Verfinsterung erfahren, [ich werde] ein Planet [sein]. Und was man zu jener Zeit als Gabe gibt, das soll unvergänglich sein.‘
Wort für Wort
rāhuḥ mattaḥ
Rāhu – durch mich
candra-arkau
Mond und Sonne
prāpsyete grahaṇam
werden die Finsternis erlangen
grahaḥ
Planet/Ergreifer
dānam akṣayam
unvergängliche Gabe
grahaṇaṃ: Doppelsinn „Ergreifen“/„Finsternis“; kale = kāle.
‚So sei es‘, sagte Viṣṇu darauf zu ihm. Dann, als er zusammen mit allen Unsterblichen [war] und die Frauengestalt abgelegt hatte, wurde er von Hara angesprochen: ‚Zeige [sie mir]!‘
Er wurde nackt, von wahnsinnigem Aussehen, und ergriff die Haare der Frau. Die Frau befreite ihre Haare und ging davon, und er lief ihr nach, als sie fortgegangen war.
Kein anderer Mann auf Erden außer dir ist imstande, sie zu besiegen.‘ Da wurden die Daityas, ohne den Nektar erlangt zu haben, von den Göttern im Kampf niedergeworfen, und die Götter weilten [wieder] im Himmel. Wer dies liest, gelangt in den Himmel.