Kapitel 381: yamagītā
Die Yamagītā (Lied des Yama)
Agni trägt die Lehre vor, die Yama dem Naciketas gab: eine Reihe von Heilslehren, jeweils einem Weisen (Kapila, Pañcaśikha, Janaka, Jaigīṣavya, Devala, Sanaka u. a.) zugeschrieben, dann Viṣṇu als höchstes Brahman, das Wagengleichnis und die Stufenfolge aus der Kaṭha-Upaniṣad sowie die acht Glieder des Yoga. Das Kapitel schließt mit der Befreiung der Seele durch Erkenntnis und dem Hinweis, damit sei die endgültige Auflösung (ātyantika laya) dargelegt. Einige Namen und Lesarten sind unsicher (z. B. gaṅgāviṣṇu, karmaparo).
Agni sprach: Ich werde die Yamagītā verkünden, die dem Naciketas gesagt wurde; den Guten, die sie lesen und hören, dient sie zum Genuss, den nach Befreiung Strebenden zur Erlösung.
Yama sprach: Sitz, Lager, Fahrzeug, Kleidung, Haus und dergleichen begehrt man, ach, in übergroßer Verblendung als ganz beständig, obwohl man selbst unbeständig ist.
Das Wissen um die Lebenszustände von Embryo, Geburt, Kindheit und den [übrigen] Altersstufen – das ist das höchste Heil der Menschen, wie Gaṅgāviṣṇu [?] gesungen hat.
Wort für Wort
ā-garbha-janma-bālya-ādi
von Embryo, Geburt, Kindheit an
vayaḥ-avasthā-ādi-vedanam
Wissen um Alters- und Lebenszustände
śreyaḥ param
höchstes Heil
pragītakam
gesungen
„gaṅgāviṣṇu“ als Name eines Lehrers unsicher, vielleicht verderbt.
ādhyātmikādiduḥkhānāmādyantādipratikriyā / śreyaḥ paraṃ manṣyāṇāṃ janakodgītameva ca //
Die Abwehr der Leiden, beginnend mit den im eigenen Selbst entstehenden, von Anfang bis Ende – das ist das höchste Heil der Menschen, wie Janaka gesungen hat.
Die Vorstellung, die zwischen dem Nicht-Verschiedenen, dem Höchsten und dem Selbst, einen Unterschied schafft – deren Aufhebung ist das höchste Heil, wie Brahmā gesungen hat, heißt es.
kāmatyāgāttu vijñānaṃ sukhaṃ brahma paraṃ padaṃ / kāmināṃ na hi vijñānaṃ sanakodgītameva tat //
Aus dem Aufgeben des Begehrens aber [entsteht] Erkenntnis, Glück, das Brahman, der höchste Ort; den Begehrenden wird keine Erkenntnis zuteil – so hat Sanaka gesungen.
Das tätige und das abgewandte [Handeln] sei zu vollziehen, sagte der dem Handeln Ergebene [?]. Dies aber ist das Heil der Heilswege: das Nichthandeln; das ist Brahman, das ist Hari.
pumāṃścādhigatajñāno bhedaṃ nāpnoti sattamaḥ / brahmaṇā viṣṇusaṃjñena parameṇāvyayena ca //
Und der vortrefflichste Mensch, der Erkenntnis erlangt hat, erfährt keine Verschiedenheit vom Brahman, das Viṣṇu heißt, dem höchsten und unvergänglichen.
Nichts ist Viṣṇu gleich als Gegenstand der Meditation, keine Askese höher als Fasten, nichts Segensreiches der Gesundheit gleich, kein Fluss der Gaṅgā gleich.
wird aber von den Feinsichtigen mit geschärfter, feiner Einsicht geschaut. Der Weise halte Rede und Geist zurück; dies halte er zurück in der Erkenntnis, im Selbst;
Wort für Wort
dṛśyate
wird geschaut
agryayā buddhyā sūkṣmayā
mit geschärfter, feiner Einsicht
sūkṣma-darśibhiḥ
von den Feinsichtigen
yacchet vāc-manasī
halte Rede und Geist zurück
jñānam ātmani
in der Erkenntnis, im Selbst
„budhyā“ = „buddhyā“. Anklang an Kaṭha-Upaniṣad 1.3.
die Erkenntnis halte er im großen Selbst zurück, dieses im ruhigen Selbst. Wer die Verbindung von Brahman und Selbst erkannt hat, wird durch Yama usw. das wahre Brahman.
Gewaltlosigkeit, Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, Keuschheit und Besitzlosigkeit sind die Yamas; die fünf Niyamas sind Reinheit, Zufriedenheit, rechte Askese,
svādhyāyeśvarapūjā ca āsanaṃ padmakādikaṃ / prāṇāyāmo vāyujayaḥ pratyāhāraḥ svanigrahaḥ //
Selbststudium und Verehrung des Herrn; Āsana ist die Sitzhaltung wie der Lotussitz usw.; Prāṇāyāma ist die Bezwingung des Atems; Pratyāhāra ist die Selbstbezähmung.
Die immer wiederholte Dhāraṇā eben dort auf den Objekten gilt als Dhyāna; Samādhi aber ist das Verweilen im Brahman-Selbst [im Bewusstsein]: „Ich bin Brahman“.
Wie der [Topf-]Raum durch das Zerbrechen des Topfes ungetrennt vom Himmelsraum wird, so wird die erlöste Seele mit dem Brahman eins; sie wird wahrhaft das seiende Brahman.
Die Seele erkennt sich als Brahman durch Erkenntnis, nicht anders. Die Seele, befreit vom Nichtwissen und dessen Wirkungen, wird alterslos und unsterblich.
Agni sprach: Vasiṣṭha, die Yamagītā ist verkündet; sie gewährt den Lesenden Genuss und Erlösung. [Damit] ist die endgültige Auflösung dargelegt, die in der Brahman-Erkenntnis des Vedānta besteht.