Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 381: yamagītā Die Yamagītā (Lied des Yama)

Agni trägt die Lehre vor, die Yama dem Naciketas gab: eine Reihe von Heilslehren, jeweils einem Weisen (Kapila, Pañcaśikha, Janaka, Jaigīṣavya, Devala, Sanaka u. a.) zugeschrieben, dann Viṣṇu als höchstes Brahman, das Wagengleichnis und die Stufenfolge aus der Kaṭha-Upaniṣad sowie die acht Glieder des Yoga. Das Kapitel schließt mit der Befreiung der Seele durch Erkenntnis und dem Hinweis, damit sei die endgültige Auflösung (ātyantika laya) dargelegt. Einige Namen und Lesarten sind unsicher (z. B. gaṅgāviṣṇu, karmaparo).

agnir uvāca | yamagītāṃ pravakṣyāmi uktā yā nāciketase / paṭhatāṃ śṛṇvatāṃ bhuktyai muktyai mokṣārthināṃ satāṃ //

Agni sprach: Ich werde die Yamagītā verkünden, die dem Naciketas gesagt wurde; den Guten, die sie lesen und hören, dient sie zum Genuss, den nach Befreiung Strebenden zur Erlösung.

Wort für Wort
yama-gītām
die Yamagītā
uktā yā nāciketase
die dem Naciketas gesagt wurde
paṭhatām śṛṇvatām
der Lesenden und Hörenden
bhuktyai muktyai
zum Genuss, zur Erlösung
mokṣa-arthinām
der nach Befreiung Strebenden

„nāciketase“ für „naciketase“.

yama uvāca | āsanaṃ śayanaṃ yānaparidhānagṛhādikam / vāñchatyaho 'timohena susthiraṃ svayamasthiraḥ //

Yama sprach: Sitz, Lager, Fahrzeug, Kleidung, Haus und dergleichen begehrt man, ach, in übergroßer Verblendung als ganz beständig, obwohl man selbst unbeständig ist.

Wort für Wort
āsanam śayanam
Sitz, Lager
yāna-paridhāna-gṛha-ādikam
Fahrzeug, Kleidung, Haus usw.
vāñchati
begehrt
ati-mohena
in übergroßer Verblendung
su-sthiram svayam asthiraḥ
als ganz beständig, selbst unbeständig

bhogeṣu śaktiḥ satataṃ tathaivātmāvalokanaṃ / śreyaḥ paraṃ manuṣyānāṃ kapilodgītameva hi //

Beständiges Nichtanhaften an Genüssen und ebenso die Schau des Selbst – das ist das höchste Heil der Menschen, wie Kapila gesungen hat.

Wort für Wort
bhogeṣu asaktiḥ
Nichtanhaften an Genüssen
satatam
beständig
ātma-avalokanam
Schau des Selbst
śreyaḥ param
höchstes Heil
kapila-udgītam
von Kapila gesungen

„śaktiḥ“ dem Sinn nach als „asaktiḥ“ zu lesen; „manuṣyānāṃ“ für „manuṣyāṇām“.

sarvatra samadarśitvaṃ nirmasatvamasaṅgatā / śreyaḥ param manuṣyānāṃ gītaṃ pañcaśikhena hi //

Gleiches Sehen überall, Freiheit vom Mein-Denken, Ungebundenheit – das ist das höchste Heil der Menschen, wie Pañcaśikha gesungen hat.

Wort für Wort
sarvatra sama-darśitvam
überall Gleiches sehen
nirmamatvam
Freiheit vom Mein-Denken
asaṅgatā
Ungebundenheit
gītam pañcaśikhena
von Pañcaśikha gesungen

„nirmasatvam“ Tippfehler für „nirmamatvam“.

āgarbhajanmabālyādivayo 'vasthādivedanaṃ / śreyaḥ paraṃ manuṣyāṇām gaṅgāviṣṇupragītakaṃ //

Das Wissen um die Lebenszustände von Embryo, Geburt, Kindheit und den [übrigen] Altersstufen – das ist das höchste Heil der Menschen, wie Gaṅgāviṣṇu [?] gesungen hat.

Wort für Wort
ā-garbha-janma-bālya-ādi
von Embryo, Geburt, Kindheit an
vayaḥ-avasthā-ādi-vedanam
Wissen um Alters- und Lebenszustände
śreyaḥ param
höchstes Heil
pragītakam
gesungen

„gaṅgāviṣṇu“ als Name eines Lehrers unsicher, vielleicht verderbt.

ādhyātmikādiduḥkhānāmādyantādipratikriyā / śreyaḥ paraṃ manṣyāṇāṃ janakodgītameva ca //

Die Abwehr der Leiden, beginnend mit den im eigenen Selbst entstehenden, von Anfang bis Ende – das ist das höchste Heil der Menschen, wie Janaka gesungen hat.

Wort für Wort
ādhyātmika-ādi-duḥkhānām
der Leiden, beginnend mit den selbstbedingten
ādi-anta-ādi
von Anfang bis Ende
pratikriyā
Abwehr, Gegenmittel
janaka-udgītam
von Janaka gesungen

„manṣyāṇāṃ“ Tippfehler.

abhinnayorbhedakaraḥ pratyayo yaḥ parātmanaḥ / tacchāntiparamaṃ śreyo brahmodgītamudāhṛtaṃ //

Die Vorstellung, die zwischen dem Nicht-Verschiedenen, dem Höchsten und dem Selbst, einen Unterschied schafft – deren Aufhebung ist das höchste Heil, wie Brahmā gesungen hat, heißt es.

Wort für Wort
abhinnayoḥ
zwischen den beiden Nicht-Verschiedenen
bheda-karaḥ pratyayaḥ
die Unterschied schaffende Vorstellung
para-ātmanaḥ
des Höchsten und des Selbst
tat-śānti
deren Aufhebung
brahma-udgītam
von Brahmā gesungen

kartavyamiti yatkarma ṛgyajuḥsāmasaṃjñitaṃ / kurute śreyase saṅgān jaigīṣavyeṇa gīyate //

Die Handlung, die als Pflicht gilt und Ṛg-, Yajur- und Sāma[veda] heißt, vollzieht man ohne Anhaftung zum Heil – so wird es von Jaigīṣavya gesungen.

Wort für Wort
kartavyam iti
als Pflicht
ṛc-yajuḥ-sāma-saṃjñitam
Ṛg-, Yajur-, Sāma genannt
kurute śreyase
vollzieht zum Heil
asaṅgāt
ohne Anhaftung
jaigīṣavyeṇa gīyate
von Jaigīṣavya gesungen

„saṅgān“ wohl für „asaṅgāt“ o. ä.

hāniḥ sarvavidhitsānāmātmanaḥ sukhahaitukī / śreyaḥ paraṃ manuṣyāṇāṃ devalodgītamīritaṃ //

Das Aufgeben aller Tatbegierden ist die Ursache des Glücks für das Selbst – das ist das höchste Heil der Menschen, wie Devala gesungen hat, heißt es.

Wort für Wort
hāniḥ
Aufgeben
sarva-vidhitsānām
aller Tatbegierden
ātmanaḥ sukha-haitukī
Ursache des Glücks des Selbst
devala-udgītam
von Devala gesungen

kāmatyāgāttu vijñānaṃ sukhaṃ brahma paraṃ padaṃ / kāmināṃ na hi vijñānaṃ sanakodgītameva tat //

Aus dem Aufgeben des Begehrens aber [entsteht] Erkenntnis, Glück, das Brahman, der höchste Ort; den Begehrenden wird keine Erkenntnis zuteil – so hat Sanaka gesungen.

Wort für Wort
kāma-tyāgāt
aus Aufgeben des Begehrens
vijñānam
Erkenntnis
param padam
höchster Ort
kāminām na
nicht den Begehrenden
sanaka-udgītam
von Sanaka gesungen

pravṛttañca nivṛttañca kāryaṃ karmaparo 'bravīt / śreyasāṃ śreya etaddhi naiṣkarmyaṃ brahma taddhariḥ //

Das tätige und das abgewandte [Handeln] sei zu vollziehen, sagte der dem Handeln Ergebene [?]. Dies aber ist das Heil der Heilswege: das Nichthandeln; das ist Brahman, das ist Hari.

Wort für Wort
pravṛttam nivṛttam
tätig und abgewandt
kāryam
zu tun
karma-paraḥ
der dem Handeln Ergebene [?]
śreyasām śreyaḥ
Heil der Heilswege
naiṣkarmyam
Nichthandeln

„karmaparo“ vielleicht Eigenname oder verderbt.

pumāṃścādhigatajñāno bhedaṃ nāpnoti sattamaḥ / brahmaṇā viṣṇusaṃjñena parameṇāvyayena ca //

Und der vortrefflichste Mensch, der Erkenntnis erlangt hat, erfährt keine Verschiedenheit vom Brahman, das Viṣṇu heißt, dem höchsten und unvergänglichen.

Wort für Wort
adhigata-jñānaḥ
der Erkenntnis erlangt hat
bhedam na āpnoti
erfährt keine Verschiedenheit
sattamaḥ
der Vortrefflichste
viṣṇu-saṃjñena brahmaṇā
vom Brahman namens Viṣṇu
avyayena
unvergänglich

jñānaṃ vijñānamāstikyaṃ saubhāgyaṃ rūpamuttamam / tapasā labhyate sarvaṃ manasā yadyadicchati //

Erkenntnis, Unterscheidungswissen, Gläubigkeit, Glück, vorzügliche Gestalt – alles wird durch Askese erlangt, was immer man im Geist wünscht.

Wort für Wort
jñānam vijñānam
Erkenntnis, Unterscheidungswissen
āstikyam
Gläubigkeit
saubhāgyam
Glück, Liebreiz
tapasā labhyate
wird durch Askese erlangt
yat yat icchati
was immer man wünscht

nāsti viṣṇusamandhyeyaṃ tapo nānaśanātparaṃ / nāstyārogyasamaṃ dhanyaṃ nāsti gaṅgāsamā sarit //

Nichts ist Viṣṇu gleich als Gegenstand der Meditation, keine Askese höher als Fasten, nichts Segensreiches der Gesundheit gleich, kein Fluss der Gaṅgā gleich.

Wort für Wort
viṣṇu-samam dhyeyam
Meditationsgegenstand gleich Viṣṇu
na anaśanāt param
nichts höher als Fasten
ārogya-samam dhanyam
Segensreiches gleich Gesundheit
gaṅgā-samā sarit
Fluss gleich der Gaṅgā

na so 'sti bāndhavaḥ kaścidviṣṇuṃ muktvā jagadguruṃ / adhaścordhaṃ hariścāgre dehendriyamanomukhe //

Es gibt keinen Verwandten außer Viṣṇu, dem Lehrer der Welt. Unten und oben und vorn ist Hari, in Leib, Sinnen, Geist und Mund –

Wort für Wort
bāndhavaḥ
Verwandter
viṣṇum muktvā
außer Viṣṇu
jagat-gurum
Lehrer der Welt
adhaḥ ca ūrdhvam
unten und oben
deha-indriya-manaḥ-mukhe
in Leib, Sinnen, Geist und Mund

ityevaṃ saṃsmaran prāṇān yastyajetsa harirbhavet / yattad brahma yataḥ sarvaṃ yatsarvaṃ tasya saṃsthitam //

wer so gedenkend die Lebensatem aufgibt, der wird Hari. Jenes Brahman, aus dem alles ist, das alles ist und in dem alles besteht,

Wort für Wort
evam saṃsmaran
so gedenkend
prāṇān tyajet
die Lebensatem aufgibt
hariḥ bhavet
wird Hari
yataḥ sarvam
aus dem alles ist
tasya saṃsthitam
in ihm bestehend

agrāhyakamanirdeśyaṃ supratiṣṭhañca yatparaṃ / parāparasvarūpeṇa viṣṇuḥ sarvahṛdi sthitaḥ //

das Unfassbare, nicht Bezeichenbare, Wohlgegründete, das Höchste – in der Gestalt des Höheren und Niederen weilt Viṣṇu im Herzen aller.

Wort für Wort
agrāhyakam
unfassbar
anirdeśyam
nicht bezeichenbar
supratiṣṭham
wohlgegründet
para-apara-svarūpeṇa
in der Gestalt des Höheren und Niederen
sarva-hṛdi sthitaḥ
im Herzen aller weilend

yajñeśaṃ yajñapuruṣaṃ kecidicchanti tatparaṃ / kecidviṣṇuṃ haraṃ kecit kecid brahmāṇamīśvaraṃ //

Manche wünschen jenes Höchste als Herrn des Opfers, als Opfer-Puruṣa; manche als Viṣṇu, manche als Hara, manche als Brahmā, den Herrn;

Wort für Wort
yajña-īśam
Herrn des Opfers
yajña-puruṣam
Opfer-Puruṣa
icchanti
wünschen, verstehen
haram
Hara (Śiva)
brahmāṇam īśvaram
Brahmā, den Herrn

indrādināmabhiḥ kecit sūryaṃ somañca kālakam / brahmādistambhaparyantaṃ jagadviṣṇuṃ vadanti ca //

manche mit Namen wie Indra usw., als Sonne, Mond und Zeit; und die Welt von Brahmā bis zum Grashalm nennen sie Viṣṇu.

Wort für Wort
indra-ādi-nāmabhiḥ
mit Namen wie Indra usw.
sūryam somam
Sonne, Mond
kālakam
Zeit
brahma-ādi-stamba-paryantam
von Brahmā bis zum Grashalm
vadanti
nennen sie

sa viṣṇuḥ paramaṃ brahma yato nāvartate punaḥ / suvarṇādimahādānapuṇyatīrthāvagāhanaiḥ //

Dieser Viṣṇu ist das höchste Brahman, von wo man nicht wiederkehrt. Durch große Gaben wie Gold usw., durch Eintauchen in heilige Badeplätze,

Wort für Wort
paramam brahma
das höchste Brahman
yataḥ na āvartate punaḥ
von wo man nicht wiederkehrt
suvarṇa-ādi-mahā-dāna
große Gaben wie Gold
puṇya-tīrtha-avagāhanaiḥ
durch Eintauchen in heilige Badeplätze

dhyānair vrataiḥ pūjayā ca dharmaśrutyā tadāpnuyāt / ātmānaṃ rathinaṃ viddhi śarīraṃ rathameva tu //

durch Meditationen, Gelübde, Verehrung und Hören des Dharma erlangt man es. Wisse das Selbst als den Wagenherrn, den Körper aber als den Wagen,

Wort für Wort
dhyānaiḥ vrataiḥ
durch Meditationen, Gelübde
dharma-śrutyā
durch Hören des Dharma
tat āpnuyāt
erlangt man es
ātmānam rathinam viddhi
wisse das Selbst als Wagenherrn
śarīram ratham
den Körper als Wagen

buddhintu sārathiṃ viddhi manaḥ pragrahameva ca / indrayāṇi hayānāhurviṣayāṃśceṣugocarān //

die Einsicht wisse als Wagenlenker, den Geist als Zügel; die Sinne nennt man die Pferde, die Sinnesobjekte ihre Bahnen.

Wort für Wort
buddhim sārathim
die Einsicht als Wagenlenker
manaḥ pragraham
den Geist als Zügel
indriyāṇi hayān
die Sinne als Pferde
viṣayān teṣu gocarān
die Objekte als deren Bahnen

„ceṣugocarān“ = „teṣu gocarān“.

ātmendriyamanoyuktaṃ bhoktetyāhurmanīṣiṇaḥ / yastvavijñānavān bhavatyayuktena manasā sadā //

Das mit Sinnen und Geist verbundene Selbst nennen die Weisen den Genießer. Wer aber ohne Unterscheidungswissen ist, mit stets unbezähmtem Geist,

Wort für Wort
ātma-indriya-manaḥ-yuktam
mit Sinnen und Geist verbundenes Selbst
bhoktā
Genießer
manīṣiṇaḥ
die Weisen
avijñānavān
ohne Unterscheidungswissen
ayuktena manasā
mit unbezähmtem Geist

na satpadamavāpnoti saṃsārañcādhigacchati / yastu vijñānavān bhavati yuktena manasā sadā //

der erlangt nicht den wahren Ort und gerät in den Kreislauf. Wer aber Unterscheidungswissen besitzt, mit stets bezähmtem Geist,

Wort für Wort
na sat-padam avāpnoti
erlangt nicht den wahren Ort
saṃsāram adhigacchati
gerät in den Kreislauf
vijñānavān
mit Unterscheidungswissen
yuktena manasā
mit bezähmtem Geist

sa tatpadamavāpnoti yasmādbhūyo na jāyate / vijñānasārathiryastu manaḥpragrahavānnaraḥ //

der erlangt jenen Ort, von dem aus er nicht wieder geboren wird. Der Mann aber, der das Unterscheidungswissen zum Lenker und den Geist als Zügel hat,

Wort für Wort
tat padam avāpnoti
erlangt jenen Ort
bhūyaḥ na jāyate
wird nicht wieder geboren
vijñāna-sārathiḥ
mit Unterscheidungswissen als Lenker
manaḥ-pragrahavān
mit dem Geist als Zügel

so 'dhvānaṃ paramāpnoti tadviṣṇoḥ paramaṃ padam / indriyebhyaḥ parā hy arthā arthebhyaś ca paraṃ manaḥ //

der erreicht das Ende des Weges, jenen höchsten Ort Viṣṇus. Höher als die Sinne sind die Objekte, höher als die Objekte der Geist,

Wort für Wort
adhvānam param āpnoti
erreicht das Ende des Weges
viṣṇoḥ paramam padam
den höchsten Ort Viṣṇus
indriyebhyaḥ parāḥ arthāḥ
höher als die Sinne die Objekte
arthebhyaḥ param manaḥ
höher als die Objekte der Geist

manasastu parā buddhiḥ buddherātmā mahān paraḥ / mahataḥ paramavyaktamavyaktātpuruṣaḥ paraḥ //

höher als der Geist die Einsicht, höher als die Einsicht das große Selbst, höher als das Große das Unoffenbare, höher als das Unoffenbare der Puruṣa.

Wort für Wort
manasaḥ parā buddhiḥ
höher als der Geist die Einsicht
ātmā mahān
das große Selbst
mahataḥ param avyaktam
höher als das Große das Unoffenbare
puruṣaḥ paraḥ
höher der Puruṣa

puruṣānna paraṃ kiñcit sā kāṣṭhā sā parā gatiḥ / eṣu sarveṣu bhūteṣu gūḍhātmā na prakāśate //

Höher als der Puruṣa ist nichts; das ist das Ziel, das ist der höchste Gang. In all diesen Wesen verborgen, tritt das Selbst nicht ans Licht,

Wort für Wort
puruṣāt na param kiñcit
nichts höher als der Puruṣa
sā kāṣṭhā
das ist das Ziel
parā gatiḥ
der höchste Gang
gūḍha-ātmā
das verborgene Selbst
na prakāśate
tritt nicht ans Licht

dṛśyate tvagryayā budhyā sūkṣmayā sūkṣmadarśibhiḥ / yacchedvāṅmanasī prājñaḥ tadyacchejjñānamātmani //

wird aber von den Feinsichtigen mit geschärfter, feiner Einsicht geschaut. Der Weise halte Rede und Geist zurück; dies halte er zurück in der Erkenntnis, im Selbst;

Wort für Wort
dṛśyate
wird geschaut
agryayā buddhyā sūkṣmayā
mit geschärfter, feiner Einsicht
sūkṣma-darśibhiḥ
von den Feinsichtigen
yacchet vāc-manasī
halte Rede und Geist zurück
jñānam ātmani
in der Erkenntnis, im Selbst

„budhyā“ = „buddhyā“. Anklang an Kaṭha-Upaniṣad 1.3.

jñānamātmani mahati niyacchecchānta ātmani / jñātvā brahmātmanoryogaṃ yamādyair brahma sadbhavet //

die Erkenntnis halte er im großen Selbst zurück, dieses im ruhigen Selbst. Wer die Verbindung von Brahman und Selbst erkannt hat, wird durch Yama usw. das wahre Brahman.

Wort für Wort
jñānam ātmani mahati
die Erkenntnis im großen Selbst
niyacchet
halte zurück
śānte ātmani
im ruhigen Selbst
brahma-ātmanoḥ yogam
die Verbindung von Brahman und Selbst
yama-ādyaiḥ
durch Yama usw.
brahma sat bhavet
wird das wahre Brahman

ahiṃsā satyamasteyaṃ brahmacaryāparigrahau / yamāś ca niyamāḥ pañca śaucaṃ santoṣasattapaḥ //

Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Keuschheit und Besitzlosigkeit sind die Yamas; die fünf Niyamas sind Reinheit, Zufriedenheit, rechte Askese,

Wort für Wort
ahiṃsā satyam asteyam
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen
brahmacarya-aparigrahau
Keuschheit und Besitzlosigkeit
yamāḥ niyamāḥ pañca
die Yamas, die fünf Niyamas
śaucam santoṣaḥ
Reinheit, Zufriedenheit
sat-tapaḥ
rechte Askese

„santoṣasattapaḥ“ = „santoṣaḥ sat-tapaḥ“.

svādhyāyeśvarapūjā ca āsanaṃ padmakādikaṃ / prāṇāyāmo vāyujayaḥ pratyāhāraḥ svanigrahaḥ //

Selbststudium und Verehrung des Herrn; Āsana ist die Sitzhaltung wie der Lotussitz usw.; Prāṇāyāma ist die Bezwingung des Atems; Pratyāhāra ist die Selbstbezähmung.

Wort für Wort
svādhyāya-īśvara-pūjā
Selbststudium und Verehrung des Herrn
āsanam padmaka-ādikam
Sitzhaltung wie Lotussitz usw.
prāṇāyāmaḥ vāyu-jayaḥ
Prāṇāyāma ist Bezwingung des Atems
pratyāhāraḥ sva-nigrahaḥ
Pratyāhāra ist Selbstbezähmung

śubhe hy ekatra viṣaye cetaso yat pradhāraṇaṃ / niś calatvāttu dhīmadbhirdhāraṇā dvija kathyate //

Das Festhalten des Denkens auf einem einzigen glückverheißenden Objekt nennen die Weisen wegen seiner Unbewegtheit Dhāraṇā, o Zweimalgeborener.

Wort für Wort
śubhe ekatra viṣaye
auf einem einzigen heilsamen Objekt
cetasaḥ pradhāraṇam
Festhalten des Denkens
niścalatvāt
wegen der Unbewegtheit
dhāraṇā
Fixierung (Dhāraṇā)
dvija
o Zweimalgeborener

paunaḥpunyena tatraiva viṣayeṣveva dhāraṇā / dhyānaṃ smṛtaṃ samādhistu ahaṃ brahmātmasaṃsthitiḥ //

Die immer wiederholte Dhāraṇā eben dort auf den Objekten gilt als Dhyāna; Samādhi aber ist das Verweilen im Brahman-Selbst [im Bewusstsein]: „Ich bin Brahman“.

Wort für Wort
paunaḥpunyena
durch Wiederholung
tatra eva
eben dort
dhyānam smṛtam
gilt als Meditation
samādhiḥ
Versenkung
aham brahma
ich bin Brahman
ātma-saṃsthitiḥ
Verweilen im Selbst

ghaṭadhvaṃsādyathākāśamabhinnaṃ nabhasā bhavet / mukto jīvo brahmaṇaivaṃ sadbrahma brahma vai bhavet //

Wie der [Topf-]Raum durch das Zerbrechen des Topfes ungetrennt vom Himmelsraum wird, so wird die erlöste Seele mit dem Brahman eins; sie wird wahrhaft das seiende Brahman.

Wort für Wort
ghaṭa-dhvaṃsāt
durch Zerbrechen des Topfes
ākāśam abhinnam nabhasā
der Raum ungetrennt vom Himmel
muktaḥ jīvaḥ
die erlöste Seele
brahmaṇā evam
so mit Brahman
sat brahma bhavet
wird das seiende Brahman

ātmānaṃ manyate brahma jīvo jñānena nānyathā / jīvo hy ajñānatatkāryamuktaḥ syādajarāmaraḥ //

Die Seele erkennt sich als Brahman durch Erkenntnis, nicht anders. Die Seele, befreit vom Nichtwissen und dessen Wirkungen, wird alterslos und unsterblich.

Wort für Wort
ātmānam manyate brahma
hält sich für Brahman
jñānena na anyathā
durch Erkenntnis, nicht anders
ajñāna-tat-kārya-muktaḥ
befreit von Nichtwissen und dessen Wirkungen
ajara-amaraḥ
alterslos und unsterblich

agnir uvāca | vaśiṣṭha yamagītoktā paṭhatāṃ bhuktimuktidā / ātyantiko layaḥ prokto vedāntabrahmadhīmayaḥ //

Agni sprach: Vasiṣṭha, die Yamagītā ist verkündet; sie gewährt den Lesenden Genuss und Erlösung. [Damit] ist die endgültige Auflösung dargelegt, die in der Brahman-Erkenntnis des Vedānta besteht.

Wort für Wort
vaśiṣṭha
o Vasiṣṭha
yama-gītā uktā
die Yamagītā ist verkündet
ātyantikaḥ layaḥ
die endgültige Auflösung
vedānta-brahma-dhī-mayaḥ
bestehend in der Brahman-Erkenntnis des Vedānta

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