Kapitel 292: mantraparibhāṣā
Allgemeine Regeln der Mantras
Agni legt die Grundbegriffe der Mantra-Praxis dar: Einteilung nach Silbenzahl, Geschlecht und Charakter (feurig/mild), Schlaf- und Wachzeiten der Mantras, Prüfung ihrer Eignung für den Adepten, Eigenschaften von Lehrer und Schüler, Rezitationszahlen, Gottheiten der Mondhäuser, Mondtage und Wochentage sowie die Buchstabenauflegung (lipinyāsa) mit den fünfzig Rudras und den Glieder-Mantras. Mehrere Merkformeln und Namen der Rudra-Liste sind in der Digitalisierung verderbt (bes. Verse 10–13, 40, 43–46, 50–51); Vers 51 hat drei Halbverse.
Agni sprach: „Ich werde die Mantra-Wissenschaft [?] darlegen, die Weltgenuss und Erlösung gewährt; höre! Mantras mit mehr als zwanzig Silben gelten als Mālā-(„Kranz“-)Mantras, o Zweimalgeborener.
Wort für Wort
mantra-vidyām
die Mantra-Wissenschaft
vakṣye
ich werde darlegen
bhukti-mukti-pradam
Genuss und Erlösung gewährend
viṃśati-arṇa-adhikāḥ
mehr als zwanzig Silben habend
mālā-mantrāḥ smṛtāḥ
gelten als Kranz-Mantras
mantravidyāhariṃ ist wohl verderbt (etwa für mantravidyāṃ hariḥ oder mantravidyām ahaṃ); übersetzt nach dem Sinn „die Mantra-Wissenschaft“.
daśākṣarādhikā mantrāstadarvāgvījasaṃjñitāḥ / vardhakye siddhidā hy ete mālāmantrāstu yauvena //
Solche mit mehr als zehn Silben sind [eigentliche] Mantras; die darunter heißen Bīja („Keimsilben“). Diese gewähren im Alter Erfolg, die Mālā-Mantras aber in der Jugend.
Wort für Wort
daśa-akṣara-adhikāḥ
mehr als zehn Silben habend
tad-arvāk
darunter
bīja-saṃjñitāḥ
Bīja genannt
vārdhakye siddhi-dāḥ
im Alter Erfolg gebend
yauvane
in der Jugend
vardhakye für vārdhakye, yauvena für yauvane (Digitalisierungs- oder Überlieferungsfehler).
Mantras mit mehr als fünf Silben gewähren Erfolg, die übrigen [?] zu jeder Zeit. Nach weiblich, männlich und sächlich gibt es drei Gattungen von Mantras.
Wort für Wort
pañca-akṣara-adhikāḥ
mehr als fünf Silben habend
siddhi-dāḥ
Erfolg gebend
sarvadā apare
die anderen jederzeit
strī-pum-napuṃsakatvena
nach weiblich, männlich, sächlich
tridhā mantra-jātayaḥ
dreifach die Mantra-Gattungen
Der erste Halbvers ist in der Zuordnung unklar (sarvadā apare „die anderen jederzeit“).
strīmantrā vahnijāyantā namontāś ca napuṃsakāḥ / śeṣāḥ pumāṃsaste śastā vakṣyoccāṭaviṣeṣu ca //
Weibliche Mantras enden auf die „Gattin des Feuers“ [Anm.: svāhā], sächliche enden auf namaḥ; die übrigen sind männlich. Diese werden empfohlen bei Unterwerfung, Vertreibung und Giften [?];
die weiblichen bei niederen Riten und zur Beseitigung von Krankheit, in anderen Fällen die sächlichen. Zwei Arten von Mantras heißen „feurig“ (āgneya) und „mild“ (saumya); man rezitiere sie mit Tāra [Anm.: oṃ] am Anfang und am Ende [?].
Wort für Wort
kṣudra-kriyā
niedere (Zauber-)Riten
āmaya-dhvaṃse
bei Vertreibung von Krankheit
anyatra napuṃsakāḥ
anderswo die sächlichen
āgneya-saumya-ākhyau
„feurig“ und „mild“ genannt
tāra
Tāra (die Silbe oṃ)
tārādyantārdvayor schwer zu trennen; wohl tāra-ādy-antar dvayoḥ.
Ein Mantra, der überwiegend Tāra, den letzten Laut, Agni [Anm.: ra] und den Äther [Anm.: ha] enthält, gilt als feurig; der übrige ist mild. Beide sind empfohlen für grausame bzw. milde Handlungen.
Wort für Wort
tāra-antya-agni-viyat-prāyaḥ
überwiegend aus oṃ, letztem Laut, ra und ha bestehend
Ein feuriger Mantra wird meist mild, wenn am Ende namaḥ angefügt ist; ebenso wird ein milder Mantra feurig, wenn er am Ende mit der Silbe phaṭ verbunden ist.
Ein Mantra, der schläft oder eben erst erwacht ist, gewährt keinen Erfolg. Die Schlafenszeit ist, wenn [der Atem] links fließt, die Wachzeit, wenn er rechts fließt –
Wort für Wort
suptaḥ
schlafend
prabuddha-mātraḥ
eben erst erwacht
siddhim na yacchati
gewährt keinen Erfolg
svāpa-kālaḥ
Schlafenszeit
jāgaraḥ dakṣiṇa-āvahaḥ
Wachen: bei rechtem Fluss
mahāvāho wohl verderbt für vāmavāhaḥ (Atemfluss durch das linke Nasenloch), dem dakṣiṇāvahaḥ gegenübergestellt.
Man meide Mantras, deren Anfangsbuchstaben usw. einem ungünstigen Mondhaus oder Tierkreiszeichen angehören oder [dem Adepten] feindlich sind. Zur Erlangung von Herrschaft und zum Nutzen … [?]
Wort für Wort
duṣṭa-ṛkṣa-rāśi
ungünstiges Mondhaus und Tierkreiszeichen
vidveṣi-varṇa-ādīn
feindliche Anfangsbuchstaben usw.
varjayet manūn
meide die Mantras
rājya-lābha-upakārāya
zu Herrschaftsgewinn und Nutzen
Der zweite Halbvers (prārabhyāriḥ svaraḥ kurūn) ist verderbt; der Sinn ist nicht sicher herzustellen.
Das Alphabet wird nach der Merkformel „gopālakakuṭīṃ prāyāt pūrṇām“ [Anm.: wörtl. „er ging zur vollen Hütte des Kuhhirten“] verteilt; es ist in der Reihenfolge der Mondhäuser zuzuordnen, wobei die beiden letzten Vokale mit Revatī verbunden werden.
Wort für Wort
uditā lipiḥ
das Alphabet wird angegeben
nakṣatra-krama
Reihenfolge der Mondhäuser
yojyā
zuzuordnen
svara-antyau
die beiden letzten Vokale
revatī-yujau
mit Revatī verbunden
Merksatz zur Zuordnung der Buchstaben auf die Nakṣatras; nakṣetrekṣa° für nakṣatra°.
[Nach der Merkformel] „velā guruḥ svarāḥ śoṇaḥ karmaṇaiva“ sind [die Buchstaben] unterschieden; die Buchstaben des Alphabets sind in den Tierkreiszeichen [?] zu kennen, und man verbinde [sie] mit dem Herrn des sechsten [Hauses] usw.
Wort für Wort
iti bheditāḥ
so unterschieden
lipi-arṇāḥ
die Buchstaben des Alphabets
rāśiṣu jñeyāḥ
in den Tierkreiszeichen zu kennen
ṣaṣṭha-īśa-ādīn
den Herrn des Sechsten usw.
yojayet
verbinde man
vaśiṣu wohl für rāśiṣu; die Merkformel ist nicht übersetzt.
lipau catuṣpathasthāyāmākhyavarṇapadāntarāḥ / siddhāḥ sādhyā dvitīyasthāḥ susiddhā vairiṇaḥ pare //
Im Buchstabenschema, das auf ein Kreuzfeld [Anm.: catuṣpatha, ein Viererfeld] gesetzt ist, [gilt, gezählt von] den Buchstaben des Namens [des Adepten]: die an erster Stelle sind „erfolgreich“ (siddha), die an zweiter „zu vollbringen“ (sādhya), [die an dritter] „sehr erfolgreich“ (susiddha), die übrigen Feinde.
Wort für Wort
lipau catuṣpatha-sthāyām
im Schema auf dem Viererfeld
ākhyā-varṇa
Buchstaben des Namens
siddhāḥ
erfolgreich
sādhyāḥ dvitīya-sthāḥ
zu vollbringen: die an zweiter Stelle
susiddhāḥ vairiṇaḥ pare
sehr erfolgreich; die übrigen Feinde
ākhyavarṇapadāntarāḥ unklar; die dritte Position ist nicht ausdrücklich genannt.
So bestimme man siddha usw., auch mit den höchsten Eigenschaften des siddha. Ein siddha [Mantra] ist [von selbst] wirksam; ein sādhya durch Rezitation, Verehrung, Opfergüsse usw.;
ein susiddha schon durch bloße Meditation; ein feindlicher [Mantra] vernichtet den Übenden. Ein Mantra, der reich an ungünstigen Buchstaben ist, wird von allen getadelt.
Nachdem man vorschriftsmäßig in die Weihe (dīkṣā) eingetreten ist, die mit der Salbung (abhiṣeka) endet, und das Tantra gehört hat, bringe man den ersehnten, vom Lehrer empfangenen Mantra zur Vollendung.
kurvannācāryaśuśrūṣāṃ siddhotsāhī sa śiṣyakaḥ / sa tūpadeśyaḥ putraś ca vinayī vasudas tathā //
der dem Lehrer dient und nach Vollendung strebt – der ist ein Schüler. Er ist zu unterweisen, ebenso ein Sohn, ein Demütiger und einer, der Reichtum gibt.
Man soll den Mantra [nur solchen] geben; nach vollem Erfolg aber rezitiere man tausendmal [zu Ehren] des Lehrers [?]. Ein Mantra, der zufällig gehört, durch List oder mit Gewalt [erlangt],
Wort für Wort
mantram dadyāt
man gebe den Mantra
susiddhau
nach vollem Erfolg
sahasram japet
rezitiere tausendmal
yadṛcchayā śrutam
zufällig gehört
chalena balena vā
durch List oder Gewalt
deśikaṃ japet unklar (etwa „für den Lehrer rezitieren“).
patre sthitañca gāthāñca janayedyadyanarthakam / mantraṃ yaḥ sādhayedekaṃ japahomārcanādibhiḥ //
oder auf einem Blatt stehend [gefunden], oder ein [bloßer] Vers, würde Unheil erzeugen. Wer [aber] einen einzigen Mantra durch Rezitation, Opfer, Verehrung usw. vollendet,
bahumantravataḥ puṃsaḥ kā kathā śiva eva saḥ / daśalakṣajapādeka varṇo mantraḥ prasidhyati //
Was soll man erst von einem Mann mit vielen Mantras sagen – er ist Śiva selbst! Ein einsilbiger Mantra gelangt durch zehn Lakh [Anm.: eine Million] Rezitationen zur Vollendung.
Mit wachsender Silbenzahl verringert sich die Rezitation; danach erschließe man [die Zahl] für die anderen. Für Mantras, die zwei- oder dreimal [so lang] wie ein Bīja sind, und für den Mālā-Mantra [gilt die entsprechende] Rezitationsweise [?].
Wort für Wort
varṇa-vṛddhyā
mit Zunahme der Silben
japa-hrāsaḥ
Verringerung der Rezitation
anyeṣām samūhayet
erschließe für die anderen
bījāt dvi-tri-guṇān
zwei-, dreimal so lang wie das Bīja
mālā-mantre japa-kriyā
beim Kranz-Mantra die Rezitation
Der zweite Halbvers ist knapp und in der Zuordnung unsicher.
Wenn keine Zahl angegeben ist, [gelten] bei Rezitation usw. hundertacht oder tausend. Überall gilt ein Zehntel der Rezitation als Feueropfer, verbunden mit Besprengung.
Wenn keine Opfersubstanz angegeben ist, [nimmt man] beim Feueropfer Ghee; für einen, der [zum Opfer] unfähig ist, [tritt] in allen Fällen Rezitation [ein]. Rezitation usw. der Glieder-Mantras usw. beträgt ein Zehntel des Wurzel-Mantras.
Durch Rezitation eines Mantras samt seiner Śakti gewähren die Mantra-Gottheiten Wünsche; durch Meditation, Feueropfer, Verehrung usw. werden sie dem Übenden gegenüber zufrieden.
Nach Osten oder nach Norden [?] gewandt beginne man das Mantra-Werk. Alle Mantras beginnen mit dem Praṇava [Anm.: oṃ]; mit gezügelter Rede und vorgeschriebener Nahrung
rezitiere man sitzend die Mantras und betrachte Gottheit und Lehrer als gleich. Die Orte sollen eine abgeschiedene Hütte, ein Tempel, ein Fluss oder ein See sein.
Zur Vollendung [isst man] Gerstenschleim oder Kuchen, [oder] Milch – opferreine Speise. [Die Gottheit] des Mantras rezitiere man an deren Mondtagen und Wochentagen,
[ferner] der Übende am achten und vierzehnten Tag der dunklen Monatshälfte, bei Finsternissen usw. [Die Gottheiten der Mondhäuser sind:] Dasra [Anm.: die Aśvins], Yama, Anala [Anm.: Agni], Dhātṛ, der Mond, Rudra, Guru [Anm.: Bṛhaspati], Aditi,
Wort für Wort
kṛṣṇa-aṣṭamī-caturdaśyoḥ
am 8. und 14. der dunklen Hälfte
grahaṇa-ādau
bei Finsternissen usw.
dasraḥ yamaḥ analaḥ
Dasra, Yama, Agni
dhātā śaśī rudraḥ
Dhātṛ, Mond, Rudra
guruḥ aditiḥ
Bṛhaspati, Aditi
Die Reihenfolge Guru–Aditi weicht von der üblichen (Aditi–Bṛhaspati) ab.
die Schlangen, die Väter, Bhaga, Aryaman, der mit nicht-kühlem Glanz [Anm.: die Sonne, Savitṛ], Tvaṣṭṛ, der Wind (Marut), Indra-Agni, Mitra, Indra, Nirṛti, das Wasser,
Wort für Wort
sarpāḥ pitaraḥ
Schlangen, Väter
bhagaḥ aryamā
Bhaga, Aryaman
śīta-itara-dyutiḥ
der mit nicht-kühlem Glanz (Sonne)
indra-agnī
Indra und Agni
nirṛtiḥ jalam
Nirṛti, Wasser
śotetaradyutiḥ für śītetaradyutiḥ „dessen Glanz nicht kalt ist“ = Sonne.
[Die Gottheiten der Mondtage sind:] Agni, Dasra, Umā, Vighna [Anm.: Gaṇeśa], der Nāga, der Mond, die Sonne, die Mütter, Durgā, der Herr der Himmelsrichtungen, Kṛṣṇa, Vaivasvata [Anm.: Yama], Śiva,
für den fünfzehnten (Vollmond) der Mond und [für den Neumond] die Väter – [das sind] die Gottheiten der Mondtage. Hara, Durgā, Guru, Viṣṇu, Brahmā, Lakṣmī und der Herr des Reichtums [Anm.: Kubera] –
diese sind die Herren von Sonntag usw. Nun wird die Auflegung der Buchstaben (lipinyāsa) beschrieben: auf den Haaransatz, auf das Rund [des Gesichts], auf die Augen, auf die beiden Ohren,
nāsāgaṇḍauṣṭhadantānāṃ dve dve mūrdhasyayoḥ kramāt / varṇān pañcasuvargānāṃ bāhucaraṇasandhiṣu //
[auf] Nase, Wangen, Lippen und Zähne je zwei, [dann] der Reihe nach auf Scheitel und Mund; die Buchstaben der fünf Klassen [legt man] auf die Gelenke von Armen und Füßen,
pārśvayoḥ pṛṣṭhato nābhau hṛdaye ca kramānnyaset / yādīṃś ca hṛdaye nyasyedeṣāṃ syuḥ saptadhātavaḥ //
auf die Seiten, den Rücken, den Nabel und das Herz lege man sie der Reihe nach; auch ya usw. lege man auf das Herz; diesen [Buchstaben] entsprechen die sieben Körperbestandteile (dhātu):
Diese Rudras, mit ihren Śaktis verbunden, lege man der Reihe nach auf, [jeweils] auf namaḥ endend [?]. Man lege die Glieder (aṅga) auf; alle Mantras, [die] mit ihren Gliedern [versehen sind], gewähren Erfolg.
hṛllekhāvyomasapūrvāṇyetānyaṅgāni vinyaset / hṛdādīnyaṅgamantrāntair yo japeddhṛdaye namaḥ //
Man lege diese Glieder auf, jeweils mit Hṛllekhā [Anm.: hrīṃ] und Vyoma [Anm.: ha] vorangestellt; mit den Endungen der Glieder-Mantras [gilt]: wer auf das Herz rezitiert: namaḥ,
auf den Kopf svāhā, auf die Haarlocke vaṣaṭ, auf den Panzer hūṃ, auf die Augen vauṣaṭ, für die Waffe phaṭ; der fünfgliedrige [Nyāsa] ist der ohne die Augen.
Bei einem Mantra ohne Glieder lege man die Glieder mit ihm selbst auf. Diese [Buchstaben] rezitiere man hunderttausendmal [?]; … [?] der Göttin Vāgīśī opfere man, wie angegeben, Sesamkörner.
Wort für Wort
niraṅgasya
bei einem Mantra ohne Glieder
ātmanā aṅgam nyaset
lege die Glieder mit ihm selbst auf
niyutam japet
rezitiere hunderttausendmal
devīm vāgīśīm
die Göttin Vāgīśī (Herrin der Rede)
tilān hunet
opfere Sesam
niyutaṃ kann 100 000 oder eine Million bedeuten; kramābhyāṃ unklar.
Die Buchstaben-Göttin, die Rosenkranz, Wasserkrug, Buch und Lotus trägt, gewährt dichterische Fähigkeit usw.; man lege sie zu Beginn der Riten zur Vollendung auf. [Selbst] ein Nicht-Dichter wird fleckenlos [?]; alle Mantras gelangen durch die Mütter [Anm.: die Mātṛkā-Buchstaben] zur Vollendung.“