Quellen der Menschheit

Agni-Purāṇa

Kapitel 238: rājadharmāḥ Die Pflichten des Königs (die sieben Glieder des Reiches)

Rāma legt die sieben Glieder des Reiches dar (Herrscher, Minister, Land, Festung, Schatz, Heer, Verbündeter) und beschreibt jeweils ihre Vorzüge sowie die Prüfung der Minister, das Verhalten der Diener, die Aufsichtsbereiche und die Gefahren für die Untertanen. Einzelne Stellen sind in der Digitalisierung verderbt (v.a. V. 6, 43, 46); in V. 29 werden sechs Festungsarten angekündigt, aber nur fünf genannt.

rāma uvāca | svāmyamātyañca rāṣṭrañca durgaṃ koṣo balaṃ suhṛt / parasparopakārīdaṃ saptāṅgaṃ rājyamucyate //

Rāma sprach: Der Herrscher, der Minister, das Land, die Festung, der Schatz, das Heer und der Verbündete – dieses einander wechselseitig fördernde (Gefüge) wird das siebengliedrige Reich genannt.

Wort für Wort
svāmin
Herr, Herrscher
amātya
Minister
rāṣṭra
Land, Reichsgebiet
durga
Festung
koṣa
Schatz
saptāṅgaṃ rājyam
das siebengliedrige Reich

rājyāṅgānāṃ varaṃ rāṣṭraṃ sādhanaṃ pālayet sadā / kulaṃ śīlaṃ vayaḥ sattvaṃ dākṣiṇyaṃ kṣiprakāritā //

Unter den Gliedern des Reiches ist das Land das vorzüglichste; dieses Mittel (zu allem Weiteren) soll er stets schützen. Edle Abstammung, Charakter, (rechtes) Lebensalter, Wesenskraft, Entgegenkommen, rasches Handeln,

Wort für Wort
rājya-aṅgānām
unter den Gliedern des Reiches
varam
das beste
sādhanam
Mittel, Werkzeug
kula
Geschlecht, Abstammung
dākṣiṇya
Entgegenkommen, Freundlichkeit
kṣipra-kāritā
rasches Handeln

avisaṃvāditā satyaṃ vṛddhasevā kṛtajñatā / daivasampannatā buddhirakṣudraparivāratā //

Worttreue, Wahrhaftigkeit, Dienst an den Älteren, Dankbarkeit, Begünstigung durch das Schicksal, Einsicht, eine nicht kleinliche (niedrig gesinnte) Umgebung,

Wort für Wort
avisaṃvāditā
Nicht-Widersprechen, Worttreue
vṛddha-sevā
Dienst an den Älteren
kṛtajñatā
Dankbarkeit
daiva-sampannatā
Begünstigung durch das Schicksal
akṣudra-parivāratā
nicht niedriges Gefolge

śakyasāmantatā caiva tathā ca dṛḍhabhaktitā / dīrghadarśitvamutsāhaḥ śucitā sthūlalakṣitā //

Beherrschbarkeit der Grenznachbarn, ebenso feste Ergebenheit, Weitblick, Tatkraft, Lauterkeit, Freigebigkeit,

Wort für Wort
śakya-sāmantatā
Beherrschbarkeit der Nachbarfürsten
dṛḍha-bhaktitā
feste Ergebenheit
dīrgha-darśitva
Weitblick
utsāha
Tatkraft
sthūla-lakṣitā
Freigebigkeit

sthūlalakṣitā: wörtl. ‚das Zielen auf Großes‘, hier als Großzügigkeit/Freigebigkeit aufgefasst.

vinītatvaṃ dhārmikatā sādhoś ca nṛpaterguṇāḥ / prakhyātavaṃśamakrūraṃ lokasaṅgrāhiṇaṃ śuciṃ //

Wohlerzogenheit und Rechtschaffenheit – dies sind die Vorzüge eines guten Königs. Einen (Mann) aus berühmtem Geschlecht, nicht grausam, die Menschen für sich gewinnend, lauter –

Wort für Wort
vinītatva
Wohlerzogenheit, Zucht
dhārmikatā
Rechtschaffenheit
nṛpateḥ guṇāḥ
Vorzüge des Königs
prakhyāta-vaṃśa
aus berühmtem Geschlecht
loka-saṅgrāhin
die Menschen gewinnend

kurvītātsahitāṅkṣī paricāraṃ mahīpatiḥ / vāgmī pragalbhaḥ smṛtimānudagro balavān vaśī //

(einen solchen) soll der auf sein eigenes Wohl bedachte Landesherr zu seinem Gefolge machen. Beredt, selbstsicher, mit gutem Gedächtnis, hochgesinnt, stark, selbstbeherrscht,

Wort für Wort
kurvīta
er soll machen
ātma-hita-ākāṅkṣin
auf eigenes Wohl bedacht [konj.]
paricāra
Gefolge, Dienerschaft
vāgmin
beredt
pragalbha
selbstsicher, kühn
vaśin
selbstbeherrscht

Der Text ‚kurvītātsahitāṅkṣī‘ ist verderbt; gelesen als kurvītātmahitākāṅkṣī ‚der sein eigenes Wohl Wünschende soll machen‘.

netā daṇḍasya nipuṇaḥ kṛtaśilpaparigrahaḥ / parābhiyogaprasahaḥ sarvaduṣṭapratikriyā //

ein Lenker der Strafgewalt, geschickt, der sich Fertigkeiten angeeignet hat, fähig, Angriffen der Gegner standzuhalten, mit Gegenmaßnahmen gegen alle Übeltäter,

Wort für Wort
netā daṇḍasya
Lenker der Strafgewalt
nipuṇa
geschickt
kṛta-śilpa-parigraha
der Fertigkeiten erworben hat
para-abhiyoga-prasaha
Angriffen der Feinde gewachsen
sarva-duṣṭa-pratikriyā
Gegenmaßnahme gegen alle Übeltäter

pravṛttānvavekṣī ca sandhivigrahatattvavit / gūḍhamantrapracārajño deśakālavibhāgavit //

auf die Vorgänge achtend, das Wesen von Bündnis und Krieg kennend, kundig der geheimen Beratung und des Einsatzes (von Spähern), Ort und Zeit zu unterscheiden wissend,

Wort für Wort
pravṛtta-anvavekṣin
auf die Vorgänge achtend
sandhi-vigraha-tattva-vid
das Wesen von Bündnis und Krieg kennend
gūḍha-mantra
geheime Beratung
pracāra-jña
den Einsatz (der Späher) kennend
deśa-kāla-vibhāga-vid
Ort und Zeit unterscheidend

ādātā samyagarthānāṃ viniyoktā ca pātravit / krodhalobhabhayadrohadambhacāpalavarjitaḥ //

einer, der die Einkünfte auf rechte Weise einnimmt und verwendet, der die würdigen Empfänger kennt, frei von Zorn, Gier, Furcht, Treulosigkeit, Heuchelei und Wankelmut,

Wort für Wort
ādātā
Einnehmer
samyak arthānām
der Güter auf rechte Weise
viniyoktā
Verwender
pātra-vid
die würdigen Empfänger kennend
krodha-lobha-bhaya-droha-dambha-cāpala-varjita
frei von Zorn, Gier, Furcht, Treulosigkeit, Heuchelei, Wankelmut

paropatāpapaiśūnyamātsaryerṣānṛtātigaḥ / vṛddhopadeśasampannaḥ śakto madhuradarśanaḥ //

über das Quälen anderer, Verleumdung, Missgunst, Neid und Unwahrheit erhaben, mit der Unterweisung der Älteren versehen, tüchtig, von freundlichem Anblick,

Wort für Wort
para-upatāpa
Quälen anderer
paiśūnya
Verleumdung
mātsarya-īrṣā
Missgunst und Neid
anṛta-atiga
über die Unwahrheit erhaben
madhura-darśana
von lieblichem Anblick

guṇānurāgasthitimānātmasampadguṇāḥ smṛtāḥ / kulīnāḥ śucayaḥ śūrāḥ śrutavanto 'nurāgiṇaḥ //

an den Vorzügen hängend und beständig – dies gelten als die Vorzüge der persönlichen Ausstattung (des Königs). Von edler Herkunft, lauter, tapfer, gelehrt, ergeben,

Wort für Wort
guṇa-anurāga
Liebe zu den Vorzügen
sthitimat
beständig
ātma-sampad-guṇāḥ
Vorzüge der persönlichen Ausstattung
kulīna
von edler Herkunft
śrutavant
gelehrt
anurāgin
ergeben

daṇḍanīteḥ prayoktāraḥ sacivāḥ syurmahīpateḥ / suvigraho jānapadaḥ kulaśīkakalānvitaḥ //

Anwender der Staatskunst sollen die Räte des Landesherrn sein. Wohlgestaltet, aus dem (eigenen) Land stammend, mit (edler) Familie, Charakter und Fertigkeiten versehen,

Wort für Wort
daṇḍa-nīti
Staatskunst, Strafpolitik
prayoktṛ
Anwender
saciva
Rat, Minister
suvigraha
wohlgestaltet
jānapada
aus dem Land stammend
kula-śīla-kalā-anvita
mit Familie, Charakter, Fertigkeiten versehen

‚kulaśīka‘ ist Tippfehler für kulaśīla.

vāgmī pragalbhaś cakṣuṣmānutsāhī pratipattimān / stambhacāpalahīnaś ca maitraḥ kleśasahaḥ śuciḥ //

beredt, selbstsicher, scharfsichtig, tatkräftig, geistesgegenwärtig, frei von Starrsinn und Wankelmut, freundschaftlich, Mühsal ertragend, lauter,

Wort für Wort
cakṣuṣmat
scharfsichtig
pratipattimat
geistesgegenwärtig, entschlussfähig
stambha
Starrsinn, Hochmut
maitra
freundschaftlich
kleśa-saha
Mühsal ertragend

satyasattvadhṛtisthairyaprabhāvārogyasaṃyutaḥ / kṛtaśilpaś ca dakṣaś ca prajñāvān dhāraṇānvitaḥ //

mit Wahrhaftigkeit, Wesenskraft, Standhaftigkeit, Festigkeit, Autorität und Gesundheit ausgestattet, in Fertigkeiten geübt, geschickt, einsichtig, mit Merkfähigkeit versehen,

Wort für Wort
dhṛti
Standhaftigkeit
sthairya
Festigkeit
prabhāva
Autorität, Machtwirkung
ārogya
Gesundheit
dhāraṇa-anvita
mit Merkfähigkeit

dṛḍhabhaktirakartā ca vairāṇāṃ sacivo bhavet / smṛtistatparatārtheṣu cittajño jñānaniś cayaḥ //

von fester Ergebenheit und kein Stifter von Feindschaften – (ein solcher) soll Minister werden. Gedächtnis, Hingabe an die Aufgaben, Kenntnis der Gesinnung (anderer), Festigkeit des Wissens,

Wort für Wort
dṛḍha-bhakti
von fester Ergebenheit
akartā vairāṇām
kein Urheber von Feindschaften
smṛti
Gedächtnis
tatparatā artheṣu
Hingabe an die Aufgaben
citta-jña
die Gesinnung kennend
jñāna-niścaya
Festigkeit des Wissens

dṛḍhatā mantraguptiś ca mantrisampat prakīrtitā / trayyāṃ ca daṇḍanītyāṃ ca kuśalaḥ syāt purohitaḥ //

Beständigkeit und Geheimhaltung der Beratung – dies wird als die Vollkommenheit eines Ministers gepriesen. In den drei Veden und in der Staatskunst soll der Hauspriester kundig sein;

Wort für Wort
mantra-gupti
Geheimhaltung der Beratung
mantri-sampad
Vollkommenheit des Ministers
trayī
die drei Veden
kuśala
kundig
purohita
Hauspriester

atharvadevavihitaṃ kuryācchāntikapauṣṭikaṃ / sādhutaiṣāmamātyānāṃ tadvidyaiḥ saha buddhimān //

er soll die im Atharvaveda vorgeschriebenen Riten zur Abwendung (von Unheil) und zur Förderung (des Gedeihens) vollziehen. Die Tauglichkeit dieser Minister soll der Einsichtige zusammen mit Kennern der betreffenden Wissenschaften (prüfen):

Wort für Wort
atharva-veda-vihita
im Atharvaveda vorgeschrieben
śāntika
Beschwichtigungsritus
pauṣṭika
Gedeihritus
sādhutā
Tauglichkeit
tad-vidya
Kenner dieser Wissenschaft

cakṣuṣmattāṃ ca śilpañca parīkṣeta guṇadvayaṃ / svajanebhyo vijānīyāt kulaṃ sthānamavagrahaṃ //

Scharfblick und Kunstfertigkeit – dieses Paar von Vorzügen soll er prüfen. Von ihren Angehörigen soll er Herkunft, Wohnsitz und Bindung(en) erfahren,

Wort für Wort
cakṣuṣmattā
Scharfblick
śilpa
Kunstfertigkeit
guṇa-dvaya
Paar von Vorzügen
svajanebhyaḥ
von den Angehörigen
sthāna
Wohnsitz
avagraha
Bindung, Zurückhaltung [?]

avagraha hier unsicher (‚Zurückhaltung‘ oder ‚Bindung/Verpflichtung‘).

parikarmasu dakṣañca vijñānaṃ dhārayiṣṇutāṃ / guṇatrayaṃ parīkṣeta prāgalabhyaṃ prītitāṃ tathā //

Geschick in den Verrichtungen, Fachwissen, Merkfähigkeit – dieses Dreigespann von Vorzügen soll er prüfen, ebenso Selbstsicherheit und Zuneigung.

Wort für Wort
parikarmasu dakṣa
geschickt in den Verrichtungen
vijñāna
Fachwissen
dhārayiṣṇutā
Merkfähigkeit
prāgalbhya
Selbstsicherheit
prītitā
Zuneigung

kathāyogeṣu buddhyeta vāgmitvaṃ satyavāditāṃ / utasāhaṃ ca prabhāvaṃ ca tathā kleśasahiṣṇutāṃ //

Bei Gesprächen soll er Beredsamkeit und Wahrhaftigkeit erkennen, ferner Tatkraft, Autorität und ebenso das Ertragen von Mühsal,

Wort für Wort
kathā-yogeṣu
bei Gesprächen
budhyeta
er soll erkennen
vāgmitva
Beredsamkeit
satya-vāditā
Wahrhaftigkeit
kleśa-sahiṣṇutā
Ertragen von Mühsal

dhṛtiṃ caivānurāgaṃ ca sthairyañcāpadi lakṣayet / bhaktiṃ maitrīṃ ca śaucaṃ ca jānīyādvyavahārataḥ //

Standhaftigkeit, Anhänglichkeit und Festigkeit soll er im Unglück feststellen; Ergebenheit, Freundschaft und Lauterkeit soll er aus dem Umgang erkennen.

Wort für Wort
āpadi
im Unglück
lakṣayet
er soll feststellen
maitrī
Freundschaft
śauca
Lauterkeit
vyavahārataḥ
aus dem Umgang

saṃvāsibhyo balaṃ sattvamārogyaṃ śīlameva ca / astabdhatāmacāpalyaṃ vairāṇāṃ cāpyakīrtanaṃ //

Von den Hausgenossen (soll er) Kraft, Charakterstärke, Gesundheit und Wesen (erfahren); Nicht-Überheblichkeit, Beständigkeit und das Nicht-Anfachen von Feindschaften,

Wort für Wort
saṃvāsibhyaḥ
von den Mitbewohnern
sattva
Charakterstärke
astabdhatā
Nicht-Überheblichkeit
acāpalya
Beständigkeit
vairāṇām akīrtana
Nicht-Bereden von Feindschaften

pratyakṣato vijānīyād bhadratāṃ kṣudratāmapi / phalānumeyāḥ sarvatra parokṣaguṇavṛttayaḥ //

Edelmut wie auch Niedrigkeit soll er durch unmittelbare Wahrnehmung erkennen. Überall ist das Wirken nicht sichtbarer Eigenschaften aus den Früchten zu erschließen.

Wort für Wort
pratyakṣataḥ
durch unmittelbare Wahrnehmung
bhadratā
Edelmut
kṣudratā
Niedrigkeit
phala-anumeya
aus den Früchten zu erschließen
parokṣa-guṇa-vṛtti
Wirken verborgener Eigenschaften

śasyākaravatī puṇyā khanidravyasamanvitā / gohitā bhūrisalilā puṇyair janapadair yutā //

(Ein Land,) reich an Feldfrucht und Fundstätten, glückverheißend, mit Bergwerksgütern versehen, dem Vieh zuträglich, wasserreich, mit rechtschaffenen Gemeinden versehen,

Wort für Wort
śasya-ākaravatī
reich an Feldfrucht und Fundstätten
khani-dravya
Bergwerksgüter
go-hitā
dem Vieh zuträglich
bhūri-salilā
wasserreich
janapada
Gemeinde, Landvolk

ramyā sakuñjarabalā vāristhalapathānvitā / adevamātṛkā ceti śasyate bhūribhūtaye //

lieblich, mit Elefantenscharen, mit Wasser- und Landwegen versehen und nicht vom Regen abhängig – (ein solches Land) wird als zu großem Gedeihen (führend) gepriesen.

Wort für Wort
sa-kuñjara-balā
mit Elefantenscharen
vāri-sthala-patha
Wasser- und Landwege
adeva-mātṛkā
nicht vom Regen abhängig
śasyate
wird gepriesen
bhūri-bhūtaye
zu großem Gedeihen

adevamātṛka: ‚den Gott (Regen) nicht zur Mutter habend‘, d.h. durch Flüsse bewässert.

śūdrakāruvaṇikprāyo mahārambhaḥ kṛṣī balaḥ / sānurāgo ripudveṣī pīḍāsahakaraḥ pṛthuḥ //

Ein Landvolk, meist aus Śūdras, Handwerkern und Händlern bestehend, mit großen Unternehmungen, aus Ackerbauern, ergeben, die Feinde hassend, Belastung und Abgaben tragend, zahlreich,

Wort für Wort
śūdra-kāru-vaṇik-prāya
meist Śūdras, Handwerker, Händler
mahā-ārambha
mit großen Unternehmungen
kṛṣīvala
Ackerbauer
ripu-dveṣin
die Feinde hassend
pīḍā-saha-kara
Last und Abgaben tragend [?]
pṛthu
zahlreich, ausgedehnt

kṛṣī balaḥ wohl als kṛṣīvalaḥ ‚Bauer(n)‘ zu lesen; pīḍāsahakaraḥ als pīḍā-saha + kara ‚Last und Steuer ertragend‘ gedeutet [?].

nānādeśyaiḥ samākīrṇo dhārmikaḥ paśumān balī / īdṛkjanapadaḥ śasto 'mūrkhavyasanināyakaḥ //

mit Leuten aus verschiedenen Gegenden durchmischt, rechtschaffen, viehreich, kräftig – ein solches Landvolk wird gepriesen, dessen Anführer weder töricht noch lasterhaft ist.

Wort für Wort
nānā-deśya
aus verschiedenen Gegenden stammend
samākīrṇa
durchmischt
paśumat
viehreich
amūrkha-vyasani-nāyaka
mit nicht törichtem, nicht lasterhaftem Anführer

pṛthusīmaṃ mahākhātamuccaprākāratoraṇaṃ / puraṃ samāvasecchailasarinmaruvanāśrayaṃ //

Eine Stadt mit weitem Bezirk, großem Graben, hohen Wällen und Toren soll er bewohnen, die sich an Berg, Fluss, Wüste oder Wald anlehnt.

Wort für Wort
pṛthu-sīma
mit weitem Bezirk
mahā-khāta
mit großem Graben
ucca-prākāra-toraṇa
mit hohen Wällen und Toren
samāvaset
er soll bewohnen
śaila-sarit-maru-vana-āśraya
an Berg, Fluss, Wüste, Wald gelehnt

jalavaddhānyadhanavaddurgaṃ kālasahaṃ mahat / audakaṃ pārvataṃ vārkṣamairiṇaṃ dhanvinaṃ ca ṣaṭ //

Die Festung (sei) mit Wasser, Getreide und Schätzen versehen, einer (langen) Zeit standhaltend, groß; (es gibt) die Wasser-, die Berg-, die Baum-, die Ödland- und die Wüstenfestung – sechs (Arten).

Wort für Wort
kāla-saha
der Zeit standhaltend
audaka
Wasserfestung
pārvata
Bergfestung
vārkṣa
Baum-(Wald-)festung
airiṇa
Ödlandfestung
dhanvin
Wüstenfestung

Genannt werden nur fünf Festungsarten, obwohl ‚sechs‘ angegeben ist; die sechste (vermutlich die Menschen-/Heeresfestung) fehlt im Text.

īpsitadravyasampūrṇaḥ pitṛpaitāmahocitaḥ / dharmārjito vyayasahaḥ koṣo dharmādivṛddhaye //

Mit den gewünschten Gütern gefüllt, der von Vater und Großvater her gewohnten Art entsprechend, rechtmäßig erworben, Ausgaben verkraftend – (so sei) der Schatz zur Mehrung von Dharma und dem Übrigen.

Wort für Wort
īpsita-dravya-sampūrṇa
mit gewünschten Gütern gefüllt
pitṛ-paitāmaha-ucita
nach Vater- und Großvaterweise
dharma-arjita
rechtmäßig erworben
vyaya-saha
Ausgaben verkraftend
dharma-ādi-vṛddhaye
zur Mehrung von Dharma usw.

pitṛpaitāmaho vaśyaḥ saṃhato dattavetanaḥ / vikhyātapauruṣo janyaḥ kuśulaḥ śakunair vṛtaḥ //

(Das Heer sei) von Vater und Großvater her (im Dienst), gehorsam, geschlossen, besoldet, von bekannter Mannhaftigkeit, kampftüchtig, geschickt, von (günstigen) Vorzeichen begleitet [?],

Wort für Wort
pitṛ-paitāmaha
von den Vorvätern her
vaśya
gehorsam
saṃhata
geschlossen
datta-vetana
besoldet
vikhyāta-pauruṣa
von bekannter Mannhaftigkeit
janya
kampftüchtig [?]

kuśulaḥ ist Tippfehler für kuśalaḥ; śakunair vṛtaḥ unsicher (evtl. verderbt).

nānāprahaṇopeto nānāyuddhaviśāradaḥ / nānāyodhasamākīrṇau nīrājitahayadvipaḥ //

mit vielerlei Waffen versehen, in vielerlei Kampfarten erfahren, von vielerlei Kämpfern erfüllt, mit Pferden und Elefanten, an denen die Lichtweihe (nīrājana) vollzogen ist,

Wort für Wort
nānā-praharaṇa-upeta
mit vielerlei Waffen versehen
yuddha-viśārada
kampferfahren
yodha
Kämpfer
nīrājita
durch Lichtschwenkung geweiht
haya-dvipa
Pferde und Elefanten

nānāprahaṇa ist als nānāpraharaṇa zu lesen; samākīrṇau für samākīrṇaḥ.

pravāsāyāsaduḥkheṣu yuddheṣu ca kṛtaśramaḥ / advaidhakṣatriyaprāyo daṇḍo daṇḍavatāṃ mataḥ //

in Aufenthalten in der Fremde, Strapazen und Leiden sowie in Kämpfen geübt, ohne Zwiespalt, überwiegend aus Kṣatriyas bestehend – (so) gilt das Heer bei den Kennern der Heeresmacht.

Wort für Wort
pravāsa-āyāsa-duḥkha
Fremdaufenthalt, Strapaze, Leid
kṛta-śrama
geübt
advaidha
ohne Zwiespalt
kṣatriya-prāya
meist aus Kṣatriyas
daṇḍa
Heer, Strafgewalt

yogavijñānasattvārūḍhyaṃ mahāpakṣaṃ priyamvadaṃ / āyātikṣamamadvaidhaṃ mitraṃ kurvīta satkulaṃ //

Einen, der sich auf Tatkraft, Wissen und Charakterstärke stützt, mit großem Anhang, freundlich redend, für die Zukunft verlässlich, ohne Zwiespalt, aus gutem Hause – (einen solchen) soll er zum Freund machen.

Wort für Wort
yoga-vijñāna-sattva-ārūḍha
auf Tatkraft, Wissen, Charakter gestützt
mahā-pakṣa
mit großem Anhang
priyaṃvada
freundlich redend
āyati-kṣama
für die Zukunft tauglich
sat-kula
aus gutem Hause

ārūḍhyaṃ wohl für ārūḍham.

dūrādevābhigamanaṃ spaṣṭārthahṛdayānugā / vāk satkṛtya pradānañca trividho mitrasaṅgrahaḥ //

Schon von fern her Entgegengehen, eine Rede, deren Sinn klar ist und die dem Herzen folgt, und ehrerbietiges Schenken – das ist die dreifache Gewinnung von Freunden.

Wort für Wort
dūrāt eva abhigamana
schon von fern Entgegengehen
spaṣṭa-artha
mit klarem Sinn
hṛdaya-anugā vāk
dem Herzen folgende Rede
satkṛtya pradāna
ehrerbietiges Geben
mitra-saṅgraha
Gewinnung von Freunden

dharmakāmārthasaṃyogo mitrāttu trividhaṃ phalaṃ / aurasaṃ tatra sannaddhaṃ tathā vaṃśakramāgataṃ //

Verbindung mit Dharma, Kāma und Artha – das ist die dreifache Frucht aus einem Freund. Dabei (gibt es) den leiblich verwandten, den (durch Bündnis) verbundenen, ferner den durch die Familienfolge überkommenen

Wort für Wort
dharma-kāma-artha-saṃyoga
Verbindung mit Dharma, Kāma, Artha
trividhaṃ phalam
dreifache Frucht
aurasa
leiblich, blutsverwandt
sannaddha
verbündet [?]
vaṃśa-krama-āgata
durch Familienfolge überkommen

sannaddham wohl für sambaddham ‚verbunden‘.

rakṣitaṃ vyasanebhyaś ca mitraṃ jñeyaṃ caturvidhaṃ / mitre guṇāḥ satyatādyāḥ samānasukhadukhatā //

und den aus Nöten geretteten – der Freund ist als vierfach zu erkennen. Am Freund (schätzt man) Vorzüge wie Wahrhaftigkeit und das gleiche Teilen von Freud und Leid.

Wort für Wort
rakṣitaṃ vyasanebhyaḥ
aus Nöten gerettet
caturvidha
vierfach
satyatā-ādyāḥ
Wahrhaftigkeit usw.
samāna-sukha-duḥkhatā
gleiches Teilen von Freud und Leid

vakṣye 'nujīvināṃ vṛtte sevī seveta bhūpatiṃ / dakṣatā bhadratā dārḍhyaṃ kṣāntiḥ kleśasahiṣṇutā //

Ich will nun vom Verhalten der Diener sprechen. Der Dienende soll dem König dienen. Geschick, Edelmut, Festigkeit, Geduld, Ertragen von Mühsal,

Wort für Wort
anujīvin
Diener, Gefolgsmann
vṛtta
Verhalten
sevī seveta
der Dienende soll dienen
dārḍhya
Festigkeit
kṣānti
Geduld

santoṣaḥ śīlamutsāho maṇḍayatyanujīvinaṃ / yathākālamupāsīta rājānaṃ sevako nayāt //

Genügsamkeit, gutes Betragen und Tatkraft schmücken den Diener. Zur rechten Zeit soll der Diener den König klug aufsuchen.

Wort für Wort
santoṣa
Genügsamkeit
maṇḍayati
schmückt
yathā-kālam
zur rechten Zeit
upāsīta
soll aufwarten
nayāt
mit Klugheit

parasthānagamaṃ krauryamauddhatyaṃ matsarantyajet / vigṛhya kathanaṃ bhṛtyo na kuryāj jyāyasā saha //

Das Einnehmen des Platzes eines anderen, Grausamkeit, Überheblichkeit und Missgunst soll er aufgeben. Ein Diener soll mit einem Höhergestellten nicht streitend reden.

Wort für Wort
para-sthāna-gama
Einnehmen des Platzes eines anderen
kraurya
Grausamkeit
auddhatya
Überheblichkeit
vigṛhya kathana
streitendes Reden
jyāyas
Höhergestellter

guhyaṃ marma ca mantrañca na ca bhartuḥ prakāśayet / raktād vṛttiṃ samīheta viraktaṃ santyajennṛpaṃ //

Geheimes, wunde Punkte und die Beratung des Herrn soll er nicht offenbaren. Von einem (ihm) zugeneigten (König) soll er Unterhalt erstreben; einen abgeneigten König soll er verlassen.

Wort für Wort
guhya
Geheimes
marman
wunder Punkt
bhartṛ
Herr
raktāt vṛttim
Unterhalt vom Zugeneigten
virakta
abgeneigt

akārye pratiṣedhaś ca kārye cāpi pravartanaṃ / saṅkṣepāditi sadvṛttaṃ bandhumitrānujīvināṃ //

Abhalten vom Unrechten und Antreiben zum Rechten – das ist in Kürze das gute Verhalten von Verwandten, Freunden und Dienern.

Wort für Wort
akārya
was nicht zu tun ist
pratiṣedha
Abhalten
pravartana
Antreiben
saṅkṣepāt
in Kürze
sad-vṛtta
gutes Verhalten

ājīvyaḥ sarvasattvānāṃ rājā parjanyavadbhavet / āyadvāreṣu cāptyarthaṃ dhanaṃ cādadatīti ca //

Wie die Regenwolke soll der König der Lebensquell aller Wesen sein. An den Einnahmequellen (setze er Leute ein) zur Erlangung (von Einkünften), und sie nehmen das Geld ein [?].

Wort für Wort
ājīvya
Lebensquell
sarva-sattvānām
aller Wesen
parjanya-vat
wie die Regenwolke
āya-dvāra
Einnahmequelle
ādadati
sie nehmen ein

Zweite Vershälfte verderbt (‚cāptyarthaṃ dhanaṃ cādadatīti ca‘); sinngemäß wohl: an den Einnahmepforten vertraute Leute einsetzen, die die Einkünfte erheben.

kuryādudyogasampannānadhyakṣān sarvakarmasu / kṛṣirvaṇikpatho durgaṃ setuḥ kuñjarabandhanaṃ //

Tatkräftige Aufseher soll er über alle Geschäfte bestellen. Ackerbau, Handelsweg, Festung, Damm, Einfangen von Elefanten,

Wort für Wort
udyoga-sampanna
tatkräftig
adhyakṣa
Aufseher
vaṇik-patha
Handelsweg
setu
Damm, Brücke
kuñjara-bandhana
Einfangen von Elefanten

khanyākarabalādānaṃ śūnyānāṃ ca niveśanaṃ / aṣṭavargamimaṃ rājā sādhuvṛtto 'nupālayet //

Bergwerke und Fundstätten, Eintreiben der Abgaben und Besiedlung unbewohnter Gegenden – diese Achtergruppe soll ein König von gutem Wandel schützen.

Wort für Wort
khani-ākara
Bergwerke und Fundstätten
bala-ādāna
Eintreiben von Abgaben
śūnyānāṃ niveśana
Besiedlung öder Gebiete
aṣṭa-varga
Achtergruppe
anupālayet
er soll schützen

āmuktikebhyaś caurebhyaḥ paurebhyo rājavallabhāt / pṛthivīpatilobhācca prajānāṃ pañcadhā bhayaṃ //

Von den Beamten, von Dieben, von Feinden, vom Günstling des Königs und von der Habgier des Landesherrn her – fünffach ist die Gefahr für die Untertanen.

Wort für Wort
āyuktaka
Beamter [konj.]
caura
Dieb
rāja-vallabha
Günstling des Königs
pṛthivīpati-lobha
Habgier des Landesherrn
pañcadhā bhayam
fünffache Gefahr

āmuktikebhyaḥ wohl für āyuktakebhyaḥ ‚von den Beamten‘; paurebhyaḥ evtl. für parebhyaḥ ‚von Feinden‘ [?].

avekṣyaitadbhayaṃ kāle ādadīta karaṃ nṛpaḥ / abhyantaraṃ śarīraṃ svaṃ vāhyaṃ rāṣṭrañca rakṣayet //

Diese Gefahr beachtend soll der König zur rechten Zeit die Steuer erheben. Das Innere, seinen eigenen Leib, und das Äußere, das Land, soll er schützen.

Wort für Wort
avekṣya
beachtend
kara
Steuer
ādadīta
er soll erheben
abhyantara
das Innere
bāhya
das Äußere

daṇḍāṃsta daṇḍayedrājā svaṃ rakṣecca viṣāditaḥ / striyaḥ putrāṃś ca śatrubhyo viśvasenna kadācana //

Die Strafwürdigen soll der König bestrafen; sich selbst soll er vor Gift und dergleichen schützen. Frauen, Söhnen und Feinden soll er niemals vertrauen.

Wort für Wort
daṇḍya
strafwürdig
daṇḍayet
er soll strafen
viṣa-āditaḥ
vor Gift usw.
viśvaset
er soll vertrauen
na kadācana
niemals

daṇḍāṃsta für daṇḍyāṃs tu; viṣāditaḥ als viṣa-āditaḥ ‚vor Gift usw.‘ gedeutet.

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