Kapitel 87: śāntiśodhanakathanaṃ
Darlegung der Reinigung der Śānti-Kalā
Beschreibung der vierten Kalā, der Śānti (Tattvas Īśvara und Sadāśiva, Silben ha und kṣa, Rudras/Welten, zwölf Padas, Mantras, Nāḍīs, Winde usw.) und des Rituals ihrer Reinigung mit Īśvara als Ursachengottheit. Die Rudranamen (V. 3–4) und die Angaben zu Bījas, Nāḍīs und Winden (V. 5) sind teilweise verderbt; die Kolophonzählung lautet „saptaśītitamo“ (für saptāśītitamo).
„vyomavyāpine vyomavyāpyarūpāya sarvavyāpine śivāya anantāya anāthāya anāśritāya dhruvāya śāśvatāya yogapīṭhasaṃsthitāya nityayogine dhyānāhārāya“ [Anm.: „Dem Äther-Durchdringenden, dem, dessen Gestalt den Äther durchdringt, dem All-Durchdringenden, dem Śiva, dem Unendlichen, dem Herrenlosen, dem auf nichts Gestützten, dem Beständigen, dem Ewigen, dem auf dem Yoga-Sitz Weilenden, dem ewigen Yogin, dem, dessen Nahrung die Meditation ist“] – das sind die zwölf Padas. Die Mantras: Puruṣa (Tatpuruṣa) und Kavaca; die Bījas: Bindu und der Laut u [?]; die Nāḍīs: Alambuṣā und Yaśā [?]; die Winde: Kṛkara und Karmaka [?].
Wort für Wort
dvādaśa padāni
zwölf Padas
puruṣaḥ kavacau mantrau
Puruṣa und Kavaca als Mantras
bīje bindu-ukārakau
Bījas: Bindu und u [?]
alambuṣā-yaśā nāḍyau
Nāḍīs: Alambuṣā, Yaśā
vāyū kṛkara-karmakau
Winde: Kṛkara, Karmaka
vindūpakārakau wohl bindu + ukāra; alambuṣāyasā wohl Alambuṣā und Yaśasvinī; kṛkarakarmakau: Kṛkara und (Deva)datta? – unsicher.
Ihre Sinnesorgane sind Haut und Hand; die Berührung gilt als Gegenstand. Die beiden Eigenschaften sind Berührung und Laut; die eine Ursache[ngottheit] ist Īśvara.
Wort für Wort
indriye tvak-karau
die Organe Haut und Hand
sparśaḥ viṣayaḥ
die Berührung ist Gegenstand
guṇau sparśa-ninādau
Eigenschaften Berührung und Laut
kāraṇam īśvaraḥ
die Ursache ist Īśvara
sparśaninādau: sparśa + ninādau „Berührung und Laut“.
Der Zustand ist der vierte (turya). Nachdem man so die Welten usw., die in der Śānti bestehen, bedacht hat, vollziehe man das Schlagen, das Spalten, das Eintreten und das Ablösen.
Heranziehend soll man das Ergreifen der Śānti vom Faden am Mund aus vollziehen; nachdem man sie in sich aufgenommen und ergriffen hat, setze man die Kalā in die Feuergrube.
Wort für Wort
ākṛṣya grahaṇam
heranziehend das Ergreifen
śānteḥ vadana-sūtrataḥ
der Śānti vom Mundfaden
ātmani āropya
in sich aufnehmend
kalām kuṇḍe niveśayet
soll die Kalā in die Grube setzen
vadana-sūtrataḥ: vom Fadenabschnitt am Mund (dem der Śānti zugeordneten Körperteil).
Nachdem man die Herbeirufung usw. der Eltern und das Schlagen usw. des Schülers vollzogen und das Bewusstsein genommen hat, soll man es nach Vorschrift in das [eigene] Selbst einfügen.
Nachdem man wie zuvor die Vereinigung der Eltern vergegenwärtigt hat, soll man es mit der Udbhava genannten [Mudrā] und dem vom Herz[-Mantra] umschlossenen Ātma-Bīja in den Schoß der Göttin einfügen.
Bei der Entstehung des Körpers [opfere man] fünf [Gaben] mit dem Herz[-Mantra], mit dem Haupt[-Mantra] um der Geburt willen, mit dem Scheitel[-Mantra] für die Befugnis, für den Genuss mit dem Panzer-Mantra,
layāya śastramantreṇa śrotaḥśuddhau śivena ca / tattvaśuddhau hṛdā hy evaṃ garbhādhānādi pūrvavat //
für die Auflösung mit dem Waffen-Mantra und für die Reinigung der Kanäle mit dem Śiva[-Mantra]; für die Reinigung der Tattvas so mit dem Herz[-Mantra]; die Empfängnis usw. wie zuvor.
Mit dem Panzer[-Mantra] die Lockerung der Fesseln; nachdem man so die Sühne vollzogen hat, murmele man hundertmal; zur Verhüllung der Mala-Kraft [opfere man] mit dem Waffen[-Mantra] fünf Gaben.
Ebenso auch bei der Ablösung der Fesseln. Dann soll man mit der siebenmal mit dem Waffen[-Mantra] besprochenen Schere, mit dem Waffen[-Mantra], die Fesseln durchschneiden, versehen mit dem Bīja, und zwar so:
„oṃ hauṃ śāntikalāpāśāya haḥ hūṃ phaṭ“ (Oṃ hauṃ, der Fessel der Śānti-Kalā, haḥ hūṃ phaṭ). Nachdem man [sie] abgelöst und mit dem Fessel-Mantra wie zuvor zur Kugel geformt hat, lege man sie in den mit Ghee gefüllten Opferlöffel und opfere mit dem Kalā-Waffen[-Mantra].
„oṃ haḥ astrāya hūṃ phaṭ“. Nachdem man mit dem Herz[-Mantra] Īśvara herbeigerufen und Verehrung und Sättigung vollzogen hat, vollziehe man nach Vorschrift an ihn die Übergabe des Entgelts.
„oṃ hāṃ, o Īśvara, nimm Buddhi und Ahaṅkāra als Entgelt, svāhā.“ „O Īśvara, bei diesem Tiere (paśu), dessen Fesseln restlos verbrannt sind, darfst du nicht als Fesselnder verbleiben“ – so soll man Śivas Befehl verkünden.
Man entlasse den Gott Īśvara und setze die Raudra-Seele [?] ein; die Seele, [leuchtend] wie der Mond, soll man ein wenig [?] nach Vorschrift in das [eigene] Selbst einfügen.
Wort für Wort
visṛjet īśvaram devam
soll den Gott Īśvara entlassen
raudra-ātmānam niyojayet
soll die Raudra-Seele einsetzen
īṣat candram iva
ein wenig wie der Mond
ātmani yojayet
soll ins Selbst einfügen
īṣac-candram iva: „wie ein wenig [sichtbarer] Mond“ oder „ein wenig wie der Mond“ – unklar; raudrātmānam: die nun Rudra-hafte Seele [?].
Mit der reinen Udbhava-Mudrā soll man diese mit dem Faden verbinden; mit dem Grund[-Mantra] (mūla) gebe man einen Nektartropfen auf das Haupt des Schülers.
Nachdem er die Eltern des Feuers, die mit Blumen usw. verehrt worden sind, entlassen hat, gebe der Vorschriftenkundige die Vollspende, die sämtliche Vorschriften vervollständigt.
Auch bei dieser [Kalā] ist wie zuvor das Schlagen usw. zu vollziehen; der Unterschied liegt jedoch im eigenen Bīja: [damit] ist die Reinigung der Śānti verkündet.
Wort für Wort
asyām api vidhātavyam
auch bei dieser ist zu vollziehen
tāḍana-ādikam
das Schlagen usw.
sva-bījam tu viśeṣaḥ
der Unterschied ist das eigene Bīja
śuddhiḥ śānteḥ
die Reinigung der Śānti
tāḍanādiakam lies tāḍanādikam; apīḍitā wohl für api īritā „ist verkündet“.